Der Wolf ist zurück in Europa. Nach Jahrzehnten des strengen Schutzes leben heute wieder über 20’000 Wölfe auf dem Kontinent. Was ein Erfolg des Artenschutzes sein sollte, wird zunehmend zum politischen Spielball: Schutzstatus herabgestuft, Abschussquoten hochgefahren, Jagdgesetze umgeschrieben. Dieses Dossier bündelt die Fakten, ordnet die europäische Dimension ein und zeigt, warum «mehr Hobby-Jagd» keine Lösung ist.
Was dich hier erwartet
- Der Wolf: Ökologische Schlüsselart: Warum der Wolf als Spitzenprädator Waldverjüngung und Biodiversität fördert und seine Populationsdichte selbst reguliert.
- Der europäische Rechtsrahmen: Von der Berner Konvention über die FFH-Richtlinie bis zur Herabstufung 2025: Wie der Wolf seinen Schutz verliert und warum das rechtlich fragwürdig ist.
- Schweden 2026: Warum das schwedische Urteil gegen die Wolfsjagd ein Signal an ganz Europa ist.
- Schweiz: Proaktive Regulierung als Euphemismus: Was die Abschussbilanz 2024/2025 zeigt und was die «proaktive Regulierung» wirklich bedeutet.
- Ländervergleich: Wie Deutschland, Frankreich, Norwegen, Italien und Spanien mit dem Wolf umgehen.
- Herdenschutz: Was tatsächlich wirkt: Warum Elektrozäune, Herdenschutzhunde und Behirtung wirksamer sind als Abschüsse.
- Das Genfer Modell: Wie Wildtiermanagement ohne Hobby-Jagd funktioniert.
- Was sich ändern müsste: Forderungen für einen evidenzbasierten Umgang mit dem Wolf in der Schweiz und Europa.
- Argumentarium: Zehn Gegenargumente zur Behauptung, dass der Wolf bejagt werden muss.
- Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Studien und Quellen.
Der Wolf: Ökologische Schlüsselart
Der Wolf (Canis lupus) ist der grösste wildlebende Vertreter der Hundeartigen in Europa. Wölfe leben in Familienverbänden (Rudeln) und regulieren als Spitzenprädatoren die Bestände von Huftieren wie Rehen, Hirschen und Wildschweinen. Ihre Anwesenheit hat messbare positive Auswirkungen auf Waldverjüngung, Gewässerökologie und Biodiversität.
Ein gesundes Wolfsrudel besteht typischerweise aus einem Elternpaar und den Nachkommen der letzten ein bis zwei Jahre. Die Reproduktion ist natürlich begrenzt: Nur das Alphapaar pflanzt sich fort, und Jungwölfe wandern ab, sobald sie geschlechtsreif werden. Wölfe regulieren ihre Populationsdichte damit weitgehend selbst, abhängig von Nahrungsangebot und Territoriumsgrösse.
Der Wolf war in weiten Teilen Europas bis ins 20. Jahrhundert ausgerottet. Intensive Bejagung, Vergiftung und Lebensraumzerstörung hatten die Populationen auf wenige Rückzugsgebiete in Südeuropa, dem Balkan und Skandinavien reduziert. Erst durch den strengen Schutz ab den 1970er und 1980er Jahren begann die Rückkehr.
Mehr dazu: Wolf in der Schweiz und Tierportrait: Der Wolf
Der europäische Rechtsrahmen
Berner Konvention (1979)
Das Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume verpflichtet 45 Vertragsstaaten, darunter die Schweiz, zum Schutz bedrohter Arten. Der Wolf war in Anhang II als «streng geschützte Art» gelistet.
Am 3. Dezember 2024 stimmte der Ständige Ausschuss des Europarats einem EU-Vorschlag zu, den Wolf von Anhang II (streng geschützt) in Anhang III (geschützt) herabzustufen. Die Änderung trat am 7. März 2025 in Kraft. Kritiker wie die Large Carnivore Initiative for Europe bezeichneten die Entscheidung als «verfrüht und fehlerhaft». Über 700 Wissenschaftler äusserten in offenen Briefen Bedenken.
FFH-Richtlinie der EU (1992)
Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie bildet das Herzstück des europäischen Naturschutzes. Der Wolf war in Anhang IV als streng zu schützende Art gelistet. Am 8. Mai 2025 stimmte das EU-Parlament mit 371 gegen 162 Stimmen dafür, den Wolf aus Anhang IV in Anhang V umzugruppieren (Richtlinie 2025/1237). Die Änderung trat am 24. Juni 2025 in Kraft. Die Mitgliedstaaten haben bis Anfang 2027 Zeit, die Änderung in nationales Recht umzusetzen.
Entscheidend: Mehrere EU-Staaten haben angekündigt, den strengen Schutz beizubehalten. Belgien, die Tschechische Republik, Ungarn, die Niederlande, Polen und Portugal wollen den Wolf weiterhin streng schützen. Gleichzeitig läuft eine Klage von fünf Verbänden vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH), die einen Mangel an wissenschaftlicher Genauigkeit und einen Verstoss gegen EU-Verfahrensregeln geltend macht.
Warum die Herabstufung fragwürdig ist
Die Entscheidung wurde im Eilverfahren getroffen, der zuständige Umweltausschuss des EU-Parlaments wurde umgangen. Die Wölfe in Europa bilden keine einheitliche Population. In sechs von sieben biogeografischen Regionen der EU befinden sich die Wolfspopulationen laut offizieller Bewertungen noch immer in einem ungünstigen Erhaltungszustand. Der EuGH hat wiederholt betont, dass geschützte Arten auch nach Erreichen eines günstigen Erhaltungszustands «vor jeder Verschlechterung geschützt werden müssen».
Die Herabstufung wird von Naturschutzorganisationen, Wissenschaftlern und Juristen übereinstimmend als politisch motiviert bewertet, getrieben von der Agrarlobby und konservativen Parteien. Dass Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Abstimmung als «wichtige Nachricht für ländliche Gemeinden» bezeichnete und ihr eigenes Pony 2022 von einem Wolf gerissen wurde, verstärkt den Eindruck einer interessengeleiteten Entscheidung.
Mehr dazu: Kampf um den Wolf: Warum die Herabstufung des Schutzstatus rechtlich und wissenschaftlich fragwürdig ist und Europäische Initiativen
Schweden 2026: Wie Gerichte den Wolf schützen
Schweden galt lange als Vorbild für «robustes Wolfsmanagement» und wurde von der Schweizer Hobby-Jagdlobby regelmässig als Referenz zitiert. Im Winter 2025/2026 sollte die Lizenzjagd auf 48 Wölfe in fünf Provinzen starten.
Doch Gerichte stoppten die Hobby-Jagd: Das Verwaltungsgericht in Luleå untersagte die Lizenzjagd im Dezember 2025. Das Berufungsgericht in Sundsvall bestätigte das Urteil und wies alle fünf Berufungen der Provinzverwaltungen ab. Die Begründung war eindeutig: Die Behörden konnten nicht nachweisen, dass die Abschüsse den günstigen Erhaltungszustand der Wolfspopulation nicht gefährden.
Im Kern ging es um die Frage, ob der von der Regierung politisch abgesenkte Referenzwert von 170 Wölfen (zuvor 300) als Untergrenze wissenschaftlich tragfähig ist. Die Gerichte verneinten das. Die EU-Kommission hatte den Schritt ebenfalls als wissenschaftlich nicht haltbar kritisiert.
Das schwedische Urteil zeigt: Artenschutzrecht ist kein Stimmungsbarometer, sondern bindendes Recht, das wissenschaftlich belastbare Daten verlangt. Wer den Wolf bejagen will, muss mehr liefern als politische Schlagworte und die Klagen der Weidetierlobby. Das Urteil ist ein Signal an ganz Europa, auch an die Schweiz, wo ähnliche Strategien mit politisch fixierten Bestandszielen verfolgt werden.
Mehr dazu: Wolfsjagd 2026 gestoppt: Wie Gerichte den Wolf besser schützen als die Politik und Schweden stoppt Wolfsabschüsse 2026: Signal an die Schweiz
Schweiz: Proaktive Regulierung als Euphemismus
Die Schweiz ist kein EU-Mitglied, hat aber die Berner Konvention ratifiziert. Seit Dezember 2023 erlaubt das revidierte Jagdgesetz die sogenannte «proaktive Regulierung» von Wolfsrudeln, das heisst Abschüsse, bevor ein Wolf Schaden angerichtet hat. Die vollständige Jagdverordnung (JSV) trat am 1. Februar 2025 in Kraft.
Die Bilanz ist ernüchternd: In der Regulierungsperiode 2024/2025 genehmigte das BAFU den Abschuss von rund 125 Wölfen. Tatsächlich wurden 92 Wölfe proaktiv erlegt, kein einziger reaktiv. Für die Periode 2025/2026 stellten 7 Kantone Gesuche für insgesamt 32 Rudel.
Kanton Wallis
Der Kanton Wallis hat sich zur Speerspitze der Schweizer Abschusspolitik entwickelt. Vom 1. September 2025 bis zum 31. Januar 2026 wurden 24 Wölfe im Rahmen der proaktiven Regulierung getötet. Drei Rudel (Chablais, Salentin, Simplon) waren zur vollständigen Entnahme freigegeben, bei drei weiteren Rudeln wurden zwei Drittel der Jungtiere erschossen. Die Gesamtzahl inklusive reaktiver Abschüsse beträgt 27 Wölfe in einer einzigen Saison. Im Kanton wurden 2025 insgesamt 75 Wölfe identifiziert, davon 57 neue Individuen.
Mehr dazu: Walliser Wolfsbilanz 2025/2026: Zahlen eines Massakers
Kanton Graubünden
Graubünden liess 2025 insgesamt 35 Wölfe abschiessen. Naturschutzorganisationen (WWF, Pro Natura) haben Beschwerden gegen die Abschussverfügungen eingereicht. Der Kern der juristischen Argumentation: Das Gesetz verlangt den Nachweis, dass grosse Schäden vorliegen oder Menschen gefährdet sind. Der Abschuss ganzer Rudel darf nur als letztes Mittel eingesetzt werden, und lokale Wolfsbestände dürfen nicht gefährdet werden.
Die Kosten der Abschusspolitik
Ein einzelner Wolfsabschuss kostet den Schweizer Steuerzahler rund 35’000 Franken. Allein im Wallis verschlang das Wolfsmanagement 2025 über 13’000 Arbeitsstunden. Im Rahmen der Programmvereinbarung 2025 bis 2028 wurden 3,2 neue Vollzeitstellen geschaffen, deren Kosten zwischen 0,8 und 1 Million Franken pro Jahr liegen. Zum Vergleich: Die Entschädigung für Nutztierrisse im Wallis betrug 2025 rund 170’000 Franken, ein Bruchteil der Kosten für den Abschussapparat.
Mehr dazu: Massaker des Wolfsbestands in Graubünden und Jagdgesetze und Kontrolle: Warum Selbstaufsicht nicht reicht
Deutschland: Wolf soll ins Jagdrecht
Deutschland hat der EU-Kommission im Oktober 2025 den «günstigen Erhaltungszustand» des Wolfs in der atlantischen und kontinentalen Region gemeldet. Mit 209 Rudeln, 46 Paaren und 19 sesshaften Einzeltieren (Monitoringjahr 2023/2024) und einem geschätzten Mindestbestand von rund 2’000 Wölfen ist Deutschland eines der wolfreichsten Länder Europas.
Am 17. Dezember 2025 beschloss das Bundeskabinett einen Gesetzentwurf zur Aufnahme des Wolfs ins Bundesjagdgesetz. Die erste Lesung im Bundestag fand am 14. Januar 2026 statt. Der Entwurf sieht ein regionales Bestandsmanagement vor: In Regionen mit günstigem Erhaltungszustand soll eine Jagdzeit vom 1. Juli bis 31. Oktober gelten. Wölfe, die Herdenschutzmassnahmen überwinden, sollen «rechtssicher entnommen» werden können.
Naturschutzverbände reagierten mit scharfer Kritik: Der BUND lehnt den Entwurf als «zu aggressiv und bestandsgefährdend» ab. Der WWF fordert eine umfassende Überarbeitung. Die Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht spricht von einem Gesetzentwurf, der «die Gesetzeslage bis hin zum Staatsziel Tierschutz missachtet». Die Vereinbarkeit mit EU-Recht ist unklar, insbesondere für Regionen mit ungünstigem Erhaltungszustand.
Parallel treiben einzelne Bundesländer eigene Regelungen voran: Brandenburg erarbeitet seit Oktober 2025 ein Landesjagdgesetz mit Wolf-Regelung, Sachsen-Anhalt hat im Januar 2026 einen eigenen Gesetzentwurf beschlossen. Beide verstehen sich als Übergangslösungen bis zum Inkrafttreten des Bundesgesetzes, mit dem Ende 2026 gerechnet wird.
Mehr dazu: Deutschland erklärt den Wolf für «günstig» und Aktuelle Zahlen und Daten zum Wolf in Deutschland
Frankreich: Hohe Abschussquoten trotz stabilem Bestand
Frankreich betreibt seit Jahren eine aggressive Entnahmepolitik über sogenannte «tirs dérogatoires» (Ausnahmeabschüsse). Der nationale Wolfsplan 2024 bis 2029 sieht eine jährliche Entnahmequote von 19 Prozent des geschätzten Bestands vor. Für 2025 bedeutet das den Abschuss von 192 Wölfen bei einem geschätzten Bestand von rund 1’013 Tieren. Im Jahr 2024 wurden laut offizieller Statistik 194 Wölfe durch Ausnahmeabschüsse getötet.
Bemerkenswert: Trotz dieser hohen Abschusszahlen stieg die Zahl der Wolfsangriffe auf Nutztiere 2024 gegenüber dem Vorjahr um 4,6 Prozent, die Zahl der gerissenen Tiere um 10,6 Prozent. Das französische Modell belegt damit empirisch, was Naturschützer seit Jahren betonen: Massenabschüsse lösen das Koexistenzproblem nicht, sondern destabilisieren Rudelstrukturen und können die Rissproblematik verschärfen.
Mehr dazu: Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest und Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert
Weitere europäische Entwicklungen
Norwegen: Die Wirtschafts- und Umweltstrafverfolgung Økokrim hat zehn Männer wegen illegaler Wolfsjagd angeklagt. Parallel laufen Verfahren wegen mutmasslich illegaler Luchsjagd. Die Fälle zeigen, wie weit die Missachtung von Schutzrechten in Hobby-Jagdkreisen reicht.
Baltikum: Lettland und Estland unterhalten reguläre Wolfsjagdquoten mit dreistelligen Abschusszahlen pro Jahr, eingebettet in eine lange jagdkulturelle Tradition.
Italien: Der Wolf ist in Italien streng geschützt. Die Populationsschätzung liegt bei rund 3’300 Tieren. Trotz zunehmender politischer Forderungen nach Abschüssen gibt es bisher keine reguläre Bejagung.
Spanien: Seit 2021 ist der Wolf landesweit geschützt. Der Entscheid führte zu heftigen Konflikten mit nordspanischen Viehhaltern, die den Wolf traditionell als jagdbare Art betrachteten.
Mehr dazu: Wie die Jagdpolitik in Skandinavien eskaliert
Herdenschutz: Was tatsächlich wirkt
Die wirksamste Massnahme gegen Nutztierrisse ist nicht der Abschuss von Wölfen, sondern der konsequente Schutz der Herden. Das zeigen Erfahrungen aus der gesamten europäischen Wolfspolitik.
Funktionierende Herdenschutzkonzepte umfassen robuste Elektrozäune mit mindestens 90 cm Höhe und Bodenabschluss, Herdenschutzhunde (Maremmano, Pyrenäenberghund oder Kangal), die in der Herde aufwachsen und sie eigenständig verteidigen, Nachtpferche für besonders gefährdete Phasen, Behirtung und angepasste Weideführung in Hochrisikogebieten sowie Entschädigungssysteme, die schnell und unbürokratisch funktionieren.
Das Beispiel der IG Herdenschutz plus Hund in Sachsen-Anhalt zeigt, was möglich ist: Weidetierhaltende mit 25’000 Tieren haben seit vielen Jahren keinen einzigen Wolfsriss zu verzeichnen, dank konsequentem Herdenschutz. In der Schweiz bestätigt eine Agridea-Studie, dass Herdenschutz mit Hunden gut funktioniert.
Die Kosten für Herdenschutz liegen langfristig deutlich unter den Kosten der Abschusspolitik. Deutschland investierte 2024 rund 23,4 Millionen Euro in Herdenschutzmassnahmen. Das klingt viel, steht aber einem Bestand von über 200 Wolfsrudeln gegenüber und schützt die betroffenen Betriebe nachhaltig, anders als Abschüsse, die weder Reviere freihalten noch Risse verhindern.
Mehr dazu: Alternativen zur Jagd: Was wirklich hilft, ohne Tiere zu töten und Jagd und Biodiversität: Schützt Jagd wirklich die Natur?
Das Genfer Modell: Wildtiermanagement ohne Hobby-Jagd
Der Kanton Genf hat 1974 die Hobby-Jagd per Volksabstimmung abgeschafft und durch professionelles staatliches Wildtiermanagement ersetzt. Das Modell zeigt seit über 50 Jahren, dass Wildtierpopulationen ohne Freizeitjagd reguliert werden können. Professionelle Wildhüter übernehmen bei Bedarf gezielte Eingriffe auf wissenschaftlicher Grundlage, transparent, kontrolliert und frei von den Eigeninteressen der Hobby-Jagdlobby.
Mehr dazu: Abschaffung der Hobby-Jagd
Was sich ändern müsste
- Moratorium auf proaktive Wolfsabschüsse: Die Schweiz setzt die proaktive Regulierung aus, bis eine unabhängige, wissenschaftliche Evaluation der Abschussperioden 2023/2024 und 2024/2025 vorliegt. Abschüsse ohne nachgewiesenen Schaden widersprechen dem Verhältnismässigkeitsprinzip. Mustervorstoss: Moratorium auf proaktive Wolfsabschüsse
- Herdenschutzpflicht vor Abschussbewilligung: Kein Wolfsabschuss wird bewilligt, solange die betroffenen Betriebe nicht nachweislich alle zumutbaren Herdenschutzmassnahmen umgesetzt haben. Die Beweislast liegt beim Gesuchsteller, nicht beim Wolf. Mustervorstoss: Herdenschutz vor Wolfsabschuss
- Unabhängige wissenschaftliche Bestandsbewertung: Die Festlegung von Bestandszielen und Abschussquoten wird einer unabhängigen Fachkommission übertragen, die nicht von Hobby-Jagdverbänden oder Kantonsjägern besetzt ist. Politisch gesetzte Referenzwerte wie in Schweden (170 statt 300) dürfen keinen Eingang in Schweizer Managementpläne finden.
- Vollständige Kostentransparenz der Abschusspolitik: Der Bund publiziert jährlich die Gesamtkosten des Wolfsmanagements pro Kanton, inklusive Personalkosten, Arbeitsstunden, Helikoptereinsätze und juristische Verfahren, im Vergleich zu den effektiven Entschädigungen für Nutztierrisse.
- Kein Ausbau der Hobby-Jagd auf den Wolf: Wolfsabschüsse werden ausschliesslich durch professionelle Wildhüter durchgeführt, nicht durch Hobby-Jäger. Die Delegation von Abschüssen an Patent- oder Revierjäger wird beendet.
- Beibehaltung des strengen Schutzes auf Bundesebene: Die Schweiz nutzt den Spielraum der Berner Konvention und der nationalen Gesetzgebung, um den Wolf auf dem höchstmöglichen Schutzniveau zu halten, unabhängig von der Herabstufung auf europäischer Ebene.
- Investitionsoffensive Herdenschutz: Der Bund verdoppelt die Mittel für Herdenschutzmassnahmen und macht deren Inanspruchnahme zur Voraussetzung für jede Entschädigung bei Nutztierverlusten.
Argumentarium: Warum «mehr Hobby-Jagd» keine Lösung ist
«Die Wolfspopulation muss reguliert werden»
Wölfe regulieren ihre Populationsdichte als Spitzenprädatoren selbst. Die Rudelgrösse und Reproduktionsrate passen sich dem Nahrungsangebot und dem verfügbaren Territorium an. Eine politisch gesetzte «Zielgrösse» hat keine ökologische Grundlage, sondern dient der Akzeptanzpolitik gegenüber der Hobby-Jagd- und Agrarlobby.
«Der günstige Erhaltungszustand ist erreicht, also darf bejagt werden»
Die Meldung eines «günstigen Erhaltungszustands» ist in mehreren Ländern politisch umstritten und wissenschaftlich angefochten. Der EuGH hat klargestellt, dass auch bei günstigem Erhaltungszustand jede Verschlechterung verhindert werden muss. Ein günstiger Status ist kein Freibrief für flächendeckende Bejagung, sondern verpflichtet zur Bewahrung dieses Zustands.
«Abschüsse reduzieren Nutztierrisse»
Frankreich belegt das Gegenteil: Trotz 194 abgeschossener Wölfe im Jahr 2024 stiegen die Nutztierrisse. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Tötung von Rudelmitgliedern die Sozialstruktur zerstört und Einzelgänger hervorbringt, die häufiger auf Nutztiere ausweichen als intakte Rudel. Herdenschutz ist nachweislich wirksamer als Abschüsse.
«Hobby-Jäger leisten einen wichtigen Beitrag zum Wolfsmanagement»
Hobby-Jäger handeln aus Eigeninteresse (Reduktion der Nahrungskonkurrenz), nicht aus ökologischer Verantwortung. Professionelle Wildhüter und Veterinärbehörden sind für ein wissenschaftlich fundiertes Wildtiermanagement besser geeignet. Im Wallis wurden 19 von 24 proaktiven Abschüssen von Berufswildhütern durchgeführt, die Hobby-Jäger leisteten lediglich fünf Abschüsse als Unterstützung.
«Der Wolf gefährdet Menschen»
In den letzten 50 Jahren gab es in Westeuropa keinen tödlichen Wolfsangriff auf Menschen. Studien belegen, dass Wölfe eine tief verankerte Angst vor Menschen haben. Das Risiko, von einem Hund, einer Kuh oder einem Blitzschlag getötet zu werden, ist um ein Vielfaches höher als durch einen Wolf.
Mehr dazu: Der grosse böse Wolf hat Angst vor dir
«Die ländliche Bevölkerung leidet unter dem Wolf»
Die ländliche Bevölkerung leidet unter dem Strukturwandel in der Landwirtschaft, unter sinkenden Einkommen und unter mangelnder politischer Unterstützung. Der Wolf wird als Sündenbock für grössere gesellschaftliche Probleme instrumentalisiert. Die tatsächlichen Schäden durch Wolfsrisse betragen einen Bruchteil der Kosten, die durch Hobby-Jagdunfälle, Wildschäden in der Forstwirtschaft oder Verluste durch Witterung und Krankheiten entstehen.
«Das schwedische Modell zeigt, dass Wolfsjagd funktioniert»
Das schwedische Modell ist gescheitert. Gerichte haben die Wolfsjagd 2026 gestoppt, weil die Behörden den günstigen Erhaltungszustand nicht nachweisen konnten. Die politisch abgesenkte Zielgrösse von 170 Wölfen wurde von der EU-Kommission als wissenschaftlich unhaltbar kritisiert. Wer Schweden als Vorbild zitiert, muss auch die gerichtlichen Niederlagen zur Kenntnis nehmen.
«Wölfe gehören ins Jagdrecht»
Die Aufnahme ins Jagdrecht ist keine fachliche Notwendigkeit, sondern ein politisches Zugeständnis an die Hobby-Jagdlobby. Sie senkt die rechtliche Schwelle für Abschüsse, schafft Jagdzeiten und überträgt das Management an Hobby-Jäger, die weder unabhängig noch wissenschaftlich qualifiziert sind. Die Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht spricht im Kontext des deutschen Gesetzentwurfes von einem Verstoss gegen das Staatsziel Tierschutz.
«Illegale Abschüsse zeigen, dass der Frust zu gross ist»
Illegale Abschüsse sind Straftaten, keine legitime Willensäusserung. Sie zeigen nicht, dass der Schutz zu streng ist, sondern dass Strafverfolgung und Prävention zu schwach sind. In Norwegen wurden zehn Männer wegen illegaler Wolfsjagd angeklagt. In Hobby-Jagdkreisen kursiert der Spruch «schiessen, schaufeln, schweigen» als normalisierte Haltung gegenüber geschützten Arten.
«Koexistenz ist eine Illusion»
Koexistenz ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Sie erfordert Investitionen in Herdenschutz, Beratung, Entschädigung und Aufklärung. In Regionen, die diese Investitionen tätigen, funktioniert das Zusammenleben. Wo die Politik stattdessen auf Abschüsse setzt, bleibt Koexistenz tatsächlich eine Illusion, aber nicht wegen des Wolfs, sondern wegen des fehlenden politischen Willens.
Quicklinks
Beiträge auf Wild beim Wild:
- Kampf um den Wolf: Warum die Herabstufung des Schutzstatus rechtlich und wissenschaftlich fragwürdig ist
- Wolfsjagd 2026 gestoppt: Wie Gerichte den Wolf besser schützen als die Politik
- Schweden stoppt Wolfsabschüsse 2026: Signal an die Schweiz
- Walliser Wolfsbilanz 2025/2026: Zahlen eines Massakers
- Deutschland erklärt den Wolf für «günstig»
- Aktuelle Zahlen und Daten zum Wolf in Deutschland
- Wie die Jagdpolitik in Skandinavien eskaliert
- Der grosse böse Wolf hat Angst vor dir
- Jagdverwaltung St. Gallen: Wolfsmanagement ohne Wissenschaft
- Massaker des Wolfsbestands in Graubünden
- Tierportrait: Der Wolf
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Unser Anspruch
Der Wolf gehört zu Europa. Seine Rückkehr ist ein Erfolg des Artenschutzes, der jetzt systematisch untergraben wird. Dieses Dossier dokumentiert, wie Politik, Agrarlobby und Hobby-Jagdverbände den Schutz des Wolfs aushöhlen, und warum die Antwort nicht «mehr Abschüsse» lautet, sondern besserer Herdenschutz, unabhängige Wissenschaft und ein Rechtsstaat, der seine eigenen Schutzversprechen einhält. Das Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Entwicklungen es erfordern.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.