Entlang der Provinzstrasse 52 zwischen Rosarno, Laureana di Borrello und Bagnara Calabra spielen sich derzeit Szenen ab, die eher an einen bewaffneten Konflikt erinnern als an einen italienischen Provinzmorgen.
Mehrfach wurden Gruppen von Hobby-Jägern von vermummten Männern gestoppt, mit vorgehaltenen Waffen bedroht und ihrer Jagdgewehre, Munition, Handys und Wertsachen beraubt. Einige wurden dabei körperlich verletzt.
Diese Serie von Überfällen hat sechs grosse italienische Jagdverbände auf den Plan gerufen, die sich in einem gemeinsamen Schreiben an das Innenministerium sowie an Präfekt und Polizeichef von Reggio Calabria wandten. Sie sprechen von «wiederholten bewaffneten Angriffen auf Jäger» auf dem Weg zu ihren Jagdgebieten zwischen Bagnara Calabra und Rosarno, beklagen geraubte Waffen, persönliche Gegenstände und körperliche Übergriffe und berichten, dass einige Mitglieder aus Angst ganz auf die Jagd verzichteten. Die Verbände fordern «Rückversicherungen», damit Hobby-Jäger das Vertrauen in die Ausübung ihrer Tätigkeit zurückerlangen.
Der Tenor: Jäger als bedrohte Opfer, der Staat gefordert, die Bedingungen für die Freizeitjagd wieder zu «normalisieren».
Die «Bande der Gewehre» und ein altes Problem in der Piana di Gioia Tauro
Eigene Recherchen in regionalen Medien zeigen, dass die jüngsten Raubüberfälle kein isoliertes Phänomen sind, sondern sich in eine längere Geschichte von Gewalt im Gebiet der Piana di Gioia Tauro einfügen. Lokalmedien sprechen inzwischen von einer «banda dei fucili», einer Gewehrbande, die gezielt Hobby-Jäger überfällt. Wiederholt wird beschrieben, wie ein bewaffnetes Kommando auf offener Strasse Fahrzeuge stoppt und die Insassen entwaffnet.
Ein Online-Magazin ordnet einen dieser Überfälle auf der Strasse nach Laureana di Borrello ausdrücklich in den Kontext der ’Ndrangheta ein. Die Region ist von historischen Mafiafehden geprägt, die bereits in den 1980er und 1990er Jahren zahlreiche Todesopfer forderten. Der Diebstahl von Jagdgewehren wird dort als «Signal einer unterirdischen Kriegsführung» interpretiert, als Machtdemonstration krimineller Gruppen, für die Waffen billige und leicht verfügbare Ressourcen sind.
Ob die aktuellen Überfälle tatsächlich direkt mit konkreten Fehden zu tun haben, müssen Ermittler klären. Unstrittig ist jedoch: In einem Gebiet, in dem die organisierte Kriminalität traditionell starken Einfluss hat, sind Dutzende zivil gehaltene Gewehre im Umlauf, deren Besitzer regelmässig bewaffnet durch schlecht kontrollierte ländliche Räume fahren. Genau diese Realität macht Hobby-Jäger zu idealen Zielen – und ihre Waffen zu begehrter Beute.
Wenn Kontrollen gegen Raub und Jagdvergehen zusammenfallen
Bemerkenswert ist, wie die Sicherheitsbehörden das Problem inzwischen selbst verknüpfen. In Santo Stefano in Aspromonte führten die Carabinieri jüngst eine gezielte Aktion gegen Bracconaggio durch – ausdrücklich «im Rahmen von Massnahmen gegen Wilderei und Raub von Waffen zum Nachteil von Jägern». Die Beamten stiessen in einem Waldgebiet auf einen Mann, der mit einem Gewehr auf einem Hocker sass, daneben ein elektromagnetischer Lockruf für Drosseln, ein verbotenes Hilfsmittel. Waffe, Lockgerät und ein illegal geschossener Vogel wurden beschlagnahmt, der Mann wegen Wilderei angezeigt.
Die Botschaft ist klar: dieselben Strukturen, dieselben abgelegenen Gebiete, dieselbe Waffenkategorie. Einerseits werden Hobby-Jäger ausgeraubt, andererseits verstossen Hobby-Jäger selbst gegen Jagd- und Naturschutzrecht. Behörden reagieren mit verstärkten Kontrollen, weil sie beide Phänomene als Teil eines Sicherheitsproblems im ländlichen Raum verstehen.
Was im Schreiben der Jagdverbände nicht vorkommt: dass das gewaltförmige Szenario überhaupt erst dadurch möglich wird, dass es eine grosse Zahl bewaffneter Freizeitnutzer in der Landschaft gibt, die ihre Schusswaffen im Auto spazierenfahren und somit zum leicht angreifbaren «rollenden Waffenlager» werden.
Legale Waffen als Zufluss für den illegalen Markt
Der Raub von Jagdgewehren ist nicht nur ein individuelles Drama, sondern auch ein strukturelles Problem. Die EU und die Mitgliedstaaten warnen seit Jahren vor dem Risiko, dass legale Schusswaffen auf den Schwarzmarkt abgleiten. Ein aktuelles Dokument des italienischen Senats zur europäischen Feuerwaffenpolitik nennt ausdrücklich das Ziel, den «Risikotransfer von Schusswaffen vom legalen Markt in den illegalen» zu reduzieren und die Nachverfolgbarkeit zu verbessern.
Gleichzeitig sieht derselbe Rahmen aber vereinfachte Import- und Exportverfahren gerade für Hobby-Jäger vor, etwa bei Reisen mit dem «Europäischen Feuerwaffenpass». Die Politik erleichtert also einerseits den legalen Besitz und Transport von Jagdwaffen, während sie andererseits versucht, den Abfluss dieser Waffen in kriminelle Kreisläufe einzudämmen.
Die aktuellen Überfälle in Kalabrien zeigen diese Widersprüchlichkeit in besonders zugespitzter Form: Die Täter müssen kein geheimes Waffenlager plündern. Es reicht, die Strasse zu blockieren, auf der am Wochenende die bewaffneten Hobby-Jäger anrollen.
Die Hobby-Jagd als unterschätztes Sicherheitsrisiko
Während Jagdverbände die bedrohte Sicherheit von Hobby-Jägern betonen, bleiben andere Opfer der Jagd unsichtbar. Laut Daten der Associazione Vittime della Caccia (AVC), die von der Tierschutzorganisation OIPA ausgewertet wurden, gab es in der Saison 2023/24 in Italien 68 menschliche Opfer von Jagdunfällen – 12 Tote und 56 Verletzte. 28 dieser Betroffenen waren Nichtjägerinnen und Nichtjäger, darunter mehrere Kinder, die «nur zur falschen Zeit am falschen Ort» waren, etwa beim Spaziergang im Wald.
Besonders auffällig: Die Region Kalabrien liegt beim regionalen Vergleich der Opferzahlen vorn. Nach den von OIPA zitierten AVC-Daten verzeichnete die Toskana 10 Fälle, gefolgt von Kalabrien mit 6 und Regionen wie Venetien und Kampanien mit jeweils 4 Fällen.
Mit anderen Worten: Ausgerechnet dort, wo nun Jagdverbände lautstark mehr Schutz für bewaffnete Hobby-Jäger verlangen, gehört die Hobby-Jagd selbst zu den relevanten Sicherheitsrisiken für die Allgemeinheit. Millionen Wildtiere werden jedes Jahr getötet oder verletzt, aber auch Dutzende Menschen sterben oder erleiden schwere Verletzungen durch Jagdwaffen.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Forderung, die Jagd «wieder sicher» zu machen, bemerkenswert einseitig. Sicher für wen? Für die, die aus Freizeitgründen mit Gewehren in der Landschaft unterwegs sind – oder für all jene, die unbewaffnet leben, arbeiten, wandern, Pilze sammeln oder einfach in der Nähe ihrer Häuser spazieren gehen?
Ein blinder Fleck im Narrativ der Verbände
Die gemeinsame Stellungnahme der Jagdverbände spricht ausführlich von Angst und Verunsicherung unter Hobby-Jägern und von der Notwendigkeit, ihr Vertrauen in die Jagdausübung wiederherzustellen. Kein Wort findet sich zu den Menschen, die jedes Jahr durch Jagdwaffen verletzt oder getötet werden, obwohl sie selbst nicht jagen. Kein Wort zu den massiven Leiden der Wildtiere.
Stattdessen ist der Tenor: Es brauche mehr Polizeipräsenz, um die Jagd als Freizeitaktivität unangetastet fortführen zu können. Die Gewalt der organisierten Kriminalität wird zu Recht verurteilt, die strukturelle Gewalt der Hobby-Jagd gegenüber Tieren und die Gefährdung der Bevölkerung bleiben ausgeblendet.
Hinzu kommt, dass ein Teil der Jägerschaft selbst nicht bereit ist, sich an die ohnehin schwachen Regeln zu halten. Der Fall aus Santo Stefano in Aspromonte ist kein «Kavaliersdelikt». Wilderei mit verbotenen Lockrufen, illegaler Abschuss geschützter Arten, mangelnde Kontrolle über Munition und Waffen – all dies erhöht die Risiken für Tiere und Menschen zusätzlich.
Wer in dieser Gemengelage ausschliesslich mehr Sicherheit für Waffenbesitzer fordert, legt die Prioritäten klar offen.
Was wäre konsequent?
Niemand bestreitet, dass Raubüberfälle auf Hobby-Jäger kriminelle und traumatisierende Taten sind, die verfolgt werden müssen. Der entscheidende Punkt ist jedoch, wie die Gesellschaft auf diese Entwicklung reagiert.
Eine rein ordnungspolitische Antwort, die nur mehr Polizei fordert, damit Privatpersonen weiterhin mit tödlichen Waffen zur Freizeit in die Landschaft fahren können, verkennt die tiefere Ursache: die Normalisierung von Schusswaffen im zivilen Alltag.
Konsequente Massnahmen sähen anders aus:
- drastische Reduktion der erlaubten Jagdzeiten und -arten
- Deutlich strengere Begrenzung und Kontrolle privater Waffenbestände
- kein vereinfachter europäischer Reiseverkehr für Jagdwaffen, sondern das Gegenteil
- systematische statistische Erfassung aller Jagdunfälle und ihrer Opfer
- Schwerpunktverlagerung staatlicher Ressourcen hinweg von der Unterstützung der Hobby-Jagd hin zu Biodiversitäts- und Schutzgebietsprogrammen
Solange die Hobby-Jagd als harmloses «Hobby auf dem Land» verkauft wird, bleibt unsichtbar, dass sie ein wichtiger Pfeiler einer Waffenkultur ist, die nun selbst von der organisierten Kriminalität ausgebeutet wird.
Die Überfälle in Kalabrien sind deshalb nicht nur ein Sicherheitsproblem für Hobby-Jäger. Sie sind ein Menetekel für eine Gesellschaft, die Waffenbesitz aus Freizeitgründen toleriert und sich dann überrascht zeigt, wenn diese Waffen in den Händen jener landen, die Gewalt als Geschäftsmodell betreiben.
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