Kinder und Hobby-Jagd in der Schweiz: Recht, Risiken und Psychologie
Warum ein Mindestalter für die Beteiligung an Tötungshandlungen überfällig ist.
In der Schweiz gibt es kein einheitliches Mindestalter für die Beteiligung von Kindern an Tötungshandlungen auf der Hobby-Jagd, obwohl die entwicklungspsychologische Forschung klar vor den Folgen warnt.
Die Hobby-Jagdlobby stellt die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen als pädagogisch wertvoll dar. Entwicklungspsychologinnen und Tierschutzorganisationen widersprechen: Die Konfrontation von Kindern mit Tötungshandlungen und Gewalt gegen Tiere kann bleibende psychologische Spuren hinterlassen und normalisiert Gewalt als akzeptables Mittel. In mehreren Kantonen ist es legal und üblich, Kinder als Zuschauer, Treiber und in manchen Fällen sogar als aktive Schützen an der Hobby-Jagd zu beteiligen.
Was erlaubt das Schweizer Recht?
Das Schweizer Jagdrecht (JSG und kantonale Ausführungsbestimmungen) enthält keine einheitliche, bundesweite Regelung zum Mindestalter für die Beteiligung an der Hobby-Jagd. Das Jagdpatent kann in den meisten Kantonen ab 18 Jahren erworben werden, in einzelnen Kantonen liegt die Altersgrenze noch höher. Das sagt aber nichts darüber aus, ob Kinder jüngeren Alters an Hobby-Jagden als Begleitpersonen oder Treiber teilnehmen dürfen.
In mehreren Kantonen gibt es explizite Jugendprogramme, die Kinder an die Hobby-Jagd heranführen. Dabei werden Minderjährige auf Schiessstände mitgenommen und bei Jagdveranstaltungen einbezogen. Das Dossier Jagd und Kinder zeigt, dass eine systematische rechtliche Schutzregelung fehlt und der Einbezug von Kindern in Tötungshandlungen weitgehend im Ermessen der Jagdgesellschaften liegt.
Was ist der Unterschied zwischen Begleitung und aktiver Teilnahme?
Die Hobby-Jagdlobby unterscheidet zwischen passiver Begleitung, bei der Kinder beobachten, wie Erwachsene jagen, und aktiver Beteiligung, also dem eigenständigen Schiessen auf Wildtiere. In der Praxis verschwimmt diese Grenze. Kinder, die bei Treibjagden als Treiber eingesetzt werden, sind physisch in den Jagdprozess integriert. Sie stehen Blut, verletzten Tieren und Tötungshandlungen unmittelbar gegenüber, unabhängig davon, ob sie selbst schiessen oder nicht.
Die Hobby-Jagd als Event dokumentiert, wie Jagdgesellschaften die soziale Einbindung von Kindern gezielt fördern: als Nachwuchssicherung für eine schrumpfende Hobby-Jagdgemeinde.
Was sagen Entwicklungspsychologinnen und Entwicklungspsychologen?
Die entwicklungspsychologische Forschung zu Gewalt und Kinderentwicklung ist umfangreich. Arbeiten von Frank Ascione und Clifton Flynn dokumentieren, dass Gewalt an Tieren im Kindesalter mit verringerter Empathie und späteren Verhaltensproblemen zusammenhängt. Der Mechanismus ist bekannt: Wenn ein Kind lernt, dass Töten zu Stolz und Anerkennung führt, wenn der Vater nach dem Abschuss gelobt wird und das Kind Teil dieser Feier ist, wird Töten als positiv besetzte Handlung verankert.
Psychologie der Jagd erklärt, dass die Hobby-Jagdkultur Mitgefühl mit Tieren aktiv als Schwäche wertet. Kinder, die in diesem Umfeld aufwachsen, lernen früh, Empathie zu unterdrücken und Tierleid zu rationalisieren.
Wie beeinflusst die Hobby-Jagdkultur Kinder?
Kinder lernen durch Rollenvorbilder. Wenn Erwachsene Tiere mit Waffen töten und das als natürlich, traditionell und gesellschaftlich akzeptiert darstellen, übernehmen Kinder dieses Weltbild. Die Hobby-Jagd schafft dabei einen geschlossenen Erfahrungsraum: Rituale wie das «Schüsseltreiben» nach der Hobby-Jagd, die Trophäenübergabe oder die gemeinsame Begehung der Strecke (der gelegten Tiere) sind soziale Initiation, bei der Töten als Gemeinschaft stiftende Handlung erlebt wird.
Das ist psychologisch wirksam, und genau das ist das Problem. Was als «Naturerziehung» vermarktet wird, ist in erster Linie die frühe Normalisierung eines Verhaltens, das ohne diesen Kontext als Tierquälerei gewertet würde. Alternativen wie Wildtierbeobachtung, Spurensuche und ökologische Bildung vermitteln Naturverbundenheit ohne Gewalt.
Welche Risiken entstehen durch den Kontakt mit Waffen?
Kinder in der Nähe von Schusswaffen sind einem erhöhten Unfallrisiko ausgesetzt. Jagdunfälle in der Schweiz belegen, dass Hobby-Jagdunfälle regelmässig in Situationen entstehen, die als kontrolliert gelten: am Hochsitz, bei der Treibjagd, im Morgengrauen. Kinder, die bei solchen Anlässen dabei sind, sind Mitbetroffene im Falle eines Unfalls. Gleichzeitig normalisiert der frühe Kontakt den Umgang mit Waffen als Freizeitinstrument.
Ein Vorfall in Kärnten im Oktober 2025, bei dem ein 16-jähriger Jugendlicher während einer Treibjagd von Schrotkugeln getroffen wurde, zeigt, wie realistisch diese Risiken sind. Das Alter schützt nicht automatisch: Die Gefahr entsteht durch die Situation, nicht durch das Alter des Beteiligten.
Wie stellt die Hobby-Jagdlobby den Einbezug von Kindern dar?
JagdSchweiz und kantonale Jagdverbände argumentieren, dass die Hobby-Jagd Kindern beibringt, woher Fleisch kommt, und Respekt vor der Natur fördert. Diese Argumentation greift systematisch zu kurz: Das Wissen um Nahrungsketten lässt sich ohne Tötungshandlungen vermitteln. Respekt vor Natur entsteht nicht durch Tötung, sondern durch Beobachtung, Verständnis und Schutz.
Jagdmythen deckt auf, wie solche Narrative die eigentliche Funktion verschleiern: Es geht nicht um Naturpädagogik, sondern um Nachwuchsrekrutierung für eine schrumpfende Freizeitgemeinschaft.
Was fordert die UN-Kinderrechtskonvention?
Der UN-Kinderrechtsausschuss hat 2023 mit «General Comment No. 26» unmissverständlich festgehalten: Kinder müssen vor allen Formen physischer und psychischer Gewalt geschützt werden, einschliesslich der Konfrontation mit Gewalt gegen Tiere. Die Schweiz ist als Vertragsstaat der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet, dieses Recht wirksam zu gewährleisten. Das bedeutet: Die passive und aktive Teilnahme von Minderjährigen an Hobby-Jagdtätigkeiten steht im Widerspruch zu geltendem Völkerrecht.
Gibt es politische Vorstösse und internationale Vorbilder?
Polen hat 2018 als erstes Land Europas Minderjährigen die Teilnahme an Hobby-Jagden kategorisch untersagt. Das Verbot kam nach jahrelangem Druck von Kinderpsychologinnen, Pädagogen und Tierschutzorganisationen zustande. In der Schweiz sind konkrete parlamentarische Vorstösse für ein Mindestalter auf Bundesebene bisher ausgeblieben. Auf kantonaler Ebene gibt es vereinzelte Diskussionen, aber keine flächendeckende Gesetzgebung. Mustertexte für jagdkritische Parlamentsvorstösse bieten Kantonsrätinnen und -räten konkrete Formulierungshilfen für entsprechende Initiativen.
Petition: Hobby-Jäger bestrafen, die Minderjährige teilnehmen lassen
Die IG Wild beim Wild hat eine Petition an Bundesrat Albert Rösti lanciert. Sie fordert ein ausdrückliches Verbot der Teilnahme von Minderjährigen an der Hobby-Jagd auf Bundesebene, sowohl in aktiver Form (Mitjagen, Schiessen, Nachsuche) als auch in passiver Form (Anwesenheit bei Tötungshandlungen). Hobby-Jäger und jagdliche Organisationen, die Minderjährige an der Hobby-Jagd teilnehmen lassen, sollen konsequent sanktioniert werden. Die Petition stützt sich auf die Empfehlungen des UN-Kinderrechtsausschusses im «General Comment No. 26» und auf die zahlreichen entwicklungspsychologischen Erkenntnisse zu den Folgen von Gewaltkonfrontation im Kindesalter.
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Fazit
Der Einbezug von Kindern in die Hobby-Jagd ist in der Schweiz kaum reguliert. Während die Entwicklungspsychologie klare Warnungen formuliert und Tierschutzrecht den Schutz aller Lebewesen fordert, fehlt ein einheitlicher Schutzrahmen für Minderjährige in Hobby-Jagdkontexten. Was als Tradition und Naturerziehung vermarktet wird, ist aus wissenschaftlicher Sicht die frühe Normalisierung von Gewalt gegen Tiere. Ein Mindestalter für die Beteiligung an Tötungshandlungen wäre eine vergleichsweise bescheidene, aber wirkungsvolle Massnahme.
Quellen
- Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG), SR 922.0
- Verordnung über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSV), SR 922.01
- Tierschutzgesetz (TSchG), SR 455
- UN-Kinderrechtsausschuss, General Comment No. 26 (2023)
- Ascione, F. R. (1993): Children Who Are Cruel to Animals: A Review of Research and Implications for Developmental Psychopathology. Anthrozoos, 6(4), 226–247
- Flynn, C. P. (1999): Animal Abuse in Childhood and Later Support for Interpersonal Violence in Families. Society & Animals, 7, 161–172
- Flynn, C. P. (1999): Exploring the Link between Corporal Punishment and Children’s Cruelty to Animals. Journal of Marriage and the Family, 61, 971–981
- Deutsches Bundesjagdgesetz (BJagdG), § 16
