Wolf Schweiz: Fakten, Politik und Grenzen der Jagd
Der Wolf ist in der Schweiz zurück und mit ihm eine hitzig geführte Debatte, in der Fakten, Emotionen und Lobbyinteressen ineinandergreifen. Während ein Teil der Politik am liebsten wieder zur flächendeckenden Bejagung übergehen würde, verweisen Forschende und Tierschutzorganisationen auf internationale Verpflichtungen, funktionierende Herdenschutzmodelle und die zentrale ökologische Rolle des Wolfs.
Dieses Dossier bündelt Analysen, Studien und Recherchen von wildbeimwild.com und ordnet sie im Kontext von Schweizer Jagdpolitik, Berner Konvention und europäischer Wolfspolitik ein.
Was dich hier erwartet
- Rückkehr des Wolfs: Bestand und Verbreitung: Rund 30 Rudel und 300 Wölfe 2023 in Alpen, Voralpen und Jura, Calanda-Rudel als Erfolgsmodell, Verhaltensstudien zur Menschenscheu.
- Politische Frontlinien: Wer jagt den Wolf? Walliser Wolfsbilanz 2025/2026, über 200 Wissenschaftler gegen Jagdgesetz-Einordnung, Standesinitiative «Wolf fertig, lustig!», Darbellay und Regazzi als politische Akteure.
- Herdenschutz: Was wirklich funktioniert: Calanda-Modell, Kosten Abschuss vs. Herdenschutz, 4’000 Schafe jährlich durch Krankheit/Absturz vs. 336 Wolfsrisse, internationale Vorbilder.
- Rechtlicher Rahmen: Berner Konvention und Jagdgesetz: Konzept Wolf Schweiz 2008, JSG-Revision 2020, Berner Konvention Okt 2024, Europarat-Untersuchungsverfahren Dez 2024, EU-Herabstufung 2025.
- Fehlabschüsse, Jungtiere und Ethik: Marchairuz/Moesola-Fehlabschüsse 2022, Basisregulierung als systematische Jungtier-Tötung.
- Berglandwirtschaft und strukturelle Konflikte: Wolf als Sündenbock für ungelöste Strukturprobleme, Direktzahlungen, Standortpolitik.
- Jagdlobby und Intransparenz: Wallis als Fallstudie: DJFW-Kritik 2016, Verschmelzung Hobby-Jagd und hoheitlicher Auftrag, Psychologie der Jagdkultur.
- Internationale Perspektive: Europa im Wolfskrieg: Schweden Lizenzjagd gestoppt, Forschungswolf «Andrea» Kärnten, Wilderei Puschlav.
- Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Einwände der Abschusspolitik.
- Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Dossiers und externen Quellen.
Rückkehr des Wolfs: Bestand und Verbreitung
Seit Mitte der 1990er-Jahre kehrt der Wolf auf natürlichem Weg in die Schweiz zurück – hauptsächlich über Italien und Frankreich. Monitoringdaten zeigen, dass sich die Population zunächst langsam, dann deutlich schneller ausgebreitet hat. 2023 wurden rund 30 Rudel und insgesamt etwa 300 Wölfe registriert, vorwiegend in Alpen, Voralpen und Jura.
Die Ausbreitung verläuft regional sehr unterschiedlich. Im Kanton Graubünden gilt das Calanda-Rudel als erstes sesshaftes Rudel der Neuzeit. Trotz rund 1500 Schafen im Territorium fielen dem Rudel in fünf Jahren lediglich 37 Nutztiere zum Opfer – ein direktes Ergebnis konsequenten Herdenschutzes. Die Abschussprogramme konzentrieren sich dagegen besonders auf das Wallis, wo politischer Druck und Jagdlobby besonders stark sind. Im Jura sind nur zwei Rudel etabliert – Marchairuz und Risoux –, deren Leitwölfe 2022 durch fehlerhafte oder grenzüberschreitende Abschüsse getötet wurden, was den regionalen Wolfsbestand akut gefährdete.
Wölfe meiden Menschen – die Forschung ist eindeutig
Verhaltensstudien belegen, dass Wölfe Menschen konsequent meiden. Experimente mit Tonaufnahmen menschlicher Stimmen zeigen ausgeprägte Fluchtreaktionen – deutlich stärker als bei Hundegebell oder Vogelrufen. Diese anhaltende Scheu steht in starkem Kontrast zur öffentlichen Rhetorik vom «Problemwolf» und macht deutlich: Konflikte entstehen vor allem dort, wo Nutztierhaltung ohne Schutz, Jagdinteressen und politischer Druck aufeinandertreffen.
Mehr dazu: Wolf: Ökologische Funktion und politische Realität und Sonderjagd in Graubünden
Politische Frontlinien: Wer jagt den Wolf?
In mehreren Kantonen versuchen Politik und Jagdlobby, den Wolf aus dem strengen Schutzregime herauszulösen und in eine reguläre Jagdlogik zu überführen. Die Walliser Wolfsbilanz 2025/2026 steht exemplarisch dafür: Unter dem Etikett «proaktive Regulierung» wurden innerhalb weniger Monate ganze Rudel und zahlreiche Jungtiere zum Abschuss freigegeben – was faktisch einer systematischen Schwächung der Schweizer Population gleichkommt. Allein in der Regulierungsperiode 2025/2026 liess der Kanton Wallis 27 Wölfe töten: drei per Einzelabschussverfügung, 24 über die sogenannte Bestandsregulierung ganzer Rudel.
Wissenschaft gegen Jagdgesetz
Über 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kritisieren in einem offenen Brief, dass gefährdete Arten wie der Wolf nicht ins Jagdgesetz gehören, weil Jagd Konflikte eher verschärft als löst. Im Artikel «Warum gefährdete Arten nicht ins Jagdgesetz gehören» vertieft wildbeimwild.com genau diese Konfliktlinie. Die zentrale Kritik: Abschüsse zerstören Sozialstrukturen, was zu erhöhter Fortpflanzung, Zuwanderung und instabilem Verhalten führt – genau das Gegenteil dessen, was als «Regulierung» verkauft wird.
Standesinitiative «Wolf fertig, lustig!»
Bereits 2016 forderte der Kanton Wallis mit der Standesinitiative «Wolf fertig, lustig!», den Schutzstatus des Wolfs aufzuheben und die Berner Konvention neu zu verhandeln. Die Umweltkommission des Nationalrats (UREK) stimmte dem Vorstoss mit knapper Mehrheit zu – Pro Natura bezeichnete dies als «Ausrottungs-Vorstoss». Der Bundesrat hatte bereits 2012 und 2013 Möglichkeiten geschaffen, einzelne Wölfe bei erheblichem Schaden abzuschiessen, ohne das grundsätzliche Schutzregime anzutasten.
Christophe Darbellay und Fabio Regazzi
Im Zentrum der politischen Wolfsjagd stehen Mitte-Politiker wie Christophe Darbellay (CVP Wallis) und Fabio Regazzi (CVP Tessin). Beide stammen aus einer Partei, die sich als Hüterin christlicher Werte inszeniert, verfolgen in der Wolfspolitik jedoch eine kompromisslose Interessenpolitik zugunsten der Jagdlobby und Nutztierbranche. Darbellay ist nicht nur politisch Verantwortlicher für die Walliser Abschussprogramme, sondern selbst Hobby-Jäger. Im Artikel «Christophe Darbellays Wolfskrieg: Polemik gegen die Fakten» zeigt wildbeimwild.com, wie gezielt emotionalisierte Einzelereignisse aufgeblasen und wissenschaftliche Einschätzungen verdrängt werden, um eine Atmosphäre der permanenten Bedrohung zu erzeugen.
Regazzi, ehemaliger Jagdpräsident im Kanton Tessin, propagiert das schwedische Wolfsmodell als Vorbild – ausgerechnet jenes Modell, das von Gerichten wegen Verstössen gegen rechtsstaatliche Vorgaben und Artenschutz gestoppt wurde. Der Artikel «Fabio Regazzi und die Wolfspolitik der Schnellschüsse» dokumentiert, wie Regazzis Vorstösse die Wildtierpolitik konsequent vom Schutz zur Minimierung verschieben.
Zwei Logiken prallen aufeinander
Auf Bundes- und Kantonsebene treffen damit zwei Logiken aufeinander: eine jagdzentrierte Politik, die den Wolf als «Bestandsziffer» behandelt, und eine naturschutzorientierte Perspektive, die soziale Rudelstrukturen, Herdenschutz und internationale Artenschutzverpflichtungen ins Zentrum stellt.
Mehr dazu: Walliser Wolfsbilanz: Zahlen eines Massakers und Jäger-Lobby in der Schweiz: Wie Einfluss funktioniert
Herdenschutz: Was wirklich funktioniert
Die Schweiz verfügt über ein breites Spektrum erprobter Herdenschutzmassnahmen: Elektrozäune, Nachtpferche, Herdenschutzhunde, Behirtung und angepasste Beweidungsformen. Das Calanda-Rudel in Graubünden belegt, dass diese Massnahmen selbst in einem wolfsreichen Gebiet mit rund 1500 Schafen wirken.
In der politischen Debatte wird Herdenschutz häufig als «zu teuer», «unpraktikabel» oder «in steilen Alpgebieten unmöglich» abgetan. Die Realität zeigt jedoch: Nicht der Herdenschutz scheitert, sondern die konsequente Umsetzung und Finanzierung. Im Wallis wurden zwar 3,2 Vollzeitstellen zur Unterstützung der Dienststelle geschaffen, doch der Grossteil der 13’390 Arbeitsstunden im Jahr 2025 floss in Wolfsmanagement und -regulierung – nicht in Herdenschutzberatung. Rechnet man mit konservativen Vollkosten von 60 bis 80 Franken pro Stunde, verschlingt das Wolfsmassaker im Wallis allein 2025 zwischen 0,8 und gut 1 Million Franken Steuergelder. Der Abschuss eines einzelnen Wolfs kostet den Steuerzahler in der Schweiz rund 35’000 Franken.
Wolfsrisse im Verhältnis
Pro Natura hält dazu eine wichtige Zahl bereit: Gemäss Studien gehen in den Schweizer Bergen jährlich rund 4000 Schafe an Krankheiten, Abstürzen oder Unwettern ein, nicht zuletzt wegen mangelnder Betreuung. Die 336 Nutztierrisse durch Wölfe im Jahr 2022 (die zweithöchste Zahl seit 1998) fallen dagegen bescheiden aus. Besonders aufschlussreich: 174 Risse entfielen auf das Wallis, 54 auf den Kanton Uri, dort grossmehrheitlich einem einzigen Tier (Wolf M58) zuzuschreiben, das in der Zwischenzeit nach Österreich abgewandert ist.
Herdenschutzhunde: Nutzen und Nebenwirkungen
Herdenschutzhunde sind ein zentrales Element des nicht-tödlichen Wolfsmanagements, bringen aber auch Konflikte mit sich: Es kommt gelegentlich zu Begegnungen mit Wandernden, was die Jagdlobby regelmässig als Argument gegen Herdenschutz instrumentalisiert. Durch professionelle Ausbildung, klare Beschilderung und angepasste Beweidungsstrategien lassen sich diese Probleme jedoch deutlich minimieren.
Internationale Vorbilder
In anderen europäischen Ländern zeigen Projekte, dass Koexistenz mit Beutegreifern möglich ist, wenn politischer Wille, Finanzierung und partizipative Ansätze zusammenkommen. In Italien werden Herdenschutzmassnahmen seit Jahrzehnten gefördert, in Spanien gibt es erfolgreiche Programme zur Konfliktprävention. Die Schweiz könnte von diesen Erfahrungen lernen, statt auf eine Jagdlogik zu setzen, die wissenschaftlich als ineffektiv gilt.
Mehr dazu: Herdenschutz in der Schweiz und Alternativen zur Jagd: Was wirklich hilft, ohne Tiere zu töten
Rechtlicher Rahmen: Berner Konvention und Jagdgesetz
Der Wolf ist in der Schweiz durch die Berner Konvention (1979) geschützt. Diese völkerrechtliche Verpflichtung verbietet grundsätzlich die absichtliche Tötung von Wölfen und erlaubt Ausnahmen nur unter engen Bedingungen: wenn keine andere zufriedenstellende Lösung besteht, die öffentliche Sicherheit gefährdet ist oder erheblicher Schaden an Nutztieren entsteht. Ausserdem muss in allen Fällen sichergestellt sein, dass der Erhaltungszustand der Art nicht beeinträchtigt wird.
Die Berner Konvention bestätigte im Oktober 2024 ausdrücklich: «proaktive» Abschüsse – also präventives Erlegen ohne konkreten Schaden – seien illegal. Im Dezember 2024 eröffnete der Ausschuss der Berner Konvention ein Untersuchungsverfahren gegen die Schweiz, weil das geltende Regulierungssystem als nicht konform mit der Konvention eingestuft wird.
Schweizer Jagdgesetz und Wolfkonzept
Das Schweizer Jagdgesetz (JSG) stuft den Wolf als geschützte Art ein, ermöglicht aber seit 2012 unter bestimmten Bedingungen Einzelabschüsse. Das Konzept Wolf Schweiz von 2008 regelt die Schadensschwelle: 25 gerissene Nutztiere in einem Monat oder 35 Nutztiere in vier Monaten berechtigen zur Abschussverfügung, aber nur dann, wenn alle technisch möglichen, praktikablen und finanzierbaren Schutzmassnahmen ergriffen wurden.
Mit der Revision des Jagdgesetzes von 2020 wurden die Abschussmöglichkeiten weiter ausgebaut: Jungwölfe eines Rudels dürfen unter gewissen Voraussetzungen auch dann abgeschossen werden, wenn sie sich regelmässig in der Nähe von Siedlungen aufhalten. Diese «proaktive Regulierung» steht in der Kritik, weil sie nicht mehr an konkreten Schäden ansetzt, sondern präventiv in Rudelstrukturen eingreift – und damit direkt im Widerspruch zur Berner Konvention steht.
Europäische Dimension
Auf EU-Ebene ist der Wolf durch die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) geschützt. Mitgliedstaaten müssen einen günstigen Erhaltungszustand sicherstellen und dürfen Entnahmen nur unter strikten Bedingungen zulassen. Mehrere EuGH-Urteile haben bestätigt, dass Abschüsse nur dann rechtmässig sind, wenn alternative Massnahmen ausgeschöpft sind und die Population nicht gefährdet wird.
Herabstufung des Schutzstatus: Was sie bedeutet – und was nicht
2025 wurde der Schutzstatus des Wolfs in der EU von «streng geschützt» auf «geschützt» herabgestuft. Naturschutzverbände wie die Large Carnivore Initiative for Europe bezeichneten die Herabstufung als «verfrüht und fehlerhaft», über 700 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler äusserten in offenen Briefen ihre Bedenken. Entscheidend ist: Die Verpflichtung, den günstigen Erhaltungszustand sicherzustellen, bleibt auch nach der Herabstufung bestehen. Wer die Herabstufung als Freifahrtschein für flächendeckende Wolfsjagd deutet, missversteht das Recht – oder tut dies bewusst.
Mehr dazu: Wolf in Europa: Schutzstatus, Konflikte und politischer Druck und Illegale Wolfsjagd in der Schweiz
Fehlabschüsse: System, nicht Panne
2022 wurden in der Schweiz mindestens drei Wölfe nicht korrekt geschossen. Im Kanton Waadt wurde Ende November irrtümlich der Leitwolf des Marchairuz-Rudels abgeschossen, obwohl ein Jungtier hätte getötet werden sollen. Im Oktober wurde im Kanton Graubünden statt eines Jungwolfs des Moesola-Rudels der Leitrüde erlegt. Im März wurde im Wallis ein nicht zum Abschuss freigegebener Wolf getötet.
Die Gruppe Wolf Schweiz (GWS) bezeichnete diese Abschüsse als rechtswidrig: Andere als die zum Abschuss freigegebenen Tiere wurden getötet. Abschüsse von Leittieren sind weitaus folgenschwerer als Abschüsse von Jungtieren, weil sie zur Auflösung ganzer Rudel führen können. Für die zwei Wolfsrudel im Jurabogen – Marchairuz und Risoux – bedeutete dies eine akute Gefährdung des gesamten regionalen Wolfsbestands, da in beiden Rudeln 2022 Leittiere getötet wurden.
Diese Fehlabschüsse sind kein Zufall, sondern Ausdruck eines Systems, das auf Quantität statt Qualität setzt: Wenn Abschussquoten erfüllt werden müssen, Sichtbedingungen schlecht sind und politischer Druck hoch ist, werden auch falsche Tiere getötet. Die Verantwortung dafür tragen nicht nur einzelne Schützinnen und Schützen, sondern die politischen und administrativen Strukturen, die diese Praxis ermöglichen und legitimieren.
Mehr dazu: Jagdgesetze und Kontrolle: Warum Selbstaufsicht nicht reicht und Jagdunfälle in der Schweiz
Jungtiere im Visier: Ethik auf den Kopf gestellt
Besonders verstörend ist, dass Jungtiere nicht nur in problematischen Rudeln mit wiederholten Rissen getötet werden, sondern im Rahmen einer «Basisregulierung» auch in Rudeln, die keine gravierenden Schäden verursacht haben. Damit werden junge Wölfe getötet, bevor sie die Chance hatten zu lernen, wie ihr Rudel mit Nutztieren und Landschaft umgeht. Genau diese Lernprozesse sind jedoch entscheidend, damit Konflikte langfristig abnehmen.
Eine Ethik, die ihren Namen verdient, würde Jungtiere als rote Linie definieren: Wer sich an ihnen vergeht, verletzt nicht nur das Individuum, sondern die Zukunft der ganzen Population. Die Walliser Praxis kehrt dieses Prinzip um: Jungtiere werden zur bevorzugten Zielgruppe, weil sie sich am einfachsten treffen lassen und statistisch schnell «Erfolg» liefern. Hier von Regulierung zu sprechen, verschleiert, dass das Fundament jeder moralischen Verantwortung – Schutz der Schwächsten – bewusst ignoriert wird.
Aus der Walliser Wolfsbilanz 2025/2026 geht hervor, wie die Logik der Jagd in den staatlichen Umgang mit Wildtieren einsickert: Wildtiere werden zu Beständen, Konflikte zu Dossiers, Regulierung zu Abschussplänen.
Mehr dazu: Jagd und Tierschutz: Was die Praxis mit Wildtieren macht und Wildtiere, Todesangst und fehlende Betäubung
Wolf und Berglandwirtschaft: strukturelle Konflikte
Die Konflikte zwischen Wolf und Berglandwirtschaft sind real, aber ihre Ursachen liegen tiefer als die blosse Anwesenheit von Beutegreifern. Die Schweizer Berglandwirtschaft ist seit Jahrzehnten strukturell unter Druck: Höfesterben, Abhängigkeit von Direktzahlungen, steile Topografie und internationale Konkurrenz prägen den Alltag vieler Betriebe. In diesem Kontext wird der Wolf zur Projektionsfläche für ungelöste Strukturprobleme und zur Zielscheibe einer Jagdpolitik, die wissenschaftliche und ethische Mindeststandards unterläuft.
Weder die Rolle von Direktzahlungen und Standortpolitik noch die Verantwortung der Bewirtschaftungsformen für Konflikte mit Beutegreifern werden ernsthaft diskutiert. Der Wolf übernimmt die Rolle des Sündenbocks, den man mit technischem Vokabular – «Basisregulierung», «vollständige Umsetzung» – aus dem System rechnet. Statt konsequent in Herdenschutz, Weideführung, Beratung und strukturelle Anpassungen zu investieren, wird der Wolf zum Problembär gemacht, der mit administrativ präzise geplanten Schüssen «unter Kontrolle» gehalten werden soll.
Die eigentlichen Fragen, welche Landwirtschaft wir im steilen Berggebiet fördern, wie Tierhaltung an Beutegreifer angepasst werden kann und wie viel Hobby-Jagd in einem modernen Rechtsstaat Platz hat, bleiben unbeantwortet.
Mehr dazu: Kulturlandschaft als Mythos und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest
Jagdlobby und Intransparenz: Das Wallis als Fallstudie
Die Schweizer Jagdpolitik wird massgeblich von Jagdverbänden geprägt, die über direkte Zugänge zu Kantonsregierungen, Kommissionen und parlamentarischen Gruppen verfügen. Im Wallis ist die Verquickung zwischen Jagdwesen, Politik und Verwaltung besonders eng: Die Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere (DJFW) wurde 2016 von der Geschäftsprüfungskommission massiv kritisiert, wegen schwacher Führung, Alkoholproblemen einzelner Wildhüter und veralteter Verwaltung.
Mit Berufswildhütern und Hobby-Jagdgruppen schafft der Kanton eine jagdzentrierte Infrastruktur, deren Hauptaufgabe nicht der Schutz, sondern der effiziente Abschuss ist. Verschmelzen hoheitlicher Auftrag und Hobby-Jagd zu einer Allianz mit einem gemeinsamen Ziel, dann lautet dieses: möglichst viele Wölfe töten, möglichst reibungslos, möglichst geräuschlos.
Der Artikel «Psychologie der Jagd im Kanton Wallis» analysiert, wie tief verankerte Muster von Dominanz, Identität und Gemeinschaft die Jagdkultur prägen. Die Rückkehr des Wolfs wird als Bedrohung dieser Ordnung empfunden, weil sie die Kontrolle über das «eigene» Revier infrage stellt. Emotionalisierte Kampagnen, bei denen einzelne Wolfsrisse zu «Angriffen» hochstilisiert werden, bedienen archaische Angstbilder und lenken von strukturellen Problemen ab.
Mehr dazu: Wie Jagdverbände Politik und Öffentlichkeit beeinflussen und Psychologie der Jagd
Internationale Perspektive: Europa im Wolfskrieg
Die Schweizer Wolfspolitik ist kein Einzelfall, sondern Teil eines europäischen Musters, in dem Jagdverbände, Agrarlobby und populistische Politiker gemeinsam versuchen, den Artenschutz auszuhöhlen. In Österreich sortiert sich die Jagdlobby unter dem neuen Präsidenten Anton Larcher neu und propagiert «Wissenschaft statt Emotion» als Schlagwort, während Wolf, Bär und Waffenrecht in ein jagdliches Kontrollregime gepresst werden. Der Forschungswolf «Andrea», der von der Universität Udine mit GPS-Halsband ausgestattet worden war, wurde in der Nacht auf den 3. Februar 2026 in Kärnten abgeschossen. Ein 250’000-Euro-Projekt endete mit einem einzigen Schuss.
Schweden: Vorbild oder Warnung?
Fabio Regazzi preist seit Jahren das schwedische Wolfsmodell als Vorbild für die Schweiz. Dabei ist es genau dieses Modell, bei dem Lizenzjagden mit politisch fixierten Bestandszielen nun von Gerichten gestoppt wurden, weil sie gegen rechtsstaatliche Vorgaben und den Artenschutz verstossen. Im Artikel «Wolfsjagd 2026 gestoppt: Wie Gerichte den Wolf besser schützen als die Politik» zeigt wildbeimwild.com, was das für Europas Wolfspolitik bedeutet: Schweden zeigt nicht, wie Wolfsmanagement funktioniert, sondern wie Jagdpolitik am Rechtsstaat scheitert.
Wilderei als Symptom
Der Fall eines illegal getöteten Wolfs im Puschlav (Graubünden, September 2025) ist kein isolierter Einzelfall, sondern Teil eines Musters quer durch den Alpenraum. Der Artikel «Strafanzeige: Hobby-Jäger tötet Wolf» dokumentiert, wie mildes Strafrecht und politisches Klima illegale Wolfsjagd begünstigen.
Mehr dazu: Jagdkrise in Europa: FACE kämpft um Schüsse, die Schweiz bleibt im Schatten und Trophäenjagd: Wenn Töten zum Statussymbol wird
Kein Naturmanagement – ein politisches Massaker
Am Ende steht ein Befund, der sich nicht weichzeichnen lässt: Wenn ganze Rudel ausgelöscht, Jungtiere planmässig getötet und Abschusszahlen als Erfolgsmeldung präsentiert werden, handelt es sich nicht um proaktive Regulierung, sondern um ein politisch gewolltes Massaker. Der Wolf wird zur Projektionsfläche für ungelöste Strukturprobleme der Berglandwirtschaft und zur Zielscheibe einer Jagdpolitik, die wissenschaftliche und ethische Mindeststandards unterläuft.
Ein wirklich zeitgemässer Umgang mit Beutegreifern müsste konsequent auf nicht-tödliche Massnahmen setzen: maximaler Schutz für Jungtiere, Förderung stabiler Rudelstrukturen, Investitionen in Herdenschutz, Weideführung und Beratung, klare Begrenzung jagdlicher Macht und Transparenz bei Abschussentscheidungen. Alles andere ist keine Ethik, sondern die Legitimierung von Gewalt gegenüber den Verletzlichsten.
Mehr dazu: Einstieg in die Jagdkritik und Jagdverbot Schweiz: Möglichkeiten, Modelle und Grenzen
Was sich ändern müsste
- Sofortiger Schutz von Jungtieren: Ein Abschussverbot für Jungwölfe unter 12 Monaten als ethische und biologische Minimalforderung. Die Basisregulierung, die Jungtiere zur bevorzugten Zielgruppe macht, muss gestrichen werden.
- Konsequenter Herdenschutz als Voraussetzung für Abschussbewilligungen: Kein Abschuss ohne dokumentierten Nachweis, dass alle zumutbaren Herdenschutzmassnahmen umgesetzt und über mindestens eine Weidesaison evaluiert wurden.
- Unabhängiges Wolfsmonitoring: Bestandserhebungen und Schadensanalysen müssen von unabhängigen wissenschaftlichen Institutionen durchgeführt werden, ohne Beteiligung von Jagdverbänden oder kantonal jagdnahen Dienststellen.
- Rechtskonformität mit Berner Konvention herstellen: Präventive Abschüsse ganzer Rudel müssen aus der revidierten Jagdverordnung (JSV) gestrichen werden, unabhängig vom Ausgang des laufenden Untersuchungsverfahrens.
- Transparenz bei Abschussentscheiden: Jede Abschussverfügung muss mit vollständiger Schadenshistorie, Herdenschutz-Dokumentation und wissenschaftlicher Begründung öffentlich einsehbar sein.
- Strukturelle Berglandwirtschaftsreform: Die Frage, welche Tierhaltungsformen im steilen Berggebiet mit Beutegreifern kompatibel sind, muss mit angepassten Direktzahlungen und Beratungsstrukturen politisch gestellt werden.
- Mustervorstösse: Mustertexte für jagdkritische Vorstösse und Musterbrief: Appell für eine Veränderung in der Schweiz
Argumentarium
«Der Wolf bedroht die Bergbevölkerung.» Statistisch null Wolfsangriffe auf Menschen in der Schweiz. Die Berglandwirtschaft steht vor strukturellen Herausforderungen (Höfesterben, Direktzahlungsabhängigkeit, Topografie), die kein Wolfsabschuss löst. Wer den Wolf zum Verursacher von Strukturproblemen macht, betreibt Politik mit dem falschen Sündenbock.
«Proaktive Regulierung verhindert Schäden, bevor sie entstehen.» Die Berner Konvention hat im Oktober 2024 festgehalten: Präventive Abschüsse ohne konkreten, erheblichen und wiederholten Schaden sind nicht durch die Konvention gedeckt und damit illegal. Das einstimmig beschlossene Untersuchungsverfahren des Europarats ist die Konsequenz.
«Der Herdenschutz funktioniert in steilen Alpgebieten nicht.» Das Calanda-Rudel beweist das Gegenteil: 1’500 Schafe, 37 Risse in fünf Jahren dank konsequentem Herdenschutz. Nicht der Herdenschutz scheitert, sondern seine konsequente Umsetzung und Finanzierung. Im Wallis flossen 2025 zwischen 0,8 und 1 Mio. Franken in Abschussprogramme statt in Herdenschutzberatung.
«Die EU hat den Schutzstatus des Wolfs herabgestuft – also darf jetzt gejagt werden.» Die Herabstufung von «streng geschützt» auf «geschützt» ändert nichts an der Pflicht, den günstigen Erhaltungszustand sicherzustellen. Über 700 Wissenschaftler bezeichneten die Herabstufung als verfrüht. Wer sie als Freifahrtschein für flächendeckende Wolfsjagd deutet, missversteht das Recht.
«Fehlabschüsse sind bedauerliche Einzelfälle.» 2022 wurden mindestens drei Wölfe falsch abgeschossen: Marchairuz-Leitwolf, Moesola-Leitrüde, VS nicht freigegebener Wolf. Wenn Abschussquoten unter Zeitdruck und schlechten Sichtbedingungen erfüllt werden müssen, sind Fehlabschüsse systemisch, nicht zufällig.
Quicklinks
Beiträge auf Wild beim Wild:
- Walliser Wolfsbilanz 2025/2026: Zahlen eines Massakers
- Christophe Darbellays Wolfskrieg: Polemik gegen die Fakten
- Fabio Regazzi und die Wolfspolitik der Schnellschüsse
- Warum gefährdete Arten nicht ins Jagdgesetz gehören
- Wolfsjagd 2026 gestoppt: Wie Gerichte den Wolf schützen
- Psychologie der Jagd im Kanton Wallis
- Strafanzeige: Hobby-Jäger tötet Wolf (Puschlav)
- Problem-Politiker statt Problemwölfe
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Unser Anspruch
Der Wolf in der Schweiz ist kein Managementproblem. Er ist ein politischer Prüfstein für die Frage, ob ein moderner Rechtsstaat in der Lage ist, Artenschutzverpflichtungen gegen Lobby-Interessen durchzusetzen. Dieses Dossier bündelt die Analysen, Recherchen und Studien von IG Wild beim Wild zur Schweizer Wolfspolitik, weil eine Gesellschaft, die Biodiversität und Tierschutz als Werte proklamiert, wissen muss, was in ihrem Namen geschieht: planmässige Rudeltötungen, systematische Jungtier-Abschüsse und eine Jagdpolitik, die internationale Rechtsstandards ignoriert.
Wer Hinweise, Dokumente oder aktuelle Fälle kennt, die in dieses Dossier gehören, schreibt uns. Gute Informationen sind die Grundlage jeder wirksamen Kritik.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.
