In Frankreich schlägt die Jagdlobby Alarm: Hobby-Jäger würden immer öfter zur Zielscheibe von «Gewalt».
Das Jagdportal Chassons.com berichtet über 229 «signalements», also Meldungen über angebliche Übergriffe, die zwischen dem 1. Juni 2024 und dem 31. Mai 2025 beim «Observatoire des violences faites aux chasseurs» eingegangen sein sollen. Dieses «Observatorium» wird von der Fédération nationale des chasseurs (FNC), dem zentralen Jagdverband Frankreichs, betrieben.
Die Botschaft: Die Jagd sei nicht das Problem, sondern das Opfer. Doch ein genauer Blick auf Zahlen, Quellen und blinde Flecken zeigt vor allem eines: Hier wird eine Opfererzählung konstruiert, die von der tatsächlichen Gewalt der Jagd auf Tiere, die Umwelt und andere Menschen ablenkt.
229 Meldungen – was steckt dahinter?
Laut FNC wurden im Zeitraum 2024/2025 genau 229 «acte malveillants anti-chasse» gemeldet. 65 dieser Meldungen führten zu einer Anzeige bei der Polizei, also knapp 28 Prozent. In den Vorjahren lag dieser Anteil nach eigenen Angaben der FNC bei unter 15 Prozent.
Die FNC differenziert die gemeldeten Vorfälle:
- Rund 63,3 Prozent betreffen Sachbeschädigung oder Diebstahl von jagdlicher Infrastruktur wie Hochsitzen, Hütten oder Jagdeinrichtungen sowie Angriffe auf Jagdhunde
- Etwa 36,7 Prozent beziehen sich auf «atteintes aux personnes», also Beleidigungen, Verleumdungen oder Drohungen gegen Hobby-Jäger
Schon die Begriffswahl ist auffällig: Aus Sachbeschädigung oder verbalen Konflikten wird in der Kommunikation der Verbände «Violence», also Gewalt. Medial weiterverbreitet – etwa über La Dépêche du Midi und jagdfreundliche Portale – entsteht ein Eindruck flächendeckender Bedrohungslage gegen Jäger.
Nicht erwähnt wird, welche Vorfälle genau in die Statistik eingehen, wie sie verifiziert werden und wie viele Meldungen sich als unbegründet oder strafrechtlich irrelevant herausstellen. Das «Observatoire» ist freiwillig, betrieben von der Jagdlobby selbst, und weder unabhängig noch vollständig. Schon das macht es eher zu einem Kampagneninstrument als zu einem neutralen Sicherheitsindikator.
229 Meldungen vs. 1,56 Millionen getötete Tiere
Die gleiche Lobby, die 229 Meldungen über Sachbeschädigung und Beleidigungen als dramatischen «Gewaltbefund» verkauft, veröffentlicht parallel einen anderen, viel aufschlussreicheren Zahlensalat: Laut FNC und dem Office français de la biodiversité (OFB) wurden in der Saison 2024–2025 allein an grossen Huftieren etwa 1,56 Millionen Tiere durch Hobby-Jäger getötet, darunter rund 881’000 Wildschweine und über 90’000 Rothirsche – beides Rekordwerte.
Mit anderen Worten: Während 229 Jagdgegner-Vorfälle politisch ausgeschlachtet werden, dokumentieren die offiziellen Tabellen derselben Szene millionenfache Tötungen von Wildtieren pro Jahr. Die strukturelle Gewalt der Hobby-Jagd – als Freizeitvergnügen, als «Managementinstrument», als Geschäft – wird dabei nicht als Gewalt wahrgenommen, sondern als normal, notwendig und sogar als «Dienst an der Natur».
Wer ist in diesem System tatsächlich die Zielscheibe?
Jagdunfälle, «verirrte Kugeln» und die Angst der Bevölkerung
Im Artikel von Chassons.com werden auch die offiziellen Unfallzahlen des OFB zitiert. Die Botschaft: Die Angst vor einer «verirrten Kugel» sei übertrieben, die Hobby-Jagd insgesamt sicher, die Kritik hysterisch.
Die eigenen Zahlen erzählen jedoch eine andere Geschichte:
- In der Saison 2024–2025 verzeichnete das OFB 100 Jagdunfälle mit Schusswaffen, 11 davon tödlich, allesamt getötete Jäger.
- Offiziell wurden 16 Nichtjäger verletzt, drei davon schwer.
- Zusätzlich registrierte das OFB 135 schwerwiegende «Incidents», darunter 58 Schüsse in Richtung von Wohnhäusern, 27 auf Fahrzeuge und 50 Fälle, in denen Haustiere getroffen oder gefährdet wurden.
Tierschutzorganisationen wie die ASPAS weisen zu Recht darauf hin, dass diese Zahlen die Realität eher unterschätzen: Viele Vorfälle werden nie gemeldet, gerade wenn «nur» Sachschäden entstehen oder Betroffene aus ländlichem Anpassungsdruck schweigen.
Von «eingebildeter» Angst kann angesichts von Schüssen in Richtung Häuser, Strassen und Hunde schwerlich die Rede sein. Dass in den letzten Jahren keine Nichtjäger tödlich getroffen wurden, ist ein Glücksfall, kein Sicherheitsnachweis.
Wenn die Täterrolle kommunikativ gedreht wird
Die Erzählung, Hobby-Jäger seien eine bedrohte Minderheit, passt hervorragend in die strategische Kommunikation der französischen Jagdlobby. Das «Observatoire des violences faites aux chasseurs» wurde 2020 ausdrücklich von der FNC geschaffen, um Meldungen über angebliche Übergriffe zu sammeln und öffentlichkeitswirksam auszuspielen.
Die Mechanik dahinter:
- Begriffe verschieben:
Sachbeschädigung an einem Hochsitz oder ein wütender Kommentar am Waldrand werden in den gleichen Deutungsrahmen gestellt wie reale körperliche Gewalt. - Kritik delegitimieren:
Wer Jagd kritisiert oder Aktionen gegen Treibjagden, Fasanenfarmen oder Fuchsjagd organisiert, läuft Gefahr, in dieser Statistik zu landen. Legitime Protestformen verschwimmen so mit strafbaren Handlungen. - Politischen Druck erzeugen:
Mit der Opfererzählung verlangt die FNC «Schutz» durch Gesetzgeber und Behörden, während gleichzeitig schärfere Regeln für Jagd, Waffen und Jagdzeiten abgewehrt werden sollen.
Bemerkenswert ist, dass das Observatorium ausdrücklich als «nicht erschöpfend» beschrieben wird, da Meldungen freiwillig sind. Wenn es der Lobby nützt, wird diese Unschärfe jedoch nicht als methodische Schwäche, sondern als Hinweis auf ein angeblich noch grösseres Dunkelfeld propagiert.
Was in dieser Debatte konsequent fehlt: die Tiere
In all diesen jagdfreundlichen Artikeln fehlt eine Perspektive konsequent: die der Tiere.
Während 229 Meldungen über beschädigte Ansitze, beschmierte Jagdschilder oder verbale Auseinandersetzungen breit beklagt werden, werden hunderttausende Wildschweine, zehntausende Hirsche, Rehe und andere Wildtiere als blosse «Stücke» im «Tableau de chasse» geführt.
Die Sprache macht den Blick frei für Gewalt nach außen:
- Tiere werden «entnommen», «reguliert», «über den Winter geholfen» und dann «verwertet».
- Abschüsse sind «Erfüllung des Plans», nicht das gewaltsame Beenden eines Lebens.
Wer die Debatte ehrlich führen will, kann die Frage nicht ausklammern, ob ein Hobby, das Millionen Wildtiere pro Jahr tötet und regelmässig Menschen gefährdet, überhaupt noch in eine moderne, natur- und tierschutzorientierte Gesellschaft passt.
Gewaltspirale oder Konflikt um Lebensräume?
Dass es im ländlichen Raum zu Spannungen kommt, überrascht nicht:
- Hobby-Jäger beanspruchen an vielen Tagen im Jahr faktisch eine Art Exklusivrecht auf Wälder und Felder.
- Spaziergänger, Reiterinnen, Radfahrende und andere Naturnutzer erleben Schüsse in Hör- oder Sichtweite, Strassensperren, aggressive Ansprache, Warnschilder und «Privatjagd – Zutritt verboten».
- Landwirtinnen und Landwirte werden von Verbänden zugleich als «Partner» und als Argument für hohe Abschusszahlen instrumentalisiert, während Wildtiere zu dauerhaften Sündenböcken degradiert werden.
Wenn in diesem Spannungsfeld gelegentlich ein Hochsitz angesägt oder ein Jagdplakat überklebt wird, ist das rechtlich klar zu verurteilen. Es ist aber auch ein Symptom eines tieferliegenden Konflikts um die Frage, wem Natur gehört und wessen Interessen Vorrang haben.
Die Jagdlobby reduziert diesen Konflikt auf «Radikalisierung von Jagdgegnern». Wer Tiere töten möchte, wird zum Opfer erklärt, wer die Hobby-Jagd kritisiert, zum potenziellen Täter.
Was eigentlich nötig wäre
Statt immer neuer PR-Kampagnen zur emotionalen Aufladung der «Gewalt gegen Jäger» bräuchte es:
- Unabhängige, transparente Erfassung aller jagdbezogenen Risiken
Unfall- und Vorfallstatistiken bis hin zu Beinahe-Treffern sollten von einer unabhängigen Behörde geführt und öffentlich zugänglich sein, getrennt von Lobbyinteressen. - Klare Schutzräume und jagdfreie Zeiten
Forderungen nach mindestens einem bundesweiten Tag ohne Jagd und wirksamen Sicherheitsabständen zu Siedlungen und Wegen wären logische Konsequenzen aus den OFB-Daten, nicht radikale Extremforderungen. - Politische Debatte über die Rolle der Freizeitjagd
Angesichts von Millionen getöteten Tieren, steigenden Vorfallzahlen und wachsendem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung ist zu fragen, ob die privat organisierte Hobby-Jagd in ihrer heutigen Form noch zeitgemäss ist oder ob alternative, staatlich kontrollierte Modelle der Bestandslenkung diskutiert werden sollten. - Ehrlichkeit beim Begriff „Gewalt“
Wer jede Kritik an der Jagd zur «Gewalt» erklärt, verharmlost reale körperliche Angriffe und kriminalisiert demokratischen Protest. Gewalt beginnt nicht beim angekratzten Image der Jagdlobby, sondern beim Einsatz tödlicher Waffen gegen fühlende Wesen.
Die 229 Meldungen des französischen Jagd-«Observatoriums» erzählen weniger über eine angeblich verfolgte Jägerschaft als über eine hochprofessionelle Kommunikationsstrategie. Eine Branche, die jedes Jahr Millionen Tiere tötet und deren Praxis nachweislich Menschen und Haustiere gefährdet, versucht, sich selbst als bedrohte Minderheit zu stilisieren.
Wer die Hobby-Jagd kritisch sieht, sollte sich von dieser Umdeutung nicht einschüchtern lassen. Die Frage, ob es in Zeiten von Artenkrise, Klimakrise und wachsendem Tierschutzbewusstsein noch einen Platz für die blutige Freizeitjagd gibt, bleibt dringender denn je.
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