Wie Jagdverbände Politik und Öffentlichkeit beeinflussen
Wenn über Hobby-Jagd gesprochen wird, wirkt vieles wie fachliche Selbstverständlichkeit. Begriffe wie «Regulierung», «Bestandsmanagement» oder «Hege» erscheinen neutral und technisch. Tatsächlich stehen dahinter Interessen, Machtstrukturen und gezielte Einflussnahme. Jagdverbände sind in der Schweiz keine Freizeit- oder Traditionsvereine. Sie sind politische Akteure – auf Bundes- und Kantonsebene, in Behörden, in Medien und in europäischen Lobbystrukturen.
JagdSchweiz beschreibt seine jagdpolitische Arbeit offen: vorausschauendes Monitoring der Meinungsbildung von Parteien, Behörden und Organisationen; enge Zusammenarbeit mit «jagenden Bundesparlamentariern»; frühzeitiges Erarbeiten von Positionen; Erstellen von Studien und Publikationen zu aktuellen Sachfragen. Das ist keine Geheimhaltung – es ist strategische Interessenpolitik mit parlamentarischer Anbindung. Gleichzeitig sitzen Schweizer Jagdverbandsfunktionäre im Vorstand von FACE, der europäischen Jagdlobby-Organisation in Brüssel, die systematisch daran arbeitet, Abschüsse von Wildtieren in EU-Gesetzgebung politisch abzusichern. In der Schweizer Öffentlichkeit wird diese Rolle selten transparent gemacht.
Dieses Dossier zeigt, wie dieser Einfluss tatsächlich entsteht, über welche Kanäle er wirkt und warum seine Sichtbarmachung für Wildtierschutz und Demokratie relevant ist. Ergänzend dazu: unser Dossier Jäger-Lobby in der Schweiz: Wie Einfluss funktioniert mit kantonalen Fallbeispielen, und das Dossier Medien und Jagdthemen zur sprachlichen Dimension dieser Einflussnahme.
Was dich hier erwartet
- Die Rolle der Jagdverbände heute: Interessenpolitik mit Systemcharakter: Warum Jagdverbände keine Traditionsvereine sind, sondern organisierte politische Akteure mit klaren strategischen Zielen auf Bundes- und Kantonsebene.
- Wo der Einfluss tatsächlich entsteht: Kantone als Schlüsselstelle, Vernehmlassungen als politisches Instrument und persönliche Mehrfachrollen als strukturelles Problem.
- Parlamentarische Gruppen und direkter Parlamentszugang: Wie JagdSchweiz über jagdnahe Parlamentsmitglieder direkten Zugang zu Gesetzgebungsprozessen erhält und was das für Gewaltenteilung bedeutet.
- FACE: Die Schweiz in der europäischen Jagdlobby: Warum JagdSchweiz über FACE in Brüssel Lobbypolitik für mehr Abschüsse betreibt, die national als «Naturschutzpartnerschaft» kommuniziert wird.
- Sprache als politisches Werkzeug: Wie Jagdverbände Begriffe setzen, die Debatten lenken und Kritik delegitimieren – bevor die eigentliche politische Auseinandersetzung beginnt.
- Öffentlichkeitsarbeit mit Expertenstatus: Wie Jagdverbände als sachliche Fachinstanzen in Medien erscheinen, obwohl sie Interessenverbände sind – und warum Tierschutzorganisationen strukturell weniger Zugang erhalten.
- Datenkontrolle als Machtinstrument: Wer bestimmt, was dokumentiert wird, wie es dokumentiert wird und welche Zahlen öffentlich werden.
- Transparency International: Was das Schweizer Lobbying-System strukturell problematisch macht: Was die 2019er Studie über verdeckten Einfluss und heikle Verflechtungen im Schweizer Lobbying festhält – und was das für die Hobby-Jagd bedeutet.
- Wie man Einfluss sichtbar machen kann: Konkrete Fragen und Werkzeuge für Bürgerinnen und Bürger, Medien und Politik.
- Was sich ändern müsste: Konkrete politische Forderungen für mehr Transparenz.
- Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Gegenargumente.
- Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Studien und Dossiers.
Die Rolle der Jagdverbände heute: Interessenpolitik mit Systemcharakter
Jagdverbände in der Schweiz haben sich in den letzten Jahrzehnten professionalisiert. Sie sind keine reaktiven Interessenvertreter mehr, die auf jagdkritische Vorstösse reagieren – sie sind proaktive politische Akteure, die Gesetzgebung antizipieren, Positionen frühzeitig entwickeln und ihre Netzwerke strategisch einsetzen. JagdSchweiz benennt seine jagdpolitischen Schwerpunktaufgaben auf seiner Website explizit: Monitoring der jagdpolitischen Arbeit von Parteien, Behörden und Organisationen; enge Zusammenarbeit mit jagenden Bundesparlamentariern; frühzeitiges Erarbeiten von Positionen; Erstellen von Studien und Publikationen zu aktuellen Sachfragen.
Das ist legitime Interessenvertretung – aber es ist Interessenvertretung, keine Naturschutzarbeit und keine neutrale Fachberatung. Das Problem entsteht dort, wo diese Interessenvertretung als neutrale Expertise wahrgenommen wird: in Behördenkontakten, in Medienberichten, in parlamentarischen Kommissionen. Wer nicht weiss, dass JagdSchweiz eine politische Organisation mit klaren strategischen Zielen ist, kann ihre Beiträge zu öffentlichen Debatten nicht korrekt einordnen. Und genau auf dieser Einordnungslücke basiert ein erheblicher Teil der Wirksamkeit dieser Lobby.
Ihre Kernanliegen sind konsistent und über Jahrzehnte stabil: Sicherung und Ausweitung jagdlicher Handlungsspielräume, Einfluss auf Vollzug und Auslegung von Jagd- und Naturschutzrecht, Schutz der Hobby-Jagd vor gesellschaftlicher und politischer Kritik. Diese Ziele werden auf Bundes- und Kantonsebene gleichzeitig verfolgt – mit besonderem Gewicht dort, wo Vollzugsentscheide fallen und wo die Öffentlichkeit am wenigsten zuschaut.
Mehr dazu: Jäger-Lobby in der Schweiz: Wie Einfluss funktioniert und Jäger: Rolle, Macht, Ausbildung und Kritik
Wo der Einfluss tatsächlich entsteht
Kantone als Schlüsselstelle
In der Schweiz wird Jagdpolitik primär kantonal umgesetzt. Genau hier sind Jagdverbände besonders präsent und besonders wirksam – weit mehr als auf Bundesebene, wo Debatten öffentlicher sind und parlamentarische Kontrolle stärker greift. In kantonalen beratenden Kommissionen sitzen Hobby-Jagdvertreter regelmässig als anerkannte Stakeholder. Im Austausch mit kantonalen Fachstellen – Jagdverwaltungen, Kantonstierärzten, Forstämtern – werden Vollzugshilfen, Abschusspläne und Richtlinien entwickelt, die dann als «Fachstandard» gelten.
Entscheidungen entstehen häufig nicht im Kantonsparlament, sondern in der Verwaltung – in Sitzungen, die nicht öffentlich sind, zwischen Akteuren, deren Interessenbindungen nicht systematisch offengelegt werden. Öffentlichkeit ist gering, Einfluss aber hoch. Pro Natura hat diesen Mechanismus beim Erlass der neuen Jagdverordnung (JSV) per 1. Februar 2025 explizit kritisiert: Die Verordnung sei problematisch, weil sie Abschusspotenziale ausweite und Schutzmechanismen schwäche – das Ergebnis eines Verfahrens, in dem Jagdinteressen strukturell besser platziert waren als Naturschutzinteressen.
Vernehmlassungen als politisches Instrument
Bei Gesetzesrevisionen und Verordnungsänderungen nehmen Jagdverbände regelmässig an Vernehmlassungen teil. Diese Stellungnahmen sind öffentlich zugänglich – aber sie werden selten medial aufgearbeitet. Was dabei auffällt: Formulierungen aus Jagdverband-Stellungnahmen finden sich in späteren offiziellen Dokumenten häufig nahezu unverändert wieder. Bei der Revision des Jagdgesetzes hat JagdSchweiz im Vernehmlassungsbericht explizit «keine neuen Einschränkungen bezüglich jagdlicher Handlungsspielräume» als Kernforderung positioniert – eine Formulierung, die sich in der Abwägung der Bundesbehörden deutlich niedergeschlagen hat.
Persönliche Mehrfachrollen
Ein strukturelles Problem sind Mehrfachrollen: Hobby-Jäger, die gleichzeitig politische Mandate innehaben, in kantonalen Fachkommissionen sitzen oder Funktionen in Jagd, Landwirtschaft, Forst und Sicherheit kombinieren. Diese Verflechtungen sind häufig nicht illegitim, bleiben aber systematisch unerklärt. Wer gleichzeitig Jagdpräsident, Mitglied der kantonalen Jagdkommission und Kantonsrat ist, trägt Interessen in Strukturen, die eigentlich unabhängige Aufsicht ausüben sollten. Das ist kein Vorwurf an Einzelpersonen – es ist eine strukturelle Schwäche des Systems.
Mehr dazu: Jagdgesetze und Kontrolle: Warum Selbstaufsicht nicht reicht und Jagd in der Schweiz: Zahlen, Systeme und das Ende eines Narrativs
Parlamentarische Gruppen und direkter Parlamentszugang
JagdSchweiz unterhält eine parlamentarische Gruppe im Bundeshaus. Diese Gruppe verbindet jagdnahe Parlamentsmitglieder aus verschiedenen Fraktionen und dient als direkter Transmissionsriemen zwischen Verbandsinteressen und Gesetzgebungsprozessen. Parlamentarische Gruppen sind im Schweizer Politiksystem legal und verbreitet – aber sie sind auch einer der am wenigsten transparenten Einflusspfade überhaupt.
Transparency International Schweiz hat in seiner Lobbying-Studie 2019 das Schweizer System scharf kritisiert: verdeckter Einfluss, heikle Verflechtungen, privilegierter Zugang. Die zentrale Forderung: mehr Transparenz im gesamten politischen Entscheidungsprozess, konsequente Dokumentation und Offenlegung von Lobbying-Einflussnahmen («legislativer Fussabdruck»), umfassendere Offenlegung von Mandaten und Interessenbindungen. Diese Forderungen sind bis heute nicht vollständig umgesetzt – und Jagdverbände profitieren direkt von dieser Lücke.
Im Bundeshaus bedeutet das konkret: Wer als Parlamentsmitglied gleichzeitig Funktionär eines Jagdverbandes ist oder Dauerakkreditierungen an Verbandsmitglieder vergibt, schafft einen privilegierten Zugang, der in keinem öffentlichen Register vollständig nachvollziehbar ist. Die Folge: Jagdinteressen sind in Gesetzgebungsprozessen strukturell besser verankert als die Interessen der 99,7 Prozent der Bevölkerung, die keine Hobby-Jagd betreiben.
Mehr dazu: Problem-Politiker statt Problemwölfe: Die Schweiz jagt das falsche Tier und Walliser Wolfsbilanz: Zahlen eines Massakers
FACE: Die Schweiz in der europäischen Hobby-Jagdlobby
Am 4. November 2025 traf sich in Rom das Direktivkomitee von FACE – der «Federation of Associations for Hunting and Conservation» –, der europäischen Dachorganisation der Jagdverbände mit Sitz in Brüssel. Thema: Wie lässt sich der dramatische Rückgang der Hobby-Jägerzahlen in Europa stoppen? Wie koordiniert man Lobbypolitik gegenüber EU-Parlament und EU-Kommission – bei Zugvogeljagd, Kleinvogeljagd und dem Schutzstatus grosser Beutegreifer?
JagdSchweiz ist Mitglied von FACE und sitzt im Vorstand dieser Organisation. Das bedeutet: Schweizer Jagdverbandsfunktionäre sitzen nicht am Rand der europäischen Jagdlobby – sie sitzen an ihrem Entscheidungstisch. Wenn FACE in Brüssel für mehr Zugvogelabschüsse im Mittelmeerraum oder gegen den Schutzstatus des Wolfes in der Berner Konvention lobbyiert, dann geschieht das mit aktiver Beteiligung und Unterstützung aus der Schweiz.
In der nationalen Kommunikation bleibt diese Rolle systematisch unsichtbar. JagdSchweiz betont «Biodiversität», «Naturschutzpartnerschaft» und «gesellschaftlichen Auftrag». Dass dieselbe Organisation gleichzeitig Teil einer europäischen Lobby ist, die systematisch daran arbeitet, Wildtierabschüsse in EU-Gesetzgebung politisch abzusichern und auszuweiten, wird in Schweizer Medien kaum je hergestellt. Diese Diskrepanz zwischen nationaler Selbstdarstellung und europäischer Lobby-Realität ist ein zentrales Transparenzproblem.
Mehr dazu: Jagdkrise in Europa: FACE kämpft um Schüsse, die Schweiz bleibt im Schatten und Wolf in Europa: Schutzstatus, Konflikte und politischer Druck
Sprache als politisches Werkzeug
Einer der wirksamsten Einflusspfade der Hobby-Jagd-Lobby ist unsichtbar, weil er vor jeder politischen Auseinandersetzung wirkt: die Sprache. Begriffe setzen Deutungsrahmen. Wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert, was als «vernünftig» gilt und was als «naiv» oder «emotional» erscheint.
Klassische jagdliche Begriffe mit politischer Funktion:
- «Regulierung» statt Töten: klingt administrativ, neutral, notwendig.
- «Bestandsmanagement» statt Wildtiere töten: rückt Lebewesen in eine Ressourcenlogik.
- «Schaden» statt Konflikt mit menschlicher Nutzung: individualisiert Schuld bei Wildtieren, nicht bei der Nutzungsentscheidung.
- «Hege» statt Eingriff in Populationen: evoziert Fürsorge, während es Kontrolle meint.
- «Problemwolf»: setzt einen Deutungsrahmen, in dem ein konkretes Tier für einen systemischen Konflikt verantwortlich gemacht wird.
Diese Begriffe finden sich nicht nur in Verbandskommunikation, sondern in Behördentexten, Parlamentsdebatten und Medienberichten. Wer Framing-Studien liest, weiss: Der Begriff, der zuerst gesetzt wird, bestimmt den Rahmen. Kritik, die ausserhalb dieses Rahmens formuliert wird, erscheint automatisch als weniger kompetent. Das ist der politische Effekt von Sprachhoheit – und Jagdverbände haben sie.
Mehr dazu: Medien und Jagdthemen: Wie Sprache, Bilder und «Experten» die Debatte prägen und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest
Öffentlichkeitsarbeit mit Expertenstatus
In Medienberichten werden Hobby-Jäger und Jagdverbands-Vertreter regelmässig als «Experten» eingeführt, ohne dass ihre Interessenlage klar benannt wird. Gleichzeitig verfügen Tierschutz- und Wildtierorganisationen über strukturell weniger direkten Zugang zu Behörden und Medien. Das ist keine Verschwörung, sondern ein Ergebnis von Organisationskapital: Jagdverbände sind gross, gut vernetzt, finanziert und medienerfahren. Sie liefern schnell Aussagen, die Redaktionen als «Facheinordnung» verwenden – ohne die Interessenbindung zu kontextualisieren.
JagdSchweiz arbeitet nachweislich mit professioneller PR-Unterstützung. Die Luzerner Kommunikationsagentur media-work begleitet JagdSchweiz als «Sparringpartner für den Präsidenten, den Vorstand und die Geschäftsstelle». Was in einer Lokalzeitung als «Einschätzung der Jägerschaft» erscheint, ist in vielen Fällen das Ergebnis professionell aufbereiteter Verbandskommunikation. Dieser Ursprung wird in keinem der resultierenden Medienberichte offengelegt. Das ist das strukturelle Problem: nicht, dass es Öffentlichkeitsarbeit gibt, sondern dass sie als Fachmeinung durchgeht.
Mehr dazu: Medien und Jagdthemen: Wie Sprache, Bilder und «Experten» die Debatte prägen und Psychologie der Jagd
Datenkontrolle als Machtinstrument
Wer bestimmt, welche Daten erhoben, wie sie ausgewertet und welche davon öffentlich zugänglich gemacht werden, kontrolliert die Grundlage jeder politischen Debatte. In der Hobby-Jagd sind jagdnahe Akteure strukturell in der Datenkontrolle bevorzugt: Kantone erheben Jagdstatistiken häufig mit Unterstützung oder unter Beteiligung von Jagdverwaltungen, die personal und kulturell der Hobby-Jagd nahestehen. Fehlabschüsse werden nicht systematisch erfasst. Tierschutzverstösse bei der Jagdausübung haben keine einheitliche Meldepflicht. Die Wirksamkeit alternativer Wildtiermanagement-Massnahmen wird selten in einem Format dokumentiert, das mit Jagdstatistiken vergleichbar wäre.
Das Ergebnis ist eine strukturelle Informationsasymmetrie: Jagdverbände können auf Zahlenmaterial verweisen, das ihren Positionen entspricht. Kritiker können das häufig nicht – nicht weil die Daten nicht existieren würden, sondern weil unabhängige Erhebungen fehlen. Diese Asymmetrie ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Arbeit, die unabhängige Aufsicht und unabhängige Datenerhebung in der Hobby-Jagd verhindert hat – weil beide für die Lobby unbequem wären.
Mehr dazu: Jagd und Biodiversität: Wie die Hobby-Jagd Artenvielfalt gefährdet und Unseriöse Schweizer Jagdverwaltungen
Transparency International: Was das Schweizer Lobbying-System strukturell problematisch macht
Transparency International Schweiz hat in seiner Lobbying-Studie 2019 die strukturellen Schwächen des Schweizer Systems klar benannt: verdeckter Einfluss, heikle Verflechtungen, privilegierter Zugang – und unzureichende Offenlegungspflichten. Die zentrale Forderung: mehr Transparenz im gesamten politischen Entscheidungsprozess, konsequente Dokumentation der Lobbying-Einflussnahmen, umfassendere Offenlegung von Mandaten – und Sanktionierung bei Verletzung von Meldepflichten.
Für die Hobby-Jagd bedeutet das Schweizer Lobbying-System konkret: Eine kleine, gut organisierte Interessengruppe kann strukturell mehr Einfluss auf Jagd- und Naturschutzgesetzgebung ausüben, als ihrer gesellschaftlichen Basis entspräche. Das ist nicht spezifisch für die Hobby-Jagd – es gilt für viele Branchen im Schweizer Korporatismus. Aber es ist bei der Hobby-Jagd besonders folgenreich, weil die Entscheide, die dabei fallen, das Leben und den Tod von Zehntausenden Wildtieren jährlich betreffen und Biodiversitätsziele tangieren, die für die gesamte Gesellschaft relevant sind.
Mehr dazu: Jäger-Lobby in der Schweiz: Wie Einfluss funktioniert und Einstieg in die Jagdkritik
Wie man Einfluss sichtbar machen kann
Transparenz beginnt mit konkreten Fragen. Wer jagdpolitische Aussagen, Entscheide oder Medienbeiträge einordnen will, sollte folgende Fragen stellen:
- Wer spricht hier und in welcher Funktion? Ist die Person Verbandsfunktionär, Parlamentsmitglied mit Jagdmandat, kantonaler Beamter oder unabhängiger Wildtierforscher?
- Auf welcher Ebene fällt die Entscheidung wirklich? Im Parlament, in der Verwaltung, in einer Kommission – und ist diese Ebene öffentlich zugänglich?
- Welche Begriffe werden verwendet und was blenden sie aus? «Regulierung» statt Töten, «Schaden» statt Nutzungskonflikt: Wer setzt den Begriff, und wessen Deutungsrahmen entspricht er?
- Wer ist nicht am Tisch, obwohl er betroffen ist? Wildtierforschung, Tierschutzorganisationen, Bevölkerungsmehrheit ohne Hobby-Jagdinteressen.
- Welche Daten werden zitiert, und wer hat sie erhoben? Jagdverbandseigene Statistiken, Behördendaten unter Jagdverbands-Mitwirkung oder unabhängige Forschungsergebnisse?
Diese fünf Fragen sind das Basiswerkzeug für die kritische Einordnung jagdpolitischer Kommunikation – in Medienbeiträgen, in politischen Debatten und in behördlichen Dokumenten.
Mehr dazu: Mustertexte für jagdkritische Vorstösse in Kantonsparlamenten und Hunt Watch: Den Fokus auf Menschen richten, die Tiere töten
Was sich ändern müsste
- Legislativer Fussabdruck für Jagdgesetzgebung: Jede Einflussnahme auf Jagd- und Naturschutzgesetze muss dokumentiert und öffentlich zugänglich sein – wer mit wem zu welchem Zeitpunkt in welchem Format kommuniziert hat. Das fordert Transparency International Schweiz für das gesamte Lobbying-System – und es wäre bei jagdpolitischen Entscheiden besonders dringend.
- Offenlegungspflicht für Mehrfachrollen in Jagdkommissionen: Wer gleichzeitig Verbandsfunktionär und Mitglied einer kantonalen Fachkommission ist, muss diese Doppelrolle bei jeder relevanten Sitzung und Abstimmung deklarieren. Interessenkonflikte können nur bewertet werden, wenn sie sichtbar sind.
- Unabhängige Wildtierforschung in jagdpolitischen Gremien: Kantonale Fachkommissionen zu Jagd und Wildtiermanagement müssen Wildtierbiologinnen, Verhaltensökologen und Tierschutzvertreterinnen strukturell einbeziehen – nicht nur konsultativ, sondern mit gleichem Stimmrecht wie Jagdverbandsvertreter.
- Transparenz über FACE-Mitgliedschaft und europäische Lobbytätigkeit: JagdSchweiz muss in seiner Kommunikation gegenüber Behörden und Medien seine FACE-Mitgliedschaft und die konkreten Positionen, die FACE in Brüssel vertritt, offenlegen. Wer national als «Naturschutzpartner» auftritt und europäisch als Jagdlobbyist wirkt, schuldet der Öffentlichkeit diese Transparenz.
- Unabhängige Datenerhebung zur Hobby-Jagd: Fehlabschüsse, Tierschutzverstösse, Auswirkungen auf Wildtierpopulationen und Biodiversitätsindikatoren müssen von unabhängigen Institutionen – BAFU, WSL, Hochschulen – erhoben und veröffentlicht werden, ohne Mitwirkung der Hobby-Jagd-Lobby an Methodik und Auswertung.
- Mustervorstösse: Mustertexte für jagdkritische Vorstösse und Mustertexte für jagdkritische Vorstösse in Kantonsparlamenten
Argumentarium
«Lobbyarbeit ist in der Demokratie legitim – auch für Jagdverbände.» Ja. Lobbying ist legitim, wenn es transparent ist, Interessenbindungen offenlegt und im Rahmen demokratisch legitimierter Regelungen erfolgt. Das Schweizer Lobbying-System erfüllt diese Anforderungen laut Transparency International nicht. Das Problem ist nicht Lobbying an sich, sondern strukturell privilegierter Zugang ohne Transparenz.
«Hobby-Jäger sitzen in Kommissionen, weil sie Expertise haben.» Revier-Erfahrung ist wertvoll. Aber Hobby-Jäger haben strukturelle Interessenkonflikte: Sie zahlen für das Recht zu töten und profitieren direkt von jagdfreundlichen Vollzugsentscheiden. Wildtierbiologinnen, Ethologinnen und Tierschutzvertreterinnen haben diese Interessenkonflikte nicht. Beide Perspektiven gehören an den Tisch – aber heute sitzen strukturell zu viele der einen und zu wenige der anderen.
«JagdSchweiz vertritt 30’000 Mitglieder – das ist demokratisch repräsentativ.» 30 000 Mitglieder sind 0,3 Prozent der Schweizer Bevölkerung. 79 Prozent der Bevölkerung stehen der Hobby-Jagd kritisch gegenüber. Die Repräsentativitätsfrage ist damit klar. Das Problem ist nicht, dass 0,3 Prozent Interessen vertreten lassen dürfen – das Problem ist, wenn diese Interessen strukturell mehr politisches Gewicht haben als die restlichen 99,7 Prozent.
«FACE-Mitgliedschaft ist eine internationale Zusammenarbeit, kein Lobbying.» FACE ist im EU-Transparenzregister als Lobbying-Organisation eingetragen. Sie benennt selbst ihre Lobbyarbeit in Brüssel als Kernaufgabe. Eine Mitgliedschaft im Vorstand von FACE ist Teilnahme an einer Lobbying-Organisation – keine Naturschutzkooperation.
«Ohne Jagdverbände hätte die Politik keine Ansprechpartner beim Wildtiermanagement.» Wildtiermanagement braucht Expertise, keine Jagdverbände. Professionelle Wildhüterstrukturen, Wildtierbiologie-Institute, BAFU-Fachabteilungen und kantonale Tierärzte können Wildtiermanagement fachlich begleiten – ohne den strukturellen Interessenkonflikt, der entsteht, wenn die Regulierenden gleichzeitig die Nutzenden sind.
Quicklinks
Beiträge auf Wild beim Wild:
- Jäger-Lobby in der Schweiz: Wie Einfluss funktioniert
- Jagdkrise in Europa: FACE kämpft um Schüsse, die Schweiz bleibt im Schatten
- Problem-Politiker statt Problemwölfe: Die Schweiz jagt das falsche Tier
- Medien und Jagdthemen: Wie Sprache, Bilder und «Experten» die Debatte prägen
- Mustertexte für jagdkritische Vorstösse in Kantonsparlamenten
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- Die Hobby-Jagd als Event
- Die Hobby-Jagd startet am Schreibtisch
Unser Anspruch
Lobbyarbeit ist in der Demokratie legitim. Was nicht legitim ist, ist privilegierter Zugang ohne Transparenz, Interessenkonflikte ohne Offenlegung und Datenkontrolle ohne unabhängige Überprüfung. Die Hobby-Jagd-Lobby nutzt das Schweizer Lobbying-System so, wie es genutzt werden kann – solange seine Schwächen nicht behoben sind. Das ist keine Anklage gegen einzelne Hobby-Jäger. Es ist ein strukturelles Argument für Reformen.
IG Wild beim Wild dokumentiert diese Strukturen, weil eine Demokratie, die Wildtierschutz und Biodiversität ernst nimmt, wissen muss, wer wie und mit welchem Ziel auf die Regeln einwirkt, nach denen Wildtiere gelebt haben und sterben dürfen. Einfluss wird sichtbar, wenn man anfängt, die richtigen Fragen zu stellen. Das ist der Anfang.
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Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.
