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Kriminalität & Jagd

Mit einem Lächeln neben dem Kadaver

Was Hobby-Jägerfotos mit toten Wildtieren über uns als Gesellschaft verraten.

Redaktion Wild beim Wild — 2. Dezember 2025

Es sind Bilder, die viele Menschen instinktiv schockieren: Ein Hobby-Jäger, breit lächelnd, die Hand im blutigen Fell, der Stiefel auf dem Leib eines Tieres, daneben sauber drapiert das Gewehr.

Für die einen ist das «Tradition» und «Waidmannsehre». Für die anderen wirkt es, als würde sich jemand zum Prahlen mit einem Gewaltopfer zum Selfie treffen.

Die Frage liegt auf der Hand: Was sagt es über einen Menschen aus, wenn er sich mit einem getöteten Wildtier fotografieren lässt, und was über eine Gesellschaft, die solche Bilder normal findet?

Wenn der Tote zur Kulisse wird

In fast allen Kulturen gibt es ungeschriebene Regeln im Umgang mit Toten. Man ist leise, respektvoll, zurückhaltend. Niemand käme auf die Idee, sich lachend mit dem verstorbenen Grossvater im offenen Sarg für Instagram zu positionieren.

Genau dieses Unbehagen springt viele an, wenn sie Trophäenbilder aus der Hobby-Jagd sehen.

Die Mechanik ist in beiden Fällen ähnlich:

  • Ein Lebewesen wurde getötet.
  • Sein Körper wird in Szene gesetzt.
  • Der Täter präsentiert sich als Sieger.

Der entscheidende Unterschied: Beim Wildtier ist diese Inszenierung nicht nur legal, sie wird in Teilen der Jagdcommunity ausdrücklich erwartet und gefeiert. Während ein Polizist oder Soldat, der sich mit getöteten Menschen grinsend ablichten lässt, zu Recht als untragbar und gefährlich gelten würde, gilt der Hobby-Jäger mit seiner «Strecke» vielen als «waidgerecht» und «erfolgreich».

Macht, Identität und das Bild vom Sieger

Trophäenfotos sind mehr als private Erinnerungen. Sie sind Botschaften. Wer sich mit einem toten Tier abbildet, kommuniziert immer auch:

Ich habe dieses Lebewesen überwunden. Ich bin stärker. Ich habe gesiegt.

Das Bild stützt die eigene Identität. Der Hobby-Jäger zeigt sich als Herr über Leben und Tod, als jemand, der «es kann». In einer Zeit, in der traditionelle männliche Rollenbilder ins Wanken geraten, bietet die Hobby-Jagd vielen eine klare Bühne: Hier gibt es Hierarchien, hier wird nicht diskutiert, hier wird entschieden.

Das tote Tier ist Kulisse und Beweis zugleich. Die romantische Jagd mit Lanze und Lagerfeuer ist Geschichte. Der moderne Hobby-Jäger arbeitet effizient, das Wildtier soll keine Chance haben, den Termin zu verpassen.

Nützlich sind zum Beispiel:

  • Zielfernrohre, die mehr können als so mancher Amateurastronom.
  • Nachtsichtgeräte, Wärmebildkameras, Lockruf-Apps, GPS-Halsbänder, Wildkameras.
  • Geländewagen, die aussehen, als ginge es in den Krieg oder mindestens ins nächste Offroad-Werbevideo.

Am Ende ist trotzdem von «fairer Jagd» und «Naturverbundenheit» die Rede. Fair heisst hier: Der eine hat alles, der andere hat Fell.

Selektive Empathie und die Sprache der Jagd

Psychologisch lässt sich in solchen Bildern ein Mechanismus beobachten, den Fachleute selektive Empathie nennen. Ein und derselbe Mensch kann seinen Hund vergöttern und Tränen in den Augen haben, wenn dieser leidet, während das Reh im Wald zum «Stück», zur «Strecke» oder zum «Bestand» degradiert wird.

Die Sprache verrät viel:

  • Wildschwein, Fuchs oder Reh werden zu «Schadensverursachern».
  • Abschusszahlen heissen «Streckenstatistik».
  • Das getötete Tier wird zur «Trophäe».

Wo ein Lebewesen sprachlich zum Objekt wird, fällt es leichter, Empathie abzuschalten. Das ist kein Zufall, sondern ein psychologischer Schutzmechanismus. Wer töten will oder muss, darf sich nicht zu viel mit der Perspektive des Opfers beschäftigen. Die Kamera wird dann nicht nur zum Dokumentationswerkzeug, sondern auch zur Distanzmaschine.

Anerkennung in der Blase

In der jagdlichen Parallelwelt funktionieren Trophäenbilder wie eine Währung. Sie bringen:

  • Anerkennung in der Jagdgruppe
  • Status («So ein Stück schiesst nicht jeder»)
  • «Waidmannsheil» in Foren und Chatgruppen

Wo Applaus wartet, entsteht kaum Scham. Wer in dieser Blase sozialisiert wird, lernt früh: Es ist nicht nur erlaubt, sich mit Kadavern zu inszenieren, es ist sogar etwas, auf das man stolz sein soll.

Der Blick von aussen ist ein anderer. Für grosse Teile der Bevölkerung wirkt die Ästhetisierung des toten Tieres inzwischen befremdlich, ja abstossend. Die Kluft zwischen jagdlicher Binnenmoral und allgemeinem Wertewandel wächst. Trophäenfotos sind ein sichtbares Symptom dieses Risses.

Das stille Training zur Abstumpfung

Wer Tiere tötet, muss sein Mitgefühl zumindest situativ dämpfen. Das gehört zum Handwerk der Hobby-Jagd. Kritisch wird es, wenn diese Dämpfung zur Gewohnheit, zur Haltung wird.

Der Ablauf ist meist ähnlich:

  1. Ziel anvisieren
  2. Schuss abgeben
  3. Leiden des Tieres ignorieren oder kleinreden
  4. Körper richten
  5. Posieren

Dieser Ablauf ist nicht nur technisch, sondern auch emotional. Er trainiert Distanz. Wer immer wieder lernt, Leid auszublenden, verhärtet sich. Das ist kein Naturgesetz, aber ein Risiko.

Besonders heikel wird es, wenn Kinder früh in diese Praxis hineingezogen werden. Sie lernen: Leid ist nebensächlich, wichtig sind Beute und Lob der Erwachsenen. Ob das eine Form von Charakterbildung ist, auf die eine empathische Gesellschaft setzen sollte, ist zumindest fraglich.

Doppelstandards unserer Moral

Stellen wir gedanklich das Trophäenfoto aus der Hobby-Jagd in einen anderen Kontext:

  • Ein Soldat, lächelnd mit getöteten Gefangenen.
  • Ein Polizist, posierend mit erschossenen Zivilisten.
  • Ein Tierquäler, der sich mit bewusst verletzten Haustieren fotografiert.

In all diesen Fällen wäre die Empörung enorm. Es gäbe Strafverfahren, Disziplinarmassnahmen, psychologische Gutachten.

Warum? Weil wir bei Menschen und bei Haustieren intuitiv anerkennen, dass sie Individuen mit einem Anspruch auf Respekt sind. Wer sich mit ihrem Tod schmückt, gilt nicht nur als geschmacklos, sondern als moralisch hoch problematisch.

Beim Wildtier ist das oft anders. Hier wirkt das gleiche Muster für viele noch immer «normal», «traditionell» oder gar «romantisch». Die Frage ist, ob das Ausdruck einer gesunden Tradition ist oder eines blinden Flecks unserer Moral.

Rechtlicher Blick: Würde des Tieres und Schutz der Kinder

Die Schweizer Rechtsordnung schützt nicht nur «nützliche» Tiere. Das Tierschutzgesetz kennt ausdrücklich die Würde des Tieres. Es anerkennt den Eigenwert des Tieres, der geachtet werden muss.

Diese Würde ist nicht nur verletzt, wenn ein Tier Schmerzen oder Leiden ertragen muss, sondern auch, wenn es erniedrigt oder rein als Objekt zur Selbstdarstellung instrumentalisiert wird. Trophäenbilder, die das getötete Tier zur Kulisse des eigenen Triumphes machen, berühren genau diesen Bereich: Der Körper dient als Requisit, damit der Mensch sich als Sieger inszenieren kann.

Kinder als Publikum: Schutz vor Gewalt an Tieren

Völkerrechtlich ist die Lage klarer, als vielen bewusst ist. Die UN-Kinderrechtskonvention schützt Kinder vor physischer und psychischer Gewalt. Der zuständige Ausschuss hat 2023 bekräftigt, dass Kinder auch vor Gewalt geschützt werden müssen, die Tieren angetan wird und die sie miterleben oder als Medieninhalte konsumieren.

Staaten wie die Schweiz haben damit eine klare Schutzpflicht: Sie müssen Kinder vor schädigenden Gewalterfahrungen bewahren. Dazu gehört auch die Konfrontation mit realer Gewalt an Tieren.

Artikel 135 Strafgesetzbuch zu Gewaltdarstellungen verfolgt genau dieses Ziel. Er soll insbesondere Minderjährige vor grausamen oder grausam wirkenden Gewaltszenen schützen, die abstumpfen, verunsichern oder psychisch belasten können.

Der verfassungsrechtliche Schutz von Kindern und Jugendlichen ist zusätzlich in Artikel 11 der Bundesverfassung verankert. Er verpflichtet Bund und Kantone, Kinder in besonderem Masse zu schützen und zu fördern. Angesichts dieser Normen wirkt es widersprüchlich, dass brutale Jagd- und Trophäenbilder, die reale Gewalt an realen Lebewesen zeigen, im Netz weitgehend unreguliert kursieren, während der Jugendschutz bei Film, Fernsehen und Games laufend verschärft wird.

Kinder als Statisten: Persönlichkeitsrechte und Recht am eigenen Bild

Noch gravierender wird es, wenn Kinder nicht nur als passive Zuschauer, sondern als Statisten solcher Tötungsinszenierungen auftreten.

Wenn Minderjährige mit blutverschmierten Händen und toten Tieren im Arm auf Vereinsseiten oder Social Media erscheinen, geht es nicht nur um Geschmack. Kinder haben ein Recht am eigenen Bild und ein Persönlichkeitsrecht, das sie vor entwürdigenden Darstellungen schützt. Sie können nicht überblicken, was es bedeutet, ein Leben lang mit solchen Szenen im Netz verknüpft zu sein, weil Eltern oder ein Verein das für sie entschieden haben.

Es ist schwer zu rechtfertigen, Kinder in diesem Alter als Dekoration von Gewaltbildern einzusetzen, deren Sinn darin besteht, Jagderfolg und Tötungsmacht zu feiern.

Bewertung aus Sicht der IG Wild beim Wild

Aus Sicht der IG Wild beim Wild sind Erlegerbilder im Internet deshalb alles andere als harmlose Jagdfolklore. Verbandswebseiten und soziale Medien werden täglich von Kindern und Jugendlichen genutzt, meist ohne Alterskontrollen oder Warnhinweise.

Wer in diesem Umfeld blutige Bilder getöteter Tiere als persönlichen Triumph inszeniert und weitere Einsendungen aktiv einfordert, nimmt aus Sicht der IG systematisch folgende Risiken in Kauf:

  • Desensibilisierung gegenüber Gewalt an Tieren
  • Schädigung des kindlichen Empathievermögens
  • Normalisierung eines Umgangs mit Wildtieren, der sie zu Objekten von Spass, Macht und Prestige degradiert

Der rechtliche Rahmen zu Würde des Tieres, Kinderrechten und Jugendschutz zeigt: Es geht hier nicht nur um Stilfragen, sondern um grundlegende Werte und Schutzpflichten.

Was die Forschung zu Erlegerbildern zeigt

Die gesellschaftliche Ablehnung von Trophäenbildern ist keine Bauchgefühlsbehauptung. In einer 2024 veröffentlichten repräsentativen Studie zur Wahrnehmung sogenannter Erlegerbilder in sozialen Medien durch die nicht jagende Generation Z wurden 1 050 volljährige Personen online befragt.

Die Ergebnisse:

  • Zwischen 96,1 und 98,5 Prozent der Bewertungen der gezeigten Erlegerbilder fielen negativ aus, nur 1,5 bis 3,9 Prozent waren positiv.
  • 69 Prozent der Befragten gaben an, grundsätzlich keine Erlegerbilder in sozialen Netzwerken sehen zu wollen.
  • 73,3 Prozent befürworteten eine Kennzeichnung solcher Bilder mit einem Warnhinweis.
  • Spontane Begriffe der Teilnehmenden waren etwa «Verachtung», «trophäengeile Leute», «empathielos» oder «Gewalt».

Diese Resultate belegen, dass die öffentliche Zurschaustellung von Trophäenbildern das Image der Hobby-Jagd nachhaltig beschädigt. Wer glaubt, mit Kadaverfotos die gesellschaftliche Akzeptanz der Jagd zu stärken, erreicht nach diesen Daten genau das Gegenteil.

(Quelle: Christine Fischer, «Repräsentative Studie: Erlegerbilder in sozialen Medien schaden dem Ansehen der Jagd!», Blog HIRSCH&CO, 2. November 2024)

Zeit, die Perspektive zu wechseln

Man muss nicht jedes Trophäenfoto pathologisieren, um zu erkennen, was es ausdrückt. Solche Bilder verraten:

  • eine starke Orientierung an Dominanz und Kontrolle
  • die Bereitschaft, Leid und Angst des Tieres auszublenden
  • ein Wertesystem, in dem Wildtiere primär Ressource und Statusobjekt sind
  • eine Community, die genau diese Inszenierung belohnt

Ob man das akzeptabel findet, ist letztlich eine gesellschaftliche Entscheidung. Wer solche Bilder kritisiert, greift nicht nur einzelne Hobby-Jäger an, sondern ein gesamtes moralisches Weltbild.

Vielleicht ist es an der Zeit, die einfache Frage zu stellen, die Kinder oft ganz unbefangen formulieren würden:

Warum lachst du, wenn da jemand tot ist?

Diese Frage entlarvt vieles. Sie durchschneidet Folklore, Jagdromantik und Fachbegriffe. Sie zwingt dazu, ehrlich zu werden: Geht es hier wirklich um Naturschutz, Bestandsregulierung und Verantwortung, oder am Ende doch um den Kick des Tötens und das gute Gefühl, als Sieger vor der Kamera zu stehen?

Eine moderne, empathische Gesellschaft sollte sich nicht damit begnügen, dass der Kadaver im Bild «nur» ein Wildtier ist. Wer den Tod feiert, sendet immer eine Botschaft über sein eigenes Verhältnis zu Leben und Leid.

Die entscheidende Frage lautet: Wollen wir, dass genau diese Botschaft unser Bild von «Tradition» prägt, oder ist es Zeit, diese Tradition zu beenden?

Mehr dazu im Dossier: Psychologie der Jagd

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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