Herdenschutz Schweiz: Was wirkt und was scheitert
Jedes Jahr sterben in den Schweizer Bergen rund 4’000 Schafe an Krankheiten, Abstürzen und Unwettern. Die Wolfsrisse, die seit Jahren die politische Debatte dominieren, machen davon einen Bruchteil aus: 336 Nutztiere riss der Wolf 2022 (die zweithöchste Zahl seit 1998), 318 waren es im Wallis 2025. Trotzdem fliesst das Geld nicht in den Schutz der lebenden Tiere, sondern in die Tötung der Beutegreifer. Im Wallis verschlangen die Abschussprogramme 2025 zwischen 0,8 und gut 1 Million Franken Steuergelder, rund 35’000 Franken pro Wolf. Ein einzelner Herdenschutzhund kostet im Jahr rund 3’000 bis 5’000 Franken und schützt eine ganze Herde.
Dieses Dossier zeigt, welche Herdenschutzmassnahmen in der Schweiz funktionieren, warum sie trotzdem ungenügend umgesetzt werden und welche Interessen hinter der systematischen Unterfinanzierung stehen. Es stützt sich auf Daten des BAFU, der KORA-Stiftung, kantonaler Verwaltungen und internationaler Forschung.
Was dich hier erwartet
- Massnahmen im Überblick: Elektrozäune, Nachtpferche, Herdenschutzhunde, Behirtung, angepasste Beweidungsformen und ihre nachgewiesene Wirksamkeit.
- Calanda-Rudel: Der Beweis, der ignoriert wird: 1’500 Schafe, 37 Risse in fünf Jahren, konsequenter Herdenschutz im wolfsreichsten Gebiet der Schweiz.
- Kosten: Abschuss vs. Prävention: 35’000 Franken pro Wolf, 0,8 bis 1 Million im Wallis 2025. Was Herdenschutz kosten würde und warum er günstiger ist.
- Finanzierung und Zuständigkeiten: BAFU, BLW, kantonale Programme, Programmvereinbarungen und die Lücken im System.
- Herdenschutzhunde: Wirksamkeit und politische Instrumentalisierung: Wie die Hobby-Jagdlobby Begegnungen mit Wandernden zum Argument gegen Herdenschutz macht.
- Das politische Scheitern: Warum Herdenschutz unterfinanziert bleibt: Walliser Prioritäten, kantonale Widerstände, DJFW-Kritik 2016 und die Rolle der Hobby-Jagdlobby.
- Internationale Vorbilder: Frankreich, Italien, Spanien, Norwegen und was die Schweiz von ihnen lernen kann.
- Was sich ändern müsste: 6 Forderungen für einen konsequenten Herdenschutz als Voraussetzung für Wolfmanagement.
- Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Einwände gegen den Herdenschutz.
- Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Dossiers und externen Quellen.
Herdenschutzmassnahmen im Überblick
Die Schweiz verfügt über ein breites Spektrum erprobter Herdenschutzmassnahmen, die in Kombination einen hochwirksamen Schutz gegen Wolfsrisse bieten. Keine einzelne Massnahme genügt, aber die systematische Anwendung mehrerer Instrumente reduziert Risse nachweislich auf ein Minimum.
Elektrozäune bilden die Grundlage jedes modernen Herdenschutzkonzepts. Wolfssichere Zäune (mindestens 4’000 Volt, 90 cm Höhe, mit Bodenlitze) verhindern den Zugang zu eingezäunten Weiden. Die KORA-Stiftung dokumentiert, dass korrekt installierte Elektrozäune in über 90 Prozent der Fälle wirksam sind. Die Kosten bewegen sich bei rund 3 bis 5 Franken pro Laufmeter und sind damit deutlich günstiger als ein einziger Wolfsabschuss.
Nachtpferche schützen die Herde in der verletzlichsten Phase: nachts, wenn Wölfe am aktivsten sind. Das Einsperren der Tiere über Nacht in einen mobilen oder festen Pferch, kombiniert mit Elektrozaun, reduziert Risse drastisch. Auf den meisten betroffenen Alpen wäre diese Massnahme umsetzbar, wird aber in vielen Kantonen nicht konsequent gefordert.
Herdenschutzhunde sind das wirksamste Einzelinstrument. In der Schweiz sind rund 300 Herdenschutzhunde im Einsatz, vorwiegend Maremmano-Abruzzesen und Montagne des Pyrénées. Sie leben bei der Herde, erkennen Beutegreifer frühzeitig und vertreiben sie durch Bellen und Imponierverhalten. AGRIDEA und die Fachstelle Herdenschutz dokumentieren ihre Wirksamkeit seit über 20 Jahren.
Behirtung bedeutet die ständige Anwesenheit eines Hirten oder einer Hirtin bei der Herde. In Kombination mit Hunden und Zäunen ist Behirtung die effektivste aller Massnahmen. In vielen Schweizer Alpregionen wird jedoch aus Kostengründen unbehirtet gesömmert, was die Tiere schutzlos lässt, nicht nur gegen Wölfe, sondern auch gegen Krankheiten, Abstürze und Unwetter.
Angepasste Beweidungsformen umfassen die Wahl geeigneter Weideflächen, die Vermeidung von Streifbeweidung und den zeitlich angepassten Alpauftrieb. In manchen Regionen kann die Umstellung von Schaf- auf Rinderhaltung (weniger wolfsgefährdet) sinnvoll sein. Die Kombination aus Beweidungsanpassung und Herdenschutzmassnahmen ist das, was in der Praxis «Koexistenz» bedeutet.
Mehr dazu: Alternativen zur Hobby-Jagd und Wildtierkorridore und Lebensraumvernetzung
Calanda-Rudel: Der Beweis, der ignoriert wird
Das Calanda-Rudel in Graubünden ist seit 2012 das am besten dokumentierte Wolfsrudel der Schweiz und liefert den stärksten empirischen Beweis für die Wirksamkeit des Herdenschutzes. Im Territorium des Rudels werden rund 1’500 Schafe gesömmert. In den ersten fünf Jahren seiner Existenz riss das Calanda-Rudel lediglich 37 Nutztiere, eine Quote, die weit unter dem liegt, was in nicht geschützten Gebieten üblich ist.
Der Grund ist kein Zufall: Im Calanda-Gebiet wurde von Anfang an konsequent in Herdenschutz investiert. Elektrozäune, Nachtpferche, Herdenschutzhunde und angepasste Beweidung wurden systematisch eingesetzt. Die Erfahrung zeigt: Wo Herdenschutz konsequent umgesetzt wird, sinken die Risse, selbst wenn die Wolfspopulation wächst.
Trotzdem wird das Calanda-Modell in der politischen Debatte kaum als Vorbild herangezogen. Im Wallis, wo 2025 allein 27 Wölfe getötet wurden, flossen laut der Walliser Wolfsbilanz 13’390 Arbeitsstunden in Wolfsmanagement und Regulierung, nicht in die Beratung und Umsetzung von Herdenschutzmassnahmen. Das Calanda-Rudel beweist, was möglich wäre. Das Wallis zeigt, was politisch gewollt ist.
Mehr dazu: Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd und Wolf: Ökologische Funktion und politische Realität
Kosten: Abschuss vs. Prävention
Die Kostenrechnung der Abschusspolitik zeigt ein groteskes Missverhältnis. Im Wallis wurden 2025 zwischen 0,8 und gut 1 Million Franken für die Regulierung von 27 Wölfen aufgewendet, das sind rund 35’000 Franken pro getötetem Wolf. Diese Kosten umfassen Berufswildhüter-Einsätze, Unterstützungsgruppen Jagd (UGJ), Helikopter, Koordination und Administration. Im gleichen Zeitraum standen für den gesamten Herdenschutz des Kantons 3,2 Vollzeitstellen zur Verfügung, die auch für andere Aufgaben eingesetzt wurden.
Was würde konsequenter Herdenschutz kosten? Die Rechnung ist überschaubar. Ein Herdenschutzhund kostet jährlich 3’000 bis 5’000 Franken (Futter, Tierarzt, Ausbildung). Ein Elektrozaun für eine durchschnittliche Alpweide: 5’000 bis 10’000 Franken Erstinvestition, danach minimale Unterhaltskosten. Ein Hirte oder eine Hirtin für eine Alpsaison: 15’000 bis 25’000 Franken. Für die Kosten eines einzigen abgeschossenen Wolfs könnte man sieben bis zehn Herdenschutzhunde ein Jahr lang finanzieren.
Auf nationaler Ebene investiert der Bund jährlich rund 5 Millionen Franken in den Herdenschutz (BAFU-Programmvereinbarungen mit den Kantonen). Das klingt nach viel, verteilt sich aber auf über 6’000 Alpbetriebe. Pro Betrieb und Jahr sind es weniger als 1’000 Franken, ein Betrag, der kaum für eine ernsthafte Umstellung reicht. Die Frage lautet: Ist die Schweiz bereit, in den Schutz lebender Tiere zu investieren, oder bevorzugt sie es, Steuergelder für die Tötung von Beutegreifern auszugeben?
Mehr dazu: Walliser Wolfsbilanz: Zahlen eines Massakers und Jagdgesetze und Kontrolle: Warum Selbstaufsicht nicht reicht
Finanzierung und Zuständigkeiten
Der Herdenschutz in der Schweiz wird durch ein Zusammenspiel von Bund, Kantonen und Fachstellen finanziert und koordiniert. Das BAFU (Bundesamt für Umwelt) finanziert Herdenschutzmassnahmen über Programmvereinbarungen mit den Kantonen. Das BLW (Bundesamt für Landwirtschaft) stellt zusätzliche Mittel über Sömmerungsbeiträge und Strukturverbesserungsprogramme bereit. Die KORA-Stiftung betreibt das wissenschaftliche Monitoring. AGRIDEA koordiniert die Fachstelle Herdenschutz und berät Landwirte.
In der Praxis zeigt sich ein föderales Flickwerk: Die Umsetzung liegt bei den Kantonen, und die Unterschiede sind erheblich. Während Graubünden mit dem Calanda-Modell zeigt, was möglich ist, setzt das Wallis primär auf Abschüsse. Die Programmvereinbarungen 2025 bis 2028 sehen zwar eine Erhöhung der Bundesmittel vor, aber die kantonale Umsetzung bleibt freiwillig. Kein Kanton ist rechtlich verpflichtet, Herdenschutz über ein Minimum hinaus zu finanzieren.
Die Fachstelle Herdenschutz bei AGRIDEA, die seit über 20 Jahren Beratung, Ausbildung und Vermittlung von Herdenschutzhunden leistet, ist chronisch unterfinanziert. Ihre Empfehlungen werden in vielen Kantonen als «Vorschläge» behandelt, nicht als verbindliche Standards. Solange der Herdenschutz keine verbindliche Voraussetzung für Abschussbewilligungen ist, bleibt er politisch optional und damit strukturell schwach.
Mehr dazu: Wie Jagdverbände Politik und Öffentlichkeit beeinflussen und Jäger-Lobby in der Schweiz: Wie Einfluss funktioniert
Herdenschutzhunde: Wirksamkeit und politische Instrumentalisierung
Herdenschutzhunde sind ein zentrales Element des nicht-tödlichen Wolfmanagements. In der Schweiz sind rund 300 Hunde im Einsatz, die Nachfrage übersteigt das Angebot. Die Hunde leben ganzjährig bei der Herde, sind auf den Schutz der Tiere konditioniert und vertreiben Beutegreifer durch ihre blosse Anwesenheit. Studien aus Italien, Frankreich und den USA belegen Schutzraten von über 80 Prozent, wenn die Hunde korrekt ausgebildet und eingesetzt werden.
In der Schweiz führen Herdenschutzhunde gelegentlich zu Konflikten mit Wandernden: Wenn ein Hund eine vermeintliche Bedrohung für seine Herde wahrnimmt, kann er Spaziergänger anbellen oder den Weg blockieren. Diese Zwischenfälle werden von der Hobby-Jagdlobby systematisch instrumentalisiert, um Herdenschutzhunde als «gefährlich» und «unzumutbar» darzustellen. Die Realität: In über 20 Jahren Einsatz in der Schweiz ist kein Fall einer ernsthaften Verletzung durch einen Herdenschutzhund dokumentiert. Die wenigen Zwischenfälle lassen sich durch Beschilderung, Information, Hundeerziehung und angepasste Wanderwegführung lösen.
Professionelle Ausbildung ist entscheidend: Die Fachstelle Herdenschutz bildet Welpen aus, begleitet die Platzierung und berät Alpbetriebe. Die Ausbildung dauert rund zwei Jahre und erfordert Erfahrung sowohl mit der Hunderasse als auch mit den spezifischen Bedingungen der Schweizer Alpwirtschaft. Der grösste Engpass ist nicht die Wirksamkeit, sondern die Verfügbarkeit: Es fehlen ausgebildete Hunde und qualifizierte Züchter.
Mehr dazu: Jagdhunde: Einsatz, Leid und Tierschutz und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest
Das politische Scheitern: Warum Herdenschutz unterfinanziert bleibt
Der Herdenschutz scheitert in der Schweiz nicht an der Technik, sondern an der Politik. Im Wallis wurde die Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere (DJFW) bereits 2016 von der Geschäftsprüfungskommission massiv kritisiert: schwache Führung, veraltete Verwaltung, strukturelle Mängel. Die DJFW ist gleichzeitig für den Herdenschutz und für die Wolfregulierung zuständig, ein institutioneller Interessenkonflikt, der systematisch zugunsten der Abschusspolitik aufgelöst wird.
Christophe Darbellay, Mitte-Staatsrat im Wallis und selbst Hobby-Jäger, hat die Prioritäten seines Kantons unmissverständlich gemacht: Das Ziel ist die Reduktion der Wolfsrudel von 11 auf 3. Herdenschutz erscheint in dieser Logik als Hindernis, nicht als Lösung, denn wirksamer Herdenschutz würde die Begründung für Abschüsse untergraben.
Die Hobby-Jagdlobby hat ein strategisches Interesse daran, den Herdenschutz als «ungenügend» darzustellen. Wenn Herdenschutz funktioniert, entfällt das Hauptargument für Wolfsabschüsse. Deshalb werden in der parlamentarischen Debatte regelmässig Einzelfälle (eine gerissene Ziege trotz Zaun, ein Vorfall mit einem Herdenschutzhund) zu Systemversagen hochstilisiert, während die systematischen Erfolge (Calanda, Projektalpen) ignoriert werden.
Die Intransparenz bei Schadensmeldungen verschärft das Problem: In vielen Kantonen werden Wolfsrisse gemeldet, ohne dass dokumentiert wird, ob und welche Herdenschutzmassnahmen zum Zeitpunkt des Risses in Kraft waren. Ohne diese Daten ist eine seriöse Kosten-Nutzen-Analyse unmöglich, was der Abschusslobby nützt.
Mehr dazu: Kulturlandschaft als Mythos und Medien und Jagdthemen
Internationale Vorbilder
Herdenschutz ist kein Schweizer Experiment, sondern gelebte Praxis in zahlreichen europäischen Ländern.
Frankreich investiert seit den 1990er-Jahren systematisch in den Herdenschutz, insbesondere in den Alpen und Pyrenäen. Das Nationalprogramm «Plan National d’Actions Loup» finanziert Herdenschutzhunde, Zäune, Behirtung und Notmassnahmen. Über 3’000 Herdenschutzhunde sind landesweit im Einsatz. Die Erfahrungen zeigen: Wo die Massnahmen konsequent umgesetzt werden, sinken die Risse erheblich.
Italien hat als Herkunftsland der Maremmano-Abruzzese die längste Tradition im Einsatz von Herdenschutzhunden. In den Abruzzen, in Ligurien und im Piemont werden Herdenschutzmassnahmen seit Jahrzehnten staatlich gefördert. Die lokale Bevölkerung hat mit der Koexistenz mehr Erfahrung als jede andere Region Europas.
Spanien setzt in den Bergregionen Kantabriens und Asturiens auf partizipative Ansätze: Lokale Koexistenzprojekte, bei denen Landwirte, Naturschutzbehörden und Gemeinden gemeinsam Lösungen entwickeln, zeigen, dass Akzeptanz nicht durch Abschüsse, sondern durch Beteiligung entsteht.
Norwegen ist ein Gegenbeispiel: Trotz massiver Abschussprogramme bleiben die Konflikte bestehen, weil die norwegische Schafhaltung weitgehend auf unbehirteter Freilandbeweidung basiert. Norwegen zeigt, dass Abschüsse ohne Herdenschutz das Problem nicht lösen, sondern einen Kreislauf aus Tötung und erneuter Zuwanderung erzeugen.
Mehr dazu: Der Wolf in Europa: Wie Politik und Hobby-Jagd den Artenschutz aushöhlen und Jagd und Biodiversität: Schützt Jagd wirklich die Natur?
Was sich ändern müsste
- Herdenschutz als verbindliche Voraussetzung für Abschussbewilligungen: Kein Abschuss ohne dokumentierten Nachweis, dass alle zumutbaren Herdenschutzmassnahmen über mindestens eine vollständige Weidesaison umgesetzt und evaluiert wurden. Diese Bedingung ist bereits im Konzept Wolf Schweiz 2008 vorgesehen, wird aber in der Praxis systematisch unterlaufen.
- Verdreifachung der Bundesmittel für Herdenschutz: Die aktuellen 5 Millionen Franken jährlich reichen für eine ernsthafte Umsetzung nicht aus. 15 Millionen Franken, gezielt für Herdenschutzhunde, Behirtung und Zauninfrastruktur eingesetzt, würden die Schweiz in die Lage versetzen, flächendeckend zu schützen statt zu schiessen.
- Unabhängige Schadensdokumentation: Jede Rissmeldung muss verpflichtend dokumentieren, ob und welche Herdenschutzmassnahmen zum Zeitpunkt des Ereignisses wirksam waren. Ohne diese Daten bleibt jede Kosten-Nutzen-Analyse wertlos.
- Nationales Herdenschutzhunde-Programm: Die Wartelisten für Herdenschutzhunde sind lang, die Zucht unzureichend organisiert. Ein vom Bund koordiniertes Zucht- und Ausbildungsprogramm mit Zielmarke 500 aktive Hunde bis 2030 würde den grössten Engpass beheben.
- Institutionelle Trennung von Herdenschutz und Hobby-Jagd: Die Zuständigkeit für Herdenschutz muss aus Dienststellen herausgelöst werden, die gleichzeitig für Wolfregulierung zuständig sind. Im Wallis hat der institutionelle Interessenkonflikt zwischen DJFW und Herdenschutz nachweislich zur Unterfinanzierung geführt.
- Obligatorische Herdenschutzberatung bei Sömmerung in Wolfsgebieten: Jeder Alpbetrieb, der in einem Wolfsperimeter sömmert, muss vor der Saison eine Beratung durch die Fachstelle Herdenschutz absolvieren. Die Beratung ist kostenlos und endet mit einem dokumentierten Schutzplan.
Mustervorstösse: Mustertexte für jagdkritische Vorstösse und Musterbrief: Appell für eine Veränderung in der Schweiz
Argumentarium
«Herdenschutz funktioniert in steilen Alpgebieten nicht.» Das Calanda-Rudel beweist das Gegenteil: 1’500 Schafe, 37 Risse in fünf Jahren in einem der steilsten Gebiete der Schweiz. Die Behauptung wird seit Jahren wiederholt, ohne dass die Bedingungen definiert werden, unter denen Herdenschutz angeblich unmöglich sei. In Wahrheit funktioniert Herdenschutz überall dort, wo er konsequent umgesetzt wird. Die Frage ist nicht, ob er funktioniert, sondern ob die Bereitschaft zur Umsetzung besteht.
«Herdenschutz ist zu teuer für die Berglandwirtschaft.» Ein Herdenschutzhund kostet 3’000 bis 5’000 Franken pro Jahr. Ein Wolfsabschuss kostet 35’000 Franken. Die Walliser Abschussprogramme verschlangen 2025 zwischen 0,8 und 1 Million Franken. Für dieses Geld könnte man 200 bis 300 Herdenschutzhunde ein Jahr lang finanzieren. Nicht der Herdenschutz ist zu teuer, sondern die Abschusspolitik.
«Herdenschutzhunde sind gefährlich für Wanderer.» In über 20 Jahren Einsatz in der Schweiz ist kein Fall einer ernsthaften Verletzung durch einen Herdenschutzhund dokumentiert. Begegnungen mit Wandernden lassen sich durch Beschilderung, Informationskampagnen und angepasste Wegführung lösen. Die Hobby-Jagdlobby instrumentalisiert diese Einzelfälle gezielt, um Herdenschutz insgesamt zu diskreditieren.
«Wenn Herdenschutz nötig wäre, hätten unsere Vorfahren das auch schon gemacht.» Sie haben es gemacht. Herdenschutzhunde, Hirten und Nachtpferche waren in den Alpen jahrhundertelang Standard, bis die Beutegreifer ausgerottet wurden. Dass die Alpwirtschaft diese Praktiken aufgegeben hat, war eine Folge der Ausrottung, nicht ein Zeichen ihrer Überflüssigkeit. Die Rückkehr der Beutegreifer erfordert die Rückkehr des Herdenschutzes.
«Die Schäden durch Wölfe steigen trotz Herdenschutz.» Die Risse steigen dort, wo kein oder ungenügender Herdenschutz besteht. In Gebieten mit konsequentem Schutz (Calanda, Projektalpen AGRIDEA) bleiben die Risse auf niedrigem Niveau. Wer steigende Risse beklagt, ohne nach dem Herdenschutzniveau zu fragen, betreibt Ursachenverschiebung.
Quicklinks
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Unser Anspruch
Dieses Dossier zeigt, dass Herdenschutz keine utopische Forderung von Tierschützern ist, sondern eine erprobte, finanzierbare und international bewährte Praxis. Wer Abschüsse fordert, bevor alle Herdenschutzmassnahmen ausgeschöpft sind, handelt nicht im Interesse der Berglandwirtschaft, sondern im Interesse einer Hobby-Jagdlobby, die den Wolf als Begründung für ihre eigene Existenz braucht. Das Calanda-Rudel und die Erfahrungen aus Frankreich, Italien und Spanien beweisen: Koexistenz mit Beutegreifern ist möglich, wenn der politische Wille vorhanden ist.
Wer Hinweise, Daten oder Erfahrungsberichte zum Herdenschutz kennt, die in dieses Dossier gehören, schreibe uns. Besonders gesucht: Dokumentationen von Alpbetrieben, die erfolgreich mit Herdenschutz arbeiten.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.
