«Hobby-Jagd schützt die Biodiversität» ist ein Satz, der politisch gut funktioniert. Er klingt modern, wissenschaftlich und verantwortungsvoll. Jagdverbände wiederholen ihn bei jeder Gelegenheit: in Medienmitteilungen, in Vernehmlassungsantworten, in Gesprächen mit Behörden. JagdSchweiz erklärt auf der eigenen Website, Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger leisteten «einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Biodiversität». Das klingt nach Evidenz. Doch bei näherer Betrachtung wird sichtbar: Was als Naturschutzleistung vermarktet wird, ist eine Nutzungspraxis, die sich ein ökologisches Etikett gibt.
Biodiversität ist mehr als die Zahl der Tierarten in einem Gebiet. Sie umfasst genetische Vielfalt innerhalb von Populationen, die Vielfalt der Lebensräume und die Funktionalität ökologischer Systeme: Insekten, Bodenorganismen, Pilznetzwerke, Pflanzengesellschaften, Gewässerqualität, Strukturreichtum. Die Biodiversitätsstrategie des Bundes identifiziert die grössten Bedrohungen für die Biodiversität in der Schweiz: Lebensraumverlust durch Siedlungswachstum und Infrastruktur, intensive Landwirtschaft, Pestizide, Lichtverschmutzung, Klimawandel und fehlende Vernetzung. Die Hobby-Jagd taucht in dieser Analyse nicht als Schutzfaktor auf. Sie ist auch kein Bedrohungsfaktor im engeren Sinn, aber sie ist ebenso wenig das Instrument, als das sie sich verkauft.
Wer Biodiversität ernst nimmt, muss Lebensräume schützen, Vernetzung fördern und menschliche Belastungen reduzieren. Die Hobby-Jagd tut nichts davon. Sie entnimmt jährlich rund 76’000 Wildhuftiere und 22’000 Beutegreifer aus Ökosystemen, verändert Sozialstrukturen, erzeugt Jagddruck und Verhaltensänderungen und koppelt jede Entnahme an politisch festgelegte Abschusskontingente statt an ökologische Zielwerte. Das kann punktuell Effekte haben. Aber daraus eine pauschale Naturschutzlegitimation zu konstruieren, ist fachlich nicht haltbar.
Was dich hier erwartet
- Biodiversitätskrise und das Jagd-Narrativ. Warum die Behauptung «Jagd schützt Biodiversität» politisch funktioniert, aber fachlich nicht trägt, und welche Faktoren Biodiversität tatsächlich bedrohen.
- Selektivität und Sozialstrukturen. Wie Hobby-Jagd Alters-, Geschlechts- und Sozialstrukturen in Wildtierpopulationen verändert und warum das mit Artenschutz wenig zu tun hat.
- Indirekte Effekte: Wenn Jagddruck die Natur stört. Wie bejagtes Wild Lebensräume wechselt, nachtaktiver wird und dadurch neue Konflikte erzeugt, die wiederum als Jagdargument dienen.
- Fütterung und Bestandsstützung. Warum Wildfütterung natürliche Prozesse unterläuft, Krankheiten begünstigt und selten biodiversitätsfreundlich ist.
- Beutegreifer statt Hobby-Jagd. Warum die Rückkehr natürlicher Regulatoren wie Wolf und Luchs für die Biodiversität wirksamer ist als jährliche Abschusskontingente.
- Verbiss ist nicht alles. Warum die Reduktion von Biodiversität auf Wald-Wild-Konflikte zu kurz greift und welche Faktoren wirklich zählen.
- Was sich ändern müsste. Politische Forderungen für eine Biodiversitätsstrategie, die auf Lebensraumschutz statt auf Hobby-Jagd setzt.
- Argumentarium. Antworten auf die häufigsten Rechtfertigungen der Hobby-Jagd-Lobby zum Thema Biodiversität.
- Quicklinks. Alle relevanten Beiträge, Studien und Dossiers auf einen Blick.
Selektivität und Sozialstrukturen: Wenn Abschüsse Populationen verformen
Hobby-Jagd ist selten eine ökologische Feinregulation. Sie folgt Abschussplänen, Traditionen, Patentrechten und individuellen Präferenzen. Manche Tiere werden bevorzugt erlegt, andere geschont. Das verändert Alters- und Geschlechtsstrukturen innerhalb von Populationen und kann bei Arten mit komplexem Sozialverhalten weitreichende Folgen haben.
Beim Rothirsch beispielsweise zeigen Studien, dass die gezielte Entnahme erfahrener Leittiere Wanderungsmuster, Raumverhalten und Fortpflanzungsdynamiken destabilisiert. Junge, unerfahrene Tiere übernehmen Rollen, für die sie sozial nicht vorbereitet sind. Die Folge: ungeordnete Gruppen, verstärkte Bewegungsunruhe und erhöhter Verbissdruck, weil die Tiere sich in ihren Ausweichräumen anders verhalten als in stabilen Sozialverbänden. Prof. Dr. Josef H. Reichholf beschreibt den Mechanismus so: «Jagd reguliert nicht. Sie schafft überhöhte und unterdrückte Bestände.» Die Populationsökologie zeigt, dass intensive Bejagung kompensatorische Reproduktionserhöhungen auslöst: frühere Geschlechtsreife, grössere Würfe, höhere Überlebensraten beim Nachwuchs. Je stärker bejagt wird, desto mehr Nachwuchs entsteht.
Bei Füchsen ist der Effekt besonders gut dokumentiert. In stark bejagten Populationen sinkt das Durchschnittsalter drastisch, die Revierstrukturen brechen zusammen und die Reproduktionsrate steigt. In der Schweiz werden jährlich rund 20’000 Rotfüchse erlegt, dennoch bleiben die Populationen stabil oder wachsen. Luxemburg hat den Fuchs seit 2015 unter Schutz gestellt und dokumentiert seither keine Bestandsexplosion, dafür aber eine Senkung der Fuchsbandwurm-Infektionsrate um 20 Prozent, weil stabile Sozialgefüge die Ausbreitung von Parasiten bremsen.
Was die Hobby-Jagd-Lobby als «Bestandsregulierung» bezeichnet, ist in Wahrheit eine periodische Wildernte, die den Bestand häufig stabilisiert oder vergrössert und dabei Sozialstrukturen zerstört, die für das Funktionieren von Ökosystemen wesentlich sind. Das ist kein Biodiversitätsschutz. Es ist ein Eingriff, der ökologische Komplexität durch vereinfachte Abschusskontingente ersetzt.
Mehr dazu: Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert und Fuchsjagd ohne Fakten: Wie JagdSchweiz Probleme erfindet
Indirekte Effekte: Wenn Jagddruck die Natur stört
Hobby-Jagd beeinflusst nicht nur, wie viele Tiere in einem Gebiet leben, sondern vor allem, wie sie sich verhalten. Unter Jagddruck verändern Wildtiere ihr Raumnutzungsverhalten tiefgreifend: Sie meiden offene Flächen, ziehen sich in dichte Waldbestände zurück und verlagern ihre Aktivitäten in die Nacht. Prof. Ilse Storch, Leiterin des Lehrstuhls Wildtierökologie und Wildtiermanagement der Universität Freiburg, stellt klar: «Menschen werden als Gefahr gesehen.» Das ist keine Gewöhnung, sondern eine biologisch begründete Stressreaktion auf eine tödliche Bedrohung.
Diese Verhaltensänderungen haben Konsequenzen, die weit über das einzelne Tier hinausgehen. Wenn Rehe und Hirsche offene Flächen meiden und sich im Wald konzentrieren, steigt dort der Verbissdruck auf junge Bäume, Sträucher und Bodenvegetation. Was die Hobby-Jagd als «Waldschutz» beschreibt, produziert also teils genau jenen Verbiss, den sie angeblich bekämpft: weil Treib- und Drückjagden Wildtiere in Panik in jene Rückzugsräume hetzen, in denen sie dann die verfügbare Vegetation unter erhöhtem Stress abfressen. Der Zusammenhang ist wissenschaftlich gut belegt: Eine 14-jährige Untersuchung von Blutproben erlegten und verendeten Schalenwildes auf Kortisolkonzentration zeigt, dass Tiere aus Drückjagden drastisch höhere Stresshormonspiegel aufweisen als solche, die ungestört verendet sind.
Die Nachtaktivierung hat zusätzliche Folgen: Wenn Wildtiere ihre Bewegungen in die Dunkelheit verlagern, steigt das Risiko von Wildunfällen im Strassenverkehr. Eine US-Studie in Wisconsin belegte, dass die Rückkehr von Wölfen, die Wildtierverhalten natürlich regulieren, Wildunfälle um 24 Prozent reduzierte. Die Hobby-Jagd hingegen erzeugt genau jene Fluchtbewegungen und Stressreaktionen, die Wildunfälle begünstigen, und nutzt die resultierende Unfallstatistik dann wiederum als Argument für mehr Abschüsse. Es ist ein sich selbst legitimierender Kreislauf.
Für die Biodiversität sind diese indirekten Effekte gravierend. Wenn bejagtes Wild bestimmte Flächen meidet, fehlt dort sein ökologischer Beitrag: Samenverbreitung, Vegetationsmosaik durch selektives Fressen, Tritteffekte, die Kleinhabitate schaffen. Die Landschaft wird gleichförmiger statt vielfältiger. Hobby-Jagd verändert nicht nur Populationen, sie verändert Landschaften.
Mehr dazu: Studien über die Auswirkung der Jagd auf Wildtiere und Wildtiere, Todesangst und fehlende Betäubung
Fütterung und Bestandsstützung: Wenn Naturschutz zur Produktion wird
In vielen Jagdgebieten werden Wildtiere gefüttert, offiziell aus «Notwendigkeit» in harten Wintern, praktisch aber häufig zur Bestandsstützung oder zur Lenkung von Wildtieren in bestimmte Gebiete. Fütterung verändert natürliche Selektionsmechanismen fundamental. Was die Natur über Nahrungsknappheit, Krankheit und Wintermortalität reguliert, wird durch menschliche Intervention ausgehebelt: Mehr Tiere überleben den Winter, als der Lebensraum natürlicherweise tragen kann.
Die Konsequenzen für die Biodiversität sind dokumentiert. Fütterungsstellen erzeugen unnatürliche Konzentrationen vieler Tiere auf engem Raum. Das begünstigt die Übertragung von Parasiten und Krankheiten, erhöht den Verbissdruck in der unmittelbaren Umgebung und stört die natürliche Raumverteilung. Studien zur Tuberkulose-Verbreitung bei Hirschen in alpinen Gebieten zeigen, dass Fütterungsplätze als Hotspots für Krankheitsübertragung fungieren. Was als Tierschutzmassnahme kommuniziert wird, schadet der Gesundheit der Population.
Der Biodiversitäts-Widerspruch ist grundsätzlicher Natur: Fütterung hält Bestände auf einem Niveau, das ohne menschliche Intervention nicht existieren würde. Diese künstlich erhöhten Bestände erzeugen dann jenen Verbissdruck, der wiederum als Argument für mehr Abschüsse dient. Die Hobby-Jagd schafft sich damit ihren eigenen Regulierungsbedarf. Wer Wildtiere im Winter füttert, damit im Herbst genug Abschüsse möglich sind, betreibt keine Biodiversitätspolitik, sondern Bestandsbewirtschaftung, eine Produktionslogik, die mit Naturschutz nichts zu tun hat.
Eine Biodiversitätsstrategie, die diesen Namen verdient, setzt auf natürliche Wintermortalität als regulierendes Element, auf standortangepasste Lebensräume, die Wildtieren auch ohne Fütterung Überleben ermöglichen, und auf eine Wildtierpolitik, die nicht von Abschusszahlen und Jagdpatentverkäufen abhängt.
Mehr dazu: Alternativen zur Jagd: Was wirklich hilft, ohne Tiere zu töten und Jagd und Tierschutz: Was die Praxis mit Wildtieren macht
Beutegreifer statt Hobby-Jagd: Was natürliche Regulation leistet
Die wirksamsten Regulatoren von Huftierbeständen sind nicht Hobby-Jäger mit Gewehr und Abschussplan, sondern Beutegreifer: Wolf, Luchs, Bär. Diese Arten formen seit Jahrtausenden die Ökosysteme, in denen Biodiversität entsteht. Ihre Rückkehr in die Schweiz ist aus Biodiversitätssicht eine der wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.
Die ökologische Wirkung von Beutegreifern geht weit über die blosse Reduktion von Beutetierzahlen hinaus. Der «Landscape of Fear»-Effekt beschreibt, wie die blosse Anwesenheit von Wölfen das Raumverhalten von Hirschen und Rehen verändert: Die Tiere meiden bestimmte Flächen, wechseln häufiger die Standorte und halten sich kürzer an sensiblen Orten auf. Die Vegetation in diesen Gebieten kann sich erholen: Jungbäume wachsen nach, Ufervegetation stabilisiert sich, neue Lebensräume für Insekten, Vögel und Kleinsäuger entstehen. Im Yellowstone-Nationalpark ist diese Kaskade nach der Wiederansiedlung von Wölfen 1995 wissenschaftlich dokumentiert worden: Veränderte Elchbewegungen führten zur Regeneration von Weiden und Espen, was wiederum Biber-, Fisch- und Singvogelpopulationen stärkte.
In der Schweiz zeigen sich vergleichbare Muster. In Graubünden hat die Rückkehr des Wolfs in einzelnen Gebieten bereits dazu beigetragen, die Rehpopulation zu senken und die Sonderjagd zu reduzieren. Der Forstverband begrüsst diese Entwicklung, weil der natürliche Verbissdruck sinkt. Der Luchs hat in Regionen wie Toggenburg, Uri, Berner Oberland und Solothurn die Rehbestände nachweislich gesenkt. Eine Studie über 3’000 Wolfslosungen in Deutschland ergab, dass über 96 Prozent der Beutereste von Rehen, Rothirschen und Wildschweinen stammten, also genau jene Arten, die die Hobby-Jagd zu «regulieren» beansprucht.
Der entscheidende Unterschied: Beutegreifer regulieren selektiv, kontinuierlich und ohne die destabilisierenden Nebenwirkungen menschlicher Jagd. Sie entnehmen bevorzugt kranke, schwache und unerfahrene Individuen. Sie erzeugen keine saisonalen Stressspitzen. Sie benötigen keine Abschusspläne, keine Patentverkäufe und keine politisch verhandelten Kontingente. Die zunehmenden Wolfsabschüsse in der Schweiz konterkarieren damit genau jene natürliche Regulation, die für die Biodiversität am wirksamsten wäre. Wer Biodiversität will, muss Beutegreifer akzeptieren, nicht bekämpfen.
Mehr dazu: Der Wolf in Europa – wie Politik und Hobby-Jagd den Artenschutz aushöhlen und Wildtierkorridore und Lebensraumvernetzung
Verbiss ist nicht alles: Warum die Biodiversitätsdebatte zu kurz greift
Der Wald-Wild-Konflikt dominiert die öffentliche Debatte über Hobby-Jagd und Natur. Zu viele Rehe fressen zu viele Jungbäume, lautet das Standardargument. Die Lösung: mehr Abschüsse. Was dabei ausgeblendet wird: Verbiss ist ein Symptom, keine Ursache. Und Biodiversität ist sehr viel mehr als die Frage, ob ein bestimmter Jungbaum überlebt.
Die grössten Treiber des Biodiversitätsverlusts in der Schweiz sind nicht Rehe und Hirsche. Es sind Habitatverlust durch Siedlungswachstum und Infrastruktur, intensive Landwirtschaft mit Pestizid- und Düngemitteleinsatz, Zerschneidung von Lebensräumen durch Strassen und Zäune, Klimawandel mit Verschiebung von Vegetationszonen und Phänologien sowie Lichtverschmutzung, die nachtaktive Insekten und deren Nahrungsnetze stört. In der Roten Liste der Schweiz sind über ein Drittel aller untersuchten Arten als bedroht eingestuft. Der Artenverlust betrifft vor allem Insekten, Amphibien, Reptilien und Pflanzen, also Gruppen, die von der Hobby-Jagd überhaupt nicht adressiert werden.
Der Verbissdruck selbst hat mehrere Ursachen, die über die blosse Zahl der Rehe hinausgehen: Monokulturen in der Forstwirtschaft bieten weniger Ausweichnahrung als strukturreiche Mischwälder. Klimastress schwächt Jungbäume und macht sie anfälliger. Und jagdbedingter Rückzug von Wildtieren in den Wald konzentriert den Verbissdruck auf kleinerer Fläche. Der Schweizerische Nationalpark zeigt seit über hundert Jahren, dass Wälder ohne Hobby-Jagd bestehen und sich natürlich verjüngen können, wenn Lebensräume intakt sind und natürliche Dynamiken zugelassen werden.
Biodiversitätsschutz erfordert eine ganzheitliche Perspektive: Waldumbau hin zu klimaresilienten Mischwäldern, Reduktion von Pestiziden, Vernetzung von Lebensräumen durch Wildtierkorridore, Förderung von Beutegreifern, Rückbau von Wanderhindernissen und Schutz von Feuchtgebieten, Trockenwiesen und Waldrändern. Nichts davon erfordert eine bewaffnete Miliz mit Patentjagd. Wer die Biodiversitätsdebatte auf den Wald-Wild-Konflikt reduziert und die Hobby-Jagd als Lösung präsentiert, lenkt von den eigentlichen Ursachen ab und bedient ein Narrativ, das primär den Fortbestand der Hobby-Jagd sichert, nicht den Fortbestand der Artenvielfalt.
Mehr dazu: Hobby-Jagd und Klimawandel und Genf und das Jagdverbot
Genfer Gegenbeispiel: Biodiversität ohne Hobby-Jagd
Das stärkste empirische Argument gegen die These «Hobby-Jagd schützt Biodiversität» liegt mitten in der Schweiz. Der Kanton Genf hat 1974 die Milizjagd per Volksabstimmung abgeschafft. Seither wird Wildtiermanagement ausschliesslich durch staatlich angestellte Wildhüter durchgeführt, nach klaren Kriterien, transparent und ohne Trophäenlogik.
Die Biodiversitätsbilanz nach über 50 Jahren ist eindeutig: Faunainspektor Gottlieb Dandliker beschreibt eine starke Zunahme der Vogelpopulation von wenigen Hundert auf 30’000 Wintergäste. Im ganzen Kanton ist ein Netzwerk unterschiedlicher Lebensräume entstanden, in dem eine Vielzahl von teils seltenen Tieren und Pflanzen Heimat gefunden hat. Eine Langzeitstudie belegt die starke Zunahme der Biodiversität. Wildtiere nutzen Genf als Rückzugsraum aus umliegenden, bejagten Gebieten. Die Bevölkerung profitiert von häufigeren, stressärmeren Naturbeobachtungen und einer höheren gesellschaftlichen Akzeptanz von Wildtieren im Siedlungsraum.
Das Genfer Modell widerlegt nicht nur die Behauptung, Hobby-Jagd sei für die Biodiversität unverzichtbar. Es zeigt auch, dass das Gegenteil möglich ist: mehr Biodiversität ohne Hobby-Jagd. Der Verzicht auf saisonalen Jagddruck, auf Treib- und Drückjagden, auf Fütterungsstationen und auf die systematische Entnahme von Beutegreifern schafft Bedingungen, unter denen natürliche Prozesse wieder wirksam werden. Genf ist der lebende Beweis dafür, dass eine Wildtierpolitik ohne Milizjagd nicht nur funktioniert, sondern für die Biodiversität sogar bessere Ergebnisse liefert.
Mehr dazu: Jagd im Kanton Genf: Jagdverbot, Psychologie und Gewaltwahrnehmung und Initiative fordert «Wildhüter statt Jäger»
Was sich ändern müsste
- Biodiversitätsstrategie ohne Jagdabhängigkeit: Naturschutz muss auf Lebensraumschutz, Vernetzung und Reduktion menschlicher Belastungen setzen, nicht auf jährliche Abschusskontingente. Hobby-Jagd darf nicht als Standardinstrument der Biodiversitätspolitik gelten. Mustervorstoss: Wildtierkorridore und Ruhezonen
- Beutegreifer als natürliche Regulatoren fördern: Wolf, Luchs und andere Beutegreifer sind die wirksamsten Instrumente zur Regulierung von Huftierbeständen und zur Förderung natürlicher Ökosystem-Dynamiken. Ihre Rückkehr muss politisch unterstützt statt durch Abschüsse konterkariert werden.
- Unabhängige Biodiversitäts-Evaluierung der Hobby-Jagd: Es braucht wissenschaftlich unabhängige Untersuchungen darüber, ob und wie Hobby-Jagd die Biodiversität in der Schweiz tatsächlich beeinflusst, positiv wie negativ. Die bisherige Selbstbewertung der Hobby-Jägerschaft als «Naturschützer» genügt nicht als Evidenz. Mustervorstoss: Transparente Jagdstatistik
- Verbot der Wildfütterung ausserhalb klar definierter Notsituationen: Bestandsstützung durch Fütterung widerspricht einer Biodiversitätsstrategie, die auf natürliche Prozesse setzt. Die Definition von «Notsituation» muss wissenschaftlich begründet und kantonal einheitlich geregelt werden.
- Entkoppelung von Wald-Wild-Konflikten und Hobby-Jagd-Legitimation: Verbissprobleme sind primär ein Resultat von Habitatverlust, Klimawandel und jagdbedingter Verhaltensänderung. Biodiversitätspolitik muss diese Ursachen adressieren statt reflexartig nach mehr Abschüssen zu rufen.
Argumentarium
«Hobby-Jagd schützt die Biodiversität.» Biodiversität hängt primär von Lebensräumen, Vernetzung, Bodenleben, Insekten und natürlichen Prozessen ab. Hobby-Jagd greift selektiv in einzelne Arten ein, verändert Sozialstrukturen und erzeugt durch Jagddruck Verhaltensänderungen, die neue Konflikte schaffen. Eine pauschale Naturschutzlegitimation für eine Freizeitaktivität, die Tiere nach Abschussplan tötet, ist fachlich nicht haltbar.
«Ohne Hobby-Jagd würde der Wald durch Wildverbiss kaputtgehen.» Verbiss ist ein reales Problem, aber die Ursachen liegen tiefer: Habitatverlust, Klimastress, Monokulturen in der Forstwirtschaft und jagdbedingter Rückzug von Wildtieren in den Wald. Studien zeigen, dass intensiver Jagddruck Wildtiere gerade dorthin treibt, wo sie den grössten Schaden anrichten. Der Schweizerische Nationalpark zeigt seit über hundert Jahren, dass Wälder ohne Hobby-Jagd bestehen.
«Beutegreifer allein können Wildbestände nicht regulieren.» Beutegreifer regulieren seit Jahrtausenden Huftierbestände effektiver als jede menschliche Abschussplanung. Die Rückkehr des Wolfs in Graubünden hat die Rehpopulation gesenkt und die Sonderjagd reduziert. In Wisconsin reduzierte die Wolfsrückkehr Wildunfälle um 24 Prozent. Die Behauptung, Beutegreifer «reichen nicht», dient primär der Aufrechterhaltung des Hobby-Jagd-Systems.
«Fütterung ist nötig, damit Wildtiere den Winter überleben.» Wildfütterung verändert natürliche Selektionsmechanismen, begünstigt Krankheitsübertragung und Parasiten, führt zu unnatürlicher Konzentration vieler Tiere an wenigen Stellen und fördert Bestände über das Niveau hinaus, das der Lebensraum natürlicherweise tragen kann. Die Natur hat ohne menschliche Fütterung über Jahrtausende funktioniert. Fütterung dient häufig nicht dem Tierschutz, sondern der Bestandsstützung für die nächste Jagdsaison.
«Biodiversität braucht aktives Management, nicht Nichtstun.» Aktives Management heisst Lebensräume schützen, vernetzen und menschliche Belastungen reduzieren, nicht routinemässig Tiere töten. Wildhüterstrukturen nach Genfer Modell, Beutegreifer-Förderung, Biotoppflege und Wildtierkorridore sind aktives Management. Hobby-Jagd mit Trophäenlogik, Abschusskontingenten und Patentverkauf ist ein Nutzungssystem, kein Naturschutzkonzept.
Quicklinks
Beiträge auf Wild beim Wild:
- Warum die Hobby-Jagd als Populationskontrolle scheitert
- Studien über die Auswirkung der Jagd auf Wildtiere
- Die Schweiz jagt, aber warum eigentlich noch?
- Initiative fordert «Wildhüter statt Jäger»
- Tierschutz versus Jagdpraktiken in der Schweiz
- Der Hobby-Jäger im 21. Jahrhundert
Verwandte Dossiers:
- Einstieg in die Jagdkritik: Was die Hobby-Jagd wirklich ist – und warum sie keine Zukunft hat
- Der Jagdschein
- Jagd in der Schweiz: Zahlen, Systeme und das Ende eines Narrativs
- Jäger: Rolle, Macht, Ausbildung und Kritik
- Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest
- Jagd und Biodiversität: Schützt Jagd wirklich die Natur?
- Wildfleisch in der Schweiz
- Jagdverbot Schweiz
- Argumentarium für professionelle Wildhüter
- Jagd und Menschenrechte
Unser Anspruch
Die Behauptung, Hobby-Jagd schütze die Biodiversität, hält einer fachlichen Prüfung nicht stand. Biodiversität entsteht durch intakte Lebensräume, natürliche Prozesse und funktionierende Nahrungsnetze, nicht durch Abschusskontingente und Patentjagd. Eine Naturschutzpolitik, die Hobby-Jagd als Standardinstrument behandelt, verwechselt Nutzung mit Schutz. Dieses Dossier wird laufend ergänzt, wenn neue Studien, Daten oder politische Entwicklungen es erfordern.
Wir dokumentieren, was ohne Hobby-Jagd funktioniert: Renaturierungsprojekte, Wildtierkorridore, Extensivierungsflächen, Beutegreifer-Rückkehr, jagdfreie Zonen. Du kennst ein Beispiel aus deiner Region, deinem Kanton oder deiner Gemeinde? Schreib uns. Wir bauen daraus eine belegte Übersicht mit Langzeitwirkungen, als Gegennachweis zu einem Narrativ, das behauptet, ohne Hobby-Jagd gehe die Natur unter.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.