Im September 2025 findet die Bündner Wildhut in der Val Poschiavo einen toten Wolf, ein männliches Tier mit klar erkennbarer, tödlicher Schussverletzung.
Die Bündner Staatsanwaltschaft hat nach dem Fund eines illegal getöteten Wolfes im Puschlav ein Strafverfahren gegen einen Hobby-Jäger eingeleitet. Die Polizei ermittelte zuvor zusammen mit den Wildüberwachungsbehörden.
Im betroffenen Gebiet ist zu diesem Zeitpunkt kein einziger Wolf zum Abschuss freigegeben, weder durch den Kanton noch durch den Bund. Der Kadaver wird für forensische und biologische Untersuchungen an das Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin (FIWI) in Bern überführt; parallel übernimmt die Kantonspolizei Graubünden die Ermittlungen, es wird eine Strafuntersuchung wegen mutmasslicher Wilderei eingeleitet.
Die Behörden betonen, dass die genetischen und forensischen Analysen Wochen dauern können, während die Strafuntersuchung ohne Zeitplan voranschreitet. Juristisch droht für Wilderei in der Schweiz eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Busse, doch die Erfahrung mit früheren Fällen illegaler Wolfsabschüsse zeigt, dass Täter oft unentdeckt bleiben oder Verfahren im Sand verlaufen.
Puschlav: Konfliktregion mit Vorgeschichte
Der Puschlav-Fall fällt nicht vom Himmel, er reiht sich ein in eine Region, die seit Jahren mit dem Wolf ringt. Bereits 2022 sorgt eine Begegnung auf der Alp Grüm für Schlagzeilen: Ein Wolf folgt einer Person mehrere Minuten und knurrt sie an; der Vorfall wird als «aussergewöhnlich» eingestuft, Medien und Jagdkreise instrumentalisieren ihn sofort als Beleg für eine angeblich wachsende Gefahr. Gleichzeitig dokumentiert der Kanton, dass im Puschlav mehrere Wölfe unterwegs sind, ohne dass es zu systematischen Angriffen auf Menschen kommt.
Die Region steht exemplarisch für einen konfliktgeladenen Alpenraum, in dem historische Wolfsfeindlichkeit, jagdliche Tradition und wirtschaftliche Interessen des Landwirtschafts- und Tourismuslobbys aufeinandertreffen. Wo Wölfe vor allem als Störung der Jagdplanung und als Konkurrenz um Hirsche und Rehe wahrgenommen werden, gedeiht ein Klima, in dem illegale Abschüsse als «Notwehr» oder «Korrektur der falschen Politik» verklärt werden.
Wilderei als Symptom eines jagdlichen Systems
Der gewilderte Wolf im Puschlav ist kein isolierter Einzelfall, sondern Teil eines Musters, das sich quer durch den Alpenraum zeigt. In Graubünden wurde bereits 2014 ein Jungwolf aus dem Calanda-Rudel illegal angeschossen; das Tier starb nach tagelangen Qualen, der Schütze wurde nie gefunden, die Ermittlungen wurden eingestellt. Ähnliche Fälle von auf frischer Tat ertappten Wolfs-Wilderern werden auch in Nachbarländern dokumentiert, oft aus dem Umfeld der organisierten Hobby-Jagd.
Die Hobby-Jagdlobby inszeniert sich zwar gern als Garant von «Hege» und «Naturverbundenheit», gleichzeitig zeigen Statistiken und wissenschaftliche Analysen, dass gerade die Hobby-Jagd massiv zur Störung von Wildtieren beiträgt und für das Verschwinden zahlreicher Arten mitverantwortlich war. Das Konkurrenzdenken ist strukturell angelegt: Der Wolf jagt für das Ökosystem, selektiv und energieeffizient, während die Hobby-Jäger mit Waffe Wildbestände künstlich manipulieren und für unausgewogene Wildtierbestände sorgen.
Milde Gesetze, schwache Signale
Rechtlich bewegt sich Wilderei in der Schweiz in einem erstaunlich milden Rahmen: Für das illegale Erlegen geschützter Arten wie des Wolfes sieht das Strafgesetz in aller Regel maximal ein Jahr Freiheitsstrafe oder eine Busse vor. In der Praxis bedeutet dies häufig bedingte Strafen und symbolische Geldbeträge, die in keinem Verhältnis zur Tötung eines geschützten Beutegreifers und dem Schaden am Ökosystem stehen.
Die Signalwirkung ist verheerend: Wer weiss, dass die Chancen, erwischt zu werden, gering sind und im schlimmsten Fall eine milde Sanktion droht, kann den Abschuss eines Wolfes als kalkulierbares Risiko betrachten. Unterstützt wird diese Haltung durch politische Kampagnen, welche den Wolf zum Sündenbock für strukturelle Probleme der Landwirtschaft, der Tourismuspolitik und des jagdlichen Managements machen.
Was der Fall Puschlav jetzt braucht
Wenn der gewilderte Wolf im Puschlav mehr sein soll als eine Randnotiz in der Kriminalstatistik, braucht es drei Konsequenzen.
- Erstens eine konsequente Aufklärung des Falls, inklusive der Frage, aus welchen jagdlichen oder politischen Kreisen der Täter Unterstützung oder Rückendeckung erfährt.
- Zweitens eine deutliche Verschärfung der Strafpraxis bei Wilderei, insbesondere wenn es um geschützte Arten geht.
- Drittens eine ehrliche Debatte über die Rolle der Hobby-Jagd in einem modernen Naturschutz, in der der Wolf als ökologischer Partner und nicht als Feindbild verhandelt wird.
Solange Jagdverbände sich weigern, diese Systemfrage zu stellen und Wilderei im eigenen Umfeld klar zu ächten, bleibt jeder weitere tote Wolf im Gebirge auch ein Symbol für das Versagen eines ganzen kriminellen Milieus.
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