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FAQ

Ist die Hobby-Jagd in der Schweiz notwendig?

Wissenschaft, Genfer Modell und die Frage, wer von der Hobby-Jagd profitiert

Redaktion Wild beim Wild — 16. März 2026

Die Hobby-Jagd ist in der Schweiz für die Wildtierregulierung nicht zwingend notwendig.

Diese Aussage klingt für viele provokativ – sie ist aber wissenschaftlich gut belegt. Der Kanton Genf beweist seit über 50 Jahren, dass Wildtierpopulationen sich ohne Hobby-Jagd stabil regulieren können. Und das Beispiel steht nicht allein: Auch Luxemburg kennt seit Jahrzehnten ein weitgehendes Jagdverbot für zahlreiche Arten. Die Behauptung, ohne Jagd kollabiere das Ökosystem, ist eine Lobby-Erzählung ohne belastbare ökologische Grundlage.

Was sagt die Wissenschaft zur Notwendigkeit der Jagd?

Ökosysteme regulieren sich durch natürliche Mechanismen: Nahrungskonkurrenz, Krankheiten, Beutegreifer und Lebensraumgrenzen begrenzen Tierpopulationen. Die Forschung zeigt, dass in jagdfreien oder jagdarmen Gebieten Wildtierbestände keineswegs explodieren, sondern sich auf ein Niveau einpendeln, das der Lebensraum trägt. Der Biologe Paul Errington beschrieb diesen Effekt bereits in den 1940er-Jahren: Populationen unterliegen einer natürlichen Regulierung durch Ressourcen, nicht durch Abschüsse. Neuere Studien, etwa jene von Stewart Breck und Kollegen (publiziert in «Frontiers in Ecology and the Environment»), zeigen darüber hinaus, dass Beutegreiferabschüsse in 43 Prozent der Fälle den Nutztierschaden erhöhten statt reduzierten – weil sie Rudelstrukturen zerstören und unkontrollierte Reproduktion auslösen.

Das Genfer Modell: 50 Jahre Bilanz

Das wichtigste Schweizer Experiment läuft seit 1974 im Kanton Genf. Damals stimmten rund zwei Drittel der Genfer Bevölkerung für ein vollständiges Verbot der Hobby-Jagd – ein weltweit einzigartiger Schritt. Seither übernehmen zwölf kantonale Berufsjäger der «Police de la nature» sämtliche notwendigen Wildtiereingriffe. Die Bilanz nach fünf Jahrzehnten ist eindeutig:

  • Die Feldhasendichte stieg auf 17,7 Tiere pro 100 Hektar – weit über dem schweizerischen Durchschnitt.
  • Bis zu 30’000 Wasservögel überwintern jährlich in Genf – ein Zeichen intakter Lebensräume.
  • Das Rebhuhn, in anderen Kantonen nahezu ausgestorben, hält sich in Genf durch aktive Habitatpflege.
  • Wildtiere wurden zahmer und verhaltensökologisch entspannter, weil der Jagddruck wegfiel.
  • 2005 sprachen sich 90 Prozent in einer Volksabstimmung gegen eine Wiedereinführung der Hobby-Jagd aus.
  • 2009 lehnte das Kantonsparlament die Wiedereinführung mit 70 zu 7 Stimmen ab.

Die kantonalen Berufsjäger erzielen dabei eine Soforttodrate von 99,5 Prozent – weit höher als bei der Milizjagd, bei der Anschüsse und qualvolles Verenden keine Seltenheit sind. Das Genfer Modell wird im Detail im Dossier «Genf und das Jagdverbot» analysiert.

Luxemburg als zweites Beispiel

Luxemburg hat die Jagd auf zahlreiche Arten stark eingeschränkt und setzt verstärkt auf professionelles Wildtiermanagement. Das Grossherzogtum zeigt, dass auch in dicht besiedelten mitteleuropäischen Ländern ein Rückzug der Hobby-Jagd möglich ist, ohne dass Wildpopulationen ausser Kontrolle geraten. Die politische Debatte in Luxemburg ist sachlicher, weil die Jagdlobby dort weniger institutionelle Macht besitzt als in der Schweiz.

Die Jagdmythen im Faktencheck

Die Schweizer Jagdlobby stützt die Notwendigkeit der Hobby-Jagd auf eine Reihe von Argumenten, die einer sachlichen Prüfung nicht standhalten. Das Dossier «Jagdmythen» analysiert diese Narrative ausführlich. Die häufigsten Argumente:

  • «Ohne Jagd explodieren die Bestände.» Falsch: In Genf und anderen jagdfreien Gebieten stabilisieren sich Bestände innerhalb weniger Jahre auf ein ökologisch tragfähiges Niveau.
  • «Jäger finanzieren den Naturschutz.» Irreführend: Die Jagdgebühren decken bei weitem nicht die staatlichen Kosten für Wildhut, Unfallversicherung und Verwaltung.
  • «Jagd ist nachhaltige Nutzung.» Verdrehung: Der Begriff «nachhaltige Nutzung» im Jagdgesetz ist ein wirtschaftlicher, kein ökologischer Terminus.
  • «Hege und Pflege brauchen Jäger.» Zirkellogik: Wildäcker und Kirrungen erhöhen die Wilddichte künstlich – und erzeugen damit den Regulierungsbedarf, den Hobby-Jäger als Rechtfertigung anführen.

Ökologische Selbstregulation: Was Wissenschaft und Praxis zeigen

In Nationalparks – etwa im Schweizer Nationalpark im Unterengadin – wurde die Jagd vollständig eingestellt. Das Ergebnis nach Jahrzehnten: Hirschpopulationen schwanken jahreszeitlich, passen sich aber dem Lebensraumangebot an. Wölfe und Luchse, die seit den 1990er-Jahren zurückkehren, übernehmen als natürliche Beutegreifer eine Regulierungsfunktion. Die Rückkehr dieser Beutegreifer ist ökologisch hochwirksam: Sie erzeugt eine «Landschaft der Angst», die Wildtiere aus empfindlichen Biotopen fernhält und damit Verbissschäden im Wald reduziert – ohne einen einzigen Schuss.

Die Kosten der Hobby-Jagd

Die volkswirtschaftliche Rechtfertigung der Hobby-Jagd ist schwach. Das Dossier «Was die Hobby-Jagd die Schweiz wirklich kostet» rechnet auf, was niemand offiziell vorlegt:

  • Rund 3,6 Millionen Franken werden jährlich allein für UVG-anerkannte Jagdunfälle aufgewendet.
  • Die Kosten für kantonale Wildhut, Jagdverwaltung und Kontrollinstanzen belaufen sich auf weitere Millionen.
  • Bleimunition, die Hobby-Jäger verwenden, kontaminiert Böden und gefährdet Aasfresser wie den Steinadler – ein externer Kostenfaktor, der selten beziffert wird.
  • Der Wert des erjagten Wildbrets deckt diese Kosten bei weitem nicht.

Demgegenüber würde ein professionelles Wildhüterkorps nach Genfer Vorbild gezielter, billiger und tierschutzgerechter arbeiten. Das Dossier «Argumentarium für professionelle Wildhüter» liefert die politischen und fachlichen Argumente für diesen Systemwechsel.

Immunkontrazeption als Alternative

Wo Wildtierbestände tatsächlich lokal zu hoch sind, existieren nicht-tödliche Alternativen. Immunkontrazeption – die Impfung von Wildtieren mit einem die Fortpflanzung hemmenden Antigen – wird in den USA, Deutschland und weiteren Ländern erfolgreich eingesetzt, insbesondere bei Wildschweinen und Hirschen in städtischen Gebieten. Die Methode ist teurer in der Anwendung als Abschüsse, hat aber keine negativen Auswirkungen auf Ökosysteme und Rudelstrukturen. In der Schweiz wird Immunkontrazeption vom Dossier «Alternativen zur Hobby-Jagd» als langfristige Option diskutiert, deren Potenzial politisch bisher ignoriert wird.

BAFU-Daten und politischer Kontext

Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) betreibt das nationale Wildtiermonitoring und veröffentlicht jährliche Abschussstatistiken. Diese Daten zeigen, dass in der Schweiz jährlich über 120’000 Tiere durch Hobby-Jagd getötet werden – Rehe, Hirsche, Gämsen, Feldhasen, Wasservögel und Kleinwild. Das BAFU selbst formuliert als Ziel eine «nachhaltige Bewirtschaftung» der Bestände – ein Begriff, der die Jagd als wirtschaftliche Nutzung rahmt, nicht als ökologische Notwendigkeit. Das Dossier «Jagdverbot Schweiz» beleuchtet, wie ein landesweites Modell nach Genfer Vorbild aussehen könnte und welche politischen Hürden bestehen.

Hobby-Jagd in der Schweiz: Freizeitbeschäftigung mit staatlicher Legitimation

In der Schweiz jagen rund 30’000 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger – überwiegend als Freizeitbeschäftigung. Ein Jagdschein kostet je nach Kanton zwischen 500 und mehreren tausend Franken pro Jahr. Der soziale Habitus der Hobby-Jagd – Trophäen, Jagdgesellschaften, Medienbilder – ist fest im ländlichen Milieu verankert. Das macht sie politisch schwer angreifbar, ändert aber nichts an der ökologischen Realität: Hobby-Jäger jagen, weil sie es wollen – nicht weil es das Ökosystem verlangt. Das Dossier «Jagd in der Schweiz – Zahlen, Systeme und das Ende eines Narrativs» zeigt, wie das aktuelle System funktioniert und warum es einer Reform bedarf.

Weiterführende Inhalte auf wildbeimwild.com

Mehr Hintergründe zur aktuellen Jagdpolitik in der Schweiz findest du in unserem Dossier auf wildbeimwild.com.

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