Was sagt die Psychologie über Hobby-Jäger?
Was treibt Menschen dazu, in ihrer Freizeit Tiere zu töten?
Die Psychologie hat sich dieser Frage angenommen, mit teils unbequemen Befunden.
Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger sind keine homogene Gruppe, und ihre Motive sind vielfältig. Doch die Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild, als es Jagdverbände in ihrer Selbstdarstellung vermitteln: Neben echtem Naturerleben spielen Dominanzbedürfnis, Kontrollmotive und Desensibilisierungseffekte eine messbare Rolle.
Die Heubrock-Studie: Pionierarbeit aus Bremen
Die bislang umfangreichste deutschsprachige psychologische Untersuchung zu Hobby-Jägern stammt von Prof. Dr. Dietmar Heubrock, Rechtspsychologe an der Universität Bremen. In seiner Studie von 2006, erschienen in der Fachzeitschrift «Zeitschrift für Rechtspsychologie», untersuchte er zusammen mit Kolleginnen und Kollegen Persönlichkeitsmerkmale, Motive und Einstellungen von deutschen Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern im Vergleich zu einer Kontrollgruppe von Nichtjägern.
Die Studie umfasste mehrere hundert Teilnehmende und verwendete standardisierte psychologische Instrumente, darunter das NEO-Persönlichkeitsinventar und Skalen zur Erfassung von Aggressions- und Dominanzneigung. Zentrale Befunde: Hobby-Jäger berichteten von statistisch signifikant höheren Ausprägungen in Dominanzorientierung und einer geringeren Bereitschaft, Empathie gegenüber Tieren zu zeigen. Gleichzeitig bejahten sie in hohem Mass Aussagen zu Naturverbundenheit und Hegebewusstsein – ein Befund, der zeigt, dass beide Motive koexistieren können.
Heubrock interpretierte die Ergebnisse vorsichtig: Es handle sich nicht um einen «Jägertyp», sondern um eine Tendenz in der Gruppe. Nicht jeder Hobby-Jäger zeige erhöhte Dominanzwerte. Dennoch sei die Häufung auffällig genug, um weitere Forschung zu rechtfertigen. Das Dossier Psychologie der Jagd fasst die gesamte Studienlage zusammen.
Die Grohs-Dissertation: Aggressivität und Dominanzmotive
Eine weitere wichtige Arbeit ist die Dissertation «Psychologisch-soziologische Unterschiede zwischen Hobby-Jägern und Nichtjägern» von Ursula Grohs. Grohs befragte Hobby-Jäger und eine gematchte Kontrollgruppe mit Fragebögen zu Selbsteinschätzung, Konfliktstilen und Einstellungen zu Tieren.
Grohs fand: Hobby-Jäger schätzten sich selbst signifikant aggressiver ein als Nichtjäger. Sie bevorzugten häufiger dominanzbasierte Konfliktlösungsstrategien. Zudem zeigte sich eine statistisch signifikante Abschwächung der Tierempathie – ein Effekt, der sich mit zunehmender Jagderfahrung zu verstärken schien, was auf Desensibilisierungsprozesse hindeutet.
Die Dissertation wurde nicht in einem Mainstream-Fachjournal publiziert und hat daher einen begrenzten wissenschaftlichen Status. Sie bildet jedoch neben Heubrock eine der wenigen empirischen Quellen, die explizit Hobby-Jäger als Untersuchungsgruppe definieren.
Dark Triad: Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie
Die sogenannte «Dark Triad» – ein Konstrukt aus Narzissmus, Machiavellismus und subklinischer Psychopathie – hat in der Persönlichkeitspsychologie der letzten 20 Jahre grosse Aufmerksamkeit erhalten. Personen mit hohen Dark-Triad-Werten neigen zu Empathiemangel, Bereitschaft zur Instrumentalisierung anderer und reduzierter Schuldanfälligkeit.
Verschiedene Studien haben Dark-Triad-Werte mit Einstellungen gegenüber Tieren und mit Bereitschaft zu Gewalt an Tieren in Verbindung gebracht. Eine Metaanalyse von Kavanagh, Signal & Taylor (2013) in «Anthrizoös» fand robuste negative Korrelationen zwischen Dark-Triad-Werten und Tierempathie. Personen mit höheren Psychopathie-Werten berichteten häufiger von positiven Einstellungen zur Jagd und zu Tierquälerei.
Wichtig: Das bedeutet nicht, dass Hobby-Jäger Dark-Triad-Persönlichkeiten sind. Aber die Überschneidungen der Motivstrukturen – Kontrollfreude, Dominanzerleben, Distanzierung von tierischem Leid – verdienen wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Gerade weil Hobby-Jäger in der Schweiz eine legal bewaffnete, gesellschaftlich privilegierte Gruppe darstellen, ist die Forschungslücke besorgniserregend.
Dominanz- und Kontrollmotive: Warum Töten Befriedigung schenkt
Die Sozialpsychologie hat sich mit der Frage beschäftigt, warum das Töten von Tieren psychologisch befriedigend sein kann. Das Konzept des «Dominanz»-Motivs beschreibt das Erleben von Macht und Kontrolle über Lebewesen. In Interviews, die der Wildtierforscher und Anthropologe Roger Caras mit Hobby-Jägern führte, tauchten immer wieder ähnliche Aussagen auf: das Gefühl der Entscheidungsgewalt über Leben und Tod, die Intensität des Moments, die «Echtheit» der Erfahrung.
Diese Motive sind nicht automatisch pathologisch. Aber sie zeigen, dass Töten als solches – nicht nur das Naturerleben oder das Fleisch – einen psychologischen Anreiz darstellt. Das erklärt, warum Hobby-Jäger selbst dann weiterjagen, wenn das erlegte Fleisch nicht benötigt wird, wenn Trophäen keine Rolle spielen und wenn die Bestandsregulation nachweislich dysfunktional ist.
Das Töten selbst hat für einen Teil der Hobby-Jägerschaft einen intrinsischen Wert – das ist kein moralisches Urteil, sondern ein psychologischer Befund, der für die öffentliche Debatte relevant ist. Mehr dazu im Dossier Freizeitgewalt an Tieren beenden.
Desensibilisierung durch wiederholtes Töten
Ein gut dokumentierter Effekt in der Psychologie des Krieges und der Gewalt: Wiederholtes Ausführen von Handlungen, die emotional belastet waren, führt zu Desensibilisierung. Soldaten, die wiederholt töten, berichten von einer emotionalen Abstumpfung. Ähnliche Prozesse werden für Schlachthausarbeiter beschrieben.
In der Jagdpsychologie gibt es Hinweise auf vergleichbare Mechanismen. Erst tätige Hobby-Jäger berichten häufig von Aufregung, aber auch von Unbehagen beim ersten Abschuss. Mit zunehmender Erfahrung schwindet das Unbehagen. Die Grohs-Dissertation fand, dass Tierempathie mit zunehmender Jagderfahrung abnimmt – was als Anpassung an die immer wieder vollzogene Tötungshandlung interpretiert werden kann.
Dieser Desensibilisierungseffekt ist insofern relevant, als er erklärt, warum jahrzehntelange Hobby-Jäger bestimmte Tiere (und deren Schmerz) zunehmend objektivieren und weniger als leidensfähige Wesen wahrnehmen. Das ist nicht zwingend eine Persönlichkeitsveränderung, sondern ein lernpsychologischer Effekt.
Erlegerbilder: Was die Fotos über Motivlage sagen
Erlegerbilder – Fotos des Jägers oder der Jägerin mit dem erlegten Tier – sind ein fester Bestandteil der Jagdkultur. Sie werden in sozialen Netzwerken geteilt, in Jagdzeitschriften gedruckt und auf Vereinsabenden gezeigt. Psychologisch sind sie hochinteressant: Sie dienen der Statuskommunikation, der Selbstdarstellung und der sozialen Anerkennung innerhalb der Gruppe.
Studien zur Präsentation von Trophäenfotos zeigen, dass die Darstellung des toten Tieres als Beweis der eigenen Kompetenz und Überlegenheit fungiert. Das tote Tier wird zum Objekt der Selbstvergewisserung. Wer ausserhalb der Jagdkultur aufgewachsen ist, empfindet solche Bilder häufig als abstossend – weil in seiner Kultur das Töten von Tieren nicht als statuswürdig gilt.
Unser Dossier zu Erlegerbildern analysiert dieses Phänomen im Detail und fragt: Was sagen solche Bilder über die Wertevorstellungen aus, die innerhalb der Jagdgesellschaft vermittelt werden?
Gruppendruck in Jagdgesellschaften
Jagd ist in der Schweiz oft eine soziale Veranstaltung. Revierinhaber, Jagdgesellschaften und Jagdkameradschaften schaffen starke soziale Bindungen. Wer in einer solchen Gemeinschaft aufwächst oder hineinsozialisiert wird, steht unter erheblichem Konformitätsdruck.
Die Sozialpsychologie weiss: Gruppenidentität und sozialer Druck können dazu führen, dass Verhaltensweisen beibehalten werden, die das Individuum allein möglicherweise hinterfragen oder ablehnen würde. In Jagdgesellschaften kann das bedeuten: Wer nicht schiesst, wird als schwach oder sentimental angesehen. Wer Tiere als leidensfähig bezeichnet, riskiert soziale Sanktionen. Diese Dynamiken verhindern innerhalb der Gruppe offene Reflexion.
Besonders problematisch ist die Sozialisation von Kindern in der Jagdkultur. Das Dossier Jagd und Kinder beschäftigt sich mit der Frage, welche psychologischen Effekte es hat, wenn Kinder früh in Tötungsrituale eingeführt werden und lernen, dass das Töten von Tieren ein Freizeitgenuss ist.
Die Link-Hypothese: Tierquälerei als Prädiktor für Gewalt gegen Menschen?
Die sogenannte «Link-Hypothese» oder «The Link» (englisch) bezeichnet den empirisch belegten Zusammenhang zwischen Tierquälerei und interpersoneller Gewalt. Studien aus der Kriminologie zeigen: Personen, die im Kindes- oder Jugendalter Tiere gequält oder getötet haben, weisen ein erhöhtes Risiko für spätere Gewalttaten gegenüber Menschen auf.
Jagd ist nicht dasselbe wie Tierquälerei – das ist eine wichtige Unterscheidung. Jedoch sind in der Forschung zur Link-Hypothese gelegentlich auch legale Formen des Tötens von Tieren als mögliche Einflussvariablen diskutiert worden, insbesondere wenn das Töten früh und unkritisch normalisiert wird. Die Befundlage ist hier weniger klar als beim Zusammenhang zwischen expliziter Tierquälerei und Gewalt – aber die Frage ist wissenschaftlich berechtigt.
Relevant in diesem Zusammenhang: In der Schweiz wurden in den letzten Jahren mehrere schwere Gewalttaten von Personen begangen, die einen Jagdschein besassen. Eine systematische Auswertung dieser Fälle fehlt. Das Dossier Freizeitgewalt an Tieren beenden diskutiert, welche gesellschaftlichen Konsequenzen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema hätte.
Positive Aspekte – ohne das Töten?
Es wäre unlauter, zu bestreiten, dass Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger oft genuinen Naturkontakt suchen und echte Verbundenheit mit Wildtieren erleben. Frühes Aufstehen, stundenlanges Verweilen in der Natur, das Erkennen von Tierspuren, das Beobachten von Verhalten – all das sind reale, wertvolle Erfahrungen.
Die entscheidende Frage lautet aber: Ist das Töten für diese Erfahrungen notwendig? Die Antwort der Psychologie und der Naturpädagogik ist eindeutig: Nein. Naturerleben, Entschleunigung, Gemeinschaftsgefühl und Naturverbundenheit sind durch Wandern, Vogelbeobachtung, Wildtierfotografie, Feldbiologie und andere Formen des Naturkontakts erreichbar – ohne Waffe, ohne Abschuss, ohne das Leid eines anderen Wesens.
Wenn das Töten wegfiele, würden einige Hobby-Jäger diese Alternativen wählen. Andere würden aufhören. Das deutet darauf hin, dass das Töten für einen Teil der Hobby-Jägerschaft kein Nebenprodukt, sondern ein zentrales Motiv ist – ein Befund, über den die Gesellschaft diskutieren sollte.
Sozialisation und die Weitergabe von Gewalt an Tieren
Jagd ist in vielen Familien ein tradiertes Handwerk. Kinder wachsen mit dem Abschuss von Tieren als Normalzustand auf. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist das bedeutsam: Was in der Kindheit als normal erlebt wird, wird als Erwachsener seltener hinterfragt. Kinder, die früh an Jagdveranstaltungen teilnehmen und das Töten von Tieren als gesellschaftlich positiv bewertet erleben, entwickeln eine andere moralische Grundlinie gegenüber Tieren als Kinder, denen Tiere als schutzwürdige Wesen präsentiert werden.
Das ist kein Vorwurf an einzelne Familien – es ist eine strukturelle Beobachtung. Kulturen, die das Töten normalisieren, reproduzieren diese Norm. Das schliesst Fragen ein wie: Welche Botschaften sendet eine Gesellschaft, wenn sie das Töten von Tieren als Freizeitvergnügen rechtlich schützt, staatlich subventioniert und kulturell glorifiziert? Das Dossier Jagd und Kinder vertieft diese Frage mit Blick auf Kinderschutz und Entwicklungspsychologie.
Maskulinitätskonstruktionen und die Jagd
Jagd ist in der Schweiz noch immer stark männlich dominiert – rund 80 Prozent aller Jagdscheininhaber sind Männer. Das ist kein Zufall. Die Jagd ist historisch tief mit Vorstellungen von Männlichkeit verwoben: Stärke, Ausdauer, Überlegenheit über die Natur, die Fähigkeit zu töten als Zeichen von Reife und Souveränität.
Sozialpsychologische Männlichkeitsforschung zeigt: Männer, die traditionellen Männlichkeitsnormen stark verpflichtet sind, zeigen häufiger Bereitschaft zu Gewalt gegen Tiere und weniger Empathie gegenüber leidensfähigen Wesen. Das ist eine Korrelation, kein Determinismus – aber sie ist statistisch auffällig genug, um in der Diskussion über Jagdpsychologie nicht ignoriert zu werden.
Interessant ist auch der Trend: In der jüngeren Generation nimmt die Jagd als männliches Initiationsritual an Bedeutung ab. Der Anteil weiblicher Jagdscheininhaber steigt langsam. Ob das die psychologische Motivstruktur der Jagd verändert, ist eine offene Forschungsfrage.
Was die Forschung fordert: Unabhängige Psychologie der Jagd
Die Forschungslage zur Psychologie der Jagd ist dünn – gemessen an der gesellschaftlichen Relevanz. Es gibt wenige gut finanzierte, unabhängige Studien. Der Hauptgrund dürfte politischer Natur sein: Jagdverbände haben kein Interesse an Forschung, die ihre Mitglieder kritisch beleuchtet. Staatliche Forschungsförderung bevorzugt Themen mit breiterem gesellschaftlichem Konsens.
Was fehlt: gross angelegte, methodisch robuste Längsschnittstudien, die Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger über Jahre begleiten. Standardisierte Erhebungen zu Persönlichkeitsprofilen, Motivstrukturen und psychologischen Veränderungen durch die Jagd. Internationale Vergleichsstudien, die kulturelle Unterschiede herausarbeiten.
Diese Forschung wäre gesellschaftlich wichtig – nicht um Hobby-Jäger zu kriminalisieren, sondern um zu verstehen, welche psychologischen Prozesse die freiwillige Tötung von Tieren begleiten und welche gesellschaftlichen Konsequenzen daraus folgen. Das Schweigen der Wissenschaft in dieser Frage ist selbst ein Befund.
Fazit: Forschungslage unbequem, aber relevant
Die Psychologie liefert kein einfaches Bild des «bösen Jägers». Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger sind Menschen mit vielschichtigen Motiven. Aber die Forschung zeigt: Dominanzmotive, Kontrollbedürfnis, Desensibilisierungseffekte und abnehmende Tierempathie sind statistisch auffällige Merkmale in dieser Gruppe. Diese Befunde verdienen gesellschaftliche Debatte – insbesondere weil es sich um legal bewaffnete Personen handelt, die jährlich über 100’000 Tiere töten.
Weiterführende Inhalte auf wildbeimwild.com:
- Dossier: Psychologie der Jagd – warum Menschen Tiere töten
- Dossier: Erlegerbilder – Doppelmoral, Würde und der blinde Fleck der Hobby-Jagd
- Dossier: Freizeitgewalt an Tieren beenden
- Dossier: Jagd und Kinder
- Dossier: Der Jäger – Selbstbild, Aussenbild, Realität
Mehr Hintergründe zur aktuellen Jagdpolitik in der Schweiz findest du in unserem Dossier auf wildbeimwild.com.
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