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Kriminalität & Jagd

Jagdpolitik 2025: Wolfsabschüsse und Trophäenjagd

Die neue Normalität der Jagdpolitik: Wenn der Wolf zum Sündenbock und der Elefant zur Trophäe wird.

Redaktion Wild beim Wild — 8. Dezember 2025

Am 8. Dezember 2025 zeigt ein Blick in die Nachrichten dasselbe Muster auf drei Kontinenten: Hobby-Jäger, Trophäenlobby und politische Mehrheiten setzen sich systematisch über Wissenschaft, Ethik und Artenschutz hinweg.

Vom Wolfsabschuss in Schweizer Jagdbanngebieten über das geplante Wolfsjagdgesetz in Deutschland bis zur Elefantentrophäe in Botswana werden Wildtiere zu Verschiebemasse der Tagespolitik

Schweiz: Der Wolf als politischer Blitzableiter

In Bern feiert die Jagdlobby einen Etappensieg nach dem anderen. Nationalrat und Ständerat haben in dieser Session beschlossen, die Hürden für Wolfsabschüsse erneut zu senken, obwohl die Zahl der Nutztierrisse rückläufig ist. Künftig sollen Wölfe noch einfacher präventiv reguliert werden können, sogar in Jagdbanngebieten, die eigentlich als Rückzugsräume für Wildtiere gedacht sind.

Selbst Bundesrat Rösti, sonst kaum als Bremser der Jagdpolitik bekannt, gab sich in der Debatte zurückhaltender. Die Parlamentsmehrheit aus Bauernverbänden, Jagdlobby und rechtsbürgerlichen Parteien stört das nicht. Wo Fakten fehlen, helfen Schlagworte wie «Sicherheit», «Tradition» oder «Schutz der Alpenbevölkerung».

Naturschutzorganisationen sprechen von einer entgrenzten Abschusspolitik. Wer einen Wolf zur Zielscheibe erklärt, entkernt nebenbei auch das Konzept von Schutzgebieten. Jagdbanngebiete verlieren ihre Glaubwürdigkeit, wenn ausgerechnet dort mit staatlicher Bewilligung geschossen werden darf.

Die internationale Kritik ist entsprechend deutlich. Fachleute der IUCN haben bereits zuvor gewarnt, dass eine quasi permanente Jagdsaison auf Wölfe weder ökologisch sinnvoll noch rechtlich sauber ist. Die Schweiz riskiert mit ihrer Wolfsobsession nicht nur ihren Ruf, sondern auch die Funktionsfähigkeit ganzer Ökosysteme, die auf grosse Beutegreifer angewiesen sind.

Deutschland und EU: Wie man Wolfsprobleme herbeijagt

Während die Schweiz den Wolf aus Schutzgebieten herausjagt, arbeitet Deutschland an einem Wolfsjagdgesetz, das nach Einschätzung von Juristen offen im Konflikt mit EU-Recht steht. Was als «Lösung» für Konflikte mit Nutztierhaltern verkauft wird, läuft am Ende auf eine beinahe freie Schussbahn hinaus.

Dabei sind die biologischen Zusammenhänge seit Jahren dokumentiert. Der wahllose Abschuss von Rudelmitgliedern kann dazu führen, dass soziale Strukturen zusammenbrechen, Jungtiere auf eigene Faust jagen und sich Konflikte mit Nutztieren sogar häufen. Genau das ignorieren jene politischen Kreise, die mit Wolfsangst Wahlkampf betreiben und zugleich auf Stimmen der Jagdlobby zählen.

Auf EU-Ebene haben sich diese Kräfte bereits durchgesetzt. Das Europäische Parlament hat sich im Frühjahr für eine Schwächung des strengen Schutzstatus ausgesprochen. Dass dieselben Kreise kaum je von Herdenschutz, Flächenpolitik oder Subventionssystemen sprechen, ist kein Zufall. Es geht nicht um Lösungen, sondern um Feindbilder.

Weltweit: Bären, Elefanten und Abalone als Kollateralschaden

Der Blick über Europa hinaus zeigt dasselbe Drehbuch. In Florida erlaubt die Politik zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder eine Bärenjagd. Biologen und Tierschutzorganisationen kritisieren, dass die Bestände kaum belastbar erfasst sind und politische Symbolik die wissenschaftliche Grundlage verdrängt. Die Hobby-Jagd wird als «Management» verkauft, obwohl grundlegende Hausaufgaben wie Müllsicherung, Lebensraumplanung und Aufklärung bei der Bevölkerung liegen bleiben.

In Indien wiederum nehmen Berichte über Wilderei in Regionen wie Telangana zu. Hirsche werden in Stadtparks erschossen, Verdächtige mit Verbindungen zu lokalen Politikern werden genannt. Dort, wo Waffen, Jagdtradition und politischer Einfluss zusammenfallen, sind Wildtiere ganz offensichtlich rechtlos.

Besonders drastisch ist die Lage in Südafrika. Trotz massivem Bestandsrückgang zieht die Regierung eine internationale Schutzlistung für Abalone zurück. Die Bestände sind durch Wilderei und organisierte Kriminalität auf einen Bruchteil des ursprünglichen Niveaus geschrumpft. Anstatt konsequent gegen Netzwerke vorzugehen, bleibt der kommerzielle Druck ungebremst, während die Meeresökosysteme kollabieren.

In Botswana sind Elefanten seit Jahren Spielball der Trophäenjagdindustrie. Erwachsene Bullen werden durch Jagdquoten, Wilderei, Lebensraumverlust und Konflikte mit Menschen gleichzeitig belastet. Wer immer wieder die stärksten Tiere eines Bestandes entfernt, schwächt langfristig die genetische Basis der Population. Was in Werbebroschüren als «nachhaltige Nutzung» erscheint, ist in der Realität ein langsamer, teurer Raubbau.

Auch aus Europa und Nordamerika werden täglich neue Wildereifälle gemeldet: illegal erlegte Trophäen-Hirsche, angeschossene Greifvögel, «verwechselte» Arten. Hinter vielen dieser Fälle steht nicht Not, sondern die Kombination aus Geltungsbedürfnis, Waffenfetisch und nahezu folgenloser Strafverfolgung.

Vom Hobby zur Staatsraison: Die politische Macht der Jagdlobby

Die Muster sind überall ähnlich:

  • Wissenschaft und Monitoring werden dekorativ erwähnt, aber in der konkreten Politik ignoriert.
  • Hobby-Jagd wird systematisch zur «Dienstleistung» und zum «Artenschutz» umgedeutet, damit öffentliche Kritik verstummt und Subventionen weiter fliessen.
  • Wildtiere werden entweder als Schädlinge stigmatisiert oder als Trophäen vermarktet.

In der Schweiz zeigt sich das besonders deutlich am Schutzwald. Statt die ökologische Rolle von Beutegreifern wie Wolf und Luchs ernst zu nehmen, setzt man weiterhin vor allem auf Blei aus dem Hobbygewehr. Gleichzeitig klagen die gleichen Kreise über Verbissschäden und hohe Kosten, ohne die eigenen Eingriffe im Wald zu hinterfragen.

Wild beim Wild hat angefangen, Mustertexte für jagdkritische Vorstösse in Kantonsparlamenten zu veröffentlichen. Damit lässt sich politisch zumindest ein Gegennarrativ setzen. Wo die Jagdlobby mit emotionalen Bildern, fragwürdigen «Bildungsangeboten» für Kinder und aggressivem Lobbying arbeitet, brauchen Kantone und Parlamente faktenbasierte, rechtlich belastbare Alternativvorschläge.

Kinder, Schulen und die Normalisierung von Gewalt gegen Tiere

Besonders problematisch ist die sektiererische Propaganda, mit der Jagdverbände versuchen, sich über Schulprojekte und Unterrichtsmaterialien bei Kindern zu verankern. Wenn Hobby-Jäger in Schulzimmern auftreten, um Jagd als idyllische Naturpflege mit «Lächeln neben dem Kadaver» zu verklären, verschwinden Gewalt, Leid und Sterben aus dem Bild.

Statt sachlicher Umweltbildung erhalten Kinder eine romantisierte Erzählung, in der Schiessen als verantwortungsvolle Naturfreundschaft verkauft wird. Leiden, Fehlabschüsse, Nachsuchen, Verstümmelungen, angeschossene Tiere und ganze Ökosysteme kommen in diesen Materialien kaum vor.

Wer so früh Einfluss nimmt, baut sich willige Mehrheiten für die Jagdpolitik von morgen. Aus pädagogischer Sicht ist das ein Problem. Aus demokratischer Sicht ist es eine gezielte Manipulation des Weltbildes der nächsten Generation.

Jagdpolitik im Jahr 2025 ist ein Stresstest für den Rechtsstaat

Ob Wolf in der Schweiz, Bär in Florida, Elefant in Botswana oder Abalone vor Südafrika: Die Konflikte rund um Jagd und Wildtiere sind längst kein Randthema mehr. Sie zeigen, wie leicht sich demokratische Systeme von lauten Minderheiten, Traditionsargumenten und kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen kapern lassen.

Statt sich den eigentlichen Aufgaben zu stellen, etwa konsequentem Herdenschutz, Lebensraumschutz, Reduktion von Tierbeständen in der Landwirtschaft oder einem ehrlichen Umgang mit Konsum und Flächennutzung, wird an Symptomen geschraubt. Wildtiere dienen als Projektionsfläche für Frust, Angst und Machtphantasien.

Eine zeitgemässe Wildtierpolitik müsste genau anders aussehen:

  • klare Priorität für Lebensraum und Ökosysteme
  • Beutegreifer als Verbündete des Waldes statt als Feindbilder
  • konsequente Ahndung von Wilderei und illegalen Abschüssen
  • Trennung von Waffenlobby, Trophäenindustrie und staatlichem Management
  • echte Umweltbildung für Kinder statt Jagdpropaganda

Solange das nicht passiert, bleibt Jagdpolitik im Jahr 2025 eines der sichtbaren Beispiele dafür, wie man mit schönen Worten Rechtsstaat, Tierschutz und Wissenschaft Stück für Stück untergräbt.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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