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Tierwelt

Taubenverhütung statt Abschuss

Wie neue Studien das jagdliche „Es-gibt-keine-Alternative“-Mantra entlarven.

Redaktion Wild beim Wild — 26. November 2025

In vielen Städten laufen Tauben noch immer als Projektionsfläche für alles, was Menschen an der Stadtfauna stört.

Und wie so oft, wenn Tiere im Weg sind, greifen Behörden reflexartig zu den Methoden der Jagd: Fangen, Vergiften, Wegschiessen. Was in der freien Landschaft mit Rehen, Füchsen oder Wildschweinen begründet wird, wiederholt sich im Stadtraum mit Tauben im Kleinformat.

Gleichzeitig liegen inzwischen erstaunlich präzise Daten auf dem Tisch, die zeigen, dass es auch ganz anders geht. Belgien, Spanien und Italien haben über Jahre hinweg ein stilles Gegenmodell aufgebaut: Geburtenkontrolle mit Nicarbazin-Körnern statt Blutspur auf dem Pflaster.

Belgien: 40 Prozent weniger Tauben – und dann dreht die Politik den Hahn zu

In der Brüsseler Gemeinde Ixelles wurden ab 2021 automatische Futterautomaten mit empfängnisverhütenden Körnern aufgestellt. Ziel: die Taubenpopulation senken, ohne Tiere zu töten. Nach drei Jahren lag die Zahl der Tauben um rund 40 Prozent tiefer.

Die Gemeinde selbst bescheinigt dem Programm «positive Effekte», hat es aber 2025 trotzdem beendet, offiziell aus Kostengründen. Tierschutzorganisationen vor Ort berichten bereits wenige Monate nach dem Stopp wieder von deutlich mehr Tauben und wachsender Belastung, weil die zuvor erreichten Effekte geradewegs verspielt werden.

Während Ixelles aussteigt, baut die Stadt Brüssel die Verhütungsautomaten aus und bewirbt das Projekt öffentlich als humane Alternative: An festgelegten Plätzen erhalten die Tauben täglich eine definierte Menge mit Nicarbazin behandelter Maiskörner, um die Fortpflanzung zu begrenzen, statt die Tiere periodisch zu töten.

Noch spannender ist ein Blick nach Zaventem, eine Gemeinde bei Brüssel. Dort wurde im April 2024 ein Verhütungsprogramm für Stadttauben gestartet. Nach nur sieben Monaten meldete die Gemeinde eine Bestandsabnahme um 10 Prozent und spricht von einer «bewusst menschlichen und tierfreundlichen Lösung».

Diese Zahlen sind für die Jagdlogik höchst unangenehm. Sie zeigen nämlich:

  • Es braucht keine Schrotpatronen, um Taubenpopulationen messbar zu reduzieren.
  • Entscheidend ist Kontinuität, nicht Gewalt.
  • Politische Kurzfristigkeit kann funktionierende Tierschutzprojekte innerhalb weniger Monate wieder zunichtemachen.

Acht Jahre Daten aus Katalonien: Weniger Tauben, halbierte Kosten

Die vielleicht wichtigste neue Arbeit kommt aus Katalonien. Eine Studie von 2024 wertete bis zu acht Jahre Einsatz von Nicarbazin-Futter in 24 Städten und Gemeinden aus.

Die zentralen Ergebnisse:

  • Im Mittel sank die Taubenpopulation um rund 12 Prozent pro Jahr.
  • In 68 Prozent der Gemeinden halbierten sich die jährlichen Gesamtkosten nach drei Jahren, weil weniger Tauben auch weniger Futter und weniger Aufwand bedeuten.
  • Nichtzielarten wurden nur kaum beim Fressen beobachtet und in so geringen Mengen, dass keine relevante Beeinflussung der Fortpflanzung festgestellt wurde.

Die Autoren kommen zum Schluss, dass Nicarbazin eine «effektive und selektive Methode im Sinne des Tierschutzes» zur Reduktion von Taubenbeständen ist, ohne Fang, ohne Tötung und ohne die üblichen Nebenwirkungen der jagdlichen «Problemlösung».

Damit schliesst sich ein Kreis: Frühere Studien aus Genua (acht Jahre Ovistop-Einsatz) und aus Barcelona (drei Jahre Verhütungsprogramm in konfliktträchtigen Taubenkolonien) zeigten bereits deutliche Rückgänge und eine verbesserte Akzeptanz in der Bevölkerung, wenn nicht mehr getötet, sondern die Reproduktion begrenzt wird.

Ist Ovistop für Tauben gefährlich?

Kritiker sprechen bei Ovistop gern von «Vergiftung» der Tauben. Schaut man in die Fachliteratur, bleibt von dieser Wortwahl nicht viel übrig. Ovistop enthält Nicarbazin in einer Dosierung, die gezielt auf den Fortpflanzungsapparat wirkt: Das Mittel stört vorübergehend die Bildung einer stabilen Eischale und senkt so die Schlupfrate. Es tötet die Tiere nicht, es macht sie für einen begrenzten Zeitraum unfruchtbar.

Entscheidend ist:

  • Die Wirkung tritt nur ein, wenn Tauben mehrere Tage hintereinander die vorgesehene Menge fressen. Einzelne Körner sind praktisch wirkungslos.
  • Sobald die Behandlung unterbrochen wird, normalisiert sich die Fortpflanzung, die Effekte sind also reversibel.
  • In den grossen Auswertungen aus Spanien und Italien wurden keine systematischen Gesundheitsschäden an den Tieren beschrieben: Die Tauben werden nicht «krank behandelt», sondern pflanzen sich schlicht weniger erfolgreich fort.

Auch toxikologische Bewertungen stufen Nicarbazin bei Vögeln und Säugetieren als praktisch nicht giftig ein; die relevanten Effekte spielen sich auf der Ebene der Reproduktion ab, nicht als klassische Vergiftung mit Organschäden oder Todesfällen.

Wer Ovistop als «gefährlich» für Tauben bezeichnet, vermischt bewusst zwei Ebenen: Ja, das Mittel greift in die Fortpflanzung ein, genau das ist sein Zweck. Aber es tut dies ohne die massiven Leiden, die Fangaktionen, Halsbruch oder Schrotbeschuss verursachen. Aus Tierschutzsicht ist es schwer zu begründen, warum das gezielte Verhindern von Küken grausamer sein soll als das routinemässige Töten erwachsener Tiere.

Die Barcelona-Kontroverse: Wie man eine Methode schlecht rechnen kann

Gegner der Methode verweisen auch gern auf eine Studie aus Barcelona von 2020, die zu dem Schluss kam, Nicarbazin habe «keinen Effekt» auf die Taubenpopulation. Diese Arbeit wird in jagdnahen Kreisen bis heute zitiert, um Geburtenkontrolle als naiv oder wirkungslos hinzustellen.

Was in der öffentlichen Debatte fast immer unterschlagen wird:

  • Die Studie betrachtete im Kern nur ein Jahr Behandlung. Populationsbiologie funktioniert aber über mehrere Fortpflanzungszyklen.
  • Parallel dazu stieg in den Kontrollgebieten die Taubendichte um etwa 10 Prozent, während sie im Behandlungsgebiet stagnierte.
  • Neuere, deutlich umfangreichere Arbeiten aus Barcelona und ganz Katalonien zeigen sehr wohl klare Rückgänge über mehrere Jahre, wenn das System konsequent betrieben wird.

Die vermeintliche «Widerlegung» der Verhütungsmethode entpuppt sich damit als klassische Scheindebatte, wie man sie aus der jagdlichen Argumentation kennt: Ein ungünstig angelegtes oder zu kurzer Zeitraum wird hochgezogen, um eine unliebsame Alternative zu diskreditieren, die nicht ins Weltbild vom notwendigen Abschuss passt.

Sicherheit: Kaum Risiko für andere Arten und Greifvögel

Ein häufig vorgebrachter Einwand lautet, Nicarbazin könne andere Vogelarten oder sogar Greifvögel gefährden, die Tauben fressen. Auch hier hat sich die Datenlage verdichtet.

Eine Übersichtsarbeit von 2023 zur Sicherheit von Nicarbazin bei Greifvögeln kommt zum Schluss, dass sekundäre Exposition durch den Verzehr behandelter Tauben weder akute noch chronische Risiken erwarten lässt. Nicarbazin wird als «praktisch nicht toxisch» für Vögel und Säugetiere eingestuft, der einzige denkbare Effekt bei Nichtzielvögeln wäre eine vorübergehende Verringerung der Schlupfrate von Eiern bei dauerhaft hoher Aufnahme.

Hinzu kommt: Nicarbazin zerfällt im Körper rasch in zwei Verbindungen, die getrennt keine empfängnisverhütende Wirkung mehr haben. Fachleute bewerten es deshalb als sehr unwahrscheinlich, dass Greifvögel, die gelegentlich eine behandelte Taube fressen, eine relevante Dosis erhalten.

Die praktische Erfahrung mit inzwischen mehreren hundert Taubenkolonien in Europa zeigt dasselbe Bild:

  • keine dokumentierten Vergiftungsfälle bei Greifvögeln,
  • keine signifikanten Nebenwirkungen bei Säugetieren,
  • Die Wirkung auf Tauben ist vollständig reversibel, sobald das Futter ausgesetzt wird.

Von «Gift» zu sprechen, wie es in manchen jagdnahen Kampagnen getan wird, ist wissenschaftlich schlicht falsch.

Jagdlogik im Stresstest: Was passiert, wenn man nicht mehr schiesst

Die vielleicht wichtigste Frage aus Tierschutzsicht lautet: Was sagt all das über die Grundannahmen der Hobby-Jagd aus, die auch im urbanen Kontext gern übernommen werden?

Die klassische jagdliche Erzählung geht so:

  1. Es gibt zu viele Tiere.
  2. Die einzige wirksame Lösung ist Abschuss.
  3. Alle anderen Methoden seien im besten Fall Ergänzung, im schlimmsten Fall Ideologie.

Die Geburtenkontrolle bei Tauben zeigt in der Praxis genau das Gegenteil:

  • Bestände lassen sich messbar und planbar reduzieren, ohne auch nur ein Tier zu töten.
  • Tiere leiden weniger, weil sie gar nicht erst geboren werden, statt nach einem verstümmelnden Schrotbeschuss zu verenden.
  • Die Kosten sinken mittelfristig, statt in einer endlosen Spirale aus Fang- und Tötungsaktionen zu explodieren.

Was die Taube im Stadtraum demonstriert, ist direkt übertragbar auf andere Wildtierthemen: Wo politisch gewollt, werden Alternativen zum Abschuss plötzlich möglich, sei es durch Geburtenkontrolle, Habitatmanagement oder konsequente Anpassung menschlichen Verhaltens.

Die eigentliche Konstante ist nicht „zu viel Wild“, sondern ein System, das am Abschuss verdient und ihn ideologisch auflädt.

Was Städte in der Schweiz und im deutschsprachigen Raum daraus lernen könnten

Während Brüssel, Zaventem, Barcelona oder Genua mit konkreten Zahlen arbeiten, wird in vielen Schweizer und deutschen Gemeinden noch immer mit Schlagworten hantiert. Da ist von „explodierenden Taubenbeständen“ die Rede, von „Hygienewaffen“ und „Ratten der Lüfte“. Das passende Angebot liefern Abschusskommandos und Schädlingsfirmen.

Die internationalen Erfahrungen mit Nicarbazin-Futter legen eine andere Strategie nahe:

  • Zuerst zählen, statt behaupten. Seriöse Bestandsaufnahmen sind die Grundlage jeder Massnahme.
  • Dann an der Ursache ansetzen: Fütterungsverhalten der Menschen regulieren, Abfallmanagement verbessern, Brutplätze entschärfen und ergänzend Geburtenkontrolle einsetzen.
  • Transparenz schaffen: Die Bevölkerung hat ein Recht zu erfahren, ob ihre Gemeinde Tiere systematisch töten lässt, obwohl es nachweislich tierfreundlichere Alternativen gibt.

Dass die Methode politisch scheitern kann, zeigt das Beispiel Ixelles: Erfolg ist keine Garantie für Fortführung, wenn kurzfristige Budgetdebatten oder ideologische Vorbehalte wichtiger genommen werden als Tierschutz und langfristige Wirksamkeit.

Gerade deshalb braucht es eine kritische Öffentlichkeit, die nachhakt, wenn Behörden reflexartig zur Flinte greifen oder jagdnahe Kreise mit vermeintlich „wissenschaftlichen“ Gegenargumenten Stimmung gegen nicht letale Methoden machen.

Die neuen Daten aus Belgien, Katalonien und Italien bestätigen, was Tierschützerinnen seit Jahren fordern: Wir müssen Tiere nicht töten, um Konflikte zu entschärfen. Wir müssen bereit sein, unseren Umgang mit ihnen zu ändern.

Taubenverhütung ist kein romantisches Stadtökologie-Projekt, sondern ein nüchtern durchgerechnetes Gegenmodell zur Jagdlogik. Es reduziert Bestände, spart Geld, schont Tiere und entzieht der Erzählung vom angeblich alternativlosen Abschuss Stück für Stück den Boden.

Die Frage ist deshalb nicht, ob solche Methoden funktionieren. Die Frage ist, wie lange Politik und Jagdlobby noch versuchen, sie zu ignorieren.

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