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FAQ

Was ist Herdenschutz und wie wirksam ist er?

Herdenschutz bezeichnet Massnahmen zum Schutz von Nutztieren vor Beutegreifern – vor allem vor dem Wolf, aber auch vor Luchs und Bär. Dazu zählen Elektrozäune, Herdenschutzhunde und Nachtpferche.

Redaktion Wild beim Wild — 5. März 2026

Korrekt angewendet reduzieren diese Massnahmen Nutztierrisse um 58 bis über 90 Prozent – deutlich wirksamer als Wolfsabschüsse.

Das zeigt die internationale Forschung ebenso wie die Schweizer Praxis, wo konsequenter Herdenschutz die Risse auch in rudelreichen Gebieten massiv reduziert hat.

Welche Herdenschutzmassnahmen gibt es?

Herdenschutz ist keine einzelne Methode, sondern ein System aufeinander abgestimmter Massnahmen. Die wichtigsten Instrumente:

  • Elektrozäune: Korrekt installierte Elektrozäune sind die wirksamste Einzelmassnahme. Studien zeigen eine Schutzwirkung von 58 bis über 90 Prozent gegenüber Wolfsangriffen. Entscheidend sind Höhe (mindestens 90 cm, besser 120 cm), Spannung (mindestens 4’000 Volt), lückenlose Erdung und regelmässige Kontrolle.
  • Herdenschutzhunde: Speziell ausgebildete Rassen wie Pyrenäenberghund, Kangal oder Maremmano bewachen Herden, insbesondere auf Alpweiden. Ihr Einsatz reduziert Risse im Schnitt um 76 Prozent. Wirksamkeit hängt von Anzahl, Ausbildung, Alter der Hunde und Herdengrösse ab.
  • Nachtpferche: Schafe und Ziegen werden nachts in gesicherte, eingezäunte Pferche eingesperrt. In Kombination mit Hunden sehr wirksam – Wölfe jagen typischerweise in der Dämmerung und Nacht.
  • Hirtenbegleitung: Die permanente Anwesenheit einer Hirtin oder eines Hirten bei der Herde ist der älteste Herdenschutz. In exponierten Lagen in Frankreich und Italien wird er mit Hunden kombiniert.
  • Abschreckmittel: Flatterband, Bewegungsmelder mit Licht oder Ton und andere Schreckmittel werden als ergänzende Massnahmen eingesetzt. Allein sind sie nicht ausreichend wirksam.

Das Calanda-Rudel: Was 1’500 Schafe und 37 Risse in 5 Jahren zeigen

Das Calanda-Rudel ist das bekannteste Schweizer Beispiel für gelingende Koexistenz. Seit 2012 lebt das Rudel auf dem Bergstock zwischen Chur und dem Rheintal. Die Calandalp wird von mehreren Sömmerungsbetrieben genutzt, die über 1’500 Schafe auftreiben. In den ersten fünf Jahren des Rudelbestehens wurden auf der Calanda insgesamt 37 Risse dokumentiert – ein niedriger Wert, der durch konsequenten Herdenschutz erzielt wurde: Herdenschutzhunde, Nachtpferche und Elektrozäune schützten die Schafe in der wölfisch aktiven Phase.

Das Calanda-Beispiel zeigt: Herdenschutz funktioniert, aber er braucht Investition, Konsequenz und fachliche Beratung. Die Fachstelle AGRIDEA begleitet Alpbetriebe in der ganzen Schweiz bei der Umsetzung. Das Dossier «Herdenschutz» dokumentiert die Erfahrungen aus Calanda und anderen Regionen.

Ist Herdenschutz wirksamer als Wolfsabschüsse?

Ja – das belegen mehrere unabhängige Studien eindeutig. Die wichtigste Grundlagenarbeit stammt von Stewart Breck und Kollegen, publiziert in «Frontiers in Ecology and the Environment»:

  • Bei 43 Prozent der Beutegreiferabschüsse stiegen die Nutztierschäden im Folgejahr an – weil Rudelstrukturen gestört wurden und Jungwölfe ohne erfahrene Leittiere risikoreudiger agierten.
  • Bei nicht-tödlichen Schutzmassnahmen (Elektrozäune, Hunde) sanken die Schäden in 80 Prozent der Fälle.
  • Die Schutzwirkung von Elektrozäunen lag je nach Studie zwischen 58 und 100 Prozent Schadensreduktion.
  • Herdenschutzhunde erzielten im Schnitt eine Schadensreduktion von 76 Prozent.

Auch KORA – Raubtierökologie und Wildtiermanagement – bestätigt in ihren Schweizer Berichten: Betriebe, die Herdenschutz konsequent umsetzen, haben signifikant weniger Risse als Betriebe ohne Schutzmassnahmen.

Das Walliser Abschussprogramm vs. Herdenschutzkosten

Das Wallis verfolgt die aggressivste Wolfspolitik der Schweiz. In der Regulierungsperiode 2024/25 wurden dort 24 Wölfe abgeschossen. Die Gesamtkosten dieser Regulierungsrunde – Helikopter, Wildhut-Einsätze, DNA-Analysen, Verwaltung, Bundesgerichtsverfahren – wurden auf 800’000 bis über eine Million Franken für 27 Tiere kalkuliert. Das entspricht 35’000 bis 40’000 Franken pro geschossenem Wolf.

Demgegenüber kosten vollständige Herdenschutzanlagen für einen Alpbetrieb:

  • Elektrozaun-Infrastruktur: 5’000–15’000 Fr. (subventioniert bis 80%)
  • Herdenschutzhund (Anschaffung + 10 Jahre): ca. 25’000–30’000 Fr.
  • Beratung durch AGRIDEA: staatlich finanziert, für Landwirte kostenlos

Mit dem Geld, das das Wallis für 27 Wolfsabschüsse ausgibt, könnten 30 bis 50 Alpbetriebe vollständig mit Herdenschutz ausgestattet werden. Stattdessen wird der Zyklus des Abschiessens und Neubesetzens der Rudel fortgesetzt. Das Dossier «Was die Hobby-Jagd die Schweiz wirklich kostet» analysiert diese Fehlsteuerung der öffentlichen Mittel.

Internationale Vorbilder: Frankreich und Italien

Frankreich und Italien haben jahrzehntelange Erfahrung mit Herdenschutz in wolfsreichen Gebieten.

Frankreich: Im Massif Central und in den Alpes-de-Haute-Provence leben seit den 1990er-Jahren Wölfe. Das nationale Herdenschutzprogramm «Plan national d’actions sur le loup» finanziert Elektrozäune, Herdenschutzhunde (Patous) und Hirtenbegleitung. Trotz einer Wolfspopulation von über 1’000 Tieren sind Schäden in vollständig geschützten Betrieben marginal.

Italien: In den Apenninen, wo der Wolf nie vollständig ausgerottet wurde, existiert eine jahrhundertealte Herdenschutztradition. Maremmano-Abruzzese-Hunde gelten als besonders wirksam in alpinem und subalpinem Gelände. Italienische Studien zeigen Schadensreduktionen von 85 bis 95 Prozent in Betrieben mit konsequentem Hundeeinsatz.

Finanzierung: BAFU, BLW und kantonales Flickwerk

In der Schweiz wird Herdenschutz durch das BAFU und das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) gemeinsam finanziert. Zäune werden mit bis zu 80 Prozent subventioniert, Herdenschutzhunde ebenfalls bezuschusst. Die Beratung durch AGRIDEA ist für Landwirte kostenlos.

Dennoch gibt es erhebliche Probleme:

  • Kantonales Flickwerk: Die Umsetzung des Herdenschutzes obliegt den Kantonen – mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Während Graubünden ein verhältnismässig kohärentes Programm hat, hinken andere Kantone weit hinterher.
  • Bürokratische Hürden: Subventionsanträge sind oft aufwendig. Viele Bergbauernbetriebe haben nicht die Kapazität, komplexe Formulare auszufüllen und Fristen einzuhalten.
  • Zu geringe Investitionen: Das BAFU-Budget für Herdenschutz ist deutlich kleiner als der politische Druck für Wolfsabschüsse. Die Fördergelder reichen nicht aus, um alle anspruchsberechtigten Betriebe vollständig auszustatten.
  • Mangelnde Koordination: Es gibt kein nationales Herdenschutz-Koordinationsorgan mit echten Durchsetzungskompetenzen.

Das Bundesgerichtsurteil 2025 und seine Folgen für den Herdenschutz

Das Bundesgericht hat 2025 in mehreren wegweisenden Urteilen klargestellt: Wolfsabschüsse sind nur dann zulässig, wenn Herdenschutzmassnahmen nachweislich ausgeschöpft und für den Betrieb zumutbar sind. Diese Entscheide stärken die Stellung des Herdenschutzes als primäre Schutzstrategie. Gleichzeitig erhöhen sie den Druck auf Kantone, die Herdenschutzförderung auszubauen und Subventionen zugänglicher zu machen.

Wer ist in der Schweiz für Herdenschutz zuständig?

Die Zuständigkeiten im Schweizer Herdenschutz sind verteilt:

  • BAFU: Nationale Koordination, Förderprogramme, Politikvorgaben, Zusammenarbeit mit KORA – Raubtierökologie und Wildtiermanagement für das Monitoring.
  • BLW: Agrarsubventionen für Herdenschutzinfrastruktur, Koordination mit den kantonalen Landwirtschaftsämtern.
  • AGRIDEA: Fachstelle Herdenschutz, berät Landwirte direkt, bildet Herdenschutzhunde aus und zertifiziert Betriebe.
  • Kantone: Umsetzung vor Ort, Wildhut, Subventionsabwicklung, Rissgutachten.
  • Landwirte: Pflicht zur zumutbaren Schadensabwehr, Anspruch auf Subventionen und Beratung.

Was Herdenschutz nicht lösen kann – und wo Verbesserung nötig ist

Herdenschutz ist keine universelle Lösung ohne Einschränkungen. Auf hochalpinen Weiden mit unzugänglichem Gelände ist ein vollständiger Elektrozaunschutz technisch nicht möglich. Für diese Fälle braucht es pragmatische Lösungen: erhöhte Entschädigungssätze, alternative Schutzkonzepte und eine ehrliche Diskussion darüber, welche Landwirtschaftsformen mit Beutegreifern kompatibel sind. Die pauschale Forderung nach Abschüssen ist aber keine Antwort auf diese echten Ausnahmesituationen – sie wird als politischer Hebel genutzt, um die gesamte Herdenschutzlogik zu untergraben.

Weiterführende Inhalte auf wildbeimwild.com

Mehr Hintergründe zur aktuellen Jagdpolitik in der Schweiz findest du in unserem Dossier auf wildbeimwild.com.

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