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FAQ

Jagdwaffen und Gewalt: Was die Schweizer Daten zeigen

Die Schweiz verfügt über 2,3 bis 4,5 Millionen Schusswaffen in Privatbesitz – rund 45 Waffen auf 100 Einwohnerinnen und Einwohner. Jagdwaffen sind ein bedeutender Teil dieses Bestands. In der Hälfte aller häuslichen Tötungsdelikte kommt eine Schusswaffe zum Einsatz. Wie viele dieser Taten von Personen mit Jagdpatent begangen werden, weiss in der Schweiz niemand: Die Statistik erfasst es schlicht nicht.

Redaktion Wild beim Wild — 31. März 2026

Mehr als ein Viertel aller Schweizer Haushalte verfügt über eine Schusswaffe.

In Jägerhaushalten ist die Waffe kein Ausnahmegegenstand, sondern fester Bestandteil der Freizeitausrüstung. Jagdgewehre und Büchsen sind darauf ausgelegt, lebende Wesen zu töten. Das ist keine moralische Wertung, sondern eine technische Tatsache: Sie unterscheiden sich von einem Fernglas oder einem Wanderrucksack kategorial.

Das Dossier Jagd und Waffen hält fest, dass kein vollständiges, öffentlich zugängliches Register aller Jagdwaffen in der Schweiz existiert. Zahlreiche ältere Bestände, die vor modernen Registrierungspflichten erworben wurden, sind staatlich unsichtbar.

Femizide und Schusswaffen: Die bekannten Zahlen

In der Schweiz stirbt im Durchschnitt alle zwei Wochen eine Frau infolge häuslicher Gewalt. Im Jahr 2024 registrierte die Polizei 21’127 Straftaten im Bereich häusliche Gewalt – ein Anstieg von 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr, 70 Prozent der Opfer waren Frauen.

Bei häuslichen Tötungsdelikten mit Schusswaffe enden Gewaltakte in 45 Prozent der Fälle tödlich. Schusswaffen machen aus Gewaltsituationen signifikant häufiger tödliche. Internationale Studien bestätigen diesen Zusammenhang: Je einfacher Schusswaffen in einem Haushalt zugänglich sind, desto höher das Risiko von Tötungsdelikten – insbesondere für Frauen und Kinder.

Das Schweigen der Statistik

Die entscheidende Frage – wie viele Täter bei häuslichen Gewaltdelikten mit Schusswaffen einen Jagdschein besitzen – beantwortet keine Schweizer Behörde. Weder die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) noch die kantonalen Jagdbehörden erfassen diese Verbindung systematisch. Das ist keine Nachlässigkeit: Es ist eine strukturelle Entscheidung, die dazu führt, dass das Risiko, das von Jägerhaushalten ausgeht, statistisch unsichtbar bleibt.

Das Dossier Jagd und Waffen dokumentiert diese Datenlücke und zeigt, was bekannt ist und was systematisch nicht erhoben wird.

Internationale Evidenz: Was Studien zeigen

Aus anderen Ländern liegen differenziertere Daten vor. In den USA, wo der Zusammenhang zwischen Schusswaffenbesitz und häuslicher Gewalt gut erforscht ist, zeigen Studien: Der Zugang zu einer Schusswaffe erhöht das Risiko, bei einem häuslichen Gewaltdelikt getötet zu werden, um den Faktor 5. In Haushalten mit Jagdwaffen ist der Zugang zur Waffe oft besonders einfach – Munition liegt bereit, das Gewehr ist geladen oder leicht zu laden.

Australien hat nach dem Port-Arthur-Massaker 1996 die Waffengesetze drastisch verschärft – mit messbarem Effekt auf die Rate häuslicher Tötungsdelikte mit Schusswaffen. Die Schweiz hat diesen Weg nicht eingeschlagen.

Das Jagdpatent als blinder Fleck der Prävention

In der Schweiz können Personen mit einer Vorgeschichte häuslicher Gewalt unter bestimmten Umständen weiterhin ein Jagdpatent besitzen und Waffen führen. Die Koordination zwischen Jagdbehörden und dem Zivilschutz- und Strafverfolgungssystem ist lückenhaft. Wer wegen häuslicher Gewalt verurteilt wird, verliert nicht automatisch die Jagdberechtigung – ein Zustand, der in anderen Ländern längst als unhaltbar gilt.

Das Dossier Jagdgesetze und Kontrolle analysiert, welche rechtlichen Instrumente existieren und wo die Lücken liegen.

Politische Reaktionen: Zwischen Relativierung und Reform

In der politischen Debatte wird der Zusammenhang zwischen Jagdwaffen und häuslicher Gewalt in der Schweiz kaum thematisiert. Jagdverbände betonen, dass «legale Waffen» nicht das Problem seien – eine Argumentation, die die Frage nach dem Risiko in Jägerhaushalten systematisch ausblendet. Reformvorschläge, die eine engere Verknüpfung von Waffenrecht und Gewaltschutz fordern, stossen auf Widerstand aus dem Jagdmilieu.

Dabei wäre die Datenlage lösbar: Eine Anpassung der Polizeilichen Kriminalstatistik, die den Waffenbesitzstatus der Täter – inklusive Jagdpatent – erfasst, würde die Diskussion auf eine empirische Grundlage stellen. Dass dies nicht geschieht, ist eine politische Entscheidung.

Fazit

Der Zusammenhang zwischen Jagdwaffen und Gewalt ist in der Schweiz statistisch nicht vollständig erfassbar – nicht weil er nicht existiert, sondern weil die Daten nicht erhoben werden. Was bekannt ist: Schusswaffen erhöhen das Tötungsrisiko bei häuslicher Gewalt erheblich. Jagdwaffen sind im Schweizer Haushalt präsent und einsatzbereit. Und wer einen Jagdschein hat, ist kein geprüfter Garant für Sicherheit im häuslichen Umfeld.

Weiterführende Analysen finden sich im Dossier Jagd und Waffen sowie im Dossier zu Jagdgesetzen und Kontrolle.

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