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Jagd

Die geschenkte Freiheit

Gewaltlosigkeit und Mitgefühl sind buddhistische Kerntugenden.

Redaktion Wild beim Wild — 14. November 2023

Rituelle Tierbefreiung bei Tibetern

Rituelle Tierbefreiung ist im Sinne eines aktiv gelebten Glaubens bei den Tibetern äusserst beliebt. Doch wie steht es um den Nutzen dieses Brauches für die befreiten Tiere?

Wie ein Besucher aus einer anderen Zeit wirkt der in eine dunkelrote Robe gekleidete tibetische Mönch am Hafen von Marina del Rey, mitten in Los Angeles. Vor einem Fischbecken aus Beton sitzend, murmelt er Gebete. «Möge ich diese im Elend der Agonie gefolterten Tiere mit dem Regen des Dharma befreien. Mögen sie dadurch Erleuchtung erlangen» versteht, wer Tibetisch spricht. In der Ankündigung des Events auf der Website des buddhistischen Zentrums liest man: «Bitte rufen Sie die Fischverkäufer am Hafen nicht vorzeitig an, damit für die Freilassung keine zusätzlichen Fische gefangen werden.»

Einfangen und Freilassen

In dunkler vorbuddhistischer Vergangenheit verliert sich der genaue Ursprung des heute besonders bei den Tibetern beliebten Brauches, der nach und nach blutige Tieropfer ersetzte. Während dieses überall anders durchgeführten Rituals werden meist Nutztiere, aber auch Vögel, Fische, Krabben und Schildkröten in die freie Wildbahn entlassen oder vor der Schlachtung gerettet.

Im Gegensatz zur schlimmsten Untugend des Tötens vermehrt sich das karmische Guthaben eines Menschen nie so rasch wie durch das Retten von Leben, sagen die Tibeter und befreien deshalb eifrig Tiere. «Die Praxis des Freikaufens von Tieren, die sonst getötet würden, pflegen und schätzen wir, doch wir führen dazu keine Rituale durch», berichtet Max, ein Schweizer, der als Mönch im tibetischen Kloster Rabten Choeling auf dem Mont Pélérin bei Genf lebt.

Würmer auf dem Weg ins Glück

In einem kleinen Dorf ausserhalb von Bern befindet sich ein mittelgrosses Fischerei-Fachgeschäft. Eine kleine Gruppe von Schweizer Buddhisten wird Köder auf Anregung ihres tibetischen Lamas freilassen. «Wir kauften so viele Köder, dass der Verkäufer sich wunderte. ‹Ihr fischt aber viel›, meinte er und wollte wissen, wo genau wir denn fischen würden», lacht Corina, eine Schülerin des Lamas.

Die Welt der Tiere ist im tibetischen Buddhismus einer der sechs Wiedergeburtenbereiche. Obwohl graduelle Unterschiede in der Wertigkeit bestehen, sind Mensch und Tier gleichermassen erlösungsfähig. Tiere sind nach buddhistischer Lehre empfindsame, leidensfähige Wesen und der Umgang mit ihnen hinterlässt karmische Spuren.

Tod in Freiheit und Würde

Wie weit geht die Verantwortung eines Buddhisten für das Wohl der von ihm befreiten Tiere? «Ich glaube, bei dieser Zeremonie des Freilassens von Tieren geht es vor allem darum, dass man das Tier aus der Gefangenschaft befreit. Sterben müssen wir ja alle. Im Buddhismus geht es ja vor allem darum, das Leiden zu mindern», sagt Corina.

Nie genau untersucht wurde bisher, wie viele der Tiere ihre Freilassung auch tatsächlich überleben. Die Forscher Shiu und Stokes sprechen von einer hohen Verlustrate. 90 % der Vögel sterben auf dem Weg zur Freilassung.

Absicht mit Verantwortung

Tatsächlich scheint dem Überleben rituell befreiter Tiere im tibetischen Buddhismus eine grosse Bedeutung zuzukommen. «Wichtig ist dabei vor allem die gute Absicht», erklärt eine Tibeterin diese Grauzone gelebten Glaubens.

Der für seine tse thar-Zeremonien im indischen Kalkutta bekannte Chatral Rinpoche berichtet: «Der Zustand des Geistes beim Sterben bestimmt weitgehend die Art der Wiedergeburt. Wird ein Wesen getötet, befindet sich sein Geist in diesem Moment in einem Zustand von Angst und Verwirrung. Keine gute Voraussetzung für eine günstige Wiedergeburt.»

Über die Autorin: Mirjam Lüpold, geboren 1970, wohnhaft in Bern, Ethnologin, Fachjournalistin FJS und Übersetzerin, Spezialgebiete Tier-Mensch-Beziehung und tibetischer Buddhismus.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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