Neozoen Schweiz: Jagd, Ökologie und das Prinzip der Scheinheiligkeit
Der Mensch schafft das Problem, die Hobby-Jagd verkauft sich als Lösung.
Neozoen werden von Jagdverbänden als Bedrohung für einheimische Arten dargestellt und als Legitimation für Abschüsse instrumentalisiert, obwohl der Mensch das Problem selbst verursacht hat und die Hobby-Jagd es nachweislich nicht löst.
Was sind Neozoen?
Der Begriff «Neozoen» bezeichnet tierische Arten, die nach 1492 (dem Jahr der europäischen Ausweitung nach Amerika, das als Referenzdatum gilt) durch menschliche Einflüsse in ein bestimmtes Gebiet gelangten. Darunter fallen sowohl absichtlich eingeführte Arten wie die Nutria, ursprünglich für die Pelzindustrie importiert, als auch unabsichtlich eingeschleppte Tiere.
Das Dossier Neozoen und die Hobby-Jagd in der Schweiz analysiert, welche Arten in der Schweiz als Neozoen gelten, wie sie eingewandert sind und welche ökologischen Auswirkungen sie tatsächlich haben.
Welche Neozoen kommen in der Schweiz vor?
In der Schweiz gelten unter anderem Waschbär, Nutria, Marderhund und in einigen Gewässern der Amerikanische Flusskrebs als Neozoen. Der Waschbär ist dabei das medial präsenteste Beispiel: Er wurde in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgewildert und breitete sich seither nach Süden aus.
Das Dossier Waschbär Schweiz zeigt, wie dieser Omnivore in der Schweiz zur Freigabe für Abschüsse kam, nicht aufgrund eindeutiger wissenschaftlicher Belege für seine Schädlichkeit, sondern wegen seiner «falschen Herkunft».
Das Argument der Hobby-Jagdlobby
Die Hobby-Jagdlobby nutzt Neozoen als doppelte Legitimation: Einerseits als Beweis, dass die Natur «ausser Kontrolle» geraten sei und aktives Eingreifen benötige. Andererseits als Rechtfertigung für die Ausweitung von Jagdpraktiken und die Erschliessung neuer Jagdkontingente. Beide Argumentationslinien verschleiern die eigentliche Ursache des Problems: den menschlichen Eingriff selbst.
Das Dossier Jagdmythen dekonstruiert diese Rhetorik und zeigt, wie wissenschaftlich fragwürdige Behauptungen zur Norm in der Hobby-Jagddebatte werden.
Löst die Hobby-Jagd das Neozoen-Problem?
Die Antwort der Forschung ist weitgehend klar: Hobby-Jagd allein kann invasive Tierarten nicht nachhaltig kontrollieren. Populationen von Neozoen passen sich an Jagddruck an, durch höhere Reproduktionsraten, Verschiebung von Aktivitätszeiten und Ausweichen in unzugängliche Lebensräume. Eine dauerhafte Reduktion erfordert Habitatmanagement, Prävention und in Einzelfällen intensive, koordinierte Massnahmen, nicht Freizeitjagd.
Das Dossier Jagd und Biodiversität zeigt, wie die Hobby-Jagd in der Praxis Biodiversität eher gefährdet als schützt, auch im Zusammenhang mit Neozoen-Management.
Der Mensch als ursprünglicher Verursacher
Nahezu alle Neozoen-Probleme in der Schweiz gehen auf menschliches Handeln zurück: Pelzfarmen, aus denen Nutrias entkamen; Zoologische Gärten, die Tiere freisetzten; die Aquaristik, die invasive Krebsarten in Gewässer einbrachte. Wer die Lösung dann in der Hobby-Jagd sucht, bedient eine perverse Logik: Das Freizeitinteresse der Hobby-Jägerschaft wird als Reaktion auf ein Problem inszeniert, das andere Formen menschlicher Freizeitgestaltung erst verursacht haben.
Das Dossier Jagd und Tierschutz ordnet ein, wie Tierschutz und Wildtiermanagement im Kontext von Neozoen auseinanderfallen.
Selektive Empörung: Warum wird nicht jede eingeführte Art bejagt?
Nicht alle Neozoen werden mit Jagddruck belegt. Die Auswahl der bejagten Arten folgt keiner stringenten ökologischen Logik, sondern jagdlichen Präferenzen: Waschbär, Nutria und Marderhund werden abgeschossen; andere eingeführte Arten, die für einheimische Ökosysteme problematisch sein könnten, bleiben verschont, weil sie für die Hobby-Jagd uninteressant sind. Das zeigt, dass das ökologische Argument ein Vorwand ist.
Internationale Perspektive und Forschungsstand
Der internationale Forschungsstand zu invasiven Tierarten ist eindeutig: Rein jagdliche Massnahmen sind selten erfolgreich. Effektive Massnahmen sind komplex, langfristig und erfordern staatliche Koordination. In der Schweiz fehlt eine solche nationale Strategie zu invasiven Tierarten weitgehend, was die Hobby-Jagdlobby nutzt, um das Vakuum mit eigenen Angeboten zu füllen.
Fazit
Neozoen sind ein reales ökologisches Phänomen, aber kein Problem, das durch Freizeitjagd gelöst wird. Die Instrumentalisierung von Neozoen durch Jagdverbände dient primär der Legitimation von Abschüssen und der Ausweitung von Jagdkontingenten, nicht dem Schutz einheimischer Ökosysteme. Eine ehrliche Debatte über invasive Arten müsste beim menschlichen Ursachenbeitrag beginnen und auf wissenschaftlich fundierte Massnahmen setzen.
Quellen
- JSG (SR 922.0): Bundesgesetz über die Jagd
- JSV (SR 922.01): Jagdverordnung
- TSchG (SR 455): Tierschutzgesetz
- BAFU: Invasive gebietsfremde Arten in der Schweiz
- IUCN: Guidelines for the Prevention of Biodiversity Loss Caused by Alien Invasive Species (2000)
- Kantonale Freigabeverfügungen zu Waschbär und Marderhund
