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Wildtiere

Wolfsjagd ohne Nutzen: Abschüsse schaden der Schweiz

Seit Mitte der 1990er Jahre kehrt der Wolf auf natürliche Weise in die Schweiz zurück. Die Population wächst seither deutlich: Laut Überwachungen leben Wölfe vornehmlich in Waldgebieten der Alpen, der Voralpen und im Jura. Die Anzahl der Rudel stieg: 2023 beispielsweise wurden rund 30 Rudel verzeichnet mit schätzungsweise etwa 300 Wölfen.

Redaktion Wild beim Wild — 21. November 2025

Mit der Rückkehr kam sofort das Thema Konflikte mit der Nutztierhaltung auf.

Risse von Nutztieren durch Wölfe sind inzwischen Teil vieler Bergregionen. Dennoch zeigt sich ein differenziertes Bild in Bezug auf Häufigkeit von Rissen, Herdenschutz und Populationsentwicklung des Wolfs.

Schon seit einigen Jahren setzen Behörden, Forschungsinstitute und Tierschutzorganisationen in der Schweiz vermehrt auf nicht-tötende Massnahmen. Das Zentrum KORA führt Daten zur Wolfsbestand und zu Übergriffen. Laut KORA erhalten Tierhalter bei nachweislichen Wolfsrissen Entschädigungen durch Bund und Kanton.

Gleichzeitig zeigen Statistiken, dass sich die Zahl der gerissenen Nutztiere pro Wolf mit wachsender Wolfs-Population verringert hat. Für das Jahr 2022 wurde in der Schweiz mit 1’480 gemeldeten durch Wölfe getöteten Nutztieren ein kleiner Anteil gezählt. Dabei betrafen rund 90 % der Fälle Schafe, 5 % Ziegen; Esel, Rinder oder Pferde wurden nur selten gerissen.

Ein weiterer Bundesbericht zeigt: Herdenschutzmassnahmen in der Schweiz sind wirksam. In einer Jahresbilanz 2021 erwies sich, dass bei Herden mit Herdenschutz (z. B. durch Zäune, Schutz Hunde, Herdenmanagement) die Häufigkeit von Rissen geringer war oder der Herdenschutz bei problematischen Fällen nachträglich optimiert wurde. Ein Bericht 2025 beobachtete eine stabile oder rückläufige Zahl gerissener Nutztiere in vielen Kantonen trotz leichten Anstiegs der Rudelanzahl.

In Kombination deuten diese Daten darauf hin, dass effektiver Herdenschutz die Konflikte zwischen Mensch und Beutegreifer deutlich mildern kann ohne auf flächendeckende Tötung zurückzugreifen.

Schweizer Jagdpolitik: Regulierung und Präventivabschüsse

Trotz des nachweislichen Erfolgs von Schutzmassnahmen setzt die Schweiz nach der umstrittenen Amtseinführung des SVP Bundesrates Albert Rösti auch auf irrationale Regulierung der Wolfspopulation durch Abschüsse. Im Rahmen der Regulierungsperiode 2024/2025 hat das Bundesamt für Umwelt (BAFU) der Entnahme von rund 125 Wölfen zugestimmt. Dabei wurden laut offiziellen Angaben bis Ende Januar 2025 92 Wölfe präventiv erlegt, also bevor Schäden nachgewiesen waren.

Die Kriterien für Abschüsse wurden 2023 angepasst. Laut Gesetzgebung sind nun unter bestimmten Bedingungen gezielte Abschüsse oder gar Entnahmen ganzer Rudel erlaubt, wenn Rudel als problematisch eingestuft werden. Entscheide über Regulierung verlaufen kantonal, basierend auf Anträgen und Begutachtung durch das BAFU.

Dieses Vorgehen stösst auf Kritik: Tierschutz- und Naturschutzorganisationen argumentieren, dass die Regulierungspolitik zu vorschnell und zu breit angelegt sein kann. Es wird bemängelt, dass nicht alle geschossenen Wölfe tatsächlich für hohen Nutztier-Schaden verantwortlich waren. Auch der Vorschlag eines Minimums von 20 Rudeln zur Gewährleistung des Erhaltungszustands wurde laut Berichten von Behörden ignoriert.

Verknüpfung zur slowakischen Fallstudie

Eine aktuelle Analyse aus der Slowakei zeigte, dass die öffentliche, quotenbasierte Jagd auf Wölfe über mehrere Jahre hinweg nicht zu einer Reduktion von Nutztiersschäden führte. In der slowakischen Studie war weder auf Bezirksebene noch über verschiedene methodische Ansätze ein signifikanter Zusammenhang zwischen Anzahl erlegter Wölfe und gemeldeten Schäden festgestellt worden.

Wenn man die Ergebnisse der Schweiz neben diese slowakische Evidenz stellt, lassen sich brisante Schlussfolgerungen ziehen: Ein brutales oder auf Tötung ausgelegtes Management garantiert keine Reduktion von Konflikten zwischen Mensch und Tier. Umwelt- und Tierschutzexperten verweisen daher immer wieder darauf, dass eine Kombination aus gutem Monitoring und Schutzmassnahmen langfristig sinnvoller ist als pauschale Abschusspraktiken.

Kritik und Risiken: Was Jagd für die Wolfspopulation bedeutet

Die rücksichtslose Regulierung birgt Risiken für den Fortbestand des Wolfs in der Schweiz. Wölfe leben in Familienverbänden mit starken territorialen Bindungen und benötigen ausreichend grosse Reviere. Laut KORA umfasst ein Rudel in den Alpen eine Home-Range von etwa 50–300 km².

Wenn Abschüsse nicht gezielt auf auffällige oder problematische Tiere beschränkt bleiben, kann sich dies auf die soziale Struktur von Rudeln auswirken und unbeabsichtigte Konsequenzen nach sich ziehen. Fehlende Transparenz bei Abschussentscheidungen sowie der Tatbestand, dass Tiere reguliert werden, bevor ein tatsächlicher Schaden eingetreten ist, werfen ethische und wissenschaftliche Fragen auf.

Die Politik der Regulierung beruht nicht allein auf Populationszahlen. Sie wird zugleich von sozialen Spannungen mit Weidetierhaltern und Jagdinteressen beeinflusst. Doch gerade weil die Schweiz über starke wissenschaftliche Institutionen und Monitoringsysteme verfügt, sollten Entscheidungen auf klaren Daten statt Angstmacherei aus dem Politik- und Jagdmilieu basieren.

Forderung: Für eine konsequent tierschutzorientierte Strategie

Aus Sicht des Tierschutzes und für eine nachhaltige Koexistenz zwischen Wolf und Weidetierhaltung ist folgendes strategisches Umdenken wichtig:

  • Priorität für Herdenschutzmassnahmen: Elektrische Zäune, Schutz durch Herdenschutzhunde, aktive Überwachung und Schulung von Alpen-Hirten müssen systematisch und flächendeckend ausgebaut werden.
  • Evidenzbasierte Regulierung: Abschüsse sollten auf klar definierte und dokumentierte Problem-Individuen oder Rudel beschränkt bleiben. Pauschale oder präventive Regulierung ohne vorherigen Schaden untergräbt langfristig Vertrauen und Artenschutz.
  • Monitoring und Transparenz: Populationsdaten, Schadenstatistiken und Entscheidungsprozesse zu Abschüssen müssen offen einsehbar sein für unabhängige Prüfungen und Forschung.
  • Dialog mit Weidetierhaltern: Staatliche Stellen sollten indigene und bäuerliche Bevölkerung mit einbeziehen, Fragen ernst nehmen und gemeinsam tragbare Lösungen entwickeln, ohne reflexhafte Flucht in die Waffe.
  • Langfristige Strategie: Wolfsschutz, Landwirtschaft und gesellschaftliche Akzeptanz dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ein nachhaltiges Management braucht Planung über Legislaturperioden hinweg.

Die Ergänzung der slowakischen Fallstudie mit der Schweizer Realität legt nahe, dass Tötung von Wölfen allein keine hinreichende Strategie zur Schadensminderung ist. Die Schweiz hat mit dem Ausbau von Herdenschutzmassnahmen und einem gut aufgestellten Monitoring bereits bewiesen, dass Konflikte gemildert werden können, wenn man auf Prävention statt Reflexe setzt.

Eine Politik, die reflexartig auf Abschüsse setzt, ohne die komplexen Dynamiken von Wolfssozialstruktur, Weidetierhaltung und Landschaft zu berücksichtigen, ist nicht nur aus tierschutzethischer Sicht fragwürdig sondern riskiert auch langfristige soziale und ökologische Schäden. Wildtiermanagement muss wissenschaftlich fundiert, verantwortungsvoll und mit Blick auf alle Beteiligten erfolgen.

Dossier: Wolf Schweiz: Fakten, Politik und Grenzen der Jagd

Mitmach-Aktion: Fordert bei Eurer Gemeinde aufgrund der katastrophalen Politik von Bundesrat Albert Rösti (SVP) ein Erlassgesuch für die Bundes- und Kantonssteuern aufgrund des neulich bewilligten Abschusses von Wölfen in der Schweiz. Den Musterbrief könnt ihr hier downloaden: https://wildbeimwild.com/ein-appell-fuer-eine-veraenderung-in-der-schweiz/

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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