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Bildung

Calanda-Wolf: Warum es 2026 wieder brisanter wird

Wölfe können Schalenwildbestände senken und das Verhalten von Hirsch, Reh und Gams verändern. Das entlastet lokal die Waldverjüngung, besonders in Schutzwäldern. Seit 2017 ist die Lage jedoch politisch eskaliert: Die Schweiz reguliert präventiv, während die Zahl der Rudel weiter steigt.

Redaktion Wild beim Wild — 10. Januar 2026

Der Wolf polarisiert.

Während Nutztierhalter und die Hobby-Jägerschaft seine Rückkehr oft als Bedrohung wahrnehmen, betrachten Forstfachleute ihn zunehmend als ökologischen Faktor mit möglichem Nutzen für den Wald.

Besonders im Fokus stehen Schutzwälder, deren Verjüngung in vielen Regionen der Schweiz unter starkem Wildverbiss leidet. Am Beispiel des Calanda-Massivs im Churer Rheintal lässt sich zeigen, wie Wolfsrudel Schalenwildbestände und deren Verhalten beeinflussen können. Seit der Erstveröffentlichung dieses Beitrags im Jahr 2017 hat sich jedoch nicht nur die ökologische, sondern vor allem die politische Ausgangslage deutlich verändert.

Dieser Beitrag ordnet die Rolle von Wolfsrudeln aus bildungsbezogener und ökologischer Perspektive ein. Er versteht sich als Grundlagenartikel zur ökologischen Rolle des Wolfs in der Schweiz und ergänzt weiterführende Beiträge zur Wolfsregulierung, zur Jagdpolitik und zum Herdenschutz auf wildbeimwild.com.

Warum Schutzwälder unter Druck stehen

In vielen Regionen der Schweiz sind die Bestände von Hirsch und Reh hoch. Der daraus resultierende Wildverbiss an Jungbäumen führt dazu, dass sich der Wald nicht mehr natürlich verjüngen kann. Besonders problematisch ist dies im Berggebiet, wo Wälder eine zentrale Schutzfunktion gegen Lawinen, Steinschläge und Rutschungen erfüllen. Bleibt der Jungwuchs aus, überaltern diese Wälder und verlieren langfristig ihre Stabilität.

Wie stark Wildbestände den Wald beeinflussen, wird häufig unterschätzt oder ausschliesslich der Hobby-Jagd überlassen. Eine vertiefte Einordnung dazu findet sich im Hintergrundartikel zum Einfluss von Hobby-Jagd und Wilddichte auf Waldökosysteme auf wildbeimwild.com.

Calanda als frühes Beispiel in der Schweiz

Am Calanda wurde ab Herbst 2011 erstmals wieder ein Wolfspaar regelmässig beobachtet. Mit dem ersten nachgewiesenen Nachwuchs ab 2012 entstand daraus das erste Wolfsrudel der Schweiz der Gegenwart. Die Region entwickelte sich damit zu einem frühen Beobachtungsraum für das Zusammenspiel von Beutegreifern, Schalenwild und Wald.

In den Jahren nach der Rudelbildung wurden im Einflussgebiet Rückgänge bei den Hirschbeständen beschrieben, während diese im übrigen Kanton zunahmen. Auch bei Reh und Gams zeigten sich Veränderungen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Zahl der gerissenen Tiere. Wichtiger ist der indirekte Effekt: Schalenwild nutzt Einstände anders, bleibt weniger lange an denselben Orten und bewegt sich häufiger. Dadurch verteilt sich der Verbiss räumlicher und konzentriert sich weniger stark auf einzelne Waldflächen.

Forstleute berichteten aus dem Gebiet, dass wieder vermehrt Weisstannen und anderer Jungwuchs sichtbar wurden, teilweise in Altersstufen, die zuvor jahrzehntelang kaum vorhanden waren. Diese Beobachtungen decken sich mit Erkenntnissen aus anderen Regionen mit dauerhafter Präsenz von Beutegreifern wie Wolf und Luchs.

Faktenbox: Wolf, Wald und Wild auf einen Blick

  • Wolfsrudel können lokal die Bestände von Hirsch, Reh und Gams senken
  • Das Verhalten von Schalenwild verändern
  • Konzentrierten Verbiss an Jungbäumen reduzieren
  • Können Schutzwälder entlasten, abhängig von Region und Ausgangslage

Wichtig ist, dass sich Effekte erst über Jahre bis Jahrzehnte zeigen und nicht innerhalb einzelner Jagdsaisons messbar sind.

Was sich seit 2017 verändert hat

Seit 2017 hat sich die Situation deutlich verschoben. Die Zahl der Wolfsrudel in der Schweiz ist stark gestiegen. Im Monitoringjahr 2025/26 (01.02.2025 bis 31.01.2026) waren per 19.11.2025 bislang 41 Rudel bestätigt, davon 31 vollständig in der Schweiz und 10 grenzüberschreitend. Parallel dazu wurde das Jagdrecht angepasst.

Mit der Einführung der präventiven Wolfsregulierung in der Schweiz können Kantone unter bestimmten Voraussetzungen Abschüsse beantragen. Diese Entwicklung wird auf wildbeimwild.com kritisch begleitet und in mehreren Beiträgen zur Wolfsregulierung und zum Jagdgesetz eingeordnet.

Update-Box: Was sich seit 2017 geändert hat

  • Deutlich mehr Wolfsrudel in der Schweiz
  • Neue gesetzliche Grundlagen zur präventiven Regulierung
  • Stärker polarisierte politische Debatte
  • Mehr Fokus auf Abschüsse, weniger auf Waldfragen

Die ökologischen Mechanismen sind gleich geblieben, das politische Umfeld nicht.

Was das für den Wald bedeutet

Für die Waldentwicklung sind drei Faktoren entscheidend: die Dichte des Schalenwilds, dessen räumliche Nutzung und die Struktur des Waldes selbst. Beutegreifer beeinflussen vor allem die ersten beiden Punkte. Sie senken lokal Bestände und verändern das Verhalten der Tiere. Ob daraus eine messbare Verbesserung der Waldverjüngung entsteht, hängt jedoch auch von Klima, Baumarten, Jagdpraxis und bestehenden Waldschäden ab.

Der Wolf ist damit weder Allheilmittel noch Fremdkörper. Er wirkt als ein ökologischer Faktor unter vielen. Gerade in Regionen mit langjährig hohem Wilddruck kann seine Präsenz Prozesse anstossen, die für den Wald relevant sind.

Häufige Fragen

Greifen Wölfe Menschen an?
Angriffe auf Menschen kommen selten vor. In der Schweiz stehen Konflikte fast ausschliesslich im Zusammenhang mit Nutztieren, Hobby-Jägern, Hunden oder mit falschen Erwartungen an das Verhalten von Wildtieren. In der Schweiz sind dokumentierte Zwischenfälle aussergewöhnlich.

Nehmen Wölfe der Hobby-Jagd das Wild weg?
Wildbestände werden durch viele Faktoren beeinflusst. Verkehr, Landwirtschaft, Krankheiten, Lebensraumverlust und die Hobby-Jagd spielen eine grössere Rolle als ein einzelner Beutegreifer. Eine vertiefte Analyse dazu findet sich in Beiträgen zum Mythos Konkurrenz zwischen Wolf und Hobby-Jagd auf wildbeimwild.com.

Sind Abschüsse eine Lösung für Nutztierrisse?
Herdenschutz bleibt zentral. Die Wirksamkeit von Abschüssen hängt stark von Zielgenauigkeit, Zeitpunkt und begleitenden Massnahmen ab. Warum Herdenschutzmassnahmen oft wirksamer sind als Abschüsse, wird in eigenen Bildungsartikeln auf wildbeimwild.com erklärt.

Wolfsrudel können lokal dazu beitragen, den Wilddruck zu senken und das Verhalten von Schalenwild zu verändern. Beides kann Schutzwälder entlasten und die natürliche Waldverjüngung begünstigen. Seit 2017 hat sich die Schweiz jedoch in eine Phase intensiver Regulierung begeben. Gerade deshalb ist es wichtig, den Blick nicht nur auf Konflikte und Abschüsse zu richten, sondern auch auf die langfristigen ökologischen Zusammenhänge. Für den Wald bleibt der Wolf ein relevanter Teil des Systems.

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