2. April 2026, 01:53

Geben Sie oben einen Suchbegriff ein und drücken Sie Enter, um die Suche zu starten. Drücken Sie Esc, um den Vorgang abzubrechen.

FAQ

Wie viele Wildtiere werden jährlich in der Schweiz geschossen?

Jährlich erschossen Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger in der Schweiz über 130'000 Wildtiere – dazu kommen zehntausende Tiere, die dem Strassenverkehr, der Landwirtschaft und anderen anthropogenen Ursachen zum Opfer fallen.

Redaktion Wild beim Wild — 15. März 2026

Was wie eine abstrakte Zahl klingt, sind Individuen mit Sozialstrukturen, Lerngeschichten und Leidensfähigkeit.

Wer sie sind, wie viele es sind und was diese Zahlen ökologisch bedeuten, zeigt dieser Beitrag.

Die Zahlen: Was die Eidgenössische Jagdstatistik erfasst

Die Eidgenössische Jagdstatistik wird von Wildtier Schweiz im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU) geführt. Sie erfasst die Abschusszahlen aller jagdbaren Arten, aufgegliedert nach Kanton. Die aktuellsten vollständigen gesamtschweizerischen Daten stammen aus dem Jagdjahr 2023 (April 2023 bis März 2024), publiziert im Oktober 2024. Ergänzt werden sie durch die Fallwildstatistik – Tiere, die nicht durch die Hobby-Jagd, sondern durch Verkehr oder andere Ursachen gefunden wurden.

Ausgewählte Abschusszahlen (Jagdjahr 2023 und Vergleichswerte):

Tierart Abschuss pro Jahr (ca.) Trend
Huftiere (Hochjagd)
Rehe 43’000–47’000 stabil bis leicht rückläufig
Rothirsche 13’000–14’000 steigend
Gämsen 10’000–11’000 leicht rückläufig
Wildschweine 5’000–10’000 stark schwankend
Steinböcke 1’000–1’200 stabil
Beutegreifer
Rotfüchse 15’000–18’000 rückläufig
Dachse 2’500–3’500 stabil
Steinmarder 1’500–2’000 stabil
Baummarder 100–200 stabil
Weitere Säugetiere
Murmeltiere 5’000–6’000 stabil
Feldhasen 1’500–1’700 rückläufig
Schneehasen 600–900 rückläufig
Vögel
Rabenvögel (Rabenkrähe, Eichelhäher, Elster) 10’000–15’000 stabil
Enten (Stock-, Krick-, Reiherente u. a.) 4’000–5’000 stabil
Waldschnepfen 1’000–2’500 schwankend
Weitere Vögel (Birkhahn, Schneehuhn, Kormoran, Blässhuhn, Haubentaucher u. a.) 2’000–3’000 stabil
Regulierung geschützter Arten
Wölfe bis zu 92 (2024/25) massiv steigend

Quellen: Eidgenössische Jagdstatistik (jagdstatistik.ch); Wildtier Schweiz Jahresbericht 2024; BirdLife Schweiz; Medienberichte zur Wolfregulation 2024/25

Wie viele Wildtiere werden insgesamt getötet?

Die in Medien häufig genannte Zahl von «rund 100’000 Wildtieren» erfasst nur die beiden grössten Kategorien: Im Jagdjahr 2023 erlegten rund 30’000 Hobby-Jäger etwa 76’000 Wildhuftiere (Reh, Rothirsch, Gämse, Wildschwein, Steinbock) sowie knapp 22’000 Beutegreifer (Rotfuchs, Dachs, Steinmarder, Baummarder). Das ergibt rund 98’000 Tiere. Was dabei in der Schlagzeile regelmässig fehlt: Murmeltiere (~5’500), Feld- und Schneehasen (~2’300), Rabenvögel (~12’000), Enten (~4’500), Waldschnepfen (~1’900) und weitere Vogelarten (~2’500). Diese Kategorien werden in der offiziellen Kommunikation regelmässig unterschlagen.

Rechnet man alle jagdbaren Arten zusammen, erfasst die offizielle Eidgenössische Jagdstatistik jährlich rund 125’000 bis 140’000 durch die Hobby-Jagd getötete Wildtiere. BirdLife Schweiz bezifferte das Total für das Jagdjahr 2019 auf über 138’000. Die höhere Schätzung Richtung 150’000+ lässt sich rechtfertigen, wenn man die Dunkelziffer einbezieht: angeschossene Tiere, die später verenden (Fallwild mit Schussverletzungen), nicht gemeldete Abschüsse und die nicht vollständig erfassten Spezialabschüsse bei Rabenvögeln. Gemäss der eidgenössischen Jagdstatistik wurden allein im Jahr 2023 landesweit 282 Tiere als Fallwild mit Schussverletzung aufgefunden – wobei dies lediglich die aufgefundene Spitze des Eisbergs darstellt. Das Dossier Jagd in der Schweiz – Zahlen, Systeme und das Ende eines Narrativs liefert die vollständige Datengrundlage.

Fallwild: Die unsichtbaren Opfer

Neben den jagdlichen Abschüssen gibt es das sogenannte «Fallwild» – Tiere, die nicht durch die Hobby-Jagd, sondern durch andere menschliche Einwirkungen sterben und registriert werden. Die grössten Kategorien:

  • Strassenverkehr: Allein beim Reh werden in der Schweiz jährlich rund 15’000 bis 20’000 Verkehrstote registriert. Bei Füchsen, Dachsen und Igeln liegen die Dunkelziffern noch höher.
  • Bahntod: Besonders Rehe und Feldhasen fallen Zugkollisionen zum Opfer.
  • Hunde und Katzen: Freilaufende Hunde und Katzen töten jährlich Millionen von Wildvögeln und Kleinsäugern.
  • Landwirtschaft: Mähmaschinen töten jährlich zehntausende Kitze und Feldhasen. Die Dunkelziffer ist hoch.

Rechnet man jagdliche Abschüsse und Fallwild zusammen, übersteigt die jährliche anthropogene Wildtiersterblichkeit in der Schweiz vermutlich 500’000 Individuen. Diese Zahl ist nicht amtlich erfasst, sie ergibt sich aus der Zusammenführung verschiedener Quellen.

Entwicklung über 10 Jahre: Was die Trends sagen

Ein Blick auf die Entwicklung der Abschusszahlen über zehn Jahre offenbart interessante Muster:

Rothirsch: Die Abschusszahlen sind in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen – von rund 10’000 auf über 13’000 pro Jahr. Das spiegelt eine Expansion des Hirschbestands wider, der nach der Ausrottung im 19. Jahrhundert und der Wiederbesiedlung im 20. Jahrhundert nun in viele Kantone zurückkehrt. Mehr dazu im Dossier Rothirsch in der Schweiz.

Gämse: Die Abschusszahlen sind leicht rückläufig – von rund 12’000 auf unter 11’000. Die Gämsbestände sind in einigen Regionen rückläufig, was Klimawandel, Freizeitdruck und Jagd als kumulierte Stressfaktoren widerspiegelt. Das Dossier Gämse in der Schweiz analysiert die Situation.

Wildschwein: Die Abschusszahlen schwanken stark – von unter 5’000 in schlechten Mastjahren bis über 10’000 in mastreichen Jahren. Die Jagd folgt der Populationsdynamik nicht – sie reagiert, anstatt zu steuern. Das erklärt, warum die Wildschweinpopulation trotz hoher Abschusszahlen nicht sinkt. Unser Dossier zum Wildschwein erklärt den «Hunting-Paradox»-Effekt.

Feldhase: Der Feldhase ist in der Schweiz stark gefährdet – seine Bestände sind massiv zurückgegangen. Trotzdem wurde er bis vor wenigen Jahren noch bejagt. Der schrittweise Rückzug aus der Bejagung des Feldhasen ist ein seltenes Beispiel, in dem die Jagdpolitik auf Alarmbefunde der Wissenschaft reagiert hat. Das Dossier Feldhase beschreibt, wie lange dieser Schritt gebraucht hat.

Kantonale Spitzenreiter: Wo wird am meisten gejagt?

Nicht alle Kantone jagen gleich intensiv. Die flächenmässig grossen Alpen- und Voralpen-Kantone dominieren die Statistik:

  • Graubünden: Mit Abstand der jagdintensivste Kanton. Rund ein Drittel aller Rothirschabschüsse der Schweiz entfällt auf Graubünden. Die Hochjagd im September ist das grösste Jagdereignis der Schweiz.
  • Bern: Grösster Kanton nach Fläche, entsprechend hohe Abschusszahlen bei Reh und Wildschwein.
  • Wallis: Bedeutend für Gämsenabschüsse und Steinbock-Regulierungsmassnahmen.
  • Tessin: Hohe Wildschweinjagd, auch grenzüberschreitende Herden aus Italien.

Am anderen Ende der Skala: Genf, wo professionelle Wildhüter das Management übernehmen und keine Hobby-Jagd stattfindet. Die Abschusszahlen in Genf sind minimal und erfolgen ausschliesslich durch staatlich angestelltes Personal.

Geschützte Arten, die trotzdem sterben: Luchse, Adler, Feldhasen

Eines der dunkelsten Kapitel der Schweizer Jagdstatistik: Jährlich werden auch Tiere getötet, die unter strengem Schutz stehen. Das geschieht durch:

  • Verwechslungsabschüsse: Luchse werden in seltenen Fällen für jagdbare Tiere gehalten und irrtümlich abgeschossen. Jeder einzelne Fall ist rechtlich relevant – der Luchs ist streng geschützt, und jeder verlorene Luchs bedeutet eine Lücke in der natürlichen Regulation.
  • Wilderei: Wilderei ist in der Schweiz ein ernstes Problem. Das Dossier Wilderei und Jagdkriminalität in der Schweiz dokumentiert bekannte Fälle und schätzt die Dunkelziffer.
  • Vergiftete Köder: Besonders Greifvögel wie Steinadler und Rotmilane sterben durch vergiftete Köder, die von Personen ausgelegt werden, die Beutegreifer aus dem Weg räumen wollen.
  • Bleigeschosse: Auch nach dem Tod weiterwirkend – Bleimunitionsreste in Aufbrüchen und nicht aufgefundenen Wildkörpern vergiften Greifvögel wie Adler und Rotmilane. Das Dossier Bleimunition und Umweltgifte beleuchtet dieses Problem.

Fehlschüsse und die Dunkelziffer der Nachsuche

Nicht jeder Schuss tötet sofort. Schätzungen von Jagdkritikerinnen und -kritikern, gestützt auf Aussagen erfahrener Hobby-Jägerinnen und ‑jäger, gehen davon aus, dass auf 10 erlegte Tiere 1 bis 2 Tiere kommen, die angeschossen werden, sich verkriechen und erst nach stunden- oder tagelanger Nachsuche – oder gar nicht – gefunden werden.

Die Dunkelziffer ist strukturell: Wer ein Tier anschiesst und nicht findet, hat einen Anreiz, das nicht zu melden. Die offiziellen Statistiken enthalten nur gefundene und gemeldete Wildkörper. Tiere, die verletzt das Jagdgebiet verlassen und anderswo sterben, tauchen in keiner Statistik auf.

Eine Schätzung: Bei 130’000 gemeldeten Abschüssen und einer konservativen Fehlschussrate von 5 Prozent wären das rund 6’500 zusätzliche Tiere pro Jahr, die verletzt sterben – ausserhalb jeder Statistik. Das ist eine Untergrenze. Manche Expertinnen und Experten nennen höhere Quoten, insbesondere für Treibjagden bei schlechtem Wetter.

Ökologische Bewertung: Was sagen die Zahlen über den Zustand der Wildtiere?

Wildtier Schweiz, die Organisation, die im Auftrag des BAFU die Jagdstatistik führt, hält in ihren eigenen Berichten fest: «Aufgrund der Jagdstatistik können keine verlässlichen Rückschlüsse auf den Zustand der Wildtierarten gezogen werden.»

Das ist eine bemerkenswert selbstkritische Aussage. Sie bedeutet: Die Abschusszahl eines Jahres sagt nichts darüber aus, ob eine Population zu- oder abnimmt, ob sie gesund ist oder gefährdet. Die Jagdstatistik misst, was die Hobby-Jäger schiessen wollten und konnten – nicht, was dem Ökosystem fehlt oder zugutekommt.

Für eine echte ökologische Bewertung bräuchte es:

  • Systematisches Wildtier-Monitoring mit standardisierten Zählmethoden
  • Langzeitdaten zu Populationsdichte und -struktur pro Art und Region
  • Unabhängige wissenschaftliche Auswertung, nicht durch jagdnahe Institutionen
  • Verknüpfung mit Ökosystemdaten (Vegetation, Prädation, Klimaveränderungen)

All das fehlt in der Schweiz weitgehend. Die Jagdpolitik basiert auf Abschusszahlen ohne verlässliche Populationsbasis – ein fundamentales Transparenzproblem.

Was kostet ein erlegtes Tier die Gesellschaft?

Die Jagd wird oft als kostenfreie oder sogar einnahmebringende Dienstleistung dargestellt: Hobby-Jäger zahlen Jagdpachten, kaufen Patente und entlasten den Staat. Was diese Berechnung weglässt, sind die externen Kosten:

  • Staatliche Subventionierung von Wildschadensfonds
  • Verwaltungsaufwand für Jagdaufsicht, Wildhüter, Kontrolle
  • Wildunfallfolgekosten (Unfallschäden, Bergung, Versicherungskosten)
  • Kosten durch jagdinduzierten Verbissdruck (gestresste Wildtiere verbissen mehr Wald)
  • Öffentliche Gesundheitskosten durch Bleiexposition aus Wildbretverzehr

Das Dossier Was die Hobby-Jagd die Schweiz wirklich kostet rechnet diese Posten durch und kommt zu dem Schluss: Gesamtgesellschaftlich betrachtet ist die Hobby-Jagd kein finanzieller Gewinn – sondern eine subventionierte Freizeitbeschäftigung.

Reh, Gämse, Dachs: Was bedeuten die Abschüsse für die einzelnen Arten?

Jede Art reagiert anders auf Jagddruck. Kurze Einblicke:

Das Reh ist das meistgeschossene Wildtier der Schweiz. Mit 43’000 bis 47’000 Abschüssen pro Jahr ist es das Hauptobjekt der Niederjagd. Trotz hoher Abschusszahlen bleibt die Population stabil – was darauf hindeutet, dass die Jagd die Populationsdynamik nicht kontrolliert, sondern lediglich begleitet. Mehr im Dossier Das Reh in der Schweiz.

Die Gämse ist ein Symbol der Hochjagd in der Schweiz. In Graubünden und im Wallis werden die meisten der schweizweiten 10’000 bis 11’000 Gämsen erlegt. Die Population ist in einigen Regionen rückläufig – trotz oder wegen der Jagd. Das Dossier Gämse in der Schweiz zeigt, dass der Mythos der Überpopulation der Realität nicht standhält.

Der Dachs wird jährlich mit rund 2’500 bis 3’500 Individuen bejagt. Er ist ein Ökosystem-Ingenieur: Seine Baue werden von zahlreichen anderen Tierarten genutzt. Das Dossier Dachs in der Schweiz zeigt, welche ökologischen Konsequenzen sein Abschuss hat.

Wasservögel werden in der Schweiz auf Seen und Feuchtgebieten gejagt – trotz ihres oft schlechten Erhaltungszustands auf europäischer Ebene. Das Dossier Wasservögel in der Schweiz beschreibt die Widersprüche zwischen Artenschutzverpflichtungen und der Jagdpraxis.

Fazit: Transparenz statt Selbstjustiz der Jagdstatistik

Die Schweizer Jagdstatistik ist ein Instrument der Jagdverwaltung, nicht der unabhängigen Wildtierforschung. Sie misst Abschüsse, nicht Populationsgesundheit. Sie erfasst Gemeldetes, nicht die Dunkelziffer. Und sie wird von jagdnahen Institutionen ausgewertet.

Eine ehrliche ökologische Bewertung der Schweizer Hobby-Jagd würde unabhängige Wildtierforschung, transparente Populationsdaten und eine gesellschaftliche Diskussion darüber erfordern, ob über 130’000 jährlich getötete Wildtiere mit den Werten und dem Tierschutzrecht der Schweiz vereinbar sind. Diese Debatte steht aus.

Weiterführende Inhalte auf wildbeimwild.com:

Mehr Hintergründe zur aktuellen Jagdpolitik in der Schweiz findest du in unserem Dossier auf wildbeimwild.com.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden