In Frankreich wurden in der Saison 2024/2025 offiziell 100 Jagdunfälle mit Schusswaffen registriert: 11 Tote, 16 verletzte Nichtjägerinnen und Nichtjäger, darunter drei Schwerstverletzte, sowie 135 Sachschadenereignisse, bei denen 58 Wohnhäuser, 27 Fahrzeuge und 50 Haustiere beschossen wurden. In Italien kommt die Universität Urbino für dieselbe Saison auf 62 Unfälle und 14 Todesopfer, wobei diese Zahlen auf Medienauswertungen beruhen und erhebliche Dunkelfelder vermuten lassen. In Spanien starben zwischen 2007 und 2022 mindestens 125 Menschen durch Jagdwaffen, über 729 wurden verletzt. In der Schweiz ereignet sich rein rechnerisch alle 29 Stunden ein Jagdunfall; seit dem Jahr 2000 wurden über 75 Menschen im Kontext der Hobby-Jagd getötet.
Was diese Zahlen verbindet: Sie sind nicht Ergebnis eines systematischen europäischen Monitorings, sondern Bruchstücke aus nationalen Behördenberichten, Medienauswertungen, NGO-Dossiers und Transparenzanfragen. Ein zentrales, öffentlich zugängliches Register für Jagdunfälle in Europa existiert nicht. Die Jagdlobby hat kein Interesse daran, dass es entsteht. Und die meisten Regierungen fragen nicht nach.
Was von der Hobby-Jägerschaft als «unvermeidliches Restrisiko» einer «verantwortungsvollen Freizeitaktivität» dargestellt wird, zeigt sich bei näherer Betrachtung als strukturelles Sicherheitsproblem: Zehntausende bewaffnete Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger bewegen sich jährlich in Wäldern, auf Feldern und in Bergregionen, die gleichzeitig von Spaziergängerinnen, Wanderern, Pilzsammlern, Landwirtinnen, Anwohnenden und Haustieren genutzt werden. Wenn dabei Menschen sterben, wird das als Einzelfall behandelt. Dieses Dossier zeigt, warum es keiner ist.
Das AVC-Dossier aus Italien, die OFB-Statistik aus Frankreich, die Transparenzanfrage-Daten aus Spanien, die BFU-Auswertungen aus der Schweiz und die PETA-Chronik aus dem deutschsprachigen Raum belegen: Jagdopfer sind kein Unglück. Sie sind das erwartbare Ergebnis einer bewaffneten Massenfreizeitaktivität ohne ausreichende staatliche Kontrolle, ohne europäische Koordination und mit einer Lobby, die seit Jahrzehnten erfolgreich verhindert, dass die Öffentlichkeit die wahre Dimension des Problems kennt.
Was dich hier erwartet
- Frankreich: Das einzige Land mit staatlicher Vollerfassung – und was seine Zahlen zeigen. Wie das Office français de la biodiversité (OFB) Jagdunfälle systematisch dokumentiert, warum die Zahlen der Saison 2024/2025 alarmierend sind und was 135 Sachschadenereignisse pro Saison über das Ausmass des Problems aussagen.
- Italien: Das AVC-Dossier und eine Organisation, die die Lobby bekämpft. Wie die Associazione Vittime della Caccia (AVC) seit 2007 Jagdopfer dokumentiert, was das Dossier 2025/2026 zeigt, und warum die Jagdlobby dem Staat erfolgreich empfahl, der Organisation den Status als anerkannte Umweltschutzorganisation zu entziehen.
- Spanien: 125 Tote in 15 Jahren – und kein gesamtstaatliches Register: Wie Spanien über eine Transparenzanfrage zu Jagdunfalldaten kam, was die Guardia-Civil-Daten zeigen, und warum Regionen wie Katalonien und das Baskenland nicht einmal in der nationalen Statistik auftauchen.
- Schweiz: 300 Unfälle pro Jahr – und eine systematisch unterzählte Dunkelziffer: Was die BFU-Statistik und die UVG-Daten zur Hobby-Jagd sagen, welche Personengruppen in der Statistik fehlen und was 3,6 Millionen Franken jährliche Kosten über das wahre Ausmass verraten.
- Deutschland: Keine zentrale Statistik – PETA führt die Chronik: Warum Deutschland bis heute keine offizielle Gesamterfassung von Jagdunfällen kennt, wie PETA diese Lücke füllt und was die Einzelfallberichte strukturell gemeinsam haben.
- Unbeteiligte als Opfer: Spaziergänger, Haustiere, Anwohnende: Wer ausserhalb der Hobby-Jägerschaft zu Opfern wird, welche Muster die Dokumentationen zeigen und warum der öffentliche Raum kein sicherer Ort ist, solange Hobby-Jagd darin stattfindet.
- Das europäische Dunkelfeld: Was die Daten nicht zeigen: Warum alle verfügbaren Zahlen Unterschätzungen sind, welche Verzerrungen durch fehlende Register, unterschiedliche Definitionen und politischen Druck entstehen und was eine ehrliche Gesamtschau bedeuten würde.
- Was sich ändern müsste: Konkrete politische Forderungen: EU-weites Unfallregister, nationale Meldepflicht, öffentliche Sperrzonen, Haftungsreform.
- Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Rechtfertigungen der Hobby-Jägerschaft und ihrer Verbände.
- Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Studien und Dossiers auf einen Blick.
Frankreich: Das einzige Land mit staatlicher Vollerfassung – und was seine Zahlen zeigen
Frankreich ist in Europa ein Sonderfall: Das Office français de la biodiversité (OFB) erfasst Jagdunfälle seit Jahren systematisch und veröffentlicht jährliche Bilanzen – eine Praxis, die in der Mehrheit der europäischen Länder nicht existiert. Diese Transparenz hat ihren Preis: Sie macht sichtbar, was in anderen Ländern im Dunkeln bleibt.
Für die Saison 2024/2025 meldet das OFB 100 Unfälle mit Schusswaffen, 11 Tote – alle Hobby-Jäger – sowie 16 verletzte Nicht-Jägerinnen und Nicht-Jäger, davon drei Schwerstverletzte. Hinzu kommen 135 Sachschadenereignisse, bei denen 58 Wohnhäuser, 27 Fahrzeuge und 50 Haustiere beschossen wurden. Das ist nicht der Ausnahmefall einer schlechten Saison: In der Saison 2024/2025 stiegen die tödlichen Unfälle von 6 auf 11 – beinahe eine Verdopplung gegenüber den zwei Vorjahren. Die Tierschutzorganisation ASPAS spricht von einer «deutlich gestiegenen» Zahl und mahnt, dass der Langzeittrend sinkender Unfallzahlen die jährlichen Ausschläge nach oben nicht rechtfertige.
Was die OFB-Zahlen besonders aufschlussreich macht: Sie zeigen nicht nur Jagdunfälle mit Personenschaden, sondern auch die beschossenen Häuser, Fahrzeuge und Haustiere – eine Kategorie, die in anderen nationalen Statistiken schlicht nicht existiert. Wenn allein in Frankreich in einer einzigen Saison 58 Wohnhäuser und 27 Fahrzeuge beschossen werden, ist das kein Randphänomen, sondern ein Massstab dafür, wie viel breiter das Gefährdungspotenzial der Hobby-Jagd im öffentlichen Raum ist, als Unfallzahlen mit Personenschaden suggerieren.
Mehr dazu: Ein Mann stirbt in Harchies und Europa schaut weg und Jagd in der Schweiz: Faktencheck, Jagdarten, Kritik
Italien: Das AVC-Dossier und eine Organisation, die die Lobby bekämpft
In Italien gibt es keine staatliche Vollerfassung von Jagdunfällen. Was stattdessen existiert, ist die Arbeit der Associazione Vittime della Caccia (AVC), die seit 2007 systematisch Medienberichte auswertet, Einzelfälle dokumentiert und jährlich ein Dossier veröffentlicht. Parallel dazu wertet die Universität Urbino landesweit Pressemeldungen aus. Beide Quellen zeigen für die Saison 2024/2025 dasselbe Bild: 62 Unfälle, 14 Tote.
Das AVC-Dossier 2025/2026 geht noch weiter. Es dokumentiert 33 Tode von Hobby-Jägern durch eigene Handlungen – und 13 Tode von Menschen, die mit der Jagd in keinerlei Zusammenhang standen: Spaziergängerinnen, Nachbarn, Familienangehörige, zufällig Anwesende. Die Regionen Sardinien, Piemont und Toskana führen die traurige Statistik an. Das Dossier hält fest, dass die Relation zwischen Jägeropfern und Nicht-Jägeropfern «kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Warnsignal» ist. Und: Weniger Jägerinnen und Jäger, aber eine anhaltend hohe Zahl von Opfern – die behauptete Sicherheitsverbesserung findet in der Realität nicht statt.
Wie reagiert die Jagdlobby auf diese Dokumentation? Die Federazione Italiana della Caccia begrüsste 2023 den Entscheid des italienischen Umweltministeriums, der AVC den Status als anerkannte Umweltschutzorganisation zu entziehen. Die offizielle Begründung: Die von der AVC veröffentlichten Zahlen seien «zweifellos parteiisch» und geeignet, «sozialen Alarm» auszulösen. Mit anderen Worten: Die Jagdlobby hat erfolgreich dafür gesorgt, dass die wichtigste Opferdokumentation Italiens staatlich diskreditiert wurde. Das ist keine Antwort auf ein Sicherheitsproblem. Das ist dessen Vertuschung.
Mehr dazu: Jagdopfer in Italien: Das AVC-Dossier 2025/2026 und Jagd und Tierschutz: Was die Praxis mit Wildtieren macht
Spanien: 125 Tote in 15 Jahren – und kein gesamtstaatliches Register
In Spanien existiert kein gesamtstaatliches Register für Jagdunfälle. Was vorliegt, ist das Ergebnis einer Transparenzanfrage der investigativen Plattform Maldita.es an die Guardia Civil: Für den Zeitraum August 2007 bis Dezember 2020 – also fast 14 Jahre – ergab die Auswertung 63 Tote und 483 Verletzte, davon 215 Schwerverletzte. Und das ohne die Daten aus Katalonien und dem Baskenland, die eigene Polizeistrukturen haben und in der nationalen Statistik der Guardia Civil nicht vollständig auftauchen.
Eine parlamentarische Anfrage von 2022 ergab eine aktualisierte Zahl: Zwischen 2007 und März 2022 starben in Spanien mindestens 125 Menschen durch Jagdwaffen, 729 wurden verletzt. Für das Jahr 2025 allein dokumentiert eine Medienauswertung 9 Tote und 27 Verletzte in mindestens 9 autonomen Gemeinschaften. Der tödliche Jagdunfall in Katalonien im November 2025 – ein Hobby-Jäger tötete bei einer Gesellschaftsjagd auf einem Privatreservat einen anderen – steht für ein Muster: Die Provinz Toledo führt die spanische Unfallliste an, gefolgt von Gebieten in Kastilien-La Mancha, einer Region, in der Jagd tief in der Alltagskultur verankert ist und entsprechend wenig kritisch hinterfragt wird.
Was die spanischen Daten besonders deutlich zeigen, ist die geografische Ungleichheit der Datenlage: Dort, wo Polizeikompetenzen dezentralisiert sind, verschwinden Jagdunfälle aus der nationalen Statistik. Das ist kein technisches Problem, sondern ein politisches: Wenn Jagdunfälle nicht zentral erfasst werden müssen, entsteht kein politischer Druck, sie zu reduzieren.
Mehr dazu: Tödlicher Jagdunfall in Spanien: Ein Schuss, der Europa erschüttern müsste und Ein Mann stirbt in Harchies und Europa schaut weg
Schweiz: 300 Unfälle pro Jahr – und eine systematisch unterzählte Dunkelziffer
In der Schweiz retten BFU (Beratungsstelle für Unfallverhütung) und SUVA-Daten wenigstens einen Teil des Bildes. Seit dem Jahr 2000 wurden bis 2019 über 75 Menschen bei Jagdunfällen getötet. Rein rechnerisch passiert alle 29 Stunden ein Jagdunfall; ungefähr alle dreieinhalb Monate kommt ein Mensch ums Leben. Für die Jahre 2016 bis 2020 bestätigen die UVG-Daten: jährlich rund 300 anerkannte Unfälle, etwa 1 Todesfall, 2 neue Invalidenrenten, jährliche Gesamtkosten von rund 3,6 Millionen Franken.
Doch diese Zahlen sind mit einem entscheidenden Vorbehalt zu lesen: Die UVG-Statistik erfasst nur obligatorisch unfallversicherte Erwerbstätige. Rentnerinnen und Rentner, Selbstständige, Kinder, Hausfrauen und Hausmänner sowie Studierende fehlen vollständig. Gerade pensionierte Hobby-Jäger stellen aber einen erheblichen und wachsenden Anteil derjenigen, die im Herbst mit der Waffe im Revier stehen. Was sie erleben, erleiden oder verursachen, taucht in keiner offiziellen Schweizer Jagdunfallstatistik auf. Eine Meldepflicht für Jagdverletzungen und -todesfälle – unabhängig vom Versicherungsstatus – existiert weder auf Bundes- noch auf Kantonsebene. In der Schweiz zählt die Statistik tödlicher Jagdunfälle damit verlässlich nur das, was das Versicherungssystem abbildet, und ignoriert systematisch, was ausserhalb davon passiert.
Besonders unfallträchtig ist der Kanton Graubünden, gefolgt von Jagdunfällen im Ausland und den Kantonen Tessin, Aargau, Wallis, St. Gallen und Bern. Alle seit dem Jahr 2000 auf der Jagd tödlich verunglückten Personen mit BFU-Eintrag waren in der Schweiz wohnhaft – Jagdtourismus aus dem Ausland taucht in dieser Statistik also gar nicht auf. Das wirkliche Ausmass der Gefährdung liegt damit deutlich über dem, was die offiziellen Zahlen suggerieren.
Mehr dazu: Schweiz: Statistik tödlicher Jagdunfälle und Initiative fordert «Wildhüter statt Jäger»
Deutschland: Keine zentrale Statistik – PETA führt die Chronik
Deutschland kennt bis heute keine offizielle, gesamtstaatliche Statistik über Jagdunfälle. Was auf Bundesebene existiert, sind bruchstückhafte Daten der Gesundheitsberichterstattung zu Schusswaffentodesfällen, die nicht nach Kontext differenzieren und keine Rückschlüsse auf Jagdunfälle im spezifischen Sinn erlauben. Die Tierrechtsorganisation PETA füllt diese Lücke mit einer Chronik der Jagdunfälle und Gewalttaten mit Jägerwaffen im deutschsprachigen Raum – einer laufend aktualisierten Sammlung von Einzelfällen, die zeigt, was staatliche Stellen nicht systematisch erfassen.peta+1
Die Chronik belegt ein breites Spektrum: erschossene Haustiere, angeschossene Spaziergänger, Jagdunfälle unter Jägerinnen und Jägern, Verwechslungen von Menschen mit Wild, Fälle von Jagdhunden, die erschossen wurden. Sie zeigt auch, dass Jagdwaffen im Kontext von Streitigkeiten und Amokläufen eingesetzt werden – ein Aspekt, der in keiner jagdstatistischen Auswertung systematisch auftaucht. Ein Correctiv-Faktencheck zur Behauptung, in Deutschland seien seit 2015 rund 130 Menschen durch Jäger umgekommen, konnte diese Zahl nicht verifizieren – nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil die Datenlage schlicht nicht ausreicht, um sie zu belegen oder zu widerlegen. Das ist an sich ein Befund.
Das deutsche Beispiel steht für ein europäisches Muster: Wo keine Meldepflicht besteht, entstehen keine Daten. Wo keine Daten entstehen, entsteht kein politischer Druck. Und wo kein politischer Druck entsteht, ändert sich nichts. Die Jagdlobby hat in Deutschland wie in anderen Ländern erfolgreich verhindert, dass Jagdunfälle mit derselben Systematik erfasst werden wie etwa Verkehrsunfälle oder Arbeitsunfälle. Das Ergebnis ist ein strukturelles Informationsdefizit, das zuallererst den Opfern schadet.
Mehr dazu: Jagd und Tierquälerei und Kategorieseite Kriminalität und Jagd
Unbeteiligte als Opfer: Spaziergänger, Haustiere, Anwohnende
Jagdunfälle werden in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als Unfälle innerhalb der Jagdgemeinschaft behandelt: Ein Hobby-Jäger trifft versehentlich einen anderen, ein Schuss geht in die falsche Richtung, ein Sturz im Steilgelände. Das ist falsch – nicht nur als Beschreibung, sondern als politische Rahmung. Ein wachsender Anteil der Opfer hat mit der Hobby-Jagd nichts zu tun.
In Frankreich wurden in der Saison 2024/2025 offiziell 16 Nicht-Jägerinnen und Nicht-Jäger durch Schüsse verletzt, drei davon schwer. In den Sachschadenzahlen desselben Jahres erscheinen 58 beschossene Wohnhäuser und 27 Fahrzeuge – konkrete Lebensräume von Menschen, die am Sonntagnachmittag zu Hause oder auf der Strasse waren und nicht wussten, dass ein Hobby-Jäger in ihrer Nähe schoss. In Italien starben laut AVC-Dossier in der Saison 2025/2026 mindestens 13 Menschen, die mit der Jagd in keinerlei Zusammenhang standen. In Spanien stellt eine Medienauswertung fest, dass das Muster geografisch nicht zufällig ist, sondern eng mit der Jagdintensität der jeweiligen Region zusammenhängt.
In der Schweiz und im deutschsprachigen Raum dokumentiert die PETA-Chronik wiederholt Fälle, in denen Haustiere erschossen, Wandernde angeschossen oder Menschen in der Nähe von Jagdgebieten in Lebensgefahr gebracht wurden. Der öffentliche Raum – Wald, Feld, Bergwiese – ist in der Jagdsaison kein neutraler Ort mehr. Er wird temporär zur bewaffneten Sperrzone, ohne dass die Menschen, die ihn nutzen, systematisch gewarnt oder geschützt werden. Das ist keine Nebenwirkung der Hobby-Jagd. Es ist ihr Strukturmerkmal.
Mehr dazu: Ein Mann stirbt in Harchies und Europa schaut weg und Dossier Jagd und Tierschutz
Das europäische Dunkelfeld: Was die Daten nicht zeigen
Alle verfügbaren Zahlen zu Jagdopfern in Europa sind Unterschätzungen. Das ist keine Behauptung, sondern eine methodische Tatsache, die sich aus mehreren Faktoren ergibt. Erstens: Nur Frankreich erfasst Jagdunfälle systematisch und vollständig durch eine staatliche Behörde. Alle anderen Länder stützen sich auf Medienauswertungen, Versicherungsdaten, Transparenzanfragen oder NGO-Dokumentationen – Quellen, die strukturell unvollständig sind.
Zweitens: Die Definitionen variieren. Was in Frankreich als «Jagdunfall» zählt, kann in Spanien, Deutschland oder der Schweiz unter «Waffenunfall», «Jagdtätigkeit», «Freizeitunfall» oder gar nicht erfasst werden. Stürze und Abstürze in der Jagdsaison, die durch Zeitdruck, Dunkelheit oder Gelände ausgelöst werden, erscheinen in der Schweizer UVG-Statistik häufig nicht als «Jagdunfälle», obwohl sie es kausal sind. Drittens: Pensionierte, Kinder, Selbstständige und andere nicht obligatorisch versicherte Personengruppen fehlen in fast allen nationalen Statistiken vollständig. Gerade bei der Hobby-Jagd ist die Gruppe der über 60-Jährigen überproportional gross.
Was ein vollständiges europäisches Register zeigen würde, lässt sich anhand der verfügbaren Fragmente erahnen: Hunderte Tote pro Jahrzehnt, Tausende Verletzte, Zehntausende Sachschadenereignisse, ein wachsender Anteil unbeteiligter Opfer – und eine Lobby, die erfolgreich verhindert, dass diese Zahlen zusammengeführt und der Öffentlichkeit in ihrer Gesamtheit präsentiert werden. Die Forderung nach einem EU-weiten Register ist deshalb nicht bürokratisch, sondern demokratisch: Wer Risiken nicht misst, kann sie nicht verantworten.
Mehr dazu: Schweiz: Statistik tödlicher Jagdunfälle und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest
Was sich ändern müsste
Erstens: EU-weites, standardisiertes Register für Jagdunfälle. Die Europäische Kommission führt detaillierte Unfallstatistiken für den Strassenverkehr, den Arbeitsplatz und Konsumgüter. Für Jagdunfälle existiert kein Äquivalent. Ein verpflichtendes, standardisiertes Meldesystem auf EU-Ebene – mit einheitlichen Definitionen, Kategorienschemata und öffentlicher Berichtspflicht – ist die Grundvoraussetzung dafür, dass das strukturelle Ausmass des Problems sichtbar wird.
Zweitens: Nationale Meldepflicht für alle Jagdunfälle mit Personenschaden. In der Schweiz, Deutschland, Spanien, Italien und anderen europäischen Ländern müssen Jagdunfälle mit Personenschaden unverzüglich und vollständig an eine zentrale Stelle gemeldet werden – unabhängig vom Versicherungsstatus der betroffenen Personen. Diese Meldepflicht muss auch für Unfälle ausserhalb der Jagdsaison sowie für Unfälle mit Jagdwaffen im Freizeitkontext gelten.
Drittens: Öffentliche Sperrzonensignalisierung während der Jagdsaison. Wenn Drückjagden, Treibjagden und Hochjagden stattfinden, müssen betroffene Gebiete für die Dauer der Jagd klar und öffentlich zugänglich signalisiert werden. Das Recht auf freie Nutzung des öffentlichen Raums endet nicht dort, wo eine Gruppe von Hobby-Jägern mit Waffen einzieht. Wanderwege, Erholungsgebiete und öffentliche Wälder sind keine Jagdreservate.
Viertens: Haftungsreform. Wer als Hobby-Jäger oder Jagdveranstalter durch fahrlässiges Handeln Personen verletzt oder tötet, muss zivilrechtlich umfassend haftbar gemacht werden können – auch für psychische Schäden, Folgekosten und den Schaden an Haustieren. Die aktuelle Rechtslage in vielen Ländern privilegiert die Hobby-Jagd gegenüber anderen bewaffneten Freizeitaktivitäten.
Fünftens: Obligatorische Versicherung und Sicherheitsnachweise. Der Erwerb eines Jagdpatents muss europaweit an einen aktuellen Sicherheitsnachweis gebunden werden – regelmässige Nachschulungen, Schiesstests und psychologische Eignungsabklärungen. Wer mit einer tödlichen Waffe im öffentlichen Raum unterwegs ist, muss nachweisen, dass er oder sie dazu in der Lage ist, und das nicht nur einmalig beim ersten Jagdkurs.
Sechstens: Sonntags- und Feiertagsverbot für Drück- und Gesellschaftsjagden. In Frankreich und Italien sind Forderungen nach einem Jagdverbot an Sonn- und Feiertagen bereits parlamentarisch diskutiert worden. Der Hintergrund ist einfach: An diesen Tagen nutzen besonders viele Menschen den öffentlichen Raum zur Erholung – und das Risiko, in die Nähe einer Hobby-Jagd zu geraten, ist damit am grössten. Ein Sonntag im Wald sollte kein Sicherheitsrisiko sein.
Argumentarium
«Jagdunfälle sind selten – die Statistiken zeigen einen positiven Trend.» Der angeblich positive Trend basiert auf Daten, die strukturell unvollständig sind. Pensionierte, Selbstständige und andere nicht obligatorisch versicherte Gruppen fehlen in fast allen nationalen Statistiken. In Frankreich, dem einzigen Land mit echter Vollerfassung, stiegen die tödlichen Unfälle in der Saison 2024/2025 gegenüber den zwei Vorjahren beinahe auf das Doppelte. Wer von einem positiven Trend spricht, beschreibt einen Ausschnitt der Realität, nicht die Realität selbst.
«Die meisten Opfer sind Jägerinnen und Jäger selbst – es ist ihr freiwillig eingegangenes Risiko.» Erstens stimmt das für einen wachsenden Anteil der Opfer nicht: In Italien starben laut AVC-Dossier 2025/2026 mindestens 13 Menschen, die mit der Jagd in keinerlei Zusammenhang standen. In Frankreich wurden 16 Nicht-Jägerinnen und Nicht-Jäger durch Schüsse verletzt. Zweitens: Auch wenn Jägerinnen und Jäger unter sich Risiken eingehen, tun sie das im öffentlichen Raum – einem Raum, den andere ebenfalls nutzen, ohne gefragt zu werden.
«Moderne Ausbildung und Sicherheitsregeln haben die Unfallzahlen drastisch gesenkt.» Wenn das stimmt, warum gibt es dann in keinem europäischen Land ausser Frankreich eine vollständige, öffentlich zugängliche Unfallstatistik? Die Behauptung sinkender Zahlen lässt sich dort nicht überprüfen, wo keine Zahlen erhoben werden. Und wo Zahlen vorliegen – etwa in Frankreich für 2024/2025 –, widersprechen sie der Behauptung.
«Jagdunfälle sind nicht vergleichbar mit Verkehrsunfällen – sie sind zu selten, um politisch relevant zu sein.» In Frankreich wurden in der Saison 2024/2025 offiziell 58 Wohnhäuser, 27 Fahrzeuge und 50 Haustiere beschossen. Das sind Sachschadenereignisse in besiedeltem Raum – unabhängig davon, ob dabei Menschen verletzt wurden. Wenn dieselbe Zahl an Häusern durch eine andere bewaffnete Freizeitaktivität beschossen würde, wäre das Thema sofort politisch relevant. Der Unterschied liegt nicht im Ausmass, sondern in der gesellschaftlichen Akzeptanz.
«Wir sind selbst an Sicherheit interessiert – die Jagdlobby arbeitet intensiv daran.» Die Federazione Italiana della Caccia hat erfolgreich beim italienischen Umweltministerium erwirkt, der AVC – der wichtigsten Opferdokumentation des Landes – den Schutzstatus zu entziehen. Das ist keine Sicherheitsarbeit. Das ist Informationsunterdrückung.
«In der Schweiz ist die Jagd gut reguliert.» Die Schweizer UVG-Statistik lässt grosse Bevölkerungsgruppen – darunter pensionierte Hobby-Jäger – systematisch aus der Unfallerfassung herausfallen. Es existiert keine Meldepflicht für Jagdverletzungen und -todesfälle ausserhalb des Versicherungssystems. Die tatsächliche Zahl der Jagdunfälle und Todesfälle liegt damit deutlich über den offiziellen Zahlen – in einem Land, das sich als Tierschutzstaat versteht.
Quicklinks
Beiträge auf Wild beim Wild:
- Schweiz: Statistik tödlicher Jagdunfälle
- Jagdopfer in Italien: Das AVC-Dossier 2025/2026
- Ein Mann stirbt in Harchies und Europa schaut weg
- Tödlicher Jagdunfall in Spanien: Ein Schuss, der Europa erschüttern müsste
- Initiative fordert «Wildhüter statt Jäger»
- Die Schweiz jagt, aber warum eigentlich noch?
- Jagd und Tierquälerei
- Hobby-Jäger und ihre Freude an der Tierquälerei
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Unser Anspruch
Jagdopfer in Europa sind kein unvermeidliches Restrisiko einer harmlosen Freizeitbeschäftigung. Sie sind das erwartbare Ergebnis einer bewaffneten Massenaktivität ohne ausreichende staatliche Kontrolle, ohne europäische Koordination und mit einer Lobby, die seit Jahrzehnten verhindert, dass die Öffentlichkeit die wahre Dimension des Problems kennt. Frankreich zeigt, was möglich ist, wenn ein Staat Unfälle vollständig erfasst und öffentlich berichtet. Was Frankreichs Zahlen zeigen, erschreckt. Was eine vollständige europäische Erfassung zeigen würde, ist deshalb absehbar.
Die erste und dringlichste Konsequenz ist politischer Natur: ein EU-weites, standardisiertes Register für Jagdunfälle, verbunden mit nationalen Meldepflichten, öffentlicher Sperrzonensignalisierung und einer Haftungsreform, die unbeteiligte Opfer wirksam schützt. Die zweite Konsequenz ist gesellschaftlicher Natur: Die Hobby-Jagd ist eine bewaffnete Freizeitaktivität im öffentlichen Raum. Sie ist kein privilegierter Sonderbereich, der sich staatlicher Kontrolle entzieht, weil er Tradition hat. Wo Menschen sterben und Häuser beschossen werden, ist Transparenz keine Option, sondern eine demokratische Mindestanforderung. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Zahlen, Urteile oder politische Entwicklungen es erfordern.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.