Euleneltern als Team, nicht als «Raubzeug»
Schleiereulen zeigen eindrücklich, wie fürsorglich und kooperativ Wildtiere ihren Nachwuchs grossziehen und wie sehr eine von Agrar- und Jagdlobby geprägte Politik diesen geschützten Mäusejäger trotz Jagdverbot unter Druck setzt.
Ein Forschungsteam der Universität Lausanne und der Vogelwarte Sempach hat 68 Schleiereulen-Brutpaare in der Westschweiz mit GPS- und Beschleunigungssensoren überwacht.
Die Auswertung zeigt: Grundsätzlich ist das Männchen Hauptversorger, während das Weibchen im Schnitt rund 27 Prozent der Beute einträgt. Lässt die Jagdleistung des Männchens nach, etwa durch weniger Flüge oder geringere Erfolgsquote, erhöht das Weibchen seinen Einsatz, jagt länger und übernimmt einen grösseren Teil der Futterbeschaffung. Paare, die ihre Jagdzeiten gut koordinieren, treffen sich häufiger am Nest und teilen die Versorgung der Jungen gleichmässiger; ihre Küken haben signifikant bessere Chancen, flügge zu werden.
Besonders profitieren die zuletzt geschlüpften, kleinsten Nestlinge: Wo die Mutter mehr jagt und die Eltern eng kooperieren, nehmen sie stärker zu und entwickeln bessere Flügel. Dieses fein austarierte Familiensystem steht in scharfem Kontrast zur groben Kategorisierung vieler Wildtiere als «Niederwild» oder «Raubwild» in jagdlichen Debatten und macht deutlich, wie weit die emotionale Realität der Tiere von der technischen Sprache der Hobby-Jagd entfernt ist.
Streng geschützt und trotzdem Opfer unseres Systems
Rechtlich ist die Schleiereule in Europa eine geschützte Art: Sie unterliegt der EU-Vogelschutzrichtlinie, ist in vielen Ländern als streng geschützt eingestuft und steht in der Schweiz auf der Roten Liste beziehungsweise gilt als potenziell gefährdet. Sie ist weder Jagdwild noch «jagdbar». Ein Abschuss wäre in der Regel eine Straftat und hätte nichts mit regulärer Jagdausübung zu tun. In der Schweiz brüten Schätzungen zufolge nur noch einige Hundert bis rund 1’000 Paare, vor allem im Mittelland nördlich der Alpen, was die Empfindlichkeit der Art für Lebensraumveränderungen unterstreicht.
Trotz dieses Schutzstatus geraten Schleiereulen zwischen die Fronten von Agrar- und Jagdpolitik, die die offene Kulturlandschaft primär als Produktions- und Jagdfläche betrachten. Während sich die Jagdseite gerne mit Begriffen wie «Hege» schmückt, werden die realen Gefährdungsursachen, intensive Landwirtschaft, Pestizide, Rodentizide, Strukturarmut in der Landschaft und Verkehr, politisch oft weicher angefasst als der Schutz wild lebender Tiere, wie wildbeimwild.com in zahlreichen Beiträgen zu anderen Arten zeigt.
Mäusegift statt Mäusejäger: Tödliche Logik der Rodentizide
Schleiereulen leben wie der Fuchs von Kleinsäugern, vor allem Wühlmäusen und anderen Mäusen, und leisten damit eine enorme ökologische Dienstleistung für die Landwirtschaft. Ein Brutpaar vertilgt pro Saison Tausende Mäuse und könnte vielerorts die Rolle einer natürlichen «Schädlingsbekämpfung» übernehmen, würde man es lassen. Stattdessen setzen Landwirtschaft und Schädlingsbekämpfung in Europa nach wie vor in grossem Stil Rodentizide, also Nagetiergifte, ein, insbesondere Antikoagulanzien der zweiten Generation, die sich in der Nahrungskette anreichern.
Dokumentationen aus Deutschland und anderen Ländern zeigen, dass Beutegreifer wie Schleiereule, Uhu, Waldkauz, Turmfalke, Mäusebussard, Rotmilan oder Fuchs sekundär vergiftet werden können, wenn sie vergiftete Mäuse fressen. Langzeitmonitorings an Schleiereulen weisen in Teilen Europas eine weitverbreitete Belastung mit Rodentiziden nach, während ein systematisches Monitoring in vielen Staaten fehlt. Genau hier verschränken sich Agrar- und Jagdlobby: Statt natürliche Beutegreifer als Verbündete zu fördern, werden Giftstrategien verteidigt, die auch streng geschützte Arten treffen und damit die glaubwürdige «Hege»-Rhetorik der Hobby-Jagd ad absurdum führen.
Stress, Strukturarmut und die Rolle der Politik
Die Forschung zur Schleiereule macht deutlich, wie sensibel die Art auf Veränderungen in der Kulturlandschaft reagiert: Mäusezyklen, Strukturvielfalt und Nistmöglichkeiten bestimmen, ob ein Brutjahr erfolgreich wird oder scheitert. Studien der Vogelwarte zeigen, dass bereits leicht erhöhte Stresshormonwerte bei Jungvögeln erhebliche Auswirkungen auf elterliche Fürsorge, Wachstum und Organismus haben können. Intensive Landwirtschaft mit grossen, strukturarmen Flächen, wenig Brachland, versiegelten oder sanierten Gebäuden und dichter Verkehrsinfrastruktur verschärft diesen Stress und reduziert gleichzeitig das Nahrungsangebot.
Die Jagdpolitik tritt in diesem Kontext selten als Anwältin der Beutegreifer auf, sondern verteidigt häufig einen Nutzungsanspruch auf dieselbe Landschaft: mehr Jagdbetrieb, mehr Feldwege, mehr Hochsitze, mehr «Bewirtschaftung» von Feld und Wald. Während streng geschützte Arten auf dem Papier Sicherheitsnetze haben, fehlt es an konsequentem Vollzug, verbindlichen Auflagen gegen Gifte und einer Agrarpolitik, die Biodiversität nicht als Randthema behandelt. Themen, die wildbeimwild.com im Zusammenhang mit anderen Wildtieren regelmässig adressiert.
Jagdkritik im Lichte der Schleiereulen-Familien
Die neue Studie zeigt Eltern, die ihre Jagdzeiten aufeinander abstimmen, ihren Einsatz flexibel anpassen und besonders für die schwächsten Küken mehr riskieren. Diese Realität eines hochsozialen, empfindlichen Wildtiers kollidiert mit einem jagdlichen Weltbild, das Wild primär als Ressource, Regulierungsobjekt oder Kulisse versteht und in dem Lebensräume für jagdbare Arten optimiert, aber für geschützte Mäusejäger wie die Schleiereule gleichzeitig toxischer werden.
Eine jagdkritische Perspektive auf Schleiereulen muss deshalb nicht den Tatbestand einer verbotenen Eulenjagd konstruieren, sondern die strukturelle Verantwortung der Jagd- und Agrarlobby benennen: die Verteidigung von Rodentiziden, die Duldung von Landschaftsverarmung, die Fixierung auf jagdbare Arten und die anhaltende Romantisierung einer «Hege», die die Bedürfnisse streng geschützter Beutegreifer kaum abbildet. Das Bild der Schleiereulen-Eltern, die nachts unermüdlich Mäuse jagen, um ihre Jungen durchzubringen, steht sinnbildlich für einen Artenschutz, der mehr verdient als wohlklingende Gesetze: nämlich eine Landwirtschaft und Jagdpolitik, die diese Familien nicht länger indirekt vergiftet.
Unterstütze unsere Arbeit
Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.
Jetzt spenden →