Walliser Wolfsmanagement: Regulierung ohne Grundlage
Zwei Organisationen decken Mängel in den Abschussgesuchen auf – und stellen das ganze Regulierungssystem in Frage.
Der Wolf ist zurück und mit ihm der alte Reflex, Kontrolle mit Kontrolle zu beantworten.
Im Kanton Wallis ist dieser Reflex zur politischen Strategie geworden. Während Regierungsrat und Hobby-Jäger Christophe Darbellay stolz auf seine «offensive Linie» beim Wolfsmanagement verweist, schlagen Fachleute und Naturschutzorganisationen Alarm, schreibt blick.ch.
Zwei davon, die Groupe Loup Suisse (GLS) und Pro Natura Wallis, haben nun schwerwiegende Mängel in den offiziellen Regulierungsdossiers des Kantons aufgedeckt. Ihre Analyse, gestützt auf Feldarbeit, genetische Untersuchungen und Rudelbeobachtungen, zeichnet ein Bild, das weit über administrative Schlamperei hinausgeht. Es geht um systematische Unregelmässigkeiten, Kriminalität und einen Bruch internationaler Verpflichtungen. Link zum Bericht.
Wissenschaftlich fragwürdige Grundlage
Die beiden Organisationen haben zwischen August 2023 und Sommer 2024 fünf Wolfsrudel im französischsprachigen Wallis untersucht: Chablais, Hauts-Forts, Toules, Hérens-Mandelon und Nendaz-Isérables. Diese Rudel standen alle im Zentrum von Abschussgesuchen, die das kantonale Amt für Jagd und Blödsinn beim Bundesamt gegen die Artenvielfalt (BAFU) eingereicht hatte.
Laut den Berichten, die dem BAFU, der Berner Konvention und der Large Carnivore Initiative for Europe (LCIE) übermittelt wurden, beruhen viele dieser Gesuche auf fehlerhaften Daten.
- Doppelt gezählte Schadensfälle: In mehreren Dossiers seien identische Nutztierrisse in zwei aufeinanderfolgenden Jahren (2023 und 2024) aufgeführt worden, um eine höhere Schadenssumme zu rechtfertigen.
- Unvollständige genetische Daten: Für manche Rudel existieren kaum oder gar keine DNA-Analysen, was es praktisch unmöglich macht, einzelne Individuen oder Verwandtschaftsverhältnisse korrekt zu bestimmen.
- Fehlendes fotografisches Monitoring: In mindestens einem Fall fehlen sogar Basisdaten aus Fotofallen vollständig.
- Unklare Gebietsabgrenzungen: Übergangszonen zwischen Rudeln werden nicht berücksichtigt, mit dem Risiko, dass Wölfe ausserhalb der Zielgruppe getötet werden.
Solche Mängel sind nicht nur formale Fehler. Sie untergraben die wissenschaftliche Grundlage jeder Regulierung und widersprechen den Vorgaben der Berner Konvention und des Schweizer Jagdgesetzes, wonach Eingriffe nur auf verlässlichen Daten basieren dürfen.
Wenn Politik Biologie ersetzt
Im Zentrum der Kritik steht eine politische Grundhaltung, die das Wolfsmanagement zunehmend als Machtfrage versteht.
Seit der Revision der Jagdverordnung 2023 dürfen die Kantone «präventiv» in Wolfsbestände eingreifen, also auch ohne konkrete Schäden an Nutztieren. Bundesrat Albert Rösti und das BAFU haben diese Praxis der Hobby-Jagd 2024 explizit gebilligt. Im Wallis bedeutet das: Zwischen September 2024 und Januar 2025 wurden 34 Wölfe geschossen, im Vorjahr 27.
Besonders umstritten ist, dass drei Rudel im Wallis vollständig ausgelöscht werden dürfen. Nach Angaben des GLS widerspricht das sowohl der Populationsökologie des Wolfes als auch dem Prinzip der «minimalen Eingriffe», das ursprünglich im Jagdgesetz verankert war.
Wir beobachten zunehmend politische statt biologische Entscheidungen, sagt Isabelle Germanier, Westschweizer Leiterin des Groupe Loup Suisse. Wenn man die Territorien falsch abgrenzt und erwachsene Tiere statt Welpen abschiesst, destabilisiert man Rudel und genau das kann zu mehr Angriffen auf Nutztiere führen.
Fehlabschüsse und verwaiste Welpen
Germanier und ihr Team dokumentierten mehrere Fälle, in denen offenbar adulte Tiere vor dem 31. Oktober erlegt wurden, entgegen den Vorgaben des BAFU. In einem Fall im Chablais-Rudel sollen sogar Elterntiere betroffen gewesen sein. Zurück blieben drei Welpen, deren Überlebenschancen als gering gelten.
Diese «Verwechslungen» sind nicht neu. Schon 2024 kam es zu einem ähnlichen Fall, der intern zwar registriert, aber nie offiziell bestätigt wurde. Für die beiden Organisationen ist das ein systematisches Problem: zu wenig Monitoring, zu viel politischer Druck.
Ein unauffälliges Rudel wie Hérens-Mandelon wurde reguliert, obwohl es kaum Nutztierrisse gab, heisst es im Bericht. Das zeigt, dass die Kriterien für «problematische Rudel» nicht objektiv angewendet werden.
Zwischen Recht und Realität
Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) reagierte bisher zurückhaltend. Der zuständige Wolfsbeauftragte Urs Wegmann konnte wegen Ferienabwesenheit noch keine Stellung nehmen. Das kantonale Jagdamt wiederum verweist auf die geltenden Rechtsgrundlagen und erklärt, es kommentiere keine Berichte privater Organisationen.
Doch genau diese Haltung ist Teil des Problems. Die Schweiz hat sich im Rahmen der Berner Konvention verpflichtet, den Wolf als streng geschützte Art zu behandeln. Präventive oder pauschale Abschüsse widersprechen dem Geist dieser Verpflichtung, insbesondere, wenn sie nicht wissenschaftlich begründet sind.
Juristisch bewegt sich das Wallis damit in einer Grauzone, politisch aber in voller Fahrt. Darbellay hatte bereits 2024 angekündigt, mit Bundesrat Rösti über «weitergehende Handlungsspielräume» zu sprechen, sprich: über Abschüsse auch ohne nachgewiesene Schäden.
Ein Symptom für den Umgang mit Wildtieren
Was im Wallis, Tessin oder Graubünden passiert, ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom. Immer dann, wenn ein Tier Konflikte mit menschlichen Interessen erzeugt, wird Wissenschaft zur Nebensache.
Die Datenlage zum Wolf in der Schweiz ist vergleichsweise gut, doch sie wird nicht konsequent genutzt. Während andere Länder auf integratives Monitoring und Herdenschutzforschung setzen, bleibt das Wallis bei einem defensiven Schema: Problem = Abschuss.
Dabei zeigen Studien, dass das Töten einzelner Tiere selten den gewünschten Effekt hat. Im Gegenteil: Werden Rudelstrukturen zerstört, steigt das Risiko von Nutztierrissen, weil unerfahrene Jungtiere ihre Beutewahl ändern.
Wissenschaftlich ist das belegt. Politisch wird es ignoriert.
Der Preis der Symbolpolitik
34 getötete Wölfe in einem Winter sind kein Wildtiermanagement, sondern Symbolpolitik. Sie signalisieren Handlungsfähigkeit gegenüber einer aufgebrachten Öffentlichkeit, vor allem in Bergregionen, wo der Wolf zum Feindbild geworden ist.
Doch langfristig schadet diese Strategie auch den Landwirten, die sie schützen soll. Wenn Rudel instabil werden, steigt der Druck auf den Herdenschutz. Und wenn wissenschaftliche Kriterien durch politische ersetzt werden, verliert das Management seine Glaubwürdigkeit.
Die Groupe Loup Suisse und Pro Natura Wallis fordern deshalb, dass das BAFU und das Sekretariat der Berner Konvention die Walliser Praxis überprüfen und gegebenenfalls korrigierende Massnahmen einleiten.
«Wir hoffen, dass endlich wieder Wissenschaft und nicht Politik über die Regulierung von Beutegreifern entscheidet», sagt Germanier.
Die Rückkehr des Wolfes ist eine ökologische Erfolgsgeschichte und eine gesellschaftliche Herausforderung. Doch wer sie mit politischer Härte statt mit wissenschaftlicher Sorgfalt beantwortet, riskiert mehr Schaden als Nutzen.
Das Walliser Beispiel zeigt, wie dünn die Grenze zwischen Management und Machtdemonstration sein kann. Ein glaubwürdiges Wolfsmanagement muss auf transparenten Daten, nachvollziehbaren Kriterien und ökologischer Logik beruhen. Alles andere ist Willkür und Willkür ist der natürliche Feind jeder Koexistenz.
Mitmach-Aktion: Fordert bei Eurer Gemeinde aufgrund der katastrophalen Politik von Bundesrat Albert Rösti (SVP) ein Erlassgesuch für die Bundes- und Kantonssteuern aufgrund des neulich bewilligten Abschusses von Wölfen in der Schweiz. Den Musterbrief könnt ihr hier downloaden: https://wildbeimwild.com/ein-appell-fuer-eine-veraenderung-in-der-schweiz/

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