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Tierwelt

Deutschland erklärt den Wolf für „günstig“

Wie Politik und Lobby den Weg für mehr Abschüsse freimachen.

Redaktion Wild beim Wild — 21. November 2025

Mit einem unscheinbaren Verwaltungsakt hat die deutsche Bundesregierung eine rote Linie verschoben.

Deutschland meldet der EU den sogenannten „günstigen Erhaltungszustand“ des Wolfs in weiten Teilen des Bundesgebiets. Die Meldung an die EU-Kommission erfolgte Mitte Oktober 2025 und wurde von Bund und Ländern gemeinsam getragen. Offiziell heisst das: Die Population des Wolfs sei stabil, sein langfristiges Überleben gesichert. Inoffiziell heisst es: Der Spielraum für Abschüsse wächst deutlich.

Der Schritt kommt nicht aus heiterem Himmel. Seit Jahren bauen Agrarlobby, Jagdverbände und Teile der Politik an der Argumentationskette, der Wolf sei „genug gerettet“ und müsse nun reguliert werden. Die Einstufung als „günstig“ ist der zentrale Baustein dieser Strategie.

Vom Schutzsymbol zum Störfaktor

Der Wolf war in Deutschland jahrzehntelang ausgerottet, bevor sich ab Ende der 1990er Jahre wieder erste Rudel ansiedelten. Für den Naturschutz galt seine Rückkehr als Erfolg der europäischen FFH-Richtlinie, welche streng geschützte Arten wie den Wolf unter einen besonderen Schutzschirm stellt.

Je mehr sich die Tiere ausbreiteten, desto lauter wurden jedoch die Klagen von Weidetierhalterinnen, Bauernverbänden und Hobby-Jägern. Statt konsequent auf Herdenschutz, Entschädigungen und Beratung zu setzen, verschob sich die politische Debatte zunehmend hin zu „Bestandsregulierung“ und „Managementjagd“.

Im Juni 2024 verlangte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, den Wolf auf EU-Ebene von einer streng geschützten zu einer lediglich geschützten Art herabzustufen und so den Weg für eine leichtere Bejagung zu öffnen.

Brüssel bietet die Steilvorlage – Berlin nutzt sie

Im Dezember 2023 präsentierte die EU-Kommission einen Vorschlag, den Schutzstatus des Wolfs in der Berner Konvention abzusenken. Umweltverbände sprachen von einem politisch motivierten Manöver zulasten des Artenschutzes, getragen von der Agrarlobby und konservativen Parteien in mehreren Mitgliedstaaten.

Die deutsche Bundesregierung stellte sich 2024 offiziell hinter diesen Kurs. Bundesumweltministerin Steffi Lemke kündigte an, Deutschland werde der Absenkung des Schutzstatus in der Berner Konvention zustimmen. Kurz darauf titelte die taz, Deutschland sage „Ja für einfacheren Abschuss“, und beschrieb den Druck, der vor allem von Bauernverbänden ausgeht.

Mit der nun gemeldeten Einstufung „günstiger Erhaltungszustand“ an die EU ist der nächste Schritt getan. Er schafft die fachliche und rechtliche Grundlage, um künftig grossflächiger zu schiessen, ohne jedes Mal eine Gefährdung der Population einräumen zu müssen.

Erhaltungszustand als politisches Wunschkonzert

Rein rechtlich meint ein günstiger Erhaltungszustand, dass eine Art langfristig als gesichert gilt, ihr Verbreitungsgebiet nicht schrumpft und genügend Lebensraum vorhanden ist. Die FFH-Richtlinie formuliert diese Kriterien ausdrücklich wissenschaftsgeleitet.

Naturschutzorganisationen kritisieren jedoch, dass Deutschland diese Vorgaben erneut zu seinen Gunsten auslegt. Bereits zuvor war darauf hingewiesen worden, dass die Berichterstattung zum Wolf die EU-Leitlinien nicht konsequent einhält und auf einer sehr optimistischen Interpretation der Populationsdaten beruht.

Der WWF etwa spricht von einer politisch aufgeladenen Phase, in der der Wolf massiv unter Druck stehe, und warnt vor einer Abkehr von wissenschaftlichen Kriterien. Auch andere Verbände bemängeln, dass genetische Vielfalt, Zerschneidung des Lebensraums und illegale Tötungen unzureichend berücksichtigt werden.

Mit anderen Worten: Ob der Wolf in Deutschland tatsächlich in einem langfristig sicheren Zustand ist, ist mindestens umstritten. Politisch wird die Frage jedoch bereits so behandelt, als sei sie abschliessend zugunsten einer „Regulierungsjagd“ beantwortet.

Schnellabschuss als Blaupause

Noch bevor der günstige Erhaltungszustand offiziell gemeldet wurde, haben einzelne Bundesländer bereits vorgegriffen. Niedersachsen führte 2024 ein sogenanntes Schnellabschussverfahren ein. Nach mehreren Nutztierrissen kann seither ohne langwierige Einzelfallprüfung auf Wölfe geschossen werden, unter Umständen sogar bevor eine eindeutige genetische Zuordnung erfolgt ist.

Der NABU kritisierte das Verfahren scharf und sah die rechtlichen Grundvoraussetzungen für solche Entnahmen nicht erfüllt. Laut Verband wird mit dem Schnellabschuss die Ausnahme zur Regel gemacht, obwohl die EU-Vorgaben eigentlich verlangen, dass zuvor alle zumutbaren Alternativen ausgeschöpft werden, insbesondere der Herdenschutz.

Mit der bundesweiten Einstufung „günstig“ könnte das niedersächsische Modell zur Blaupause für weitere Bundesländer werden. Parallel dazu diskutiert der Bundesrat seit 2025 über Anträge, die Regeln zur Wolfsentnahme generell zu lockern.

Zahlen als Munition: Wie die Konflikte erzählt werden

In der öffentlichen Debatte dominieren Bilder von gerissenen Schafen und angeblich „schussunwilligen“ Behörden. Medien und Lobbyverbände greifen diese Fälle regelmässig auf, während der Kontext selten zur Sprache kommt: Schutzmassnahmen fehlen oft oder sind unzureichend umgesetzt, die meisten Risse betreffen ungeschützte Tiere.

Gleichzeitig werden steigende Wolfszahlen gerne als „Explosion“ beschrieben, obwohl Fachstellen nüchtern von einer sich ausbreitenden Population sprechen, die nach jahrzehntelanger Abwesenheit naturgemäss zunächst wächst. Grafiken zu Wolfsterritorien in Deutschland werden gezielt eingesetzt, um Bedrohung zu visualisieren.

Dass Weidetierhaltung vielfältige strukturelle Probleme hat, die wenig mit dem Wolf zu tun haben, geht im Lärm oft unter: Preisdruck, Landkonzentration, fehlende Arbeitskräfte, Klimastress. Der Wolf dient hier als Projektionsfläche für eine Landwirtschaftskrise, die politisch nicht gelöst wird.

NGOs warnen vor Rückfall in alte Feindbilder

Für Umwelt- und Tierschutzorganisationen ist der Richtungswechsel ein gefährliches Signal. Sie verweisen auf jahrzehntelange Arbeit, um grosse Beutegreifer in Europa wieder anzusiedeln, und warnen vor einem Rückfall in die Logik der Ausrottung.

Ein breites Bündnis von Organisationen forderte die EU Ende 2023 auf, am strengen Schutzstatus festzuhalten und Konflikte mit Herdenschutz, Entschädigungen und Beratung statt mit dem Gewehr zu lösen.

Auch deutsche Fachverbände fordern, Koexistenz endlich ernst zu nehmen. Studien und Praxiserfahrungen zeigen, dass konsequenter Herdenschutz Risszahlen deutlich senken kann und zudem andere Ursachen von Verlusten wie Krankheiten, Vernachlässigung oder Wetterextreme nicht länger unsichtbar bleiben.

Was der deutsche Kurs für Europa bedeutet

Deutschland ist innerhalb der EU ein politisches Schwergewicht. Wenn Berlin signalisiert, der Wolf sei „günstig“ und könne reguliert werden, stärkt das jene Regierungen, die seit Jahren nationalistische Kampagnen gegen grosse Beutegreifer fahren und diese als Sicherheitsrisiko inszenieren.

Mit der Herabsetzung des Schutzstatus auf europäischer Ebene und der deutschen Meldung des günstigen Erhaltungszustands ist die Tür geöffnet, den Wolf wieder als jagdbares „Wild“ zu behandeln.

Für den konkreten Umgang vor Ort bedeutet das nicht zwingend sofortige Quotenjagden. Aber der Rahmen hat sich verschoben: weg von der Frage „Wie schaffen wir Koexistenz mit einem streng geschützten Beutegreifer“ hin zur Frage „Wie weit dürfen wir die Bestände legal herunterregulieren“.

Politische Entscheidung gegen den Vorsorgegedanken

Die Einstufung des Wolfs als „günstig“ in Deutschland ist weniger eine nüchterne wissenschaftliche Diagnose als eine politisch motivierte Weichenstellung. Sie erfolgt in einer Phase, in der der Druck der Agrarlobby gross ist, konservative Parteien auf den „Wolf“ als Wahlkampfthema setzen und die EU ihren eigenen Artenschutzkriterien untreu zu werden droht.

Für den Wolf heisst das konkret: mehr Abschussgenehmigungen, mehr Schnellverfahren, mehr Raum für Fehler und illegale Tötungen im Windschatten einer politisch weichgezeichneten Rechtslage. Für Weidetiere heisst es keineswegs automatisch mehr Sicherheit. Ohne flächendeckenden, finanziell und organisatorisch gut aufgestellten Herdenschutz bleiben sie auch in einer „regulierten“ Wolfspopulation verwundbar.

Und für den Artenschutz insgesamt bedeutet es, dass ein einst als Vorzeigeprojekt gefeierter Erfolg nun als Verhandlungsmasse im Konflikt zwischen Lobbyinteressen und Naturschutz dient. Der Wolf ist erneut zum Politikum geworden, dieses Mal im Kleid des „günstigen Erhaltungszustands“.

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