Eine 40 Jahre alte Hobby-Jägerin gibt zu, geschossen zu haben, die Polizei ermittelt wegen fahrlässiger Körperverletzung.
Die Behörden sprechen von einem Jagdunfall, die Opfer gelten als «leicht verletzt».
Allein in dieser Wortwahl steckt bereits das Problem: Was hier verharmlosend als «Unfall» etikettiert wird, ist die logische Folge eines Hobbys, bei dem Menschen mit Schusswaffen in einer Landschaft unterwegs sind, die gleichzeitig Erholungsraum für die Allgemeinheit ist.
Nach Angaben der Polizei drangen die Schrotkugeln «nicht in den Körper ein». Das klingt bürokratisch nüchtern, fast beruhigend. Tatsächlich bedeutet es: Die Projektile waren nah genug, um den Kopf einer Frau und den Arm eines Mannes zu treffen. Sie waren nah genug, um Schmerzen, Wunden und einen massiven Schreck auszulösen.
Wer mit dem Hund über Felder spaziert, will frische Luft, Ruhe, Bewegung. Er rechnet nicht damit, plötzlich den Kopf wegducken zu müssen, weil irgendwo in der Umgebung scharf geschossen wird. Man stelle sich dieselbe Situation mit einem Kinderwagen oder einer Schulklasse vor. Rein zufällig waren es diesmal Erwachsene.
Dass kein Rettungswagen erforderlich war, wie Medien berichten, verändert eines nicht: Hier wurden unbeteiligte Menschen zu Beinahe-Opfern einer Freizeitbeschäftigung, die sich «Waidwerk» nennt und gern mit Tradition und Brauchtum romantisiert wird.
Kein Einzelfall, sondern System
Wer die Meldung aus Aurich für einen tragischen Ausreisser hält, muss nur ein wenig zurückblättern. In Deutschland kommt es immer wieder zu Jagdunfällen, und nicht alle gehen glimpflich aus. Bereits im t-online-Bericht zum aktuellen Fall wird darauf verwiesen, dass allein im Jahr 2025 schon zwei Menschen bei Jagden in Deutschland getötet wurden, in Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen.
Tierschutz- und Jagdkritikorganisationen dokumentieren seit Jahren eine ganze Reihe schwerer Vorfälle:
- PETA weist darauf hin, dass Hobby-Jäger jedes Jahr mehrere Dutzend Menschen töten oder verletzen und dass Hunderttausenden Tieren durch Fehlschüsse erhebliches Leid zugefügt wird.
- Die Initiative «Abschaffung der Jagd» sammelt Fälle, in denen Hobby-Jäger Mitmenschen, Haustiere oder andere «Nichtziele» treffen, bis hin zu Tötungsdelikten mit Jagdwaffen.
- 2019 wurde in Schneverdingen ein Jogger auf einem öffentlichen Weg bei einer Treibjagd angeschossen und am Bein verletzt.
- 2023 traf in Thüringen ein Hobby-Jäger bei einer Erntejagd seinen Kollegen ins Gesicht. Der Mann wurde schwer verletzt ins Krankenhaus geflogen.
- u. s. w.
Aurich reiht sich nahtlos in dieses Muster ein: Menschen gehen ihrem Alltag nach, während in unmittelbarer Nähe mit scharfer Munition auf Tiere geschossen wird. Und immer wieder erwischt es nicht nur die Tiere.
Treibjagd: Gefährliches Konzept in einer dicht genutzten Landschaft
Besonders problematisch ist das Jagdformat, um das es im Landkreis Aurich ging: die Treibjagd. Dabei werden Tiere von Treibern und Hunden aus den Deckungen aufgescheucht, während Schützen in einer Linie oder an Ständen stehen und auf flüchtende Tiere schiessen. In einer Kulturlandschaft, die von Wegen, Feldern, Höfen, Reit- und Radstrecken durchzogen ist, ist dieses Konzept ein permanentes Sicherheitsrisiko.
Im vorliegenden Fall waren die später Getroffenen mit ihrem Hund «auf Feldern» unterwegs, als sich der Schuss löste. Es handelt sich also nicht um einen abgesperrten Schiessstand, sondern um eine Landschaft, die gleichzeitig landwirtschaftlich, jagdlich und freizeitlich genutzt wird.
Selbst wenn Warnschilder aufgestellt werden, verlagert die Hobby-Jagd das Risiko einseitig auf die Zivilbevölkerung: Wer sich erholen will, soll offenbar weiträumig ausweichen, sobald sich Hobby-Jäger ankündigen, sonst trägt er «Eigenverantwortung». Das ist die Verkehrung von Ursache und Wirkung. Ursache ist die bewusste Entscheidung, eine Freizeitaktivität mit tödlichen Waffen in einem Raum auszuleben, den sich Hobby-Jäger mit allen anderen teilen.
Das Märchen von der sicheren Hobby-Jagd
Die Jagdlobby betont gern, wie hoch der Sicherheitsstandard sei, wie streng die Ausbildung, wie verantwortungsvoll man mit Waffen umgehe. Der Deutsche Jagdverband veröffentlicht umfangreiche Statistiken zu Strecken, Wildunfällen und Jagdscheininhabern. Was in dieser PR-Welt jedoch fehlt, ist eine ehrliche, gut zugängliche Gesamtstatistik über Jagdunfälle mit Menschen und Haustieren als Opfer.
Die Zahlen, die Tierschutzorganisationen zusammentragen müssen, stammen oft aus Lokalmedien und Polizeimeldungen, nicht aus einer transparenten offiziellen Erfassung. Schon diese Intransparenz ist ein Alarmzeichen. Wer wirklich überzeugt wäre, dass sein Hobby sicher und gesellschaftlich nützlich ist, würde jeden Vorfall offensiv dokumentieren und auswerten.
Stattdessen tauchen Jagdunfälle immer wieder unter «Vermischtes» auf, versehen mit Formulierungen wie «verwechselte Spaziergänger mit Wild» oder «löste sich ein Schuss». So auch in anderen Fällen, in denen Menschen bei Jagden getroffen wurden.
Waffenrecht und Realität: Scharfe Munition im Alltag
Der Fall in Grossefehn zeigt erneut, wie wenig die theoretischen Hürden des Waffenrechts die praktische Gefahr eindämmen. Die Polizei kontrollierte nach dem Vorfall die waffenrechtlichen Unterlagen und das Schrotgewehr der Jägerin. Offensichtlich war sie im Besitz einer legalen Waffe, hatte Ausbildung und Prüfungen absolviert, war in eine Jagdgesellschaft eingebunden und traf trotzdem zwei unbeteiligte Spaziergänger.
Legalität ersetzt keine Harmlosigkeit. Ein System, in dem Privatpersonen im Rahmen eines Hobbys regelmässig mit Schusswaffen in der Nähe von Wegen, Wohnhäusern und Spielplätzen hantieren, schafft eine strukturelle Gefährdung, die sich nie vollständig beherrschen lässt. Jede Treibjagd ist eine Wette: Man hofft, dass Geschosse nicht fehlgehen, dass niemand zufällig im falschen Moment am falschen Ort ist.
Auch Tiere zahlen den Preis
Im Fokus der Öffentlichkeit stehen verständlicherweise menschliche Opfer. Doch die Hobby-Jagd richtet auch bei Tieren enormen Schaden an, der über den «erlegten Bestand» hinausgeht. Die IG Wild beim Wild weist darauf hin, dass jedes Jahr unzählige Wildtiere durch Fehlschüsse verletzt werden und qualvoll verenden, weil sie nur angeschossen und nicht gefunden werden.
Wenn bereits deutlich sichtbare Menschen bei Tageslicht auf Wegen getroffen werden, was bedeutet das erst für ein Reh im Dickicht oder einen Fuchs, der im Halbdunkel flüchtet? Die Hobby-Jagd produziert Leid am laufenden Band, nicht nur im Moment des tödlichen Schusses, sondern auch in Form von Langzeitverletzungen, Stress in Tierfamilien, verwaisten Jungtieren.
Dass man dieses Leid mit Begriffen wie «Hege» und «Bestandsregulierung» verbrämt, macht es aus ethischer Sicht eher schlimmer als besser.
Politik im Schussfeld: Zeit für klare Konsequenzen
Der Vorfall im Landkreis Aurich wirft Fragen auf, die weit über eine einzelne Hobby-Jägerin hinausgehen:
- Warum ist es überhaupt erlaubt, Treibjagden in Bereichen durchzuführen, die von Spaziergängern, Reitern, Joggern und Familien ganz normal genutzt werden?
- Weshalb gibt es keine bundesweit einheitlichen, grosszügig bemessenen Mindestabstände zu Wegen, Wohnhäusern und anderen öffentlichen Bereichen, die konsequent überwacht und sanktioniert werden?
- Warum existiert bis heute keine zentrale, öffentlich zugängliche Statistik, die alle Jagdunfälle erfasst – inklusive der Verletzten und Getöteten unter Menschen und Haustieren?
Wer diese Fragen ernst nimmt, kommt kaum zu einem anderen Schluss: Die Hobby-Jagd, so wie sie in Deutschland praktiziert wird, ist nicht zukunftsfähig.
Kurzfristig wären zumindest folgende Schritte überfällig:
- Verbot von Treibjagden in der Nähe von Wohngebieten, beliebten Spazierwegen und Naherholungsgebieten.
- Deutlich höhere Mindestabstände für jeden Schuss in Richtung von Wegen, Häusern und anderen genutzten Flächen, kombiniert mit harten Strafen bei Verstössen.
- Bundesweite Meldepflicht für alle Jagdunfälle, zentrale Erfassung und Veröffentlichung der Daten.
Langfristig führt kein Weg an der Frage vorbei, ob ein privates Hobby mit Schusswaffen im 21. Jahrhundert noch zu rechtfertigen ist. Modelle eines professionellen, staatlich oder kommunal organisierten Wildtier- und Verkehrsmanagements existieren bereits, sie wären transparent kontrollierbar und liessen sich nach tierschutzfachlichen und sicherheitsrelevanten Kriterien gestalten – statt nach Freizeitinteressen.
Die Kugeln, die bei Grossefehn den Kopf einer Frau und den Arm eines Mannes trafen, hätten tödlich enden können. Dass es glimpflich ausging, ist Zufall, nicht Verdienst des Systems.
Solange Wälder und Felder als Jagdgebiet verstanden werden, in dem sich alle anderen «mitbedenken» sollen, werden Menschen und Tiere weiterhin zu Kollateralschäden eines gefährlichen Hobbys.
Ein wirklich modernes Verständnis von Natur sieht anders aus: Wälder und Felder als sichere Räume für Tiere und Menschen, nicht als Kulisse für Schiessübungen. Der Jagdunfall im Landkreis Aurich ist kein Betriebsunfall. Er ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Hobby-Jagd selbst das Problem ist.






