2. April 2026, 16:39

Geben Sie oben einen Suchbegriff ein und drücken Sie Enter, um die Suche zu starten. Drücken Sie Esc, um den Vorgang abzubrechen.

Kriminalität & Jagd

Wölfe unter Dauerfeuer: Schweizer Jagdpolitik ignoriert Wissenschaft

Am 9. Dezember 2025 steht die Schweiz in Europa mit einer Wolfsjagd da, die einmalig ist: Innerhalb von zwei Wintern wurden weit über hundert Wölfe präventiv abgeschossen, hauptsächlich Welpen. Trotzdem wachsen die Rudelzahlen weiter. Die offiziellen Begründungen schwanken zwischen Schutzwald, Alpwirtschaft und Sicherheit. Die Daten erzählen eine andere Geschichte.

Redaktion Wild beim Wild — 9. Dezember 2025

Das Bundesamt für Umwelt hat die beiden ersten grossen Regulierungsphasen 2023/24 und 2024/25 inzwischen ausgewertet.

In der ersten Phase (Dezember 2023 bis Ende Januar 2024) durften die Kantone rund 100 Wölfe schiessen, effektiv erlegt wurden 55 Tiere. In der zweiten Phase (September 2024 bis Ende Januar 2025) bewilligte das BAFU den Abschuss von etwa 125 Wölfen, 92 wurden tatsächlich geschossen, fast ausschliesslich präventiv. Neun ganze Rudel sollten entfernt werden. Trotzdem blieben nach der zweiten Phase 36 Rudel, 25 davon mit Territorien, vollständig in der Schweiz.

Aktuell zeigt das Wolfsmonitoring von KORA: Im Monitoringjahr 2025/26 sind bereits 41 Rudel bestätigt, 31 davon vollständig in der Schweiz, 10 grenzüberschreitend. Ausserdem wurden bisher 130 Welpen nachgewiesen.

Mit anderen Worten: Die Schweiz betreibt eine der intensivsten Wolfsjagden Europas, ohne dass der Bestand sinkt. Er wächst weiter, nur langsamer. Trotzdem wird politisch nicht von Bestandssteuerung, sondern immer offener von Dezimierung gesprochen.

Welpenjagd als Managementstrategie – ein Grossversuch ohne Resultate

Eine SRF-Auswertung mit KORA zeigt, was hinter den trockenen BAFU-Zahlen steckt. 2024 wurden in der Schweiz 221 Wölfe genetisch nachgewiesen. Von Anfang Juni 2024 bis Ende Januar 2025 wurden sieben Einzelwölfe und 92 Rudeltiere proaktiv geschossen. Ein grosser Teil davon waren Welpen. Laut KORA-Experte Sven Buchmann wurden rund 60 Welpen getötet, fast die Hälfte des Jahrgangs.

Die Idee: Man will Rudel regulieren, ohne überall die Elterntiere zu eliminieren, um die Sozialstruktur zu erhalten. Was das mit Verhalten, Schäden, Genetik und Akzeptanz tatsächlich macht, weiss niemand. KORA betont, dass die Schweiz mit dieser Ausrichtung der Regulierung ein weltweites Experiment fährt – laufende Forschungsprojekte existieren, aber noch gibt es keine belastbaren Resultate.

Gleichzeitig schreibt das BAFU selbst, dass sich weder die längerfristige Bestandsentwicklung noch die Auswirkungen der Regulierung auf das Verhalten der Wölfe nach zwei Perioden beurteilen lassen. Trotzdem werden Jahr für Jahr neue, weitgehende Abschussrechte in die Jagdverordnung geschrieben. Wolfsjagd findet damit explizit statt, obwohl der eigene Wissensstand die Auswirkungen als weitgehend ungeklärt beschreibt.

Graubünden als Beispiel: 48 tote Wölfe, ein ausgelöschtes Nationalpark-Rudel

Der Kanton Graubünden gilt als Labor für diese harte Linie. Zwischen September 2024 und Januar 2025 wurden dort 48 Wölfe geschossen. Besonders umstritten war die vollständige Eliminierung des Fuorn-Rudels, das teilweise im Schweizerischen Nationalpark lebte.

DNA-Analysen ergaben später, dass ein einjähriges Weibchen aus dem Verband an einem Rinderriss beteiligt war. Beim zweiten Riss waren die Spuren zu schlecht, um ein Tier eindeutig zuzuordnen. Trotzdem wurde das ganze Rudel zur Strecke gebracht. Der Nationalpark kritisierte, dass er vom Bund nicht angehört wurde und trotz Petition mit zehntausenden Unterschriften kein alternatives Vorgehen geprüft wurde.

Gerade hier wird sichtbar, wie sehr die Logik der Jagd dominiert: Der rechtlich geschützte Grossraubtierbestand wird auf Zuruf von Kantonen und Jagdverwaltungen massiv reduziert, obwohl selbst im Kern eines Nationalparks weder ökologische Effekte noch Alternativen ernsthaft ausgelotet wurden.

Wie gross ist das Wildproblem wirklich im Wald?

Ein zentrales politisches Argument lautet: Ohne starke Jagd auf Reh, Hirsch und Gams und ohne harte Regulierung von Wölfen leidet der Wald. Wildverbiss gefährde Schutzwälder und den klimafitten Umbau der Bestände.

Die eigene Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild. Ein schweizweiter Überblick der WSL-Forscherin Andrea Kupferschmid und Kolleginnen zeigt, dass Förster auf rund 68 Prozent der beurteilten Waldfläche den Wildeinfluss als gering oder unbedeutend einstufen. 27 Prozent liegen in einer mittleren Kategorie, nur 5 Prozent werden als waldbaulich untragbar beurteilt.

Ja, Verbiss kann lokal erhebliche Probleme verursachen – besonders bei Tanne, Eiche und Vogelbeere, die für Schutzwald und Klimaanpassung wichtig sind. Aber die Daten widerlegen die Erzählung, die Schweiz stehe flächendeckend vor einem Verbiss-Kollaps.

Was Wölfe im Wald tatsächlich leisten – und was nicht

Die ökologische Rolle des Wolfes wird in der Öffentlichkeit gern auf Schlagworte reduziert. Die einen versprechen sich einen zweiten Yellowstone, die anderen warnen vor einem «Wald ohne Wild». Beides ist zu einfach.

Eine Synthese zum Einfluss von Wildhuftieren auf die Waldverjüngung in der Schweiz zeigt, dass Wildverbiss ein relevanter Faktor ist, aber stark nach Region, Baumart und Standort variiert und nicht überall problematisch ist.

Eine Analyse zur Rolle von Wölfen auf Wald und Wild kommt zum Schluss: Ein einzelnes Wolfsrudel kann die Wildbestände in einer stark vom Menschen geprägten Kulturlandschaft nicht «von allein» auf ein gewünschtes Niveau drücken, wohl aber deren Verhalten stark verändern. Verbiss wird kleinteiliger, das Wild wird mobiler und weicht in felsige oder bewaldete Bereiche aus. Die Gleichung «Wolf = weniger Wild = Verbiss» funktioniert nicht automatisch, die Effekte sind komplex und ortsabhängig.

Gerade die Calanda-Region, wo das erste Schweizer Rudel entstand, zeigt: Verbiss an wichtigen Baumarten wie Tanne, Ahorn und Vogelbeere ist im Kerngebiet des Rudels deutlich zurückgegangen, während in winterlichen Einstandsgebieten der Druck steigen kann. Ein differenziertes Bild, das in der politischen Debatte kaum vorkommt.

Neue Grossstudie: Jagd und Landnutzung steuern Hirschbestände, nicht der Wolf

Eine internationale Studie, angeführt von der Universität Freiburg und 2023 im Journal of Applied Ecology publiziert, hat an 492 Standorten in 28 europäischen Ländern untersucht, wovon die Dichte von Rothirschen beeinflusst wird. Das Ergebnis: In Europas Kulturlandschaften bestimmen menschliche Jagd und Landnutzung die Bestandsdichte deutlich stärker als grosse Beutegreifer wie Wolf, Luchs und Bär.

Nur dort, wo alle drei Grossraubtiere gemeinsam vorkommen und der menschliche Einfluss relativ gering ist, sinkt die Hirschdichte messbar. In typischen Alpenregionen mit intensiver Jagd, Tourismus, Weidenutzung und Forstwirtschaft bleibt der numerische Einfluss der Grossraubtiere gering.

Übertragen auf die Schweiz heisst das: Wie viele Hirsche, Rehe und Gämsen durch den Wald ziehen, wird vor allem durch Jagdregime, Fütterungen, Landwirtschaftsflächen, Schneesport und Strassen bestimmt. Wölfe verändern Verhalten und Verteilung der Beutetiere, aber sie reparieren nicht im Alleingang ein Wildmanagement, das seit Jahrzehnten vor allem wegen Jagdinteressen völlig durcheinandergebracht wurde.

Herdenschutz wirkt – und macht die Jagdargumente löchrig

Während Politik und Teile der Jagdlobby die Abschüsse weiter hochfahren, liegen seit Jahren Daten auf dem Tisch, die klar zeigen, was Nutztierrisse wirklich reduziert: Herdenschutz.

Eine Auswertung des «Bote der Urschweiz» zusammen mit der Gruppe Wolf Schweiz zeigt, dass die Zahl der pro Wolf gerissenen Nutztiere seit der Rückkehr der Art von über 50 auf inzwischen konstant unter 10 gesunken ist. Hauptgrund laut Gruppe Wolf: besserer Herdenschutz.

Für 2023 belegen mehrere Quellen, dass in den am stärksten betroffenen Kantonen Wallis und Graubünden die Risszahlen im ersten Halbjahr um 55 respektive 80 Prozent zurückgingen, während der Wolfsbestand weiter zunahm. Entscheidend waren neu umgesetzte, vom Bund finanzierte Herdenschutzmassnahmen wie Schutzhunde, Zäune und betreute Herden.

Trotzdem senkte der Bundesrat parallel die Schadenschwellen für Abschüsse und erleichterte die Regulierung von Rudeln. Fachlich heisst das: Statt eine funktionierende Strategie (Herdenschutz) konsequent auszubauen, verankert die Politik eine zweite, wissenschaftlich kaum evaluierte Strategie (präventive Abschüsse) gleichberechtigt daneben – hauptsächlich, um jagd- und landwirtschaftliche Kreise zu befriedigen.

Jagdpolitik im Zielkonflikt mit Artenschutz

Die revidierte Jagdverordnung definiert eine Mindestzahl von nur zwölf Wolfsrudeln für die gesamte Schweiz. Fachleute wie der ehemalige Nationalpark-Direktor Heinrich Haller sprechen offen von einer Dezimierungspolitik und kritisieren, dass dieser Wert biologisch nicht begründet, sondern politisch gesetzt sei.

Gleichzeitig betont das BAFU in seiner eigenen Medienmitteilung, dass die Folgen der Regulierung auf das Verhalten der Wölfe und die künftige Bestandsentwicklung noch gar nicht abgeschätzt werden können. Trotzdem werden hundert Tiere pro Jahr zur Zielscheibe – in einer Population von wenigen hundert Individuen.

Für den Artenschutz heisst das: Eine nach internationalen Abkommen streng geschützte Art wird im Namen eines «Konfliktmanagements» so stark bejagt, dass sich eine ökologisch sinnvolle Rolle der Wölfe im System Wald–Wild–Mensch überhaupt nie ausbilden kann. Gleichzeitig bleiben die eigentlichen Hebel im Wildtiermanagement – Jagdquoten, Fütterungspraktiken, Winter-Ruhegebiete, Tourismuslenkung – weitgehend unangetastet.

Was die Schweiz jetzt bräuchte

Statt immer tiefere Abschuss-Schwellen und symbolträchtige Rudel-Eliminierungen braucht die Schweiz eine Jagd- und Wildtierpolitik, die sich an drei einfachen Prinzipien orientiert:

  1. Primat der Wissenschaft vor der Schrotflinte
    Managementmassnahmen müssen an klaren Zielen und messbaren Indikatoren hängen. Ohne unabhängige Erfolgskontrolle, generelle Monitoringpflicht und transparente Daten bleibt Wolfsjagd ein politischer Reflex, kein Instrument evidenzbasierter Umweltpolitik.
  2. Herdenschutz zuerst, Abschuss zuletzt
    Die vorhandenen Daten zu Rissen, Rissen pro Wolf und der Wirkung von Herdenschutz zeigen eindeutig, wo die Prioritäten liegen müssten. Abschüsse können Einzelfälle entschärfen, ersetzen aber keine flächendeckend finanzierte und professionell begleitete Prävention.
  3. Jagdpolitik ehrlich machen
    Grossstudien zu Rothirschen in Europa zeigen, dass wir die Wildbestände in unseren Kulturlandschaften vor allem selbst steuern – über Jagd, Landnutzung und Störungen. Wenn die Jägerschaft behauptet, nur die harte Regulierung des Wolfes rette den Wald, widerspricht das der eigenen internationalen Fachliteratur.

Am 9. Dezember 2025 ist die Schweizer Wolfsjagd kein sachlich begründetes Werkzeug in einem fein austarierten Ökosystem-Management, sondern Ausdruck eines politischen Machtverhältnisses. Wölfe werden in grosser Zahl geschossen, obwohl

  • die Bestände weiter wachsen,
  • Herdenschutz nachweislich wirkt,
  • die ökologischen Folgen der Regulierung weitgehend unerforscht sind und
  • die grossen Probleme im Wald in erster Linie mit Klima, Landnutzung und menschlichem Wildtiermanagement zusammenhängen.

Die zentrale Frage ist darum nicht, wie viele Wölfe «die Schweiz verträgt». Die Frage ist, wie lange eine moderne Gesellschaft es sich leisten will, ihre Wildtierpolitik an jagdpolitischen Reflexen statt an Forschung, Ethik und langfristiger ökologischer Verantwortung auszurichten.

Dossier: Wolf Schweiz: Fakten, Politik und Grenzen der Jagd

Weiterführende Artikel

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

Unterstütze unsere Arbeit

Mit deiner Spende hilfst du, Tiere zu schützen und ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

Jetzt spenden