2. April 2026, 14:47

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Wolf: Ökologische Funktion und politische Realität

Der Wolf ist kein Problemtier, sondern ein Ökosystemarchitekt. Als Spitzenprädator reguliert er Huftierbestände, verändert das Verhalten seiner Beutetiere und löst ökologische Kettenreaktionen aus, die von der Waldverjüngung über die Ufervegetation bis zur Artenvielfalt ganzer Lebensräume reichen. Diese Zusammenhänge sind wissenschaftlich dokumentiert, international anerkannt und in der Schweiz politisch weitgehend irrelevant. Denn die Schweizer Wolfspolitik orientiert sich nicht an Ökologie, sondern an den Interessen einer Hobby-Jagdlobby, die im Wolf vor allem eines sieht: einen Konkurrenten.

Dieses Dossier bündelt die ökologische Forschung zum Wolf, von trophischen Kaskaden über Kadaverökologie bis zur Waldverjüngung, und konfrontiert sie mit der politischen Realität in der Schweiz. Es zeigt, warum die Rückkehr des Wolfs ein Gewinn für die Biodiversität ist und warum die Abschusspolitik nicht auf Wissenschaft, sondern auf Angstbewirtschaftung und Interessenkonflikten basiert. Alle Belege sind so aufbereitet, dass sie in politischen Vorstössen, Mediengesprächen und öffentlichen Debatten eingesetzt werden können.

Was dich hier erwartet

  • Trophische Kaskaden: Wie der Wolf als Spitzenprädator ganze Ökosysteme von oben nach unten formt. Yellowstone als Referenz, europäische Forschung und die Frage, was das für die Schweiz bedeutet.
  • Selektive Prädation: Warum der Wolf die Fitness von Beutetierpopulationen stärkt, indem er kranke, alte und schwache Individuen bevorzugt erbeutet, und wie sich das von der Hobby-Jagd unterscheidet.
  • Kadaverökologie: Wie Wolfsrisse eine Nahrungsgrundlage für Aasfresser, Insekten, Pilze und Pflanzen schaffen und das Nahrungsnetz erweitern.
  • Waldverjüngung und Verbissreduktion: Warum der Wolf für den Schweizer Schutzwald relevanter ist als jedes Abschussregime und was die Forschung zur Landschaft der Angst (Landscape of Fear) zeigt.
  • Selbstregulierung: Warum Wölfe ihre Populationsdichte über Revierverhalten, Rudelstruktur und Nahrungsangebot selbst regulieren und politisch gesetzte «Zielgrössen» keine ökologische Grundlage haben.
  • Menschenscheu: Was die Forschung über das Verhalten von Wölfen gegenüber Menschen sagt und warum das Risiko statistisch vernachlässigbar ist.
  • Politische Realität in der Schweiz: Wie die ökologische Funktion des Wolfs in der politischen Debatte systematisch ausgeblendet wird und welche Interessen dahinterstehen.
  • Die Konkurrenznarrative der Hobby-Jagd: Warum Hobby-Jäger den Wolf als Bedrohung empfinden und wie dieses Narrativ die Wildtierpolitik verzerrt.
  • Was sich ändern müsste: 6 Forderungen für eine Wildtierpolitik, die ökologische Evidenz ernst nimmt.
  • Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Einwände gegen die ökologische Rolle des Wolfs.
  • Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Studien und Dossiers.

Trophische Kaskaden: Der Wolf als Ökosystemarchitekt

Trophische Kaskaden beschreiben einen ökologischen Prozess, bei dem Veränderungen an der Spitze der Nahrungskette Auswirkungen auf alle darunterliegenden Ebenen haben. Der Wolf ist das bekannteste Beispiel für diesen Top-down-Effekt: Als Spitzenprädator beeinflusst er nicht nur die Populationsgrösse seiner Beutetiere, sondern auch deren Verhalten, was sich kaskadenartig auf Vegetation, Böden, Wasserläufe und andere Tierarten auswirkt.

Das prominenteste Fallbeispiel ist der Yellowstone-Nationalpark. Nach der Ausrottung des letzten Wolfs 1926 explodierten die Wapiti-Hirsch-Bestände unkontrolliert, was zu massivem Verbiss und zur Zerstörung der Ufervegetation führte. Nach der Wiederansiedlung von 31 Wölfen 1995 dokumentierten Forscher um William J. Ripple (Oregon State University) eine bemerkenswerte Erholung: Weiden, Espen, Erlen und beerentragende Sträucher wuchsen wieder, die Uferbeschattung nahm zu, Wasserlebewesen erholten sich, Erosion ging zurück und sogar die Flussmorphologie veränderte sich. Ripples Vergleichsstudie (Global Ecology and Conservation, 2025) zeigt, dass Yellowstone 82 Prozent der weltweit quantifizierten trophischen Kaskaden übertrifft.

Die Forschung ist dabei nicht unkritisch: Ökologen wie Arthur Middleton (Yale) und Oswald Schmitz weisen darauf hin, dass nicht alle Gebiete im Yellowstone die gleiche Erholung zeigen und dass Faktoren wie Klimawandel, Bärendichte und historische Bodenschäden die Effekte überlagern. David Mech, einer der weltweit führenden Wolfsexperten, warnt vor einer «Heiligsprechung» des Wolfs als alleinigem Ökosystemretter. Diese Differenzierung ist wichtig: Trophische Kaskaden sind real und nachgewiesen, aber ihre Stärke variiert je nach Ökosystem, und kein einzelnes Raubtier kann Jahrzehnte menschlicher Landschaftszerstörung rückgängig machen.

Für die Schweiz bedeutet das: Die Rückkehr des Wolfs hat das Potenzial, den Verbissdruck auf den Wald zu reduzieren, die Waldverjüngung zu fördern und die Artenvielfalt in Bergökosystemen zu stärken. Dieses Potenzial wird aber nur dann realisiert, wenn der Wolf nicht systematisch dezimiert wird, bevor er ökologisch wirksam werden kann.

Mehr dazu: Jagd und Biodiversität: Schützt Jagd wirklich die Natur? und Kulturlandschaft als Mythos

Selektive Prädation: Warum der Wolf Beutetierpopulationen stärkt

Eines der am besten belegten Merkmale der Wolfsprädation ist ihre Selektivität. Wölfe «testen» ihre Beute, indem sie sie kurz antreiben und die Reaktion beobachten. Fluchtgeschwindigkeit, Kondition und Verhaltensmuster verraten dem Rudel, ob ein Individuum gesund oder geschwächt ist. Das Resultat: Wölfe erbeuten überproportional junge, alte, kranke und geschwächte Tiere.

Dieser selektive Mechanismus hat weitreichende Konsequenzen. Kurzfristig steigt die durchschnittliche Fitness der Beutetierpopulation, weil die am wenigsten lebensfähigen Individuen entfernt werden. Langfristig wirkt natürliche Selektion: Tiere, die der Wolfsprädation entkommen, vererben ihre Fluchtfähigkeit, Wachsamkeit und Kondition an ihre Nachkommen.

Die Hobby-Jagd funktioniert umgekehrt. Hobby-Jäger wählen nicht die schwächsten Individuen, sondern die sichtbarsten, grössten und oft genetisch wertvollsten: den kapitalen Hirsch mit dem grossen Geweih, die Gämse auf dem Felsvorsprung, den Rehbock im besten Alter. Studien wie Darimont et al. (2009, Science) zeigen, dass menschliche «Prädation» Beutetierpopulationen im Durchschnitt deutlich stärker dezimiert als natürliche Raubtiere und dabei selektiv die stärksten Individuen entfernt. Das Ergebnis ist eine evolutionäre Umkehr: Statt Fitness zu fördern, selektiert die Hobby-Jagd auf Unauffälligkeit und Kleinwüchsigkeit.

In der Schweiz ist dieser Unterschied besonders relevant: In Kantonen mit Hochjagd und Trophäenorientierung werden systematisch die genetisch wertvollsten Individuen geschossen. Der Wolf würde das Gegenteil tun. Dass die Hobby-Jagdlobby genau diese ökologische Funktion nicht anerkennt, hat einen simplen Grund: Ein Wolf, der die schwachen Tiere erbeutet, konkurriert direkt mit Hobby-Jägern, die die starken Tiere beanspruchen.

Mehr dazu: Hochjagd in der Schweiz: Traditionsritual, Gewaltzone und Stresstest für Wildtiere und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest

Kadaverökologie: Wie Wolfsrisse das Nahrungsnetz erweitern

Wölfe fressen ihre Beute selten vollständig auf. Die Überreste, Knochen, Innereien, Fell und Fleischreste, werden zur Nahrungsgrundlage für eine Vielzahl anderer Arten. Kadaverökologie ist ein eigenes Forschungsfeld, das zeigt, wie tiefgreifend die Auswirkungen eines einzigen Wolfsrisses auf das umliegende Ökosystem sein können.

In Yellowstone dokumentierten Forscher, dass Wolfsrisse regelmässig von Aasfressern wie Kolkraben, Weisskopfseeadlern, Elster, Kojoten und sogar Grizzlybären genutzt werden. Allein die Raben-Populationen profitierten signifikant von der Wiederansiedlung der Wölfe. Aber die Kaskade geht weiter: Insekten besiedeln die Kadaver, Bakterien und Pilze zersetzen das organische Material, die freigesetzten Nährstoffe reichern den Boden an und fördern das Pflanzenwachstum in der unmittelbaren Umgebung.

In der Schweiz ist diese Funktion besonders relevant für die alpinen Ökosysteme, in denen Aas natürlicherweise selten ist. Seit der Ausrottung der Beutegreifer im 19. Jahrhundert fehlt den alpinen Aasfressergemeinschaften, Steinadler, Bartgeier, Kolkraben, Rotfuchs, eine regelmässige Nahrungsquelle ausserhalb menschlicher Abfälle. Der Wolf bringt diese Nahrungsquelle zurück. Das ist kein Nebeneffekt, sondern eine ökologische Funktion, die die Artenvielfalt direkt stärkt.

Zum Vergleich: Ein von Hobby-Jägern geschossenes Tier wird abtransportiert, ausgeweidet und verwertet. Dem Ökosystem wird die gesamte Biomasse entzogen. Ein vom Wolf gerissenes Tier bleibt vor Ort und speist das lokale Nahrungsnetz. Der ökologische Unterschied zwischen Hobby-Jagd und Wolfsprädation ist auch auf dieser Ebene fundamental.

Mehr dazu: Jagd und Wildtierkrankheiten und Wildtierkorridore und Lebensraumvernetzung

Waldverjüngung, Verbiss und die Landschaft der Angst

In der Schweiz ist die Waldverjüngung ein zentrales politisches Thema. Insbesondere im Schutzwald, der Siedlungen, Strassen und Bahnlinien vor Lawinen, Steinschlag und Murgängen schützt, führt überhöhter Huftierverbiss seit Jahrzehnten zu gravierenden Problemen: Jungbäume werden abgefressen, bevor sie aufwachsen können, und die natürliche Regeneration des Waldes bleibt aus. Die Kosten für künstliche Aufforstung und Verbissschutz belaufen sich jährlich auf Millionenbeträge.

Die Forschung zur «Landscape of Fear» (Landschaft der Angst) zeigt, warum der Wolf einen entscheidenden Beitrag zur Lösung dieses Problems leisten kann. In Anwesenheit von Wölfen verändern Hirsche, Rehe und Gämsen ihr Raumnutzungsverhalten: Sie meiden Bereiche, in denen das Prädationsrisiko hoch ist (dichte Vegetation, Bachläufe, steile Hänge), und halten sich weniger lang an einzelnen Futterstellen auf. Dieser Effekt, die «ökologische Angst», reduziert den Verbissdruck, ohne dass ein einziges Tier getötet werden muss.

Studien aus Yellowstone, den polnischen Karpaten und dem Schweizer Nationalpark zeigen, dass dieser Verhaltenseffekt oft stärker ist als der reine Populationseffekt: Selbst wenn die Gesamtzahl der Hirsche konstant bleibt, sinkt der Verbissdruck, weil die Tiere sich anders verteilen und weniger intensiv an einzelnen Stellen fressen.

Für die Schweizer Schutzwaldpolitik wäre das ein Paradigmenwechsel: Statt jedes Jahr 40’000 Hirsche und 80’000 Rehe abzuschiessen und trotzdem Verbissprobleme zu haben, könnte die Anwesenheit von Wolfsrudeln in Schutzwaldperimetern den Verbissdruck senken, ohne Steuergelder und ohne Freizeitgewalt. Dass dieser Zusammenhang in der politischen Debatte kaum vorkommt, liegt nicht an fehlender Evidenz, sondern an fehlender Bereitschaft, die Konsequenzen zu ziehen: Wenn der Wolf den Wald besser schützt als die Hobby-Jagd, verliert die Hobby-Jagd ihre letzte ökologische Legitimation.

Mehr dazu: Sonderjagd in Graubünden und Alternativen zur Hobby-Jagd

Selbstregulierung: Warum Wölfe keine politischen Zielgrössen brauchen

Wölfe regulieren ihre Populationsdichte durch ein komplexes System aus Revierverhalten, Rudelstruktur und Reproduktionsanpassung. Ein Wolfsrudel beansprucht ein Territorium von 100 bis 300 Quadratkilometern, das es gegen andere Rudel verteidigt. Innerhalb des Rudels reproduzieren sich in der Regel nur das Alpha-Paar, die übrigen Mitglieder helfen bei der Aufzucht oder wandern ab, um eigene Reviere zu gründen.

Wenn das verfügbare Territorium und das Nahrungsangebot ausgeschöpft sind, stagniert das Populationswachstum: Jungwölfe finden keine freien Reviere, die Reproduktionsrate sinkt, die natürliche Mortalität (Revierkämpfe, Krankheiten, Strassenverkehr, Nahrungsmangel) gleicht die Geburtenrate aus. Dieser Mechanismus ist bei Wölfen weltweit dokumentiert und funktioniert ohne menschliches Zutun.

Die Schweiz hat rund 300 Wölfe in etwa 30 Rudeln (Stand 2023). Die politisch gesetzte «Zielgrösse» im Wallis (Reduktion von 11 auf 3 Rudel, Darbellay) hat keine ökologische Grundlage. Sie dient nicht dem Wildtiermanagement, sondern der Akzeptanzpolitik gegenüber der Hobby-Jagd- und Agrarlobby. Der Wolf reguliert sich selbst, wenn man ihn lässt. Was er nicht reguliert, sind politische Ängste und wirtschaftliche Interessen, aber dafür gibt es den Herdenschutz, nicht den Abschuss.

Die JSG-Revision 2020 ermöglicht die «proaktive Regulierung» von Jungwölfen, die sogenannte Basisregulierung. Ökologisch ist das kontraproduktiv: Das Entfernen von Jungwölfen destabilisiert die Rudelstruktur, führt zur Auflösung von Familienverbänden und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass überlebende Individuen abwandern und in neuen Gebieten Konflikte verursachen. Schweden hat diese Erfahrung gemacht und die Lizenzjagd auf Wölfe nach Gerichtsurteilen 2026 gestoppt.

Mehr dazu: Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd und Walliser Wolfsbilanz: Zahlen eines Massakers

Menschenscheu: Was die Forschung tatsächlich zeigt

In den letzten 50 Jahren gab es in Westeuropa keinen tödlichen Wolfsangriff auf einen Menschen. Das Risiko, von einem Hund, einer Kuh, einem Pferd oder einem Blitzschlag getötet zu werden, ist um ein Vielfaches höher. Studien zur Menschenscheu des Wolfs zeigen, dass Wölfe eine tief verankerte Vermeidungsreaktion gegenüber Menschen haben.

Verhaltensstudien dokumentieren, dass Wölfe auf menschliche Tonaufnahmen mit stärkeren Fluchtreaktionen reagieren als auf Hundegebell. Telemetrie-Daten zeigen, dass Wölfe menschliche Siedlungen und stark frequentierte Wege systematisch meiden, insbesondere tagsüber. Der Forschungswolf «Andrea» in Kärnten (GPS-Halsband, Universität Udine, Projekt im Wert von 250’000 Euro, dokumentiert ab Februar 2026) liefert weitere Daten zur Raumnutzung in menschlich geprägten Landschaften.

Die politische Erzählung vom «Problem-Wolf», der sich Menschen nähert und Siedlungen bedroht, steht im Widerspruch zu diesen Daten. Was als «auffälliges Verhalten» klassifiziert wird, ist in der Regel die Anwesenheit eines Wolfs in einem Gebiet, das auch von Menschen genutzt wird. In einer dicht besiedelten Kulturlandschaft wie der Schweiz sind Sichtungen unvermeidlich, und unvermeidlich bedeutet nicht gefährlich.

Das Konzept Wolf Schweiz 2008 definiert Schadensschwellen (25 Risse pro Monat oder 35 Risse über vier Monate), ab denen Abschüsse bewilligt werden können. Diese Schwellen beziehen sich auf Nutztierschäden, nicht auf Gefahren für Menschen. Die Vermischung von Nutztierschutz und Menschenschutz in der politischen Rhetorik ist eine bewusste Strategie der Angstbewirtschaftung.

Mehr dazu: Herdenschutz in der Schweiz und Medien und Jagdthemen

Politische Realität vs. ökologische Evidenz

Die Schweizer Wolfspolitik basiert nicht auf Ökologie, sondern auf einem politischen Kompromiss zwischen Agrarlobby, Hobby-Jagdverbänden und einer Verwaltung, die Konfliktvermeidung höher gewichtet als wissenschaftliche Evidenz. Die ökologische Funktion des Wolfs, trophische Kaskaden, Verbissreduktion, Kadaverökologie, Populationsstärkung, kommt in keiner Botschaft des Bundesrats, keiner Vernehmlassung von JagdSchweiz und keiner kantonalen Abschussverfügung vor.

Im Wallis wurden 2025 allein 27 Wölfe getötet, die Rudel Simplon und Chablais vollständig entnommen, 7 Jungwölfe per Basisregulierung geschossen. 13’390 Arbeitsstunden und rund eine Million Franken flossen in die Regulierung. Gleichzeitig wurde kein einziger Franken in die Erforschung der ökologischen Auswirkungen des Wolfs auf den Walliser Schutzwald investiert. Der Kanton Graubünden schoss 2025 35 Wölfe. Schweizweit wurden in der zweiten Regulierungsperiode gemäss CHWOLF 92 Wölfe getötet.

Die Berner Konvention hat im Oktober 2024 explizit festgehalten, dass präventive Abschüsse ohne konkreten Schadensnachweis illegal sind. Der Europarat eröffnete im Dezember 2024 einstimmig ein Untersuchungsverfahren gegen die Schweiz. Die EU-Herabstufung des Wolfsschutzes 2025 wurde von über 700 Wissenschaftlern als «verfrüht und fehlerhaft» kritisiert, die Large Carnivore Initiative for Europe (LCIE) bezeichnete die Massnahme als wissenschaftlich nicht gerechtfertigt.

Die politische Realität zeigt ein klares Muster: Ökologische Evidenz wird systematisch ignoriert, wenn sie dem Abschussnarrativ widerspricht. Die Frage ist nicht, ob der Wolf ökologisch wertvoll ist, die Forschung hat diese Frage beantwortet. Die Frage ist, ob die Schweizer Politik bereit ist, Evidenz über Lobby-Interessen zu stellen.

Mehr dazu: Wie Jagdverbände Politik und Öffentlichkeit beeinflussen und Jäger-Lobby in der Schweiz: Wie Einfluss funktioniert

Die Konkurrenznarrative der Hobby-Jagd

Warum reagiert die Hobby-Jagdlobby so heftig auf die Rückkehr des Wolfs? Die ökologische Antwort ist einfach: Der Wolf ist ein natürlicher Konkurrent des Hobby-Jägers. Beide beanspruchen dieselben Beutetiere, Hirsche, Rehe, Gämsen, Wildschweine, aber mit entgegengesetztem Selektionsmuster und entgegengesetzter ökologischer Wirkung.

Hobby-Jäger schiessen die stärksten und sichtbarsten Tiere, der Wolf erbeutet die schwächsten. Hobby-Jäger entfernen Biomasse aus dem Ökosystem, der Wolf lässt sie vor Ort. Hobby-Jäger jagen saisonal und reviergebunden, der Wolf jagt ganzjährig und territorial. In Gebieten, in denen sich Wolfsrudel etablieren, sinken erfahrungsgemäss die Jagdstrecken der Hobby-Jäger, weil die Huftiere vorsichtiger werden, sich in schwerer zugängliche Bereiche zurückziehen und ihre Aktivitätszeiten verschieben.

Für Hobby-Jäger, deren Selbstverständnis an Abschusszahlen, Trophäen und der Erzählung vom «notwendigen Regulierer» hängt, ist das eine existenzielle Bedrohung. Wenn der Wolf die Regulierung übernimmt, entfällt die Kernlegitimation der Hobby-Jagd. Deshalb wird der Wolf in der Kommunikation von JagdSchweiz nicht als Ökosystem-Akteur, sondern als «Schadenstifter» und «Problemtier» gerahmt, und deshalb investiert die Lobby mehr in die politische Bekämpfung des Wolfs als in die ökologische Erforschung seiner Funktion.

Die Standesinitiative «Wolf fertig, lustig!» von 2016, die von der UREK gutgeheissen und von Pro Natura als «Ausrottungs-Vorstoss» bezeichnet wurde, illustriert diese Dynamik: Es ging nie um Nutztierrisse (für die es Herdenschutz gäbe), sondern um die Kontrolle über den Lebensraum.

Mehr dazu: Psychologie der Jagd und Fuchsjagd ohne Fakten: Wie JagdSchweiz Probleme erfindet

Was sich ändern müsste

  • Wissenschaftliches Monitoring der ökologischen Auswirkungen: In keinem Schweizer Kanton werden die ökologischen Effekte der Wolfspräsenz systematisch erforscht. Es braucht ein vom BAFU finanziertes Langzeitmonitoring, das Verbissentwicklung, Vegetationsstruktur, Aasfresser-Bestände und Artenvielfalt in Wolfsgebieten dokumentiert und mit Kontrollgebieten ohne Wolfsrudel vergleicht.
  • Ökologische Expertise in der Wolfspolitik: Abschussverfügungen werden von kantonalen Jagdverwaltungen erlassen, die weder über Ökologen noch über Populationsbiologen verfügen. Jede Regulierungsentscheidung muss auf einem unabhängigen ökologischen Gutachten basieren, das die Auswirkungen auf die Rudelstruktur und die ökologische Funktion des Wolfs bewertet.
  • Abschaffung politischer Zielgrössen: Die Festlegung einer «gewünschten» Anzahl Wolfsrudel (Darbellay: 11→3) hat keine ökologische Basis. Populationsziele müssen sich am Erhaltungszustand und an der ökologischen Tragfähigkeit orientieren, nicht an der politischen Akzeptanz der Hobby-Jagdlobby.
  • Integration des Wolfs in die Schutzwaldstrategie: Der Wolf muss in kantonalen und eidgenössischen Schutzwaldkonzepten als ökologischer Verbissreduzierer anerkannt werden. Solange der Schutzwald Millionen für künstliche Aufforstung kostet und gleichzeitig der natürliche Regulierer abgeschossen wird, ist die Politik ökologisch inkonsistent.
  • Herdenschutz vor Abschuss: Kein Abschuss ohne dokumentierten Nachweis, dass alle zumutbaren Herdenschutzmassnahmen ausgeschöpft wurden. Das Konzept Wolf Schweiz 2008 sieht dies vor, die Praxis ignoriert es systematisch.
  • Transparenz bei Fehlabschüssen und Rudelauswirkungen: Die Fehlabschüsse 2022 (Marchairuz Leitwolf, Moesola Leitrüde, Wallis nicht freigegebener Wolf) müssen vollständig aufgearbeitet werden. Jeder Abschuss muss mit einer Nachanalyse der Rudelstabilität und der ökologischen Auswirkungen dokumentiert werden.

Mustervorstösse: Mustertexte für jagdkritische Vorstösse und Musterbrief: Appell für eine Veränderung in der Schweiz

Argumentarium

«Der Wolf hat in der dicht besiedelten Schweiz keinen Platz.» Der Wolf lebte Jahrtausende in Europa, auch in dicht besiedelten Regionen. Frankreich, Italien, Deutschland und Spanien beweisen, dass Wölfe in Kulturlandschaften existieren können. Die Schweiz ist nicht dichter besiedelt als Teile Norditaliens oder Süddeutschlands, in denen Rudel etabliert sind. Die Frage ist nicht, ob Platz vorhanden ist, sondern ob der politische Wille zur Koexistenz besteht.

«Wölfe regulieren sich nicht selbst, sie vermehren sich unkontrolliert.» Wolfspopulationen regulieren sich nachweislich über Revierverhalten, Reproduktionsanpassung und natürliche Mortalität. In keinem europäischen Land ist eine «unkontrollierte Vermehrung» dokumentiert. Was als «Zunahme» dargestellt wird, ist die natürliche Ausbreitung einer Art, die vorher ausgerottet war, in verfügbare Lebensräume. Wenn die Territorien besetzt sind, stabilisiert sich die Population.

«Der Wolf gefährdet den Wildbestand und die Hobby-Jagd.» Der Wolf verändert die Populationsstruktur und das Verhalten der Huftiere, er rottet sie nicht aus. In Gebieten mit Wolfsrudeln sinken die Jagdstrecken, weil die Tiere vorsichtiger werden, nicht weil sie verschwinden. Dass die Hobby-Jagd dies als Bedrohung empfindet, bestätigt nur das Konkurrenzmotiv: Es geht nicht um Ökologie, sondern um Freizeitinteressen.

«Die Yellowstone-Ergebnisse lassen sich nicht auf Europa übertragen.» Trophische Kaskaden sind nicht auf Yellowstone beschränkt. Studien aus den polnischen Karpaten, dem italienischen Apennin, dem skandinavischen Borealen Wald und dem Schweizer Nationalpark dokumentieren vergleichbare Effekte. Die Stärke variiert, das Prinzip ist universell: Spitzenprädatoren formen Ökosysteme von oben nach unten, und ihr Fehlen hinterlässt Lücken, die keine Hobby-Jagd füllen kann.

«Der Wolf ist nicht gefährdet, er muss reguliert werden.» Der günstige Erhaltungszustand einer Art ist eine rechtliche Voraussetzung für jede Regulierungsmassnahme. In der Schweiz ist dieser Zustand für den Wolf nicht erreicht. Die Berner Konvention und der Europarat haben die Schweizer Regulierungspraxis als rechtlich problematisch eingestuft. Über 700 Wissenschaftler haben die EU-Herabstufung kritisiert. Wer «regulieren» sagt und «dezimieren» meint, sollte den Unterschied kennen.

Quicklinks

Beiträge auf Wild beim Wild:

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Unser Anspruch

Dieses Dossier will keine Verklärung des Wolfs als Wundertier. Was es will: die ökologische Forschung zusammenfassen, die zeigt, warum der Wolf für die Schweizer Biodiversität, den Wald und das ökologische Gleichgewicht wertvoll ist, und diese Forschung der politischen Realität gegenüberstellen, die diese Erkenntnisse systematisch ignoriert. Die Yellowstone-Forschung ist kein Märchen und die trophischen Kaskaden kein Wunschdenken. Aber sie sind auch kein Automatismus: Damit der Wolf seine ökologische Funktion erfüllen kann, muss er leben dürfen. Eine Politik, die 92 Wölfe in einer einzigen Regulierungsperiode tötet und gleichzeitig behauptet, Artenschutz zu betreiben, ist wissenschaftlich unglaubwürdig.

Wer Studien, Daten oder Beobachtungen zur ökologischen Funktion des Wolfs in der Schweiz kennt, schreibt uns. Besonders gesucht: Dokumentationen zur Verbissentwicklung in Wolfsgebieten, Sichtungen von Aasfressern an Wolfsrissen und Langzeitdaten zur Huftierverteilung.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.