Wolf ins Jagdrecht: Österreich und Deutschland
Seit dem 3. Februar 2026 ist der Wolf in Niederösterreich offiziell jagdbares Wild. Deutschland plant denselben Schritt: Am 23. Februar 2026 findet im Bundestag die öffentliche Anhörung zur Änderung des Bundesjagdgesetzes statt, die den Wolf ebenfalls ins Jagdrecht aufnehmen soll. Was wie ein bürokratischer Akt klingt, hat weitreichende Folgen für eine der am heftigsten umstrittenen Tierarten Europas. Und es wirft eine Frage auf, die weit über Österreich und Deutschland hinausgeht: Wird hier Naturschutz betrieben oder Lobbypolitik gemacht?
Im Dezember 2025 legte NÖ-Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP) dem niederösterreichischen Landtag eine umfassende Jagdgesetznovelle vor.
Er bezeichnete sie als «modernstes Jagdgesetz» Österreichs. Seit dem 3. Februar 2026 gilt sie.
Die Novelle enthält zahlreiche Neuregelungen: Der Wolf wird als jagdbares Wild eingestuft, mit ganzjähriger Schonzeit und expliziten Ausnahmen für sogenannte «Problemwölfe». Nähert sich ein Wolf erstmalig einer Siedlung auf unter 100 Meter oder einer geschützten Herde und ist eine Vergrämung erfolglos, darf er abgeschossen werden. Nachtzielhilfen werden neu erlaubt für die Hobby-Jagd auf Fuchs, Dachs und Steinmarder in der Nacht. Der Einsatz von Drohnen bei der Hobby-Jagd ist ausdrücklich verboten, auch das Nachstellen, Aufsuchen, Filmen und Treiben von Wild. Erlaubt bleiben Drohnen ausnahmsweise nur zur Jungwildrettung, für Wildbestandserhebungen und Wildschadenserhebungen. Zudem wurden Goldschakal und Nilgans neu ins Jagdrecht aufgenommen.
Das Drohnenverbot bei der Hobby-Jagd klingt auf den ersten Blick nach einem Schutz für Wildtiere. Es steht jedoch in einem bezeichnenden Kontrast zur gleichzeitigen Ausweitung der Nachtjagd durch neue Zielhilfen: Was tagsüber per Drohne verboten ist, wird nachts durch Technik ersetzt.
Das politische Fundament: EU-Herabstufung 2025
Der entscheidende rechtliche Hebel für die Novelle ist die Herabstufung des Wolfes durch die EU: 2025 wurde der Wolf im Rahmen der Berner Konvention und der FFH-Richtlinie von «streng geschützte Tierart» auf «geschützte Tierart» zurückgestuft. Damit öffnete die EU-Ebene die Türe für nationale Regulierungen, die bislang artenschutzrechtlich ausgeschlossen gewesen wären.
Kritik aus dem Tierschutz
Der Verein gegen Tierfabriken (VgT) spricht von einem «Kulturkampf im Forst» und sieht das Gesetz ausschliesslich im Interesse der Hobby-Jägerschaft. Der «günstige Erhaltungszustand» des Wolfes sei aus wissenschaftlicher Sicht in Österreich noch nicht gegeben. Durch die Ausweitung der Nachtjagd auf Fuchs, Dachs und Marder hätten Wildtiere keine «Verschnaufpause» mehr, auch nicht in der Nacht. Die Ausnahmeregeln für «Problemwölfe» seien so weit gefasst, dass de facto kaum ein Wolf dauerhaft sicher sei.
Wenn die Hobby-Jagd auch während der Nacht intensiviert wird, bleibt den Tieren nicht einmal während der Nacht eine Verschnaufpause, sagt VgT-Obmann-Stellvertreter Georg Prinz.
Aus Wildtierethik-Perspektive ist das keine Kleinigkeit: Nacht ist für die meisten Wildtierarten die einzige Zeit, in der sie ohne menschlichen Druck agieren können.
Deutschland: Der Bundestag entscheidet
Auch in Deutschland steht der Wolf kurz vor dem Eintritt ins Jagdrecht. Der Ausschuss für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat hat eine öffentliche Anhörung zum Bundesjagdgesetz (Drucksache 21/3546) einberufen, die am 23. Februar 2026 um 16:30 Uhr in Berlin stattfindet. Sachverständige sollen über die geplante Änderung des Bundesjagdgesetzes und des Bundesnaturschutzgesetzes beraten.
Was geplant ist
Das geplante Gesetz sieht vor, den Wolf als «grundsätzlich jagdbare Tierart» ins Bundesjagdgesetz aufzunehmen. Ermöglicht wurde dies durch dieselbe EU-Herabstufung der FFH-Richtlinie, auf die sich auch Niederösterreich stützt. Das Bundesjagdgesetz bildet den Rahmen, innerhalb dessen die 16 Bundesländer ihre eigenen Jagdgesetze erlassen. Eine Aufnahme auf Bundesebene würde also den Weg für Wolfsabschüsse in allen deutschen Bundesländern öffnen.
Wissenschaft und Verbände sind gespalten
Die Anhörung im Bundestag zeigt: Konsens gibt es nicht. Naturschutzverbände und Teile der Wissenschaft betonen, dass Deutschland ohne den Wolf als regulierenden Faktor langfristig ein ökologisches Ungleichgewicht riskiert. Jagdverbände und Agrarpolitikerinnen und -politiker hingegen verweisen auf die Zunahme von Wolfsrudeln und steigende Nutztierrisse als Argument für ein aktives Bestandsmanagement.
Der gemeinsame Nenner: Interessenpolitik unter dem Deckmantel des «Managements»
Was Niederösterreich und Deutschland verbindet, ist das politische Narrativ: Der Wolf als «Problemtier», dessen Regulierung als rationale und wissenschaftlich fundierte Massnahme gerahmt wird. Doch wer genauer hinschaut, erkennt die Muster: Die EU-Herabstufung wurde von Agrar- und Jagdlobbys über Jahre hinweg aktiv betrieben. In beiden Ländern dominieren ÖVP-nahe (AT) bzw. CDU/CSU-geführte (DE) Agrarministerien die Gesetzgebung. Herdenschutz als konsequente, nicht-letale Alternative wird zwar erwähnt, aber selten als gleichwertiger Ansatz umgesetzt. Das Drohnenverbot bei der Hobby-Jagd in NÖ ändert nichts daran, dass Nachtzielhilfen die technische Intensivierung der Hobby-Jagd vorantreiben.
Für eine fundierte Einordnung dieser Mechanismen lohnt sich der Blick ins Dossier «Der Wolf in Europa: Warum die Hobby-Jagd keine Lösung ist» sowie ins Dossier «Wolf in der Schweiz: Fakten, Politik und die Grenzen der Jagd».
Zwei Länder, ein Skript
Österreich und Deutschland folgen demselben Drehbuch: EU-Herabstufung nutzen, Wolf ins Jagdrecht aufnehmen, Massnahme als «Vernunft» und «Rechtssicherheit» verkaufen. Was dabei systematisch ausgeblendet wird: der nach wie vor fragile Erhaltungszustand des Wolfes, die mangelhafte Umsetzung von Herdenschutzmassnahmen und die Frage, welche Botschaft ein solches Gesetz an die Gesellschaft sendet. Wildtiere als fühlende Lebewesen ernst zu nehmen bedeutet, diese Fragen nicht den Jagdverbänden zu überlassen.
Weiterführende Informationen zum Thema: Aktiv werden gegen die Hobby-Jagd | Vergrämung von Wildtieren | Studien über die Auswirkung der Hobby-Jagd auf Wildtiere
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