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Kriminalität & Jagd

Umweltrating entlarvt die «Mitte» im Ständerat

Die neue Halbzeitbilanz des Umweltratings der Umweltallianz hat es in sich. Während die Nationalrätinnen und Nationalräte der Mitte-Partei in den letzten zwei Jahren etwas ökologischer abgestimmt haben, stürzen die Mitte-Ständeräte regelrecht ab. Nur noch rund ein Viertel ihrer Entscheide fällt zugunsten von Natur und Klima aus.

Redaktion Wild beim Wild — 2. Dezember 2025

Für den Tierschutz und die Wildtiere ist das mehr als eine Randnotiz.

Denn genau diese kleine Kammer entscheidet zentral mit über Jagdgesetz, Wolfsabschüsse, Herdenschutz und den Umgang mit der Biodiversitätskrise.

Das Umweltrating der Umweltallianz – BirdLife, Greenpeace, Pro Natura, SES, VCS und WWF – wertet die wichtigsten Abstimmungen der laufenden Legislatur aus. Berücksichtigt werden etwa Vorlagen zu Klimaschutzgesetz, Autobahnausbau, Grundwasserschutz und Biodiversitätsinitiative.

Die nüchternen Zahlen:

  • Mitte im Nationalrat: rund 46,5 Prozent der ausgewerteten Abstimmungen im Sinne von Natur und Klima, im Vergleich zum letzten Rating ein deutliches Plus.
  • Mitte im Ständerat: nur noch 23,5 Prozent, ein Rückgang von 7 Prozentpunkten. Die Mitte-Ständeräte stimmen im Durchschnitt nur noch bei knapp einem Viertel der Umweltvorlagen naturfreundlich.

Während also die Mitte im Nationalrat mühsam an einem grünen Image feilt, verhält sie sich im Ständerat so, wie es die Agrar- und Jagdlobby erwartet: klar mehrheitlich gegen Umwelt- und Naturschutzanliegen.

Besonders brisant: Laut Umweltallianz sollten ausgerechnet die Mitte-Vertreter in der ständerätlichen Umweltkommission zu jenen gehören, die am häufigsten gegen Natur und Klima stimmen. Wer die Dossiers vorbereitet, verwässert also gleichzeitig den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen.

Jagd- und Wolfspolitik: Ein Lehrstück bürgerlicher Umweltverweigerung

Dass dieser Trend keine abstrakte Statistik ist, zeigt sich exemplarisch an der Wolfspolitik. Der Ständerat hat im September 2025 beschlossen, Wolfsabschüsse sogar in Jagdbanngebieten zu ermöglichen und die Abschussmöglichkeiten für sogenannte «Problemwölfe» auszuweiten. Die Vorstösse wurden mit deutlich bürgerlicher Mehrheit angenommen.

Schon mit der Revision des Jagdgesetzes, die das Parlament 2022 verabschiedet hat, wurden die Hürden für die Regulierung von Wolfsrudeln gesenkt. Proaktive Eingriffe in Rudel sind seither bei bestimmten Kriterien möglich, obwohl der Wolf weiterhin eine geschützte Art ist.

Typisch für diese Politik:

  • Statt konsequent in wirksamen Herdenschutz zu investieren, werden immer neue Abschussfantasien bedient.
  • Statt die Rolle des Wolfs in einem ökologisch stark gestörten Alpenraum anzuerkennen, wird das Tier zum Feindbild erklärt, um eine veraltete Jagd- und Nutztiersymbolik zu pflegen.

Die gleiche politische Achse, die im Umweltrating schlecht abschneidet, treibt also eine Jagdpolitik voran, die wissenschaftliche Erkenntnisse zur ökologischen Funktion von Grossraubtieren missachtet. Das passt ins Bild: Wer beim Klima- und Bodenschutz systematisch bremst, nimmt es auch mit der ökologischen Realität im Wald und auf der Alp nicht so genau.

Biodiversität in der Krise – und der Ständerat stellt sich quer

Die Schweiz steckt mitten in einer Biodiversitätskrise: Zahlreiche Vogelarten der Kulturlandschaft, Amphibien und Insekten gehen massiv zurück. Umweltorganisationen wie BirdLife dokumentieren seit Jahren den Verlust von Lebensräumen und das Verschwinden vieler Arten aus der Alltagslandschaft.

Vor diesem Hintergrund wäre zu erwarten, dass ausgerechnet eine Partei, die sich gerne als «Mitte» und «verantwortungsvoll» inszeniert, im Parlament wenigstens bei den wichtigsten Umweltvorlagen hinsteht und sagt: Stopp, so geht es nicht weiter. Das Gegenteil ist der Fall:

  • Beim Autobahnausbau folgt die Mehrheit im Ständerat lieber Strassenprojekten aus dem letzten Jahrhundert, statt die Flächenversiegelung zu bremsen und den Verkehr auf Schiene und Bus zu verlagern.
  • Beim Grundwasserschutz wird auf Zeit gespielt, obwohl Pestizide und Nährstoffüberschüsse längst nachweisbare Probleme im Trinkwasser verursachen.
  • Die Biodiversitätsinitiative wird seit Jahren vertagt, verwässert oder mit Gegenvorschlägen blockiert, die den Namen nicht verdienen.

Wer die ökologischen Grundlagen systematisch untergräbt, setzt damit auch die Lebensräume der Wildtiere unter Druck. Jagd findet nicht im luftleeren Raum statt. Ein Reh, das im August in einer überdüngten, artenarmen Monokultur wiederkäut, ein Auerhuhn, das keine ungestörten Waldflächen mehr findet, ein Fuchs, der im zersiedelten Mittelland zwischen Strasse und Maisacker pendelt – sie alle sind Produkte dieser Politik.

Sich dann im Herbst mit der Büchse hinzustellen und sich als «Naturfreund» zu inszenieren, ist Heuchelei.

Die «Mitte» zwischen Marketing und Realität

Die Mitte wirbt gerne mit Bildern von Bergbauern, Älplern und gepflegten Landschaften. In ihren Kampagnen treten Politiker auf, die betonen, wie sehr ihnen der ländliche Raum, Tiere und «unsere Heimat» am Herzen liegen. Die Daten des Umweltratings legen jedoch offen, wie weit dieses Selbstbild von der tatsächlichen Politik entfernt ist.

Man kann das so zusammenfassen:

  • Im Nationalrat versucht die Partei, ein Minimum an ökologischer Glaubwürdigkeit zu retten.
  • Im Ständerat bedient sie ungeniert die Wünsche von Jagd-, Agrar- und Strassenlobby und stellt sich mit SVP und Teilen der FDP gegen grundlegende Umweltanliegen.

Gerade aus jagdkritischer Sicht ist das brisant. Denn die entscheidenden Weichenstellungen zur Jagd- und Wildtierpolitik laufen über genau diese bürgerlichen Mehrheiten in der kleinen Kammer:

  • Wer erhält die Kompetenz, Wildtiere abzuschiessen, und unter welchen Bedingungen?
  • Wie wird Herdenschutz finanziert und kontrolliert?
  • Welche Flächen werden tatsächlich für Wildtiere freigehalten, und welche werden weiter zerschnitten und bebaut?

Antwort in einem Satz: Je weiter rechts und je «ständerätlicher», desto schwächer der Schutz für Natur und Tiere.

Verantwortung der Medien und der Zivilgesellschaft

Die Umweltallianz hat mit dem Umweltrating eine wichtige Transparenz geschaffen. Bürger können auf einen Blick sehen, wer tatsächlich ökologisch abstimmt und wer nur so redet.

Doch diese Zahlen entfalten nur dann Druck, wenn sie breit bekannt werden und wenn Medien und NGOs den Mut haben, Widersprüche klar zu benennen:

  • Eine Partei, deren Ständeräte im Schnitt nur bei etwa jedem vierten relevanten Dossier für Natur und Klima stimmen, kann nicht glaubwürdig als «ökologisch verantwortungsvoll» auftreten.
  • Wer Wolfsabschüsse in Schutzgebieten ermöglicht, hat keinen Anspruch darauf, als «Tierfreund» durchzugehen.
  • Wer Autobahnausbau, Pestizid-Laxheit und Jagdverschärfungen kombiniert, trägt aktiv dazu bei, dass die Lebensräume der Wildtiere weiter zerstört werden.

Genau hier braucht es eine klare jagdkritische Stimme, die diese Zusammenhänge öffentlich macht.

Wer Wildtiere schützen will, muss im Ständerat genauer hinschauen

Die Halbzeitbilanz des Umweltratings zeigt: Die wirkliche «Frontlinie» in der Schweizer Umweltpolitik verläuft nicht nur zwischen den Parteien, sondern auch zwischen den Räten. Im Nationalrat gelingt der Mitte eine gewisse ökologische Korrektur, im Ständerat aber dominiert ein Kurs, der Jagdinteressen, Strassenbau und Agrarprivilegien über den Schutz von Natur und Wildtieren stellt.

Für Tierschutz- und jagdkritische Kreise bedeutet das:

  • Abstimmungs- und Wahlverhalten einzelner Ständeräte muss viel genauer beobachtet und öffentlich gemacht werden.
  • Umwelt- und Tierschutzorganisationen sollten Umweltratings systematisch mit jagdpolitischen Abstimmungen verknüpfen, um das Verhalten der «Wolfsabschuss-Fraktion» sichtbar zu machen.
  • Wählerinnen und Wähler, denen Wildtiere, Biodiversität und Klimaschutz wichtig sind, sollten bei künftigen Ständeratswahlen genau hinschauen, ob sie sich wirklich eine solche «Mitte» leisten wollen.

4. Was heisst das jagdkritisch zusammengefasst?

Wenn man schaut, wie die Hobby-Jäger im Nationalrat und Ständerat abstimmen, ergibt sich aus den verfügbaren Daten ein klares Bild:

  1. Im Nationalrat
    • Die drei klaren SVP-Hobby-Jäger (de Courten, Hug, Schnyder) haben Umweltratings zwischen 0 und knapp 2 Prozent. Sie stimmen praktisch immer gegen Umweltanliegen und stützen konsequent eine jagd- und agrarfreundliche Linie, inklusive Lockerungen beim Wolf, Jagdgesetz, Waffenrecht und Verkehr.
    • Lorenz Hess ist umweltfreundlicher, aber als Hobby-Jäger und Mitte-Politiker ein Scharnier, das Jagdinteressen in die Mitte hinein legitimiert.
  2. Im Ständerat
    • Stefan Engler und Fabio Regazzi sind von JagdSchweiz offiziell als «Jäger im Bundesparlament» positioniert.
    • Engler bewegt sich mit rund 38 bis etwas über 50 Prozent im mittleren Bereich, spielt aber in der Praxis eine Schlüsselrolle bei der Verwässerung von Wolfs- und Jagdregulierung.
    • Regazzi liegt mit ungefähr 18 Prozent klar im umweltfeindlichen Lager, insbesondere beim Verkehr und beim Klima.
  3. Politische Linie
    • Die Hobby-Jäger im Parlament sitzen fast ausschliesslich in SVP und Die Mitte, bei der SVP ganz klar am extrem umweltfeindlichen Rand.
    • Sie stützen systematisch jene Politik, die
      • Beutegreifer regulieren oder vertreiben will,
      • Jagdprivilegien ausbaut oder absichert,
      • Strassenbau, Motorisierung und agrarindustrielle Interessen vor Arten- und Tierschutz stellt.

Aus jagdkritischer Sicht ist der «jägerische Block» im Bundeshaus damit kein diffuses Gefühl, sondern messbar: Während ein grosser Teil der Bevölkerung in der Abstimmung von 2020 das revidierte Jagdgesetz abgelehnt und den Schutz der Wildtiere gestärkt hat, vertreten die Problemjäger im Parlament mehrheitlich eine Politik, die genau in die Gegenrichtung drückt.

Solange die kleine Kammer ihre Macht nutzt, um Umweltanliegen zu blockieren und Jagdprivilegien auszubauen, bleibt die Schweiz weit entfernt von einem respektvollen Umgang mit Wildtieren. Das Umweltrating liefert dafür die Fakten. Die Konsequenzen müssen wir als Gesellschaft bei den nächsten Wahlen ziehen.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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