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Wildtiere

Gewinner, Verlierer und die Rolle der Hobby-Jagd

Wisent, grüne Meeresschildkröte und Steinkauz stehen sinnbildlich dafür, dass konsequenter Artenschutz wirken kann. Trotzdem fällt die Bilanz für Wildtiere 2025/26 dramatisch aus.

Redaktion Wild beim Wild — 9. Februar 2026

Auch die Schweiz gehört zu den Sorgenkindern: In keinem anderen Land Europas ist der Anteil bedrohter Arten so hoch; über ein Drittel der Pflanzen-, Tier- und Pilzarten gilt als gefährdet.

Naturschutzorganisationen benennen die Haupttreiber klar: Lebensraumzerstörung, Übernutzung, Wilderei, Umweltverschmutzung und Klimakrise. Auffällig still bleibt in vielen Bilanzberichten ein weiterer Faktor, die Hobby-Jagd, obwohl sie an unterschiedlichsten Stellen als Verstärker dieser Krisen wirkt.

Gewinner: Wo Schutz funktioniert, trotz Hobby-Jagd

Zu den Gewinnern 2025 zählen unter anderem der Wisent, die grüne Meeresschildkröte und der Steinkauz. Beim Wisent zeigen Wiederansiedlungsprojekte und grossräumiger Lebensraumschutz in Europa, dass grosses Wild sich erholen kann, wenn der Mensch ihm Raum lässt und Hobby-Jagd auf diese Art tabu bleibt. Die grüne Meeresschildkröte profitiert von streng geschützten Niststränden, Fischereiregulierungen und internationalen Abkommen, die Bejagung und Handel unterbinden. Der Steinkauz in der Schweiz konnte dank gezielter Schutzprogramme, Nistkastenprojekten und Kooperationen mit Landbesitzenden vom Status «vom Aussterben bedroht» auf «stark gefährdet» hochgestuft werden, ein winziger Stimmungswechsel in einer ansonsten düsteren Statistik. All diese Beispiele haben eines gemeinsam: Wo Arten sich erholen, wurden Hobby-Jagd und Nutzung klar begrenzt, Lebensräume aktiv aufgewertet und der Schutz politisch priorisiert.

Verlierer: Aal, Robben und viele unsichtbare Opfer

Auf der Verliererseite steht der Europäische Aal, der auf der Roten Liste als «vom Aussterben bedroht» eingestuft ist. Die Zahl der Jungtiere ist seit den 1980er-Jahren um über 90 Prozent eingebrochen, getrieben durch Lebensraumverlust, Querverbauungen in Flüssen, Krankheiten und vor allem den hochprofitablen, illegalen Handel. Ebenfalls in der Krise sind mehrere arktische Robbenarten: Die Klappmütze gilt mittlerweile als «stark gefährdet», während Bart- und Sattelrobbe von «nicht gefährdet» auf «gering gefährdet» hochgestuft wurden. Walrosse bleiben als «gefährdet» eingestuft, massiv bedroht durch Meereisschwund, Schifffahrt, Unterwasserlärm, Rohstoffabbau sowie Hobby-Jagd und Fischerei. Hinzu kommen viele weniger prominente Opfer: verschiedene Vogelarten, Grosssäuger und Meeresbewohner, die unter Beifang, Wilderei und der Kombination aus industrieller Nutzung und Freizeitjagd leiden.

Die blinde Stelle: Hobby-Jagd als Krisenverstärker

Die Bilanzberichte von Naturschutzorganisationen sprechen ausführlich über Lebensraumzerstörung, Übernutzung und Wilderei, doch die Hobby-Jagd in Europa bleibt oft nur am Rand erwähnt. Dabei ist die Grenze zwischen «legaler Hobby-Jagd» und Wilderei längst nicht so klar, wie es die Jagdverbände gerne darstellen: Für den Europäischen Aal etwa ist der illegale Fang ein Haupttreiber des Bestandskollapses, und die Nachfrage speist sich auch aus Märkten, auf denen legale und illegale Ware kaum zu unterscheiden sind. In vielen Regionen verstärkt die Freizeitjagd den Druck auf ohnehin geschwächte Ökosysteme, indem Beutegreifer eliminiert, störungsempfindliche Arten während sensibler Zeiten aufgescheucht und mit Blei und Schrot neue Schadstoffquellen in die Umwelt eingetragen werden. Die offizielle Kommunikation spricht gerne von «Bestandesregulation» und «Hege», während dieselben Arten in den Berichten der Naturschutzorganisationen als Verlierer auftauchen. Wer über Gewinner und Verlierer unter den Wildtieren spricht, ohne die Rolle der Freizeitjagd in Mitteleuropa zu benennen, blendet einen relevanten Teil der Realität aus.

Jagdpolitische Konsequenzen: Weniger schiessen, mehr schützen

Die Beispiele der Gewinnerarten zeigen, was funktioniert: grossflächige Schutzgebiete, strikte Jagdverbote oder -moratorien, konsequente Bekämpfung illegalen Handels und die Bereitschaft, Nutzungseinschränkungen politisch durchzusetzen. Gleichzeitig entlarvt die Liste der Verlierer den Mythos, man könne Artenkrisen «wegregulieren», ohne den Ressourcenverbrauch und den Jagddruck grundsätzlich zu hinterfragen.

Für Länder wie die Schweiz und ihre Nachbarn heisst das: Wer Wisent, Steinkauz oder Goldschakal als Artenschutz-Erfolg feiert, kann nicht gleichzeitig die Hobby-Jagd auf andere Wildtiere ausbauen, Schutzgebiete zerschneiden und neue Ausnahmen im Jagdrecht schaffen. Die Frage, «welche Arten profitieren von Schutz und welche leiden unter weiterer Bejagung», beantwortet die Bilanz 2025/26 klarer als jede jagdpolitische PR: Gewinner sind dort, wo wir zurücktreten, Verlierer dort, wo wir weiter zugreifen.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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