12. April 2026, 01:03

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JagdSchweiz vs. Wissenschaft: Faktencheck der Kernaussagen

Lobby-Behauptungen gegen Forschungsstand, Punkt für Punkt.

JagdSchweiz verbreitet in Broschüren, auf ihrer Website und in politischen Stellungnahmen Kernaussagen, die einem systematischen Vergleich mit dem Stand der Wildtierbiologie nicht standhalten.

«Jagd ist Naturschutz», «ohne Jagd nehmen Wildbestände überhand», «Hobby-Jäger leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Biodiversität»: Die wissenschaftliche Evidenz widerspricht den meisten dieser Aussagen grundsätzlich.

JagdSchweiz als politischer Akteur

JagdSchweiz ist nicht nur ein Sportverband, der Hobbyisten organisiert. Der Verband ist ein gut vernetzter politischer Akteur mit direktem Zugang zu kantonalen und eidgenössischen Parlamenten, zu Medien und zu Bildungsinstitutionen. Sein Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung der Hobby-Jagd ist erheblich.

Der Faktencheck der JagdSchweiz-Broschüre unterzieht die wichtigsten Publikationen des Verbands einer kritischen Prüfung. Das Ergebnis: Viele Aussagen sind wissenschaftlich nicht haltbar, tendenziös formuliert oder stützen sich auf veraltete oder selektiv ausgewählte Quellen. Die Strategie von JagdSchweiz ist nicht Wissensvermittlung, sondern Imagepflege, wie das Dossier über Jagdverbände und politischen Einfluss zeigt.

«Jagd ist Naturschutz»: Die Kernbehauptung

Die wohl meistverbreitete Aussage von JagdSchweiz lautet sinngemäss: Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger leisten aktiven Naturschutz, indem sie Wildbestände regulieren, Lebensräume pflegen und Wildtiere hegen. Diese Behauptung verschleiert die entscheidende Unterscheidung: Naturschutz ist ein wissenschaftlich fundiertes, gemeinwohlorientiertes Handeln. Hobby-Jagd ist eine Freizeitaktivität, deren primäres Ziel das Erlegen von Tieren ist.

Die Wildbiologie zeigt, dass Wildtierpopulationen sich selbst regulieren, wenn Lebensräume intakt sind. Fressfeinde, Nahrungsangebot und Klima steuern Populationen ohne menschliche Eingriffe. Das Dossier zu Jagd und Biodiversität belegt, dass Hobby-Jagd unter bestimmten Bedingungen Biodiversität sogar negativ beeinflusst: durch selektiven Abschuss starker Individuen, Störung von Wildtieren in sensiblen Phasen und Verdrängung in ungeeignete Habitate, die natürliche Regulationsmechanismen untergraben.

«Ohne Jagd nehmen Bestände überhand»

Diese Aussage ist eine der wirkungsvollsten in der Jagdlobby-Kommunikation. Sie impliziert, dass natürliche Regulationsmechanismen ohne menschliche Eingriffe versagen würden. Die Wissenschaft widerspricht klar.

Natürliche Beutegreifer wie Wolf, Luchs und Bär waren bis zur Ausrottung durch den Menschen die eigentlichen Populationsregulierer. Wo diese Arten heute zurückkehren, stabilisieren sie Wildbestände wirksamer als Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger es je könnten. Das Verschwinden natürlicher Beutegreifer ist kein Naturproblem, das die Hobby-Jägerschaft löst, sondern ein von Menschen verursachtes Problem. Der Wolf in der Schweiz und das Dossier zum Luchs zeigen, wie natürliche Regulationsprozesse funktionieren und wie die Jagdlobby deren Rückkehr systematisch behindert.

«Jäger kennen die Natur am besten»

JagdSchweiz behauptet implizit und explizit, dass Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger über ein tiefes Naturwissen verfügen, das sie als Entscheidungsträger im Wildtiermanagement prädestiniert. Diese Annahme ist empirisch nicht gestützt.

Der Jagdschein in der Schweiz setzt eine Ausbildung voraus, die sich auf jagdpraktische Fertigkeiten konzentriert, nicht auf Wildtierökologie oder Naturschutzbiologie. Professionelle Wildtierforschende und Ökologinnen und Ökologen haben eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung, die Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger in der Regel nicht vorweisen können. Die Jäger-Lobby nutzt das Bild des naturverbundenen Jägers strategisch, um Entscheidungskompetenzen zu beanspruchen, die wissenschaftlich nicht gerechtfertigt sind.

«Jäger finanzieren den Naturschutz»

Jagdverbände betonen die finanziellen Beiträge der Hobby-Jägerschaft an Hegeprojekte, Biotopgestaltung und Wildschadenausgleich. Tatsächlich zahlen Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger Patentgebühren und leisten gelegentliche Freiwilligenarbeit. Was dabei verschwiegen wird: Der Nutzen dieser Tätigkeiten ist nicht unabhängig bewertet, und die Kosten, die die Hobby-Jagd für die Allgemeinheit verursacht, werden nicht gegengerechnet.

Das Dossier Was die Hobby-Jagd die Schweiz wirklich kostet zeigt, dass öffentliche Subventionen, Verwaltungsaufwand und externe Kosten in keiner Bilanz erscheinen, die JagdSchweiz vorlegt. Eine vollständige Kosten-Nutzen-Rechnung sähe anders aus, als die Lobby kommuniziert.

Selektive Quellennutzung durch die Lobby

Ein wiederkehrendes Muster im Kommunikationsmaterial von JagdSchweiz ist die selektive Nutzung wissenschaftlicher Quellen. Studien, die Hobby-Jagd in bestimmten Kontexten als populationsregulierendes Werkzeug beschreiben, werden herausgegriffen und verallgemeinert. Studien, die negative Effekte der Hobby-Jagd belegen, werden ignoriert.

Dieser Cherry-Picking-Ansatz ist ein bekanntes Kommunikationsmuster von Interessenverbänden. Er erzeugt den Eindruck wissenschaftlicher Absicherung, ohne tatsächlich den Forschungsstand abzubilden. Das Dossier zu Jagdmythen setzt diesen Aussagen die tatsächliche wissenschaftliche Literatur entgegen.

Die Medienstrategie: Mainstreaming durch Wiederholung

JagdSchweiz ist in der Medienkommunikation professionell aufgestellt. Pressemitteilungen, Wortmeldungen in der Jagdsaison und Reaktionen auf jagdkritische Berichte folgen einem konsistenten Narrativ. Medien und Jagdthemen zeigen, wie dieses Narrativ in der Berichterstattung aufgenommen und oft unkritisch weitergetragen wird.

Die Wirkung ist ein gesellschaftliches Mainstreaming von Lobby-Aussagen: Behauptungen, die wissenschaftlich nicht belegt sind, werden durch Wiederholung in Medien und Politik zu scheinbaren Selbstverständlichkeiten. Wer sie hinterfragt, muss gegen eine verankerte öffentliche Meinung ankämpfen.

Institutionelle Macht: Mehr als nur Kommunikation

JagdSchweiz beeinflusst nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch institutionelle Entscheidungen direkt. Der Verband ist in Beratungskommissionen vertreten, kooperiert mit kantonalen Wildschutzstellen und hat Einfluss auf die Ausgestaltung des Jagdrechts. Diese institutionelle Macht ist das Fundament, auf dem die Kommunikationsstrategie aufbaut.

Das bedeutet: Die Kluft zwischen JagdSchweiz und der Wissenschaft hat nicht nur kommunikative, sondern auch politische Konsequenzen. Fehlgeleitete Annahmen über die Notwendigkeit und den Nutzen der Hobby-Jagd fliessen in Gesetze, Abschusspläne und Förderprogramme ein.

Fazit: Wissenschaft statt Lobby-Narrativ

Die Lücke zwischen dem, was JagdSchweiz behauptet, und dem, was die Wissenschaft zeigt, ist keine Frage der Interpretation, sondern des Interesses. JagdSchweiz vertritt die Interessen einer kleinen Hobby-Gemeinschaft und formuliert deren Anliegen als öffentliche Aufgabe. Eine informierte Debatte setzt voraus, dass diese Interessen als das benannt werden, was sie sind, und dass Entscheidungen über das Wildtiermanagement auf wissenschaftlicher Evidenz statt auf Verbandskommunikation beruhen.

Quellen

  • JagdSchweiz: Broschüren, Website, politische Stellungnahmen
  • JSG (SR 922.0)
  • Eidgenössische Jagdstatistik (BAFU/Wildtier Schweiz)

Weiterführende Inhalte

Wald-Wild-Konflikt: Mythos, Verbiss und das Jagd-Narrativ

Jagddruck als Verbissursache und die verschwiegene Rolle der Forstwirtschaft.

Der «Wald-Wild-Konflikt» beschreibt das Spannungsfeld zwischen Wildtierverhalten und Forstwirtschaft, doch die Jagdlobby verkehrt bei diesem Thema systematisch Ursache und Wirkung.

Reh und Hirsch verbeissen oder schälen Bäume, was forstlich als Problem gilt. Was dabei verschwiegen wird: Das Problem entsteht primär durch Habitatverlust, menschliche Störung und eine fehlgeleitete Jagdpraxis selbst.

Was versteht man unter dem Wald-Wild-Konflikt?

Als Wald-Wild-Konflikt wird die Spannung zwischen den Lebens- und Fressgewohnheiten von Wildtieren und den Interessen der Forstwirtschaft bezeichnet. Rehe und Hirsche fressen Knospen, Triebe und Rinde junger Bäume, ein natürliches Verhalten, das im falschen Kontext zum forstlichen Problem wird. Wenn Wildtiere keine Rückzugsgebiete, kein breites Nahrungsangebot und keine Ruhezonen haben, konzentrieren sich Verbiss und Schälung auf bestimmte Flächen.

Das Dossier Wald-Wild-Konflikt zeigt, wie dieses Narrativ entstanden ist, wie es von der Jagdlobby eingesetzt wird und was die Forschung dazu sagt.

Die Rolle der Hobby-Jagd bei der Entstehung des Problems

Hier liegt ein entscheidender Widerspruch: Die intensive Herbstjagd, besonders die Hochjagd, treibt Wildtiere aus ihren angestammten Lebensräumen in tiefere Lagen und dichtere Wälder. Dort, wo Wildtiere nicht ungestört äsen können, weichen sie auf leicht zugängliche Baumtriebe aus. Die Hobby-Jagd selbst verstärkt also das Problem, das sie angeblich lösen soll.

Das Dossier Reh Schweiz analysiert, warum das Reh, das meistgeschossene Wildtier der Schweiz, gleichzeitig Hauptangeklagter im Wald-Wild-Diskurs ist.

Habitatverlust als Hauptursache

Wildtiere haben in der Schweiz immer weniger ungestörte Rückzugsgebiete. Intensivlandwirtschaft, Zersiedelung, Skitourismus, Wandertourismus und Erholungsdruck reduzieren die nutzbaren Lebensräume. Wo Tiere keine breite, ungestörte Ätznische mehr finden, konzentrieren sie sich auf das Vorhandene. Diese Konzentration, nicht eine abstrakte «Überpopulation», ist die eigentliche Ursache von Waldschäden durch Wild.

Der Rothirsch in der Schweiz ist besonders betroffen: Seine natürlichen Wanderrouten und Winterhabitate wurden durch menschliche Siedlungsausdehnung weitgehend zerschnitten.

Was sagt die Wissenschaft?

Wissenschaftliche Studien belegen, dass Verbissschäden durch eine Kombination aus extensiver Habitatgestaltung, Wildtierkorridoren, Ruhezonen und in Einzelfällen gezielten Eingriffen reduziert werden können. Flächendeckende Abschusskampagnen ohne Habitatanpassung zeigen dagegen keine nachhaltige Wirkung: Wildtiere wandern nach, Populationen passen sich an Jagddruck an.

Das Dossier Jagdmythen prüft die gängige These, Hobby-Jagd reduziere Verbissschäden, auf ihre wissenschaftliche Grundlage und kommt zu einem ernüchternden Befund.

Der politische Gebrauch des Wald-Wild-Konflikts

Das Narrativ des Wald-Wild-Konflikts ist in der schweizerischen Jagdpolitik ein Dauerbrenner, weil es Abschüsse legitimiert und die ökologische Notwendigkeit der Hobby-Jagd suggeriert. Forstwirtschaftliche Interessen und Jagdinteressen koinzidieren hier: Forstbetriebe fordern Wildreduktion, die Hobby-Jägerschaft bietet sich als Dienstleister an. Was dabei auf der Strecke bleibt: eine sachliche Analyse der tatsächlichen Ursachen und Lösungen.

Das Dossier Jäger-Lobby in der Schweiz zeigt, wie dieses Narrativ politisch gepflegt und in kantonalen Jagdgesetzen verankert wird.

Beutegreifer als Regulatoren

Ironischerweise wäre die wirksamste «Regulierung» von Wildtierpopulationen die Wiederherstellung funktionierender Räuber-Beute-Systeme. Wolf und Luchs regulieren Wildtierpopulationen nachhaltig, selektiv und ohne menschliches Zutun. Sie verändern auch das Verhalten ihrer Beutetiere: Hirsche und Rehe, die Beutegreifer fürchten, bleiben nicht lange an einem Ort und verbeissen weniger.

Der Luchs in der Schweiz ist ein gut dokumentiertes Beispiel: In Gebieten mit Luchspräsenz sind Verbissschäden nachweislich geringer.

Waldumbau statt Wildabbau

Die langfristige Lösung des Wald-Wild-Konflikts liegt nicht im Gewehr, sondern im Umbau von Wäldern zu Mischwäldern mit breitem Nahrungsangebot, in der Einrichtung von Ruhezonen und Wildtierkorridoren sowie in der Reduktion von Störungen durch Tourismus und Erholungsverkehr. Solche Massnahmen sind wirksamer, kostengünstiger und tierschutzkonformer als intensive Bejagung.

Das Dossier Wolf in der Schweiz diskutiert, welche Rolle natürliche Regulierung für Waldgesundheit spielen kann.

Fazit

Der Wald-Wild-Konflikt ist real, aber die Hobby-Jagd ist nicht seine Lösung. Das Narrativ der Jagdlobby verkehrt Ursache und Wirkung: Wildtiere werden als Problem dargestellt, das nur mit der Flinte zu bewältigen sei. Tatsächlich entsteht der Konflikt durch Habitatverlust, Störungsdruck und eine jagdliche Praxis, die Wildtiere in Räume treibt, wo Verbiss unvermeidlich wird. Eine ehrliche Waldpolitik würde Wildtierinteressen nicht gegen Forstinteressen ausspielen, sondern beide in einem integrierten Konzept berücksichtigen.

Quellen

  • JSG (SR 922.0): Bundesgesetz über die Jagd
  • Bundesstrategie Biodiversität Schweiz
  • Eidgenössische Jagdstatistik (BAFU/Wildtier Schweiz)

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Wildtierkorridore Schweiz: Funktion, Fakten und Jagdkritik

Korridore als Lebensadern der Biodiversität und die Rolle der Hobby-Jagd.

Was sind Wildtierkorridore und warum braucht es sie?

Wildtierkorridore sind Verbindungsachsen zwischen isolierten Lebensräumen, die Wildtieren den Wechsel, die Ausbreitung und den genetischen Austausch ermöglichen.

In der Schweiz sind über 300 solcher Korridore identifiziert, viele davon durch Strassen, Siedlungen und intensive Landnutzung unterbrochen. Abschüsse lösen das Problem der Lebensraumfragmentierung nicht; im Gegenteil verstärkt die Hobby-Jagd die Stresssituation und treibt Tiere in ungeeignete Gebiete.

Was ist ein Wildtierkorridor und wie funktioniert er?

Ein Wildtierkorridor ist ein Landschaftsstreifen oder eine Verbindungsachse, die zwei oder mehrere Lebensräume miteinander verbindet. Er muss breit genug sein, damit Tiere ihn benutzen wollen und können, und er muss ausreichend ungestört sein, damit Tiere ihn tatsächlich passieren. Ein Korridor auf dem Papier, der von einer stark befahrenen Strasse oder einem ungesicherten Industriegelände durchschnitten wird, erfüllt seine Funktion nicht.

Korridore dienen nicht nur der Wanderung einzelner Individuen, sondern dem langfristigen genetischen Austausch zwischen Populationen. Ohne diesen Austausch drohen Inzucht, sinkende Fortpflanzungsraten und letztlich der lokale Ausbruch ganzer Populationen. Das ist keine Theorie, es ist beim Schweizer Luchs bereits Realität: Beide Subpopulationen in den Alpen und im Jura leiden unter schwerer genetischer Verarmung, weil die Populationen nicht miteinander verbunden sind.

Wie viele Wildtierkorridore gibt es in der Schweiz und in welchem Zustand befinden sie sich?

Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) hat über 300 Wildtierkorridore in der Schweiz identifiziert. Davon sind viele unterbrochen oder in ihrer Funktion stark beeinträchtigt, durch Autobahnen, Eisenbahnlinien, Siedlungsflächen und intensive Landwirtschaft. Die Nationalstrasse A1 im Mittelland ist eine der grössten Barrieren für wandernde Grosssäugetiere wie den Rothirsch, der saisonal zwischen Sommer- und Wintereinstand pendelt und dabei oft mehrere Dutzend Kilometer zurücklegt.

Wildtierbrücken und Unterführungen werden zwar gebaut, aber langsam. In der Zwischenzeit bleiben viele Korridore nominell vorhanden, aber biologisch wirkungslos. Das hat direkte Folgen für die genetische Vielfalt und das langfristige Überleben von Populationen, die auf Vernetzung angewiesen sind.

Warum sind Wildtierkorridore für die Biodiversität entscheidend?

Die Hauptbedrohungen für die Biodiversität in der Schweiz sind gemäss der Bundesstrategie Biodiversität nicht Hobby-Jagd oder Raubtiere, sondern Habitatverlust durch Siedlungswachstum, intensive Landwirtschaft, Pestizide, Lichtverschmutzung, Klimawandel und fehlende Vernetzung. Letztere ist entscheidend: Ein Tier, das in einem isolierten Lebensraum eingesperrt ist, kann nicht auf Veränderungen reagieren. Es findet keine Partner, es findet keine Ausweichgebiete, es stirbt lokal aus.

Wildtierkorridore sind damit kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für funktionierende Ökosysteme. Jagd und Biodiversität zeigt, wie Hobby-Jagd durch das Vertreiben von Wildtieren in Wälder die Fragmentierung verschärft: Tiere meiden offenes Gelände, ziehen sich in Refugien zurück und nutzen Korridore nicht mehr.

Was ist der Zusammenhang zwischen Hobby-Jagd und Fragmentierung?

Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger jagen überwiegend in Revieren oder nach Patenten; sie haben kein Interesse daran, dass Tiere abwandern. Gleichzeitig verursacht der Jagddruck ein nachhaltiges Stressverhalten: Wildtiere weichen auf nächtliche Aktivität aus, meiden offenes Gelände und ziehen sich in dichte Wälder zurück. Das ist für Korridore verheerend, denn ein Tier, das einen Korridor passieren muss, ist in dieser Transitphase besonders exponiert.

Studien belegen, dass Rothirsche in Gebieten mit hohem Jagddruck überwiegend nachtaktiv werden und offene Passagen meiden (ZHAW/HAFL 2024). Das bedeutet: Auch wenn ein Korridor baulich vorhanden ist, wird er von gestressten, jagdgedrückten Tieren nicht genutzt. Der Wald-Wild-Konflikt entsteht nicht zuletzt dadurch, dass Tiere in Wäldern konzentriert werden und dort mehr Verbiss verursachen, als sie in einem ungestörten, weiträumigen Lebensraum täten.

Welche Wildtiere sind besonders auf Korridore angewiesen?

Grosssäuger, die auf grosse Streifgebiete angewiesen sind, leiden am stärksten unter Fragmentierung. Der Rothirsch braucht verbundene Landschaften, um zwischen Sommer- und Wintereinstanden zu wechseln und genetischen Austausch zu ermöglichen. Der Wolf kam nach Jahrzehnten der Abwesenheit auf natürlichem Weg über Italien und Frankreich in die Schweiz zurück, ein Beweis, dass Wildtiere über weite Distanzen wandern, wenn die Korridore funktionieren.

Der Luchs braucht für sein Streifgebiet 100 bis 300 km² (Männchen) beziehungsweise 50 bis 150 km² (Weibchen). Die Isolation der Jura- von der Alpenpopulation ist heute eine der grössten Bedrohungen für das langfristige Überleben der Schweizer Luchse. Wildtierunfälle auf Strassen sind eine der häufigsten nicht-natürlichen Todesursachen, ein direktes Produkt der Fragmentierung.

Helfen Wildtierkorridore auch kleinen Arten?

Ja. Korridore sind nicht nur für Grosssäuger relevant. Auch Amphibien, Reptilien, Insekten und Pflanzen sind auf vernetzte Lebensräume angewiesen. In fragmentierten Landschaften können selbst kleine Strassen oder Zäune die Ausbreitung von Amphibien verhindern. Hecken, Bachläufe, Feldgehölze und Saumbiotope bilden ein Netzwerk, das für viele Arten die Funktion von Wildtierkorridoren erfüllt.

Das Genfer Modell des professionellen Wildtiermanagements zeigt, wie eine intensive Vernetzung von Lebensräumen aussehen kann: Zehn Prozent der Landwirtschaftsfläche wurden als hochwertige ökologische Ausgleichsflächen ausgewiesen. Das Ergebnis: von wenigen Hundert auf bis zu 30’000 überwinternde Wasservögel, Wiederherstellung von Beständen seltener Arten. Alternativen zur Hobby-Jagd wie Biotoppflege, Renaturierung und Lebensraumvernetzung sind messbar wirksam.

Was leisten natürliche Beutegreifer für die Korridor-Nutzung?

Beutegreifer wie Wolf, Luchs und Fuchs verändern das Verhalten ihrer Beutetiere, und das wirkt sich direkt auf die Korridor-Nutzung aus. In Gebieten mit Wolfspräsenz meiden Hirsche bestimmte Zonen, was dort die Vegetation erholt und die Landschaft strukturreicher macht. Dieses Phänomen, bekannt als «Landscape of Fear», wurde in Yellowstone ausführlich dokumentiert: Mit der Rückkehr der Wölfe regenerierten sich Weiden und Espen, was wiederum Biber, Fische und Vögel förderte.

In der Schweiz zeigen Studien der WSL (Kupferschmid/Bollmann 2016), dass Wolfspräsenz die Raumnutzung von Hirschen verändert und den Verbiss auf Tanne, Ahorn und Eberesche im Kerngebiet reduziert. Jagd und Biodiversität dokumentiert, wie natürliche Beutegreifer präziser und nachhaltiger regulieren als Hobby-Jagd.

Was fordert die Jagdkritik konkret für Wildtierkorridore?

Aus jagdkritischer Sicht braucht es erstens den Ausbau von Wildtierbrücken und -unterführungen über Nationalstrassen und Bahnanlagen, mit ausreichend Breite und Begleitstrukturen. Zweitens braucht es Ruhezonen (Wildruhezonen) entlang von Korridorachsen, in denen Hobby-Jagd, Mountainbiking, Hundefreilauf und andere störende Aktivitäten eingeschränkt oder verboten sind. Drittens braucht es den Schutz der natürlichen Beutegreifer, die als Schlüsselarten Korridore indirekt nutzbar machen.

Die Alternativen zur Hobby-Jagd benennen Wildtierkorridore explizit als eine der zentralen nicht-letalen Massnahmen für eine wirksame Biodiversitätspolitik. Ihr Ausbau entspricht auch der Biodiversitätsstrategie des Bundes, die bis 2030 den Anteil wirkungsvoller Schutzgebiete erheblich ausweiten will.

Fazit: Korridore statt Abschüsse

Wildtierkorridore sind kein Luxus und keine Spielerei von Naturromantikern. Sie sind biologische Grundinfrastruktur, und ihr Fehlen oder ihre Beeinträchtigung kostet Arten langfristig ihre Überlebensfähigkeit. Abschüsse helfen dabei nicht. Im Gegenteil: Jagddruck treibt Wildtiere in Refugien, meidet Korridore und verhindert die natürliche Ausbreitung.

Die Lösung liegt in vernetzten, ruhigen, strukturreichen Landschaften; in natürlichen Beutegreifern, die das Verhalten ihrer Beute ökologisch klug steuern; und in professionellem Wildtiermanagement nach dem Vorbild des Kantons Genf, das Lebensräume schützt statt Lebewesen abzuschiessen.

Quellen

  • BAFU: Über 300 identifizierte Wildtierkorridore in der Schweiz
  • Bundesstrategie Biodiversität Schweiz (2012/2017)
  • ZHAW/HAFL (2024): Rothirsch-Raumnutzung und Jagddruck
  • WSL, Kupferschmid/Bollmann (2016): Wolfspräsenz und Verbissreduktion
  • Yellowstone Wolf Reintroduction: Ripple & Beschta (2012), Landscape of Fear
  • Kanton Genf: Loi sur la faune (Hobby-Jagdverbot seit 1974)

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Neozoen Schweiz: Jagd, Ökologie und das Prinzip der Scheinheiligkeit

Der Mensch schafft das Problem, die Hobby-Jagd verkauft sich als Lösung.

Neozoen werden von Jagdverbänden als Bedrohung für einheimische Arten dargestellt und als Legitimation für Abschüsse instrumentalisiert, obwohl der Mensch das Problem selbst verursacht hat und die Hobby-Jagd es nachweislich nicht löst.

Was sind Neozoen?

Der Begriff «Neozoen» bezeichnet tierische Arten, die nach 1492 (dem Jahr der europäischen Ausweitung nach Amerika, das als Referenzdatum gilt) durch menschliche Einflüsse in ein bestimmtes Gebiet gelangten. Darunter fallen sowohl absichtlich eingeführte Arten wie die Nutria, ursprünglich für die Pelzindustrie importiert, als auch unabsichtlich eingeschleppte Tiere.

Das Dossier Neozoen und die Hobby-Jagd in der Schweiz analysiert, welche Arten in der Schweiz als Neozoen gelten, wie sie eingewandert sind und welche ökologischen Auswirkungen sie tatsächlich haben.

Welche Neozoen kommen in der Schweiz vor?

In der Schweiz gelten unter anderem Waschbär, Nutria, Marderhund und in einigen Gewässern der Amerikanische Flusskrebs als Neozoen. Der Waschbär ist dabei das medial präsenteste Beispiel: Er wurde in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgewildert und breitete sich seither nach Süden aus.

Das Dossier Waschbär Schweiz zeigt, wie dieser Omnivore in der Schweiz zur Freigabe für Abschüsse kam, nicht aufgrund eindeutiger wissenschaftlicher Belege für seine Schädlichkeit, sondern wegen seiner «falschen Herkunft».

Das Argument der Hobby-Jagdlobby

Die Hobby-Jagdlobby nutzt Neozoen als doppelte Legitimation: Einerseits als Beweis, dass die Natur «ausser Kontrolle» geraten sei und aktives Eingreifen benötige. Andererseits als Rechtfertigung für die Ausweitung von Jagdpraktiken und die Erschliessung neuer Jagdkontingente. Beide Argumentationslinien verschleiern die eigentliche Ursache des Problems: den menschlichen Eingriff selbst.

Das Dossier Jagdmythen dekonstruiert diese Rhetorik und zeigt, wie wissenschaftlich fragwürdige Behauptungen zur Norm in der Hobby-Jagddebatte werden.

Löst die Hobby-Jagd das Neozoen-Problem?

Die Antwort der Forschung ist weitgehend klar: Hobby-Jagd allein kann invasive Tierarten nicht nachhaltig kontrollieren. Populationen von Neozoen passen sich an Jagddruck an, durch höhere Reproduktionsraten, Verschiebung von Aktivitätszeiten und Ausweichen in unzugängliche Lebensräume. Eine dauerhafte Reduktion erfordert Habitatmanagement, Prävention und in Einzelfällen intensive, koordinierte Massnahmen, nicht Freizeitjagd.

Das Dossier Jagd und Biodiversität zeigt, wie die Hobby-Jagd in der Praxis Biodiversität eher gefährdet als schützt, auch im Zusammenhang mit Neozoen-Management.

Der Mensch als ursprünglicher Verursacher

Nahezu alle Neozoen-Probleme in der Schweiz gehen auf menschliches Handeln zurück: Pelzfarmen, aus denen Nutrias entkamen; Zoologische Gärten, die Tiere freisetzten; die Aquaristik, die invasive Krebsarten in Gewässer einbrachte. Wer die Lösung dann in der Hobby-Jagd sucht, bedient eine perverse Logik: Das Freizeitinteresse der Hobby-Jägerschaft wird als Reaktion auf ein Problem inszeniert, das andere Formen menschlicher Freizeitgestaltung erst verursacht haben.

Das Dossier Jagd und Tierschutz ordnet ein, wie Tierschutz und Wildtiermanagement im Kontext von Neozoen auseinanderfallen.

Selektive Empörung: Warum wird nicht jede eingeführte Art bejagt?

Nicht alle Neozoen werden mit Jagddruck belegt. Die Auswahl der bejagten Arten folgt keiner stringenten ökologischen Logik, sondern jagdlichen Präferenzen: Waschbär, Nutria und Marderhund werden abgeschossen; andere eingeführte Arten, die für einheimische Ökosysteme problematisch sein könnten, bleiben verschont, weil sie für die Hobby-Jagd uninteressant sind. Das zeigt, dass das ökologische Argument ein Vorwand ist.

Internationale Perspektive und Forschungsstand

Der internationale Forschungsstand zu invasiven Tierarten ist eindeutig: Rein jagdliche Massnahmen sind selten erfolgreich. Effektive Massnahmen sind komplex, langfristig und erfordern staatliche Koordination. In der Schweiz fehlt eine solche nationale Strategie zu invasiven Tierarten weitgehend, was die Hobby-Jagdlobby nutzt, um das Vakuum mit eigenen Angeboten zu füllen.

Fazit

Neozoen sind ein reales ökologisches Phänomen, aber kein Problem, das durch Freizeitjagd gelöst wird. Die Instrumentalisierung von Neozoen durch Jagdverbände dient primär der Legitimation von Abschüssen und der Ausweitung von Jagdkontingenten, nicht dem Schutz einheimischer Ökosysteme. Eine ehrliche Debatte über invasive Arten müsste beim menschlichen Ursachenbeitrag beginnen und auf wissenschaftlich fundierte Massnahmen setzen.

Quellen

  • JSG (SR 922.0): Bundesgesetz über die Jagd
  • JSV (SR 922.01): Jagdverordnung
  • TSchG (SR 455): Tierschutzgesetz
  • BAFU: Invasive gebietsfremde Arten in der Schweiz
  • IUCN: Guidelines for the Prevention of Biodiversity Loss Caused by Alien Invasive Species (2000)
  • Kantonale Freigabeverfügungen zu Waschbär und Marderhund

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Hochjagd Schweiz: Ablauf, Tierschutz und kritische Einordnung

Patentsystem, Jagdstress und die ökologische Rechtfertigung auf dem Prüfstand.

Jedes Jahr im September strömen Tausende Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger in die Schweizer Alpen, um Gämsen, Hirsche und Murmeltiere zu schiessen, während die Wildtiere Wochen des Ausnahmezustands durchleben.

Was ist die Hochjagd?

Die Hochjagd bezeichnet die jährliche Hauptjagdperiode in den Patentjagdkantonen der Schweizer Alpen, namentlich Graubünden, Wallis, Bern, Glarus, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden. Das System funktioniert über Jagdpatente: Wer ein solches Patent löst und die Jagdprüfung bestanden hat, darf während der festgelegten Hochjagdzeit in bestimmten Gebieten jagen.

Das Dossier Hochjagd Schweiz gibt eine umfassende Darstellung des Systems, seiner Geschichte und seiner ökologischen Konsequenzen.

Wann und wo findet die Hochjagd statt?

In Graubünden beginnt die Hochjagd Anfang September und sie dauert rund drei Wochen. Danach folgt eine kurze Pause, bevor die Sonderjagd auf Hirschwild beginnt. In anderen Patentjagdkantonen variieren Daten und Dauer. Die Hochjagd findet primär im Gebirge statt, in Höhenlagen, wo Gämsen, Steinböcke und Hirsche ihren Sommerlebensraum haben.

Die betroffenen Wildtiere befinden sich zu diesem Zeitpunkt in einer entscheidenden Phase des Jahres: Sie bereiten sich auf den Winter vor, legen Fettreserven an und nutzen noch die letzten Wochen mit ausreichend Nahrungsangebot.

Welche Tierarten werden während der Hochjagd geschossen?

Zu den Hauptzielarten der Hochjagd gehören Gämse, Rothirsch, Reh, Murmeltier und Alpenschneehuhn. Während Gämse und Hirsch als «edele» Jagdbeute gelten, werden auch Arten wie das Murmeltier in erheblichen Stückzahlen erlegt, obwohl dieses bei der Öffentlichkeit als Sympathietier gilt.

Das Dossier Murmeltier Schweiz dokumentiert den Widerspruch zwischen dem Tourismusimage des Murmeltiers und seiner Rolle als Jagdwild. Der Steinbock in der Schweiz ist ein weiteres prägnantes Beispiel: nach seiner Ausrottung und Wiederansiedlung heute wieder als Trophäenwild freigegeben.

Die Hochjagd als Stresstest für Wildtiere

Wissenschaftliche Studien belegen, dass intensiver Jagddruck zu massiv erhöhten Stresshormonen, verändertem Verhalten und erzwungener Habitatverlagerung bei Wildtieren führt. Gämsen, die aus ihren angestammten Gebirgsrevieren fliehen müssen, riskieren Abstürze, sind geschwächt für den Winter und verlieren soziale Verbände.

Das Gämsendossier verbindet Jagdstress mit dem Klimawandel, der den Lebensraum der Gämse im Hochgebirge ohnehin einschränkt. Ein doppelter Druck mit kumulativen Folgen.

Das Patentsystem und seine Logik

Das Patentsystem unterscheidet sich von der Revierjagd dadurch, dass kein festes Revier gebunden ist, sondern ein Patent für ein ganzes Jagdgebiet erworben wird. Das hat Konsequenzen: Statt weniger, ortskundiger Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger strömen während der Hochjagd teils Tausende in ein Gebiet. Das erhöht den Jagddruck, verringert die Qualität der Abschüsse und steigert die Unfallgefahr.

Das Dossier Jagd in der Schweiz: Zahlen, Systeme und Mythen vergleicht die verschiedenen Jagdsysteme und zeigt, was die Zahlen hinter der Hochjagd tatsächlich aussagen.

Hochjagd und Tourismus: ein Nutzungskonflikt

Graubünden ist im September gleichzeitig Hochsaison im Wandertourismus und Beginn der Hochjagd. Wandernde, Biker und Naturbeobachtende teilen die Berge mit Tausenden Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern. Warntafeln, Weiträumigkeitspflichten und Sperrgebiete sind die Folge: Die öffentliche Infrastruktur wird für eine private Freizeitaktivität eingeschränkt.

Die ökologische Rechtfertigung auf dem Prüfstand

Die Hochjagd wird regelmässig mit Bestandsregulierung begründet. Tatsächlich zeigt die Forschung, dass selektive Abschüsse durch professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter ökologisch zielgenauer wären. Das Dossier Argumentarium für professionelle Wildhüterinnen und Wildhüter legt dar, welche Managementmethoden wissenschaftlich fundierter sind als die Hochjagd.

Fazit

Die Hochjagd ist ein tiefverwurzeltes Kulturphänomen in bestimmten Schweizer Kantonen. Das ändert aber nichts an ihrer ökologischen und tierschutzrechtlichen Problematik. Für Tausende von Wildtieren bedeutet sie jährlich Wochen des Ausnahmezustands, physischen Stress, Fehlschüsse und Tod als Preis dafür, dass Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger ihrer Freizeittätigkeit nachgehen können. Eine ehrliche gesellschaftliche Debatte über dieses Verhältnis steht aus.

Quellen

  • JSG (SR 922.0): Bundesgesetz über die Jagd
  • JSV (SR 922.01): Jagdverordnung
  • Kantonale Jagdgesetze und Patentverordnungen (GR, GL, UR, SZ, OW, NW, AR, AI)
  • Amt für Jagd und Fischerei Graubünden: Hochjagdberichte und Abschussstatistiken
  • Eidgenössische Jagdstatistik (BAFU/Wildtier Schweiz)
  • BAFU: Vollzugshilfe Wald und Wild
  • Zwijacz-Kozica et al.: Jagdstress bei Schalenwild (Applied Animal Behaviour Science)

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Kinder und Hobby-Jagd in der Schweiz: Recht, Risiken und Psychologie

Warum ein Mindestalter für die Beteiligung an Tötungshandlungen überfällig ist.

In der Schweiz gibt es kein einheitliches Mindestalter für die Beteiligung von Kindern an Tötungshandlungen auf der Hobby-Jagd, obwohl die entwicklungspsychologische Forschung klar vor den Folgen warnt.

Die Hobby-Jagdlobby stellt die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen als pädagogisch wertvoll dar. Entwicklungspsychologinnen und Tierschutzorganisationen widersprechen: Die Konfrontation von Kindern mit Tötungshandlungen und Gewalt gegen Tiere kann bleibende psychologische Spuren hinterlassen und normalisiert Gewalt als akzeptables Mittel. In mehreren Kantonen ist es legal und üblich, Kinder als Zuschauer, Treiber und in manchen Fällen sogar als aktive Schützen an der Hobby-Jagd zu beteiligen.

Was erlaubt das Schweizer Recht?

Das Schweizer Jagdrecht (JSG und kantonale Ausführungsbestimmungen) enthält keine einheitliche, bundesweite Regelung zum Mindestalter für die Beteiligung an der Hobby-Jagd. Das Jagdpatent kann in den meisten Kantonen ab 18 Jahren erworben werden, in einzelnen Kantonen liegt die Altersgrenze noch höher. Das sagt aber nichts darüber aus, ob Kinder jüngeren Alters an Hobby-Jagden als Begleitpersonen oder Treiber teilnehmen dürfen.

In mehreren Kantonen gibt es explizite Jugendprogramme, die Kinder an die Hobby-Jagd heranführen. Dabei werden Minderjährige auf Schiessstände mitgenommen und bei Jagdveranstaltungen einbezogen. Das Dossier Jagd und Kinder zeigt, dass eine systematische rechtliche Schutzregelung fehlt und der Einbezug von Kindern in Tötungshandlungen weitgehend im Ermessen der Jagdgesellschaften liegt.

Was ist der Unterschied zwischen Begleitung und aktiver Teilnahme?

Die Hobby-Jagdlobby unterscheidet zwischen passiver Begleitung, bei der Kinder beobachten, wie Erwachsene jagen, und aktiver Beteiligung, also dem eigenständigen Schiessen auf Wildtiere. In der Praxis verschwimmt diese Grenze. Kinder, die bei Treibjagden als Treiber eingesetzt werden, sind physisch in den Jagdprozess integriert. Sie stehen Blut, verletzten Tieren und Tötungshandlungen unmittelbar gegenüber, unabhängig davon, ob sie selbst schiessen oder nicht.

Die Hobby-Jagd als Event dokumentiert, wie Jagdgesellschaften die soziale Einbindung von Kindern gezielt fördern: als Nachwuchssicherung für eine schrumpfende Hobby-Jagdgemeinde.

Was sagen Entwicklungspsychologinnen und Entwicklungspsychologen?

Die entwicklungspsychologische Forschung zu Gewalt und Kinderentwicklung ist umfangreich. Arbeiten von Frank Ascione und Clifton Flynn dokumentieren, dass Gewalt an Tieren im Kindesalter mit verringerter Empathie und späteren Verhaltensproblemen zusammenhängt. Der Mechanismus ist bekannt: Wenn ein Kind lernt, dass Töten zu Stolz und Anerkennung führt, wenn der Vater nach dem Abschuss gelobt wird und das Kind Teil dieser Feier ist, wird Töten als positiv besetzte Handlung verankert.

Psychologie der Jagd erklärt, dass die Hobby-Jagdkultur Mitgefühl mit Tieren aktiv als Schwäche wertet. Kinder, die in diesem Umfeld aufwachsen, lernen früh, Empathie zu unterdrücken und Tierleid zu rationalisieren.

Wie beeinflusst die Hobby-Jagdkultur Kinder?

Kinder lernen durch Rollenvorbilder. Wenn Erwachsene Tiere mit Waffen töten und das als natürlich, traditionell und gesellschaftlich akzeptiert darstellen, übernehmen Kinder dieses Weltbild. Die Hobby-Jagd schafft dabei einen geschlossenen Erfahrungsraum: Rituale wie das «Schüsseltreiben» nach der Hobby-Jagd, die Trophäenübergabe oder die gemeinsame Begehung der Strecke (der gelegten Tiere) sind soziale Initiation, bei der Töten als Gemeinschaft stiftende Handlung erlebt wird.

Das ist psychologisch wirksam, und genau das ist das Problem. Was als «Naturerziehung» vermarktet wird, ist in erster Linie die frühe Normalisierung eines Verhaltens, das ohne diesen Kontext als Tierquälerei gewertet würde. Alternativen wie Wildtierbeobachtung, Spurensuche und ökologische Bildung vermitteln Naturverbundenheit ohne Gewalt.

Welche Risiken entstehen durch den Kontakt mit Waffen?

Kinder in der Nähe von Schusswaffen sind einem erhöhten Unfallrisiko ausgesetzt. Jagdunfälle in der Schweiz belegen, dass Hobby-Jagdunfälle regelmässig in Situationen entstehen, die als kontrolliert gelten: am Hochsitz, bei der Treibjagd, im Morgengrauen. Kinder, die bei solchen Anlässen dabei sind, sind Mitbetroffene im Falle eines Unfalls. Gleichzeitig normalisiert der frühe Kontakt den Umgang mit Waffen als Freizeitinstrument.

Ein Vorfall in Kärnten im Oktober 2025, bei dem ein 16-jähriger Jugendlicher während einer Treibjagd von Schrotkugeln getroffen wurde, zeigt, wie realistisch diese Risiken sind. Das Alter schützt nicht automatisch: Die Gefahr entsteht durch die Situation, nicht durch das Alter des Beteiligten.

Wie stellt die Hobby-Jagdlobby den Einbezug von Kindern dar?

JagdSchweiz und kantonale Jagdverbände argumentieren, dass die Hobby-Jagd Kindern beibringt, woher Fleisch kommt, und Respekt vor der Natur fördert. Diese Argumentation greift systematisch zu kurz: Das Wissen um Nahrungsketten lässt sich ohne Tötungshandlungen vermitteln. Respekt vor Natur entsteht nicht durch Tötung, sondern durch Beobachtung, Verständnis und Schutz.

Jagdmythen deckt auf, wie solche Narrative die eigentliche Funktion verschleiern: Es geht nicht um Naturpädagogik, sondern um Nachwuchsrekrutierung für eine schrumpfende Freizeitgemeinschaft.

Was fordert die UN-Kinderrechtskonvention?

Der UN-Kinderrechtsausschuss hat 2023 mit «General Comment No. 26» unmissverständlich festgehalten: Kinder müssen vor allen Formen physischer und psychischer Gewalt geschützt werden, einschliesslich der Konfrontation mit Gewalt gegen Tiere. Die Schweiz ist als Vertragsstaat der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet, dieses Recht wirksam zu gewährleisten. Das bedeutet: Die passive und aktive Teilnahme von Minderjährigen an Hobby-Jagdtätigkeiten steht im Widerspruch zu geltendem Völkerrecht.

Gibt es politische Vorstösse und internationale Vorbilder?

Polen hat 2018 als erstes Land Europas Minderjährigen die Teilnahme an Hobby-Jagden kategorisch untersagt. Das Verbot kam nach jahrelangem Druck von Kinderpsychologinnen, Pädagogen und Tierschutzorganisationen zustande. In der Schweiz sind konkrete parlamentarische Vorstösse für ein Mindestalter auf Bundesebene bisher ausgeblieben. Auf kantonaler Ebene gibt es vereinzelte Diskussionen, aber keine flächendeckende Gesetzgebung. Mustertexte für jagdkritische Parlamentsvorstösse bieten Kantonsrätinnen und -räten konkrete Formulierungshilfen für entsprechende Initiativen.

Petition: Hobby-Jäger bestrafen, die Minderjährige teilnehmen lassen

Die IG Wild beim Wild hat eine Petition an Bundesrat Albert Rösti lanciert. Sie fordert ein ausdrückliches Verbot der Teilnahme von Minderjährigen an der Hobby-Jagd auf Bundesebene, sowohl in aktiver Form (Mitjagen, Schiessen, Nachsuche) als auch in passiver Form (Anwesenheit bei Tötungshandlungen). Hobby-Jäger und jagdliche Organisationen, die Minderjährige an der Hobby-Jagd teilnehmen lassen, sollen konsequent sanktioniert werden. Die Petition stützt sich auf die Empfehlungen des UN-Kinderrechtsausschusses im «General Comment No. 26» und auf die zahlreichen entwicklungspsychologischen Erkenntnisse zu den Folgen von Gewaltkonfrontation im Kindesalter.

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Fazit

Der Einbezug von Kindern in die Hobby-Jagd ist in der Schweiz kaum reguliert. Während die Entwicklungspsychologie klare Warnungen formuliert und Tierschutzrecht den Schutz aller Lebewesen fordert, fehlt ein einheitlicher Schutzrahmen für Minderjährige in Hobby-Jagdkontexten. Was als Tradition und Naturerziehung vermarktet wird, ist aus wissenschaftlicher Sicht die frühe Normalisierung von Gewalt gegen Tiere. Ein Mindestalter für die Beteiligung an Tötungshandlungen wäre eine vergleichsweise bescheidene, aber wirkungsvolle Massnahme.

Quellen

  • Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG), SR 922.0
  • Verordnung über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSV), SR 922.01
  • Tierschutzgesetz (TSchG), SR 455
  • UN-Kinderrechtsausschuss, General Comment No. 26 (2023)
  • Ascione, F. R. (1993): Children Who Are Cruel to Animals: A Review of Research and Implications for Developmental Psychopathology. Anthrozoos, 6(4), 226–247
  • Flynn, C. P. (1999): Animal Abuse in Childhood and Later Support for Interpersonal Violence in Families. Society & Animals, 7, 161–172
  • Flynn, C. P. (1999): Exploring the Link between Corporal Punishment and Children’s Cruelty to Animals. Journal of Marriage and the Family, 61, 971–981
  • Deutsches Bundesjagdgesetz (BJagdG), § 16

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Trophäenjagd: Was steckt hinter dem Töten als Statussymbol?

Steinbock-Trophäen, Auslandsjagd und die Rolle der Schweiz im globalen Trophäenmarkt.

Bei der Trophäenjagd steht nicht die Nahrungsgewinnung im Vordergrund, sondern das Töten eines Tieres um seiner körperlichen Merkmale willen: Hörner, Geweih, Fell, Schädel.

In der Schweiz werden Steinböcke, Hirsche und andere Tierarten als Trophäen geschossen; international boomt eine ganze Industrie mit Jagdreisen in die ganze Welt. Die Trophäenjagd ist die konzentrierteste Ausdrucksform des Tötens als Freizeitvergnügen.

Was ist eine Trophäe?

Im jagdlichen Sprachgebrauch bezeichnet «Trophäe» ein Körperteil des erlegten Tieres, das als Erinnerungsstück behalten wird: Geweih, Gehörn, Schädel, Fell, Stosszähne. Je imposanter die Trophäe, desto höher gilt das Prestige des Schusses. Dieser Logik folgt die Trophäenjagd weltweit: Ziel ist nicht das durchschnittliche Tier, sondern das grösste, das stärkste, das auffälligste.

Das Dossier Trophäenjagd analysiert, was diese Praxis über die Motive der Hobby-Jagd aussagt und welche ökologischen Konsequenzen sie hat.

Trophäenjagd in der Schweiz: Steinbock und Hirsch

In der Schweiz ist die Trophäenjagd nicht verboten, sondern institutionalisiert. Steinböcke werden im Rahmen von Sonderbewilligungen gezielt an Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger vergeben, die bereit sind, erhebliche Summen zu zahlen. Das Geweih des erlegten Tieres ist das Ziel, nicht das Fleisch. Beim Rothirsch ist die Situation ähnlich: Starke Hirsche mit imposantem Geweih sind begehrte Objekte, während die Abschusspläne offiziell ökologisch begründet werden.

Der Steinbock in der Schweiz dokumentiert diesen Widerspruch exemplarisch: Die Art wurde im 19. Jahrhundert ausgerottet, aufwendig wiederangesiedelt und ist heute erneut als Trophäenwild freigegeben.

Internationale Trophäenjagd: eine globale Industrie

Die internationale Trophäenjagd ist ein Millionenmarkt. Wohlhabende Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger aus Europa und Nordamerika bezahlen Tausende bis Hunderttausende Franken für Jagdreisen nach Afrika, Asien und in die Arktis. Auf dem Programm stehen Löwen, Elefanten, Nashörner, Eisbären, Leoparden, viele davon gefährdet oder vom Aussterben bedroht.

Das Dossier Hobby-Jagdtourismus beleuchtet diese Industrie: Jagdmessen, Reiseveranstalter, Outfitter, ein globales Netz von Akteuren, das auf das Töten von Wildtieren als Dienstleistung spezialisiert ist.

Das Argument der Entwicklungshilfe

Ein wiederkehrendes Argument der Trophäenjagd-Lobby lautet, die Einnahmen kämen lokalen Gemeinschaften in ärmeren Ländern zugute. Die wissenschaftliche Überprüfung dieses Arguments zeigt: Der Anteil der Trophäenjagdeinnahmen, der tatsächlich lokalen Gemeinden zugute kommt, ist gering. Grossteile verbleiben bei internationalen Outfittern und staatlichen Behörden. Für den Wildtierschutz ist der Photosafari-Tourismus in der Regel deutlich vorteilhafter.

Erlegerbilder: die Ästhetik des Tötens

Fotoaufnahmen des Hobby-Jägers mit dem erlegten Tier, sogenannte «Erlegerbilder», sind fester Bestandteil der Trophäenjagdkultur. Sie werden in sozialen Medien geteilt, in Jagdzeitschriften veröffentlicht und auf Jagdmessen ausgestellt. Wenn diese Bilder in eine breitere Öffentlichkeit gelangen, lösen sie regelmässig Empörung aus, ein Zeichen dafür, dass gesellschaftliche Mehrheiten die Wertelogik der Trophäenjagd nicht teilen.

Das Dossier Erlegerbilder analysiert, was diese Bilder kommunizieren und welche Doppelmoral sie sichtbar machen.

CITES und der internationale Trophäenhandel

Der internationale Transport von Jagdtrophäen ist durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) reguliert. Dennoch werden Trophäen von gefährdeten Arten nach wie vor legal transportiert, weil CITES-Ausnahmen für Jagdtrophäen existieren und weil Kontrollmechanismen lückenhaft sind. Die Schweiz als CITES-Unterzeichnerstaat ist gleichzeitig Heimat von Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern, die regelmässig im Ausland auf Trophäenjagd gehen.

Das Dossier Hobby-Jagdtourismus dokumentiert, wie diese Rechtslage in der Praxis ausgenutzt wird.

Trophäenjagd als sozialer Aufstieg

Trophäenjagd ist eng mit Statusdenken verknüpft. Die teuerste Jagdreise, die grösste Trophäe, der exklusivste Abschuss: Diese Logik folgt derselben Statusdynamik wie Luxusgüter. Das Dossier Die Hobby-Jagd als Event analysiert, wie Hobby-Jagd als Statussymbol und soziales Ereignis inszeniert wird.

Ökologische Selektivität und ihre Folgen

Die gezielte Entnahme der stärksten und auffälligsten Individuen, also derjenigen mit dem grössten Geweih oder den längsten Hörnern, hat ökologische Konsequenzen: Sie entnimmt aus der Population genau jene Tiere, die genetisch und sozial besonders bedeutsam sind. Langfristig kann dies zu einer Selektion auf kleinere, weniger auffällige Individuen führen, was genetische Verarmung bedeutet.

Fazit

Trophäenjagd ist die reinste Form der Hobby-Jagd als Freizeitvergnügen: ohne Nahrungsmittelinteresse, ohne ökologische Notwendigkeit, primär motiviert durch Status, Ego und eine Kultur des Tötens als Leistungsausweis. In der Schweiz ist sie rechtlich möglich und sozial in Teilen des Jagdmilieus akzeptiert, in der breiten Gesellschaft stösst sie dagegen auf zunehmende Ablehnung. Diese gesellschaftliche Diskrepanz macht die Trophäenjagd zum Symbol einer überholten Logik.

Quellen

  • CITES (Washingtoner Artenschutzübereinkommen): Trophäen-Ausnahmen
  • JSG (SR 922.0): Steinbock-Sonderbewilligungen
  • IUCN: Studien zur Trophäenjagd und Artenschutz

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Was ist die Berner Konvention und schützt sie den Wolf?

Wie die Schweiz den völkerrechtlichen Artenschutz aushöhlt.

Die Berner Konvention listet den Wolf als geschützte Art und verbietet dessen gezielte Tötung bis auf eng definierte Ausnahmen, doch die Schweiz unterläuft diesen Schutz durch zunehmend wolffeindliche nationale Gesetzgebung.

Was ist die Berner Konvention?

Die Berner Konvention, offiziell das Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume, wurde 1979 in Bern unterzeichnet und trat 1982 in Kraft. Sie ist ein völkerrechtliches Abkommen des Europarates und verpflichtet die Unterzeichnerstaaten zum Schutz wildlebender Tier- und Pflanzenarten sowie ihrer Lebensräume.

Das Abkommen unterscheidet drei Anhänge: Anhang I für streng geschützte Pflanzenarten, Anhang II für streng geschützte Tierarten und Anhang III für geschützte Tierarten. Für den Wolf relevant sind Anhang II und III: Anhang II umfasst streng geschützte Tierarten, deren absichtliche Tötung, Gefangennahme oder Störung verboten ist. Anhang III listet geschützte Arten, für die eine geregelte Nutzung möglich ist. Der Wolf war bis Dezember 2024 in Anhang II eingetragen, der strengsten Schutzkategorie. Im Dezember 2024 beschloss der Ständige Ausschuss auf Antrag der EU die Herabstufung auf Anhang III («geschützt»).

Wann hat die Schweiz die Berner Konvention ratifiziert?

Die Schweiz hat die Berner Konvention 1981 ratifiziert und ist damit völkerrechtlich verpflichtet, ihre Bestimmungen einzuhalten. Das bedeutet konkret: Die Schweiz darf den Wolf nicht absichtlich töten, ausser in klar definierten Ausnahmetatbeständen. Diese Ausnahmen sind im Abkommen selbst festgelegt und an strenge Bedingungen geknüpft: Es darf keine befriedigende Alternative geben, es muss eine tatsächliche Bedrohung der öffentlichen Sicherheit oder ernsthafte Nutztierschäden vorliegen, und die Massnahme darf den Erhaltungszustand der Art nicht gefährden.

Wie das Dossier Wolf in der Schweiz ausführt, hat der Ständige Ausschuss der Berner Konvention im Oktober 2024 ausdrücklich festgehalten: Präventive, proaktive Wolfsabschüsse ohne nachgewiesene konkrete Schäden sind mit dem Abkommen nicht vereinbar.

Warum steht die Schweiz unter Untersuchung des Europarates?

Am 5. Dezember 2024 eröffnete der Ständige Ausschuss der Berner Konvention einstimmig eine formelle Untersuchung gegen die Schweiz wegen nicht konventionskonformer Wolfsregulierung. Der Beschwerde der Organisationen CH-Wolf und Avenir Loup Lynx Jura (ALLJ) wurde stattgegeben. Hintergrund ist die Praxis der «proaktiven Regulierung», mit der die Schweiz seit der JSG-Revision von 2022 präventive Rudelabschüsse ermöglicht hat, also Abschüsse, ohne dass vorher tatsächliche Schäden nachgewiesen wurden.

Eine formelle Untersuchung durch den Europarat ist ein klares Signal, dass die nationalen Massnahmen die Grenzen des Erlaubten überschreiten. Die Schweiz riskiert damit internationalen Reputationsschaden als Land, das internationale Schutzabkommen unterläuft. Das Dossier Jagdrecht Schweiz und das Dossier Jagdgesetze und Kontrolle beleuchten die strukturellen Probleme der Schweizer Wolfspolitik.

Wie hat die Schweiz den Wolfschutz national geregelt?

Das Schweizer Jagd- und Schutzgesetz (JSG) listet den Wolf als geschützte Art. Seit 2012 sind Einzelabschüsse unter bestimmten Bedingungen möglich. Das Konzept Wolf Schweiz von 2008 legte Schwellenwerte fest: 25 gerissene Nutztiere in einem Monat oder 35 Nutztiere in vier Monaten, und nur wenn alle zumutbaren Schutzmassnahmen umgesetzt wurden.

Die Revision des JSG von 2022, deren Ausführungsbestimmungen im Dezember 2023 in Kraft traten, hat diese Hürden systematisch gesenkt. Die revidierte Jagdverordnung (JSV) erlaubt seither auch die «proaktive Regulierung», also Abschüsse in der Nähe von Siedlungen, selbst wenn keine konkreten Schäden vorliegen. Das widerspricht dem Geist und dem Buchstaben der Berner Konvention. Wie das Dossier Jagdmythen zeigt, werden diese Gesetzesänderungen mit Argumenten begründet, die einer wissenschaftlichen Prüfung nicht standhalten.

Was bedeutet der Status «geschützte Art» konkret?

Auch nach der Herabstufung auf Anhang III darf eine geschützte Art nicht ohne Weiteres getötet werden. Ausnahmen sind nur unter engen Bedingungen erlaubt und müssen im Einzelfall nachgewiesen werden. Der günstige Erhaltungszustand der Population muss gewährleistet bleiben.

In der Schweizer Praxis werden diese Anforderungen regelmässig unterlaufen. Das Dossier Wolf in der Schweiz dokumentiert mehrere Fehlabschüsse: Im Jahr 2022 wurde unter anderem das Alphatier des Marchairuz-Rudels im Waadtland statt eines Jungtieres erschossen, in Graubünden wurde die Alphafähe des Moesola-Rudels getötet und im Wallis wurde ein nicht bewilligter Wolf erlegt. Diese Fehler sind kein Einzelversagen, sondern Symptom eines Systems, das Quoten über Präzision stellt.

Was hat sich mit der Herabstufung geändert?

Am 3. Dezember 2024 beschloss der Ständige Ausschuss der Berner Konvention mit Zweidrittelmehrheit, den Wolf von Anhang II (streng geschützt) auf Anhang III (geschützt) herabzustufen. Die Herabstufung trat am 7. März 2025 in Kraft. Dieser Entscheid wurde von zahlreichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie der Expertengruppe für Beutegreifer in Europa (LCIE) als verfrüht kritisiert.

Die Schweiz ist kein EU‑Mitglied, aber die Berner Konvention bleibt gültig. Auch nach der Herabstufung gilt: Ein günstiger Erhaltungszustand der Wolfspopulation muss gewährleistet sein. In der Saison 2024/25 wurden in der Schweiz rund 90 Wölfe erlegt, eine Grössenordnung, die den Erhaltungszustand gefährden kann.

Wer profitiert von der Aufweichung des Wolfschutzes?

Der politische Druck für weniger Wolfschutz kommt aus Kantonen mit starker Hobby-Jagd-Tradition und aus der Landwirtschaftslobby. Wie das Dossier Hobby-Jagdlobby in der Schweiz zeigt, sind über 30’000 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger in JagdSchweiz organisiert und verfügen über eine Parlamentariergruppe im Bundeshaus. Der Wolf konkurriert mit Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jägern um Rothirsch und Reh, das ist der eigentliche Interessenkonflikt hinter der Schutzdebatte.

Welche Institutionen überwachen die Einhaltung der Berner Konvention?

Der Ständige Ausschuss der Berner Konvention trifft sich regelmässig und kann Verletzungen des Abkommens feststellen. Er hat bereits mehrfach Empfehlungen an die Schweiz ausgesprochen, den Wolfschutz zu stärken. Die förmliche Untersuchung vom Dezember 2024 ist eine Eskalation des langjährigen Konflikts zwischen Schweizer Wolfspolitik und internationalen Verpflichtungen.

Neben dem Europarat beobachten auch NGOs wie Pro Natura, WWF Schweiz und die Gruppe Wolf Schweiz (GWS) die Situation. Diese Organisationen haben Beschwerden eingereicht und dokumentieren Verletzungen der Schutzbestimmungen, mit wachsendem Erfolg vor Gerichten.

Was fordern Schutzorganisationen konkret?

Umwelt- und Naturschutzorganisationen fordern unter anderem: vollständige Schutzwirkung für Jungtiere unter 12 Monaten, den Nachweis umgesetzter Herdenschutzmassnahmen als Voraussetzung für jeden Abschuss, ein unabhängiges wissenschaftliches Monitoring ohne Beteiligung der Jagdverbände sowie Transparenz bei Abschussentscheiden. Dazu gehört auch die Abschaffung der proaktiven Rudelregulierung, die mit der Berner Konvention unvereinbar ist.

Das Dossier Jagdgesetze und Kontrolle beschreibt ausführlich, wie das heutige System strukturelle Interessenkonflikte produziert: Kantonale Behörden, die jagdnah besetzt sind, genehmigen Abschusspläne auf der Basis von Schadensmeldungen, die von denselben jagdnahen Kreisen stammen.

Fazit

Die Berner Konvention schützt den Wolf, zumindest auf dem Papier. In der Schweizer Praxis hat sich die nationale Gesetzgebung systematisch von diesen Verpflichtungen entfernt. Die förmliche Untersuchung des Europarates vom Dezember 2024 ist ein deutliches Signal: Die Schweiz kann internationale Schutzabkommen nicht ungestraft aushöhlen. Wer den Wolfschutz ernst nimmt, muss verlangen, dass die Berner Konvention nicht als unverbindliche Empfehlung behandelt, sondern als das umgesetzt wird, was sie ist: geltendes Völkerrecht.

Quellen

  • Berner Konvention (Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume, SR 0.455)
  • JSG (SR 922.0): Bundesgesetz über die Jagd
  • JSV (SR 922.01): Jagdverordnung
  • Konzept Wolf Schweiz, BAFU 2008
  • Beschluss des Ständigen Ausschusses vom 3. Dezember 2024 (Herabstufung Wolf auf Anhang III)
  • Beschluss des Ständigen Ausschusses vom 5. Dezember 2024 (Eröffnung Untersuchungsverfahren gegen die Schweiz)
  • Beschwerde CH-Wolf und Avenir Loup Lynx Jura (ALLJ), 2024
  • Pro Natura, WWF Schweiz, BirdLife Schweiz: Gemeinsamer Medienkommentar vom 3. Dezember 2024

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