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Wildtiere

Mehr Geld für Schutzhunde, weniger Platz für Wölfe

Wie der Bund die Herdenschutzkasse füllt und gleichzeitig der Jagdlobby den Weg freischiesst.

Redaktion Wild beim Wild — 2. Dezember 2025

Der Bund knickt ein und erhöht den Beitrag für Herdenschutzmassnahmen wieder auf 80 Prozent.

Politisch wird das als Sieg verkauft. Doch im Hintergrund laufen Vorstösse, die den Abschuss von Wölfen massiv erleichtern würden. Für die Wildtiere ist der Entscheid deshalb ein gemischter Segen.

Ende November hat der Bundesrat die Jagdverordnung erneut angepasst. Herdenschutzmassnahmen wie Zäune, Nachtpferche und Schutzhunde sollen künftig wieder mit bis zu 80 Prozent vom Bund mitfinanziert werden, nachdem der Beitrag zuvor als Sparmassnahme auf 50 Prozent reduziert worden war.

Auslöser war eine Motion des Bündner Mitte-Ständerats Stefan Engler. Er verlangte, dass der Bund seinen Anteil wieder auf das frühere Niveau anhebt. Beide Räte stimmten zu, der Bundesrat vollzieht jetzt den Auftrag.

Für Kantone wie Graubünden, die stark in den Herdenschutz investiert haben, ist das ein Aufatmen. Laut Recherchen der Südostschweiz arbeiten allein auf Bündner Alpen rund 400 Herdenschutzhunde.

Die Kehrtwende zeigt aber vor allem eines: Die Finanzierung des Herdenschutzes wird je nach politischer Stimmung hoch- und heruntergedreht wie ein Lautstärkeregler, während die betroffenen Tiere in den Alpen konstant im Lärm von Schüssen, Jagdhunden und menschlichen Ansprüchen leben müssen.

Herdenschutz als Feigenblatt

Die offizielle Botschaft lautet: mehr Geld für Herdenschutz, weniger Konflikte, mehr gesellschaftliche Akzeptanz des Wolfs. Doch die Zahlen erzählen eine andere Geschichte.

Die Zahl der Herdenschutzhunde in der Schweiz hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten vervielfacht. Im Rahmen des Bundesprogramms stieg der Bestand von 42 Hunden im Jahr 2003 auf über 300 Tiere auf den Alpen.

Gleichzeitig wurde das Jagdrecht so angepasst, dass Wolfsrudel proaktiv reguliert werden können. Seit Februar 2025 gilt die revidierte Jagdverordnung, die zwar formell am Schutzgedanken festhält, aber Herdenschutz und den Schutz anderer Arten wie des Bibers abschwächt.

Ein Bericht des Bundes zeigt: Für das Monitoringjahr 2024/25 wurden rund 36 Wolfsrudel und etwa 320 Wölfe nachgewiesen. In zwei Regulierungsperioden haben die Kantone insgesamt 130 Wölfe abschiessen lassen, teils ganze Rudel. Pro Natura spricht davon, dass im Winter 2024/25 ein sehr hoher Anteil der Schweizer Wolfspopulation getötet wurde, teilweise ganze Rudel.

Mit anderen Worten: Der Bund zahlt für mehr Zäune und mehr Hunde, während er gleichzeitig die Büchse der Hobby-Jäger weiter lädt.

Die Schattenseite der Schutzhunde

Herdenschutzhunde werden in vielen Medien als Heldengestalten inszeniert: treue Beschützer, die selbstlos Schafe verteidigen. Wer genauer hinschaut, entdeckt Konflikte, die in der Debatte kaum vorkommen.

Offizielle Ratgeber von CH Wolf, SAC und Wandersites warnen seit Jahren vor problematischen Begegnungen. Die typische Reaktion eines Herdenschutzhundes, wenn sich eine Person der Herde nähert: Der Hund rennt bellend auf Menschen zu, stellt sich in den Weg und drängt sie ab.

Deshalb gibt es in der Schweiz mittlerweile Merkblätter, Onlinekarten mit Einsatzgebieten von Schutzhunden und ganze Verhaltenskampagnen für Wandernde und Biker. Das heisst im Klartext: Damit Schafe weiterhin in grosser Zahl weitgehend unbeaufsichtigt in Wildtiergebieten weiden können, muss sich die Öffentlichkeit an teils heikle oder potenziell gefährliche Hundebegegnungen gewöhnen.

Hinzu kommt die Perspektive der Hunde selbst. Sie werden auf den Alpen oft unter anspruchsvollen Bedingungen gehalten, leben über Monate im Hochgebirge, arbeiten weitgehend autonom und werden dazu erzogen, alles Fremde abzuwehren. Für die Schafe sind sie nicht selten zusätzliche Stressfaktoren. Tierethisch ist das weit entfernt von einem harmonischen Idyll.

Selbst Pro Natura, die Herdenschutz grundsätzlich als Voraussetzung für Koexistenz bezeichnet, spricht offen von einem Akzeptanzproblem in der Bevölkerung.

Wer tötet die Schafe wirklich

Politisch werden Wölfe weiterhin als Hauptbedrohung für die Schafhaltung dargestellt. Die offiziellen Statistiken zeichnen ein anderes Bild.

Eine Auswertung von Medienberichten und Zahlen des Bundes zeigt: In der Schweiz sterben jährlich rund 56’000 Schafe, die nicht geschlachtet werden, sondern verenden. Ursache sind vor allem Krankheiten, Parasiten, Witterung und Haltungsbedingungen.

Der Wolf ist daran nur in geringem Ausmass beteiligt. Laut einer Analyse von Naturschutzorganisationen werden vermutlich etwa 1’000 Schafe pro Jahr von Wölfen gerissen, das entspricht weniger als 2 Prozent der verendeten Tiere. Bezieht man auch die geschlachteten Tiere ein, liegt der Anteil der vom Wolf verursachten Todesfälle bei unter 0,5 Prozent aller getöteten Schafe in der Schweiz.

Pro Natura weist zudem darauf hin, dass ein grosser Teil der von Wölfen erbeuteten Tiere ungeschützt war, obwohl Herdenschutzmassnahmen verfügbar gewesen wären.

Mit anderen Worten: Der politische Fokus auf den Wolf lenkt von strukturellen Problemen in der Schafhaltung ab. Die wahren Verlustursachen liegen im System, nicht im Raubtier.

Politische Front: Mehr Abschüsse, auch im Schutzgebiet

Während der Bund beim Herdenschutz zurückrudert, drücken die jagdnahen Kräfte beim Wolf aufs Gaspedal.

Im Ständerat wurden im September zwei Motionen mit deutlicher Mehrheit überwiesen. Die eine stammt von SVP-Ständerätin Esther Friedli. Sie verlangt, dass Wölfe auch in Jagdbanngebieten abgeschossen werden dürfen, sofern eine Abschussbewilligung vorliegt. Jagdbanngebiete sind eigentlich die letzten Rückzugsräume für Wildtiere wie Alpenschneehuhn oder Auerhuhn. Wenn dort künftig regulär geschossen wird, trifft es nicht nur Wölfe.

Die zweite Motion kommt von FDP-Ständerat Pascal Broulis. Er will, dass sogenannte Problemwölfe ganzjährig reguliert werden können, auch wenn sie Teil eines Rudels sind oder sich im Streifgebiet eines Rudels aufhalten. In der Praxis öffnet das Tür und Tor für weitreichende Abschüsse in Familienverbänden, deren soziale Struktur ohnehin schon durch die bisherige Regulierung massiv gestört ist.

Mehrere Umweltverbände warnen, dass mit diesen Vorstössen erst kürzlich verschärfte Regeln noch einmal zugunsten der Jagdlobby verbogen würden. Auch IG Wild beim Wild hat sich bereits früher kritisch mit Friedlis Rolle in der Wolfspolitik auseinandergesetzt, weil sie konsequent auf Bestandsreduktion statt auf seriösen Herdenschutz setzt.

Während also Schutzhunde staatlich gefördert werden, um die Anwesenheit von Wölfen theoretisch erträglich zu machen, wird politisch daran gearbeitet, genau diese Wölfe möglichst flächendeckend schiessen zu können. Das ist der zentrale Widerspruch der aktuellen Politik.

Gericht bremst Willkür, Politik zieht wieder an

Immerhin hielt das Bundesgericht fest, dass vor einem Wolfsabschuss ein wirksamer und zumutbarer Herdenschutz nachgewiesen werden muss. Eine Abschussbewilligung ohne saubere Prüfung der Umstände ist rechtswidrig, weil sie dem gesetzlichen Schutzstatus des Wolfs widerspricht.

Doch statt dieses Urteil zum Anlass zu nehmen, die Jagdpraxis zu korrigieren, versucht die Politik, mit neuen Motionen und Verordnungsänderungen die Latte für Abschüsse wieder tieferzulegen.

Was aus Sicht des Tierschutzes nötig wäre

Wenn man den Entscheid zu den 80 Prozent Herdenschutzbeitrag ernst nimmt und nicht nur als Beruhigungspille verstehen will, müsste die Schweiz jetzt konsequent umsteuern:

  1. Klare Mindeststandards für Tierhaltung in Wolfsgebieten
    Schafe dauerhaft unbewacht im steilen Gelände auszusetzen und dann den Wolf zum Sündenbock zu machen, ist nicht verantwortbar. Betreuung, geeignete Weidesysteme und seriöse Bestandsreduktion gehören in den Vordergrund, nicht der Griff zur Flinte.
  2. Herdenschutz ohne zusätzliches Tierleid
    Die Zahl und der Einsatz von Herdenschutzhunden sollten tierethisch begrenzt werden: klare Vorgaben für Haltung, Arbeitsdauer, Sozialkontakte und maximal zulässige Hunde pro Herde. Herdenschutz darf nicht zulasten der Hunde und der Wildtiere gehen, die ihrem Gebell und Stress ausgesetzt sind. Auch Wildtiere, die in den Einsatzgebieten von Schutzhunden leben, sind dem ständigen Stress von Gebell und Verfolgung ausgesetzt.
  3. Transparenz über Subventionen und Verluste
    Wer wie viele Bundesgelder für Herdenschutz erhält, sollte öffentlich nachvollziehbar sein, ebenso wie detaillierte Statistiken zu Schafverlusten nach Ursache. Erst dann kann überprüft werden, ob der Millionenaufwand tatsächlich den Tieren dient oder vor allem ein extensives System subventioniert.
  4. Stopp weiterer Aufweichungen des Jagdgesetzes
    Jagdbanngebiete müssen Schutzgebiete bleiben. Eine Regulierung von Wölfen, die faktisch auf Bestandsreduktion um jeden Preis hinausläuft, ist mit einem modernen Artenschutz nicht vereinbar.
  5. Rückbesinnung auf den eigentlichen Auftrag
    Wölfe sind in der Schweiz geschützt, ihre ökologische Rolle ist unbestritten. Wenn der Staat mehr Geld für Herdenschutz in die Hand nimmt, sollte das Ziel eine echte Koexistenz sein, nicht ein immer engeres Korsett für eine bedrängte Art.

Die Erhöhung der Bundesbeiträge für Herdenschutz kann ein Schritt in die richtige Richtung sein. In der aktuellen politischen Gemengelage droht sie aber zum Feigenblatt zu werden, das eine aggressive Jagdpolitik kaschiert.

Wer es ernst meint mit Tierschutz und mit dem Respekt vor wild lebenden Tieren, muss mehr verlangen als Zäune, Schutzhunde und neue Abschussparagrafen.

Mitmach-Aktion: Fordert bei Eurer Gemeinde aufgrund der katastrophalen Politik von Bundesrat Albert Rösti (SVP) ein Erlassgesuch für die Bundes- und Kantonssteuern aufgrund des neulich bewilligten Abschusses von Wölfen in der Schweiz. Den Musterbrief könnt ihr hier downloaden: https://wildbeimwild.com/ein-appell-fuer-eine-veraenderung-in-der-schweiz/

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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