Wildfleisch wird in der Schweiz gern als «ursprünglich», «regional» und «tierfreundlich» beworben. Das klingt nach Premium, Bio und gutem Gewissen. Die Realität ist nüchterner: Rund zwei Drittel des in der Schweiz konsumierten Wildfleisches sind importiert – hauptsächlich aus Österreich, Slowenien, Deutschland und Neuseeland. Was als «Schweizer Wild» verkauft wird, kommt statistisch mehrheitlich nicht aus Schweizer Wäldern. Der Inlandanteil liegt laut aktuellen Branchendaten bei gerade einmal 38,4 Prozent – und ein bedeutender Teil davon stammt aus Gehegen, nicht aus der freien Hobby-Jagd.
Dazu kommt: Wildbret ist kein standardisiertes, durchgängig kontrolliertes Produkt wie Schlachtfleisch. Es entsteht aus einer schwer kontrollierbaren Kette – Schuss, Nachsuche, Bergen, Aufbrechen, Transport, Kühlen, Zerlegen. Genau in dieser Kette liegen die Risiken: Blei aus Jagdmunition, Parasiten, Keime, variable Hygiene und eine Kühlkette, die von Wetter, Gelände, Erfahrung und Zeitdruck abhängt. Behörden warnen. Studien belegen Risiken. Die Lobby schweigt sie weg.
Dieses Dossier zeigt, was Konsumentinnen und Konsumenten selten hören, aber wissen sollten. Es richtet sich nicht gegen Menschen, die Wild essen – es richtet sich gegen Naturromantik als Ersatz für Verbraucherschutz. Weitere Hintergründe zur Hobby-Jagd findest du in unserem Dossier zur Jagd.
Was dich hier erwartet
- Was Wildfleisch wirklich ist – und woher es kommt: Warum «regional» kein Gesundheitslabel ist, was der Unterschied zwischen Schlachtfleisch und Wildbret strukturell bedeutet und warum zwei Drittel des Schweizer Wildfleischkonsums aus dem Ausland stammen.
- Der Kern: Blei im Wildfleisch: Was BLV, BfR und EFSA zu Bleimunition und Wildfleisch sagen, welche Bevölkerungsgruppen besonders gefährdet sind und warum das Problem systemisch ist und nicht durch «saubere Küche» gelöst werden kann.
- Die Verarbeitungskette: Wo Risiken entstehen: Was nach dem Schuss passiert, warum Feldaufschluss, Bergung, Kühlung und Zerlegung die Lebensmittelsicherheit stärker beeinflussen als bei Schlachtfleisch, und welche Faktoren besonders kritisch sind.
- Parasiten und Keime: Wild ist nicht automatisch sauber: Was Trichinellose bei Wildschweinen bedeutet, welche gesetzlichen Kontrollpflichten bestehen, und warum sie in der Praxis Lücken haben.
- «Bio-Wild» ist ein Marketingmythos: Warum biologisch nicht dasselbe bedeutet wie kontrolliert, und was fehlende Zertifizierung für Konsumentinnen und Konsumenten konkret bedeutet.
- Tierwohl: Warum «frei gelebt» das Problem nicht löst: Was Fehlabschüsse, Stress, Nachsuche und verwaiste Jungtiere für das Argument «besser als Massentierhaltung» bedeuten.
- Jagdart und Fleischqualität: Warum Drück- und Treibjagden die Fleischqualität messbar beeinflussen, was Stresshormone im Muskelfleisch bedeuten und wie die Trefferlage die Hygiene der Verarbeitung bestimmt.
- Kanada als Vergleich: Warum Wild aus Hobby-Jagd in weiten Teilen Kanadas nicht verkauft werden darf – und was das über Verbraucherschutzstandards sagt.
- Was Konsumentinnen und Konsumenten fragen sollten: Die entscheidenden Fragen vor dem Kauf oder Verzehr von Wildfleisch.
- Was sich ändern müsste: Konkrete politische Forderungen.
- Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Rechtfertigungen der Wildfleisch-Lobby.
- Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Studien und Dossiers.
Was Wildfleisch wirklich ist – und woher es kommt
«Wildbret» bezeichnet Fleisch von wild lebenden Tieren: Reh, Hirsch, Gämse, Wildschwein, Feldhase, Wildvögel. Entscheidend ist, was diesen Begriff von Schlachtfleisch unterscheidet: Das Tier wird nicht in einem standardisierten, staatlich kontrollierten Schlachthof getötet. Es wird draussen erlegt – unter realen Bedingungen, die stark variieren. Wetter, Zeitdruck, Erfahrung, Ausrüstung und Gelände bestimmen, wie schnell und sauber die Verarbeitung läuft.
Das hat direkte Konsequenzen für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Bei Schlachtfleisch sind Tötung, Erstbehandlung, Hygiene, Kühlung und Dokumentation standardisiert und kontrolliert. Bei Wild ist die Streuung in jedem dieser Punkte grösser. Das ist keine Panikmache – es ist die strukturelle Realität eines Lebensmittels, dessen Herstellungskette im Wald beginnt und dessen Qualität von der Entscheidung eines einzelnen Hobby-Jägers an einem einzelnen Abend abhängt.
Hinzu kommt: Wer «Schweizer Wild» kauft, kauft meistens nicht aus Schweizer Wäldern. Rund zwei Drittel des in der Schweiz konsumierten Wildfleisches sind importiert – laut aktuellen Branchendaten aus dem Schweizer Bauernmedium: Hauptlieferländer sind Österreich, Deutschland, Slowenien und Neuseeland. Der Inlandanteil lag 2022/2023 bei rund 38,4 Prozent – ein Rekordwert nach jahrelangem Anstieg, der zeigt, wie dominant der Import bis heute geblieben ist. Schweizer Wild ist ein rares Gut, das in der Saisonkommunikation als «regional» vermarktet wird – aber die Regale im Detailhandel füllt es nicht. «Regional» ist kein Hygiene- oder Gesundheitslabel. Es ist ein Marketingversprechen.
Mehr dazu: Jagd in der Schweiz: Zahlen, Systeme und das Ende eines Narrativs und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest
Blei im Wildfleisch: Das amtlich bekannte Problem
Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) empfiehlt klar: Kinder bis zum siebten Lebensjahr, Schwangere, Stillende und Frauen mit Kinderwunsch sollten möglichst kein Wild essen, das mit Bleimunition erlegt wurde. Das ist keine Empfehlung einer jagdkritischen Organisation. Es ist eine Behördenempfehlung auf Basis messbarer Befunde.
Das Deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) teilt diese Einschätzung und belegt sie mit Studien, die zeigen: Bleigeschosse können fragmentieren, Partikel können im Fleisch verbleiben, und sie sind teils nicht sichtbar. Eine PLOS-ONE-Studie kommt zum Schluss, dass Menschen beim Verzehr von mit bleihaltiger Munition erlegtem Wild nachweislich Blei aus Fragmenten aufnehmen können – mit messbarem Einfluss auf Blutbleiwerte, besonders bei Vielkonsumentinnen und -konsumenten, Kindern und Schwangeren. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2025 in einem umfassenden Bericht zur Bleiexposition in der europäischen Bevölkerung Wildfleisch als relevante Expositionsquelle bestätigt, besonders für Hobby-Jägerfamilien. Blei ist für den menschlichen Organismus in jeder Menge toxisch: Es schädigt Blutbildung, Leber, Nieren und das zentrale Nervensystem, bei Kindern mit nachgewiesenen Auswirkungen auf die Hirnentwicklung.
Das Kernproblem ist systemisch: Es entsteht durch die Jagdtechnik, nicht durch fehlerhafte Küche. Bleihaltige Geschosse fragmentieren beim Aufprall. Partikel verteilen sich im Fleisch in einem Radius um den Wundkanal, der mit blossem Auge nicht vollständig erfassbar ist. Grosszügiges Ausschneiden rund um den Schusskanal reduziert die Belastung – eliminiert sie nicht. Und: Die Schweiz hat auf Bundesebene ein Verbot bleihaltiger Kugelmunition ab Kaliber 6 mm erst ab dem 1. Januar 2030 eingeführt. Im Kanton Bern gilt das Verbot bereits ab dem 1. August 2027. Bis dahin ist bleihaltige Munition in der Hobby-Jagd schweizweit legal – und das Risiko für Konsumentinnen und Konsumenten real.
Mehr dazu: Bleimunition und Umweltgifte durch die Hobby-Jagd und Bleirückstände in Wildfleischprodukten
Die Verarbeitungskette: Wo Risiken entstehen
Nach dem Tod beginnt die Autolyse: Körpereigene Enzyme bauen Gewebe ab. Gleichzeitig vermehren sich Keime. Je wärmer es ist und je länger es dauert, bis das Tier fachgerecht versorgt und gekühlt wird, desto stärker werden diese Prozesse. Beim Schlachtfleisch ist dieser Zeitraum auf Minuten begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen. Beim Wild dauert er oft Stunden – im Freien, bei variablen Temperaturen, mit variablen Hygienebedingungen.
Typische Risikofaktoren in der jagdlichen Praxis: Bergen im unwegsamen Gelände dauert länger als geplant. Fliegenkontakt, Schmutz, Fell, Boden und Ausrüstung erhöhen Kontaminationsrisiken. Bei Bauchtreffern kann Darminhalt austreten – dann entscheiden das Tempo und die Sorgfalt des Aufbrechens über Keimbelastung und Genussqualität. Magen-Darm-Treffer, späte Bergung, warmes Herbstwetter, unsauberes Aufbrechen und Transport ohne funktionierende Kühlkette sind keine seltenen Ausnahmen – sie sind typische jagdpraktische Risikofaktoren, die im Praxisalltag einer Hobby-Jagd ohne feste Standards regelmässig auftreten. Eine Studie in der Fachzeitschrift Meat Science untersuchte Oberflächenkeimzahlen an Wildkörpern nach der Feldaufbereitung und fand erhebliche Varianz – abhängig von Aufbruchhygiene, Wetterbedingungen und Erfahrung des Hobby-Jägers.
Was das für Konsumentinnen und Konsumenten bedeutet: Die Lebensmittelsicherheit bei Wildfleisch hängt stärker von der individuellen Praxis ab als bei standardisierter Schlachtung. Das ist strukturell unvermeidbar – solange die Verarbeitungskette im Wald beginnt und ohne einheitliche, unabhängig kontrollierte Standards funktioniert.
Mehr dazu: Wildfleisch vom Jäger ist Aas und Achtung: Warnung vor Wildfleisch vom Hobby-Jäger
Parasiten und Keime: Wild ist nicht automatisch sauber
Bei Wildschweinen spielt das Trichinenrisiko eine besondere Rolle. Trichinella ist ein Fadenwurm, der sich in Muskelfleisch einnistet und beim Menschen schwere Erkrankungen verursachen kann. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) dokumentiert Trichinellose-Fälle in Europa jährlich – mit Wildschweinfleisch als häufigster Infektionsquelle.
In der Schweiz sind alle erlegten Wildschweine, die in Verkehr gebracht werden sollen, gemäss der Tierseuchenverordnung und der Verordnung über Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände auf Trichinen zu untersuchen. Ausgenommen ist einzig Wildbret, das ausschliesslich für den Eigenverbrauch bestimmt und nicht in Verkehr gebracht wird. Das bedeutet: Wer Wildschweinfleisch von einem Hobby-Jäger als «Geschenk» erhält – ohne Trichinenbeschau –, isst unkontrolliertes Fleisch. Diese Praxis ist in der Schweiz verbreitet und schwer kontrollierbar. Bei Wild generell gilt zudem: STEC-Bakterien (Shigatoxin-produzierende Escherichia coli) sind in Wildfleisch nachweisbar. Food Standards Scotland hat 2020 das Risiko von STEC-Kontamination in Wildbret untersucht und es als relevant eingestuft, besonders bei mangelhafter Hygiene im Aufbruchprozess.
Mehr dazu: Wildbret macht krank und Gemäss Studien bestehen gesundheitliche Risiken beim Verzehr von Wildfleisch
«Bio-Wild» ist ein Marketingmythos
«Bio» bedeutet definierte Standards, dokumentierte Betriebskontrollen und zertifizierte Produktionsketten. Wildbret erfüllt keine dieser Anforderungen – definitionsgemäss. Das Tier hat frei gelebt: Das ist richtig. Aber freies Leben ist kein Qualitätszertifikat. Lebensmittelklarheit.de hält unmissverständlich fest: «Fleisch von wild lebenden Tieren ist kein Bio-Wild.» Ein Tier, das im Wald lebt, nimmt auch dort Schadstoffe auf – über Böden, Gewässer und Nahrungspflanzen, die mit Pestiziden, Schwermetallen und anderen Umweltkontaminanten belastet sind. Wildschweine akkumulieren Schadstoffe besonders, weil sie bodennah und omnivor fressen.
«Regional» ist ebenfalls kein Lebensmittelqualitätsbegriff. Es beschreibt Herkunft – nicht Hygiene, nicht Schadstoffbelastung, nicht Verarbeitungsqualität. Die Gleichsetzung von «regional» mit «sicher» und «gesund» ist eine rhetorische Verschiebung, die Marketinginteressen dient, nicht dem Verbraucherschutz. Wer seriös über Wildfleisch kommunizieren will, spricht über überprüfbare Kriterien: Munitionsart, Kühlzeit, Hygienedokumentation, Trichinenuntersuchung, Schadstoffbelastung. Die Hobby-Jagd-Lobby tut das strukturell nicht.
Mehr dazu: Wildfleisch kann nicht BIO sein und Medien und Jagdthemen: Wie Sprache, Bilder und «Experten» die Debatte prägen
Tierwohl: Warum «frei gelebt» das Problem nicht löst
Das stärkste Argument der Wildfleisch-Lobby lautet: «Besser als Massentierhaltung.» Dieser Vergleich verschiebt die moralische Frage, löst sie aber nicht. Denn auch beim Wildfleisch gilt: Der Tod ist nicht automatisch sofort und nicht automatisch schmerzlos.
Fehlabschüsse – Treffer, die nicht sofort töten – sind strukturell unvermeidlich. Es gibt keine verlässlichen Schweizer Statistiken darüber, wie viele Tiere angeschossen werden, ohne gefunden zu werden. Was es gibt, sind Schätzungen aus der Praxis und die Tatsache, dass Schweisshundarbeit – die Nachsuche mit Spürhunden – integraler Bestandteil des Schweizer Jagdsystems ist, weil sie regelmässig benötigt wird. Wildtiere sterben unter Umständen nach Minuten oder Stunden unter Schmerzen und Stress – im Wald, allein, ohne dass ein Mensch sie begleitet. Messbare Stresshormone im Fleisch erlegter Tiere belegen, dass dieser Sterbeprozess physiologisch alles andere als neutral verläuft. Die Tötung wird nicht «tierfreundlich», nur weil sie im Wald passiert. Sie wird lediglich unberechenbarer.
Mehr dazu: Wildtiere, Todesangst und fehlende Betäubung: Warum Tierschutzrecht an der Waldgrenze endet und Jagd und Tierschutz: Was die Praxis mit Wildtieren macht
Jagdart und Fleischqualität: Was die Forschung zeigt
Die Jagdmethode ist kein Detail – sie ist ein wesentlicher Faktor für die Fleischqualität. Forschung zu Qualitätsparametern bei erlegtem Wild zeigt messbare Unterschiede je nach Jagdform.
Bei Bewegungsjagden – Drückjagden, Treibjagden – sind Wildtiere vor dem Schuss erheblichem Stress ausgesetzt: Flucht, Hundedruck, lange Bewegung. Stress beeinflusst den Muskelstoffwechsel: Der pH-Wert im Fleisch fällt anders ab, das Wasserhaltevermögen verändert sich, Oxidationsprozesse beschleunigen sich. Das hat messbare Auswirkungen auf Zartheit, Haltbarkeit und Hygienerisiko. Eine Studie zu Oberflächenkeimzahlen an Wildkörpern nach Feldaufbereitung bestätigt: Trefferlage und Kontaminationsmuster sind direkt verknüpft – Bauchtreffer erhöhen das Risiko bakterieller Kontamination durch Darminhalt signifikant.
Auch die Zeit zwischen Schuss und Tod ist nicht nur eine Tierschutzfrage, sondern ein Qualitätsfaktor. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen langer Sterbephase und erhöhten Stresshormonspiegeln im Gewebe. Das bedeutet: Wildfleisch aus Drückjagden hat statistisch eine höhere Wahrscheinlichkeit schlechterer Fleischqualitätsparameter als Wild aus ruhiger Ansitzjagd. Wer Wildfleisch verkauft, sollte das transparent kommunizieren, tut es aber in aller Regel nicht.
Mehr dazu: Treibjagd in der Schweiz und Psychologie der Jagd
Kanada als Vergleich: Warum Hobby-Jäger-Wild oft nicht verkauft werden darf
In vielen kanadischen Provinzen ist der kommerzielle Verkauf von Wildfleisch aus der Hobby-Jagd stark eingeschränkt oder verboten. In Ontario darf wild erlegtes Fleisch in Restaurants grundsätzlich nicht verkauft oder serviert werden – was erklärt, warum «Wild» auf kanadischen Speisekarten häufig tatsächlich Farmwild bedeutet.
Die Begründung ist klar: Wildfleisch aus der Hobby-Jagd erfüllt die Anforderungen an Kontrolle, Rückverfolgbarkeit und staatliche Inspektion strukturell nicht. Uninspektiertes, unstandardisiertes Fleisch gilt als zu riskant für den öffentlichen Verkauf. Hinzu kommt der Wildereischutz: Wenn Wild kommerziell verkauft werden dürfte, entstünden Anreize zur illegalen Entnahme. Kanada hat sich für strikte Kontrolle entschieden – aus Verbraucherschutz- und Naturschutzgründen gleichzeitig. Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten haben diesen Schutz nicht. In der Schweiz darf ein Hobby-Jäger Wildfleisch direkt an Privatpersonen und in beschränktem Umfang an Gastronomie und Handel abgeben – mit wenig Transparenz, wenig Dokumentation und ohne staatliche Inspektion des Verarbeitungsprozesses.
Mehr dazu: Jagdgesetze und Kontrolle: Warum Selbstaufsicht nicht reicht und Jagdverbot Schweiz: Möglichkeiten, Modelle und Grenzen
Was Konsumentinnen und Konsumenten fragen sollten
Wenn dir Wildfleisch angeboten oder serviert wird, sind das die entscheidenden Fragen:
- Munition: Bleifreie oder bleihaltige Munition? Ohne diese Information ist die Bleibelastung nicht beurteilbar.
- Zeit bis zur Kühlung: Wie lange nach dem Schuss bis zur Kühlung? Mehr als zwei Stunden bei Temperaturen über zehn Grad sind kritisch.
- Zerlegung: Wer hat zerlegt? Unter welchen hygienischen Bedingungen? Mit welcher Dokumentation?
- Tierart: Wildschwein ist anders zu beurteilen als Reh. Trichinenbeschau nachweisbar?
- Für wen: Kinder bis sieben Jahre, Schwangere, Stillende, Frauen mit Kinderwunsch: BLV-Empfehlung beachten, besonders bei unbekannter Munitionsart.
- Herkunft: Importiert oder aus Schweizer Hobby-Jagd? Aus Gehege oder aus freier Wildbahn?
Wer auf diese Fragen keine klaren Antworten erhält, kauft eine Unbekannte und keine Naturerfahrung.
Mehr dazu: Wildfleisch: Natürlich, gesund – oder gefährlich? und Demenz: Wie schädlich ist Wildbret?
Was sich ändern müsste
- Obligatorische Deklarationspflicht für Munitionsart: Wer Wildfleisch verkauft oder in der Gastronomie anbietet, muss verpflichtend ausweisen, ob das Tier mit bleifreier oder bleihaltiger Munition erlegt wurde. Diese Information ist für BLV-Risikogruppen lebensrelevant – und fehlt heute systematisch.
- Sofortiges Bleiverbot in der gesamten Schweiz, nicht erst 2030: Kanton Bern hat gezeigt, dass 2027 möglich ist. Bleifreie Munition ist verfügbar und erprobt. Das Verbot auf 2030 zu verschieben, schützt Lobby-Interessen, nicht Konsumentinnen und Konsumenten.
- Einheitliche Hygienedokumentation für Wildfleisch: Aufbruchzeitpunkt, Bergungsbedingungen, Kühltemperatur und Zerlegungsstandards müssen einheitlich dokumentiert und bei jeder Weitergabe mitgeliefert werden – analog zur Schlachtfleisch-Dokumentation.
- Ausweitung der Trichinenuntersuchungspflicht: Wildschweinefleisch aus der Hobby-Jagd, das als «Geschenk» oder «Direktverkauf» weitergegeben wird, muss ohne Ausnahme der Trichinenbeschau unterliegen – auch wenn es nicht offiziell «in Verkehr gebracht» wird.
- Transparenz über Importwildfleisch: Wildfleisch im Schweizer Detailhandel und in der Gastronomie muss Herkunftsland, Wildart und Haltungsform (Gehege oder freie Wildbahn) klar deklarieren. «Wild» als Etikett ohne weitere Information entspricht nicht modernen Verbraucherschutzstandards.
- Unabhängige Qualitätskontrollen von Wildfleisch: Stichprobenkontrollen durch staatliche Lebensmittelinspektoren auf Blei, Schadstoffe und Keime bei Wildfleisch, das in Verkehr gebracht wird, müssen institutionalisiert und veröffentlicht werden.
- Mustervorstösse: Mustertexte für jagdkritische Vorstösse und Musterbrief: Appell für eine Veränderung in der Schweiz
Argumentarium
«Wildfleisch ist gesünder als Supermarktfleisch.» Das BLV empfiehlt bestimmten Bevölkerungsgruppen explizit, kein Wild zu essen. In der Mehrheit der untersuchten Wildfleischwurstwaren sind Bleirückstände nachweisbar. Stresshormone im Fleisch gejagter Tiere sind messbar höher als bei ruhig gestorbenen Tieren. Wildfleisch ist kein Naturheilmittel. Es ist ein emotional vermarktetes Lebensmittel mit realen, behördlich anerkannten Risiken.
«Wildfleisch ist nachhaltig.» Zwei Drittel des in der Schweiz konsumierten Wildfleisches ist importiert – zum Teil aus Gehegehaltung in Neuseeland. Nachhaltigkeit setzt Transparenz, Rückverfolgbarkeit und kontrollierte Produktionsketten voraus. Das trifft auf den Wildfleischmarkt strukturell nicht zu.
«Das Tier hat frei gelebt – das ist Tierwohl.» Freiheit vor dem Schuss bedeutet keine tierwohlorientierte Tötung. Fehlabschüsse, lange Nachsuchen, stressinduzierte Todesprüche und verwaiste Jungtiere sind strukturell unvermeidliche Bestandteile der Hobby-Jagd. Das Argument «frei gelebt» verschiebt die Tierwohl-Frage, beantwortet sie nicht.
«Bleifreie Munition ist bisher nicht flächendeckend verfügbar.» Bleifreie Kaliber sind seit Jahren auf dem Markt. Die Jägervereinigung Bern hat das Verbot ab 2027 intern längst kommuniziert. Das Argument, bleifreie Munition sei nicht verfügbar, ist technisch überholt und dient der Verzögerung, nicht dem Verbraucherschutz.
«Wildfleisch wird bei uns kontrolliert.» Wildfleisch aus der Hobby-Jagd wird in der Schweiz nicht systematisch auf Blei, Schadstoffe oder Keime kontrolliert, bevor es in Verkehr gebracht wird. Die Trichinenuntersuchung für Wildschweine ist die einzige gesetzlich vorgeschriebene Mindestkontrolle. Alles andere liegt im Ermessen des Hobby-Jägers.
Quicklinks
Beiträge auf Wild beim Wild:
- Wildfleisch: Natürlich, gesund – oder gefährlich?
- Wildfleisch vom Jäger ist Aas
- Wildfleisch kann nicht BIO sein
- Bleirückstände in Wildfleischprodukten
- Hobby-Jäger vergiften Greifvögel
- Wildbret macht krank
- Demenz: Wie schädlich ist Wildbret?
- Jäger lügen auch beim Verkauf von Fleisch
- Achtung: Warnung vor Wildfleisch vom Hobby-Jäger
- Gemäss Studien bestehen gesundheitliche Risiken beim Verzehr von Wildfleisch
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Unser Anspruch
Wildfleisch ist kein harmloses Naturprodukt. Es ist ein emotional vermarktetes Lebensmittel mit realen, behördlich anerkannten Risiken – Blei, Parasiten, variable Hygiene, lückenhafte Transparenz. Die Hobby-Jagd-Lobby verkauft Naturromantik, wo Verbraucherschutz gefragt wäre. Das BLV warnt. Die EFSA belegt Bleiexposition. Food Standards Scotland stuft STEC-Kontamination als relevant ein. Und zwei Drittel des in der Schweiz konsumierten Wildfleisches stammen nicht aus Schweizer Wäldern, sondern aus dem Import – teils aus Gehegehaltung in Neuseeland.
IG Wild beim Wild dokumentiert diese Realität, weil Konsumentinnen und Konsumenten ein Recht auf vollständige Information haben. Nicht auf Jagdromantik. Nicht auf Marketingversprechen. Auf Fakten. Auf Behördenempfehlungen. Auf Transparenz darüber, was auf ihrem Teller landet und unter welchen Bedingungen es dorthin gelangt ist.
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