2. April 2026, 07:27

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Jagd und Waffen

Jagd ist ohne Waffen kaum denkbar. Genau deshalb ist Jagd nicht nur eine Naturfrage, sondern auch eine Waffenfrage. In vielen Ländern – und auch in der Schweiz – ist Jagd eine der zentralen gesellschaftlichen Begründungen, weshalb private Personen Schusswaffen besitzen und nutzen dürfen. Dieser Zusammenhang wird oft verniedlicht, obwohl er politisch hoch relevant ist.

Die Schweiz zählt gemäss Small Arms Survey zwischen 2,3 und 4,5 Millionen Schusswaffen in Privatbesitz – rund 45 Waffen pro 100 Einwohnende, womit die Schweiz international auf Platz 3 liegt. Mehr als ein Viertel aller Schweizer Haushalte hat eine Waffe. In 26 Prozent dieser Haushalte handelt es sich um private Waffen – also nicht um Armeewaffen. Jagdwaffen sind ein wesentlicher Teil davon. Wer sich eine Gesellschaft wünscht, in der Waffen möglichst selten und streng kontrolliert sind, muss den Jagd-Waffen-Komplex mitdenken.

Was dich hier erwartet

  • Wie viele Jagdwaffen gibt es in der Schweiz – und wer kontrolliert sie wirklich? Zahlen, Lücken und was die Statistik nicht zeigt.
  • Die Schalldämpfer-Legalisierung 2025: Ein symptomatischer Schritt: Was die JSV-Revision für den politischen Waffendiskurs bedeutet – und warum das Sicherheitsargument nicht trägt.
  • Jagdwaffen und häusliche Gewalt: Das Dunkelfeld in der Schweizer Statistik: Was wir wissen, was wir nicht wissen – und warum das politisch nicht tolerierbar ist.
  • Waffenbesitz, Identität und Lobbymacht: Warum Jagd-Waffen-Verbindungen politisch so stabil sind – und welche Interessen dahinterstehen.
  • Technisierung der Jagdwaffe: Wenn Effizienz die Hemmschwelle senkt: Was moderne Optik, Nachttechnik und kürzere Lauflängen für Waffenkultur und Sicherheit bedeuten.
  • Diebstahl und Missbrauch: Was mit gestohlenen Jagdwaffen passiert: Datenlage und strukturelle Lücken im Schweizer Waffenregister.
  • Was konsequente Waffenpolitik im Jagdkontext bedeuten würde: Konkrete Forderungen, die Sicherheit ernst nehmen.
  • Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Einwände gegen eine kritische Betrachtung des Jagd-Waffen-Komplexes.
  • Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Studien und Ressourcen.

Wie viele Jagdwaffen gibt es – und wer kontrolliert sie wirklich?

In der Schweiz gibt es kein vollständiges, öffentlich zugängliches Register aller Jagdwaffen. Das Waffengesetz (WG) verlangt für Schusswaffen eine Erwerbsbewilligung und eine Meldepflicht, jedoch existieren zahlreiche Altbestände, die nie registriert wurden. Viele Jagdwaffen, insbesondere ältere Gewehre, die vor dem modernen Registerpflichtregime erworben wurden, sind faktisch unsichtbar für jede staatliche Kontrolle.

Gleichzeitig erlaubt die überarbeitete JSV, die am 1. Februar 2025 in Kraft trat, neu kürzere Laufmasse – von 50 cm auf 40 cm – und legalisiert Schalldämpfer für den jagdlichen Einsatz. Die Folge: Das Arsenal der legal verwendbaren Jagdwaffen wächst, während die Registrierungs- und Kontrollinfrastruktur nicht mitgewachsen ist. Jagdwaffen werden in der polizeilichen Kriminalstatistik der Schweiz nicht gesondert ausgewiesen. Für das Jahr 2024 existiert keine offizielle Zahl, wie viele Verbrechen ausdrücklich von Jägern oder mit Jagdwaffen begangen wurden. Bekannt sind nur die allgemeinen Zahlen zur Gewalt mit Schusswaffen – Jagdgewehre darin unsichtbar.

Mehr dazu: Jagdunfälle in der Schweiz: Das Risiko, das selten ehrlich diskutiert wird und Jagd in der Schweiz: Zahlen, Systeme und das Ende eines Narrativs

Die Schalldämpfer-Legalisierung 2025: Ein symptomatischer Schritt

Per 1. Februar 2025 wurden Schalldämpfer aus der Liste der verbotenen Hilfsmittel für die Jagd gestrichen. Die offizielle Begründung lautet: Gehörschutz für Jägerinnen und Jäger sowie präzisere Schüsse zum Wohle der Wildtiere. Was diese Legalisierung tatsächlich bedeutet, ist waffenpolitisch relevant.

Der Schalldämpfer macht Jagdwaffen für Dritte weniger wahrnehmbar. Das ist nicht per se problematisch – aber es verändert die Signalwirkung von Schüssen im öffentlichen Raum. Ein gedämpfter Schuss ist schwerer zu orten, schwerer zu dokumentieren und schwerer von Unbeteiligten einzuordnen. Gleichzeitig gilt: Schalldämpfer werden in der Schweiz nach Art. 28b WG neu als «achtenswerter Grund» für den Waffenerwerb anerkannt – was den Zugang zu Schalldämpfern grundsätzlich erleichtert. Was in diesem Zusammenhang fehlt, ist eine öffentliche Sicherheitsfolgeabschätzung: Welche Auswirkungen hat die Schalldämpfer-Legalisierung auf die Überwachbarkeit von Jagd in Schutzgebieten und die Nachvollziehbarkeit von Schüssen für Kontrollbehörden? Diese Fragen wurden nicht gestellt. Das ist bezeichnend.

Mehr dazu: Nachtjagd und Jagdtechnologie und Hobby-Jagd startet am Schreibtisch

Jagdwaffen und häusliche Gewalt: Das Dunkelfeld in der Schweizer Statistik

Die Zahlen zur Verbindung von Waffenbesitz und häuslicher Gewalt in der Schweiz sind eindeutig – und alarmierend. Rund eines von zwei Tötungsdelikten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt wird in der Schweiz begangen – und davon annähernd die Hälfte mit einer Schusswaffe. Delikte, bei denen Schusswaffen eingesetzt werden, enden in 45 Prozent der Fälle tödlich. Im Schnitt stirbt in der Schweiz alle zwei Wochen eine Frau an den Folgen häuslicher Gewalt. 2024 registrierte die Polizei 21’127 Straftaten im Bereich häuslicher Gewalt – sechs Prozent mehr als im Vorjahr, 70 Prozent der Opfer waren Frauen.

Was in diesen Statistiken fehlt: Jagdwaffen werden nicht separat ausgewiesen. Es ist bis heute nicht bekannt, wie viele Femizide in der Schweiz mit Jagdwaffen begangen wurden oder wie viele Täter Jagdpatentinhaber waren. Das ist kein statistischer Zufall – es ist eine politische Entscheidung gegen Transparenz. Dieser Befund liegt bei internationalen Studien klar vor: Die Verfügbarkeit von Schusswaffen in Privathaushalten erhöht das Risiko tödlicher Gewalt, insbesondere gegenüber Frauen im häuslichen Kontext, signifikant. Ohne differenzierte Daten zu Jagdwaffen bleibt dieses Risiko im Dunkeln. Behörden und Politik sind nicht in der Lage, seriös zu beurteilen, in welchem Umfang Jagdwaffen zu Femiziden beitragen.

Mehr dazu: Schutz vor häuslicher Waffengewalt: Jagdwaffen, Hobby-Jäger und Femizide (Mustervorstoss) und Psychologie der Jagd

Waffenbesitz, Identität und Lobbymacht

Wer Jagd kritisiert, kritisiert indirekt ein System, das Waffenbesitz gesellschaftlich legitimiert und stabilisiert. Das erklärt, warum Kritik an der Hobby-Jagd aus dem Jagdmilieu oft mit ungewöhnlicher Emotionalität beantwortet wird: Es geht nicht nur um eine Freizeitbeschäftigung, sondern um Identität, soziale Zugehörigkeit und handfeste Besitzrechte.

JagdSchweiz und verwandte Verbände sind bei der parlamentarischen Arbeit in Bern aktiv präsent. Historisch haben Jagdverbände Einfluss auf die Ausgestaltung des Waffengesetzes, der Jagdverordnung und der kantonalen Vollzugspraxis ausgeübt. Die Legalisierung von Schalldämpfern, die Verkürzung der Mindestlauflänge und die Erweiterung der Nachtjagdausnahmen in der JSV 2025 sind Ergebnisse dieses Einflusses – nicht Ergebnisse einer unabhängigen Sicherheitsabwägung. Waffenpolitik, die von den wichtigsten Nutzniesserinnen des Status quo mitgestaltet wird, ist strukturell interessengeleitet. Das ist kein Angriff auf einzelne Personen. Es ist die Beschreibung eines demokratischen Defizits.

Mehr dazu: Jäger-Lobby in der Schweiz: Wie Einfluss funktioniert und Freizeitgewalt an Tieren beenden

Technisierung der Jagdwaffe: Wenn Effizienz die Hemmschwelle senkt

Moderne Jagdwaffen unterscheiden sich grundlegend von jenen vor zwanzig Jahren. Hochwertige Zielfernrohre mit Entfernungsmessung, Thermalkameras zur Wildtiererkennung, ballistische Apps für Windkorrektur und präzisere Munition senken die technischen Anforderungen an den Schuss erheblich. Was dabei nicht im gleichen Mass wächst: die ethische Reflexion.

Wenn Jagd technisch einfacher wird, wächst oft der Druck, mehr zu erlegen – nicht weniger. Abschusspläne sollen erfüllt werden, Revierinhaber erwarten Leistung, soziale Anerkennung im Jagdmilieu hängt an Ergebnissen. Technologie in diesem Kontext führt nicht zu weniger Schüssen unter besseren Bedingungen, sondern zu mehr Schüssen unter Bedingungen, in denen frühere Generationen nicht geschossen hätten. Gleichzeitig verschieben sich Sicherheitsgrenzen: Weitschuss-Seminare, die Distanz als Lernziel definieren, und Schalldämpfer, die Schüsse unsichtbar machen, verändern den Handlungsrahmen – ohne dass das gesellschaftlich debattiert wird.

Mehr dazu: Hochjagd in der Schweiz: Traditionsritual, Gewaltzone und Stresstest und Bleimunition

Diebstahl und Missbrauch: Was mit gestohlenen Jagdwaffen passiert

Jagdwaffen können gestohlen werden, unkontrolliert weitergegeben oder missbräuchlich eingesetzt werden. Über den Verbleib gestohlener Jagdwaffen in der Schweiz gibt es keine konsolidierte öffentlich zugängliche Statistik. Das Schweizer Waffengesetz kennt zwar eine Verlustmeldepflicht für bewilligungspflichtige Waffen – ihre konsequente Umsetzung und öffentliche Kontrolle ist jedoch lückenhaft.

Was bekannt ist: Jagdwaffen werden in der polizeilichen Kriminalstatistik nicht als Kategorie geführt. Weder die Zahl der gestohlenen Jagdwaffen noch die Zahl der Delikte, bei denen Jagdwaffen eingesetzt wurden, ist zuverlässig abrufbar. In einem Umfeld, in dem der Gesetzgeber gleichzeitig die legale Verfügbarkeit von Jagdwaffen erweitert – kürzere Lauflängen, Schalldämpfer – und die Statistik intransparent bleibt, ist keine belastbare Risikoabwägung möglich. Das ist ein Kontrollversagen, das systematisch behoben werden müsste.

Mehr dazu: Hobby-Jagd und Kriminalität: Eignungskontrollen, Meldepflichten und Konsequenzen (Mustervorstoss) und Unabhängige Jagdaufsicht (Mustervorstoss)

Was sich ändern müsste

  • Vollständiges, öffentlich zugängliches Jagdwaffenregister: Alle bewilligungspflichtigen Jagdwaffen werden erfasst, inkl. Altbestände, mit periodischer Überprüfung des Verbleibs. Mustervorstoss: Hobby-Jagd und Kriminalität: Eignungskontrollen, Meldepflichten und Konsequenzen
  • Separate Ausweisungspflicht in der Kriminalstatistik: Jagdwaffen werden in der polizeilichen Kriminalstatistik als eigene Kategorie geführt – Delikte, Femizide, Diebstähle, Missbrauch.
  • Sichere Aufbewahrungspflicht mit Kontrolle: Jagdwaffen müssen in zertifizierten, verschlossenen Waffenschränken aufbewahrt werden – mit unangekündigten, stichprobenweisen Kontrollen. Mustervorstoss: Sicherheit der Bevölkerung: Mindestabstände, Sperrzonen, Meldepflicht
  • Entzug des Jagdpatents bei häuslicher Gewalt: Wer wegen häuslicher Gewalt, Drohung oder Körperverletzung verurteilt wurde, verliert automatisch das Jagdpatent und die Bewilligung zum Waffenbesitz. Mustervorstoss: Schutz vor häuslicher Waffengewalt: Jagdwaffen, Hobby-Jäger und Femizide
  • Rücknahme der Schalldämpfer-Legalisierung oder strenge Sonderregelung: Wenn Schalldämpfer zugelassen sind, braucht es ein Pflichtregister, eine gesonderte Bewilligungspflicht und eine klare Begründungspflicht mit Sicherheitsfolgeabschätzung.
  • Unabhängige Jagdwaffenkommission: Eine vom Jagdmilieu unabhängige Kommission aus Sicherheitsfachleuten, Tierschutzexpertinnen, Rechtsexpertinnen und Medienschaffenden überwacht Jagdwaffenrecht und -praxis. Mustervorstoss: Unabhängige Jagdaufsicht: Externe Kontrolle statt Selbstkontrolle
  • Obligatorisches Sicherheitstraining bei Patentverlängerung: Analog zum Führerschein: periodische, unabhängige Eignungsprüfung mit Einbezug aktueller Sicherheitsstandards.

Argumentarium

«Hobby-Jäger sind verantwortungsvolle, ausgebildete Waffennutzer.» Im Einzelfall kann das stimmen. Die gesellschaftliche Frage ist grösser: Wenn ein System Waffenbesitz für Freizeitaktivitäten normalisiert, steigt die Waffenpräsenz in der Gesellschaft – mit nachweisbar höherem Risiko für häusliche Gewalt, Suizid und Unfälle. Individuelle Verantwortung ersetzt keine strukturelle Kontrolle.

«Schalldämpfer sind Gehörschutz – das ist eine Gesundheitsmassnahme.» Gehörschutz gibt es als Ohrschutzkapsel und In-Ear-Lösung – für wenige Franken, ohne waffenrechtliche Konsequenzen. Schalldämpfer schützen nicht nur das Gehör. Sie verändern die Wahrnehmbarkeit von Schüssen durch Dritte, die Kontrollierbarkeit von Jagd in sensiblen Gebieten und die Signalwirkung von Schussgeräuschen als Warnsignal für Unbeteiligte. Als Sicherheitsmassnahme zu framen, was vor allem die Effizienz und Unkontrollierbarkeit von Jagdwaffen erhöht, ist irreführend.

«Ein Zusammenhang zwischen Jagdwaffen und Femiziden ist nicht belegt.» Genau das ist das Problem: Er ist nicht belegt, weil die Daten nicht erhoben werden. International ist der Zusammenhang zwischen Waffenverfügbarkeit im Haushalt und Femizidrisiko gut dokumentiert. Die Schweiz fehlt in dieser Statistik nicht, weil das Risiko nicht besteht – sondern weil Jagdwaffen in der Kriminalstatistik unsichtbar sind. Das ist keine Entwarnung. Das ist ein Kontrollversagen.

«Waffenkontrolle ist ein Angriff auf Jägerinnen und Jäger.» Sicherheitsgurte sind kein Angriff auf Automobilistinnen. Brandschutzvorschriften sind kein Angriff auf Restaurantbesitzerinnen. Waffenkontrolle ist eine Grundanforderung an jede Tätigkeit, bei der Menschen mit potenziell tödlichen Geräten in Kontakt kommen. Wer diese Anforderung als Angriff rahmt, verteidigt nicht Freiheit – sondern Unkontrollierbarkeit.

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Unser Anspruch

Jagd ist eine Waffenfrage. In der Schweiz normalisiert die Hobby-Jagd den privaten Besitz und Einsatz von Schusswaffen in einer Grössenordnung, die international auf Platz 3 liegt. Gleichzeitig fehlen grundlegende Daten: Jagdwaffen tauchen in der Kriminalstatistik nicht als Kategorie auf, gestohlene Jagdwaffen werden nicht konsolidiert erfasst, der Zusammenhang zwischen Jagdwaffen und Femiziden bleibt im Dunkelfeld. Die Schalldämpfer-Legalisierung 2025 zeigt, dass Waffenpolitik im Jagdkontext von der Lobby gestaltet wird, nicht von unabhängigen Sicherheitsfachleuten.

Dieses Dossier dokumentiert den Jagd-Waffen-Komplex anhand von Zahlen, Rechtsgrundlagen und strukturellen Lücken. Die Informationen werden laufend aktualisiert, wenn neue Daten, Urteile oder politische Entwicklungen es erfordern.

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