Rund 30’000 Hobby-Jägerinnen und Hobby-Jäger sind in der Schweiz aktiv. Einige von ihnen reisen dafür um die halbe Welt. In Jagdreise-Katalogen werden Steinböcke im Wallis, Hirsche in Osteuropa und Antilopen in Südafrika als buchbare Erlebnispakete angeboten. Jagdmessen wie die «JAGD & HUND» in Dortmund – Europas grösste Jagdmesse – bündeln diesen Markt jährlich in einem Messezentrum, in dem Waffenhändler, Reiseveranstalter und Trophäenpräparatoren Seite an Seite ausstellen.
Was von der Hobby-Jägerschaft als «Naturverbundenheit», «Hege» und «Wildbestandsregulierung» vermarktet wird, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als eine globale Freizeitindustrie, die Tiere nach Trophäenwert und Zahlungsbereitschaft sortiert, Patentjagd-Kantone als exklusive Jagdreviere für ausländische Gäste nutzt, auf Jagdmessen Gewalt gegen Wildtiere als Lifestyle-Produkt ästhetisiert und das Argument des «Artenschutzes» instrumentalisiert, um eine Praxis zu verteidigen, die von einer breiten Bevölkerungsmehrheit abgelehnt wird.
Die Organisation Tier im Recht bezeichnet den Hobby-Jagdtourismus als «fragwürdig und höchst problematisch» und dokumentiert, dass sich auch Schweizerinnen und Schweizer regelmässig an Trophäenjagden auf exotische Tierarten beteiligen und deren Trophäen in die Schweiz einführen. ProTier kritisiert, dass einzelne Schweizer Kantone Abschusslizenzen für begehrte Arten wie den Steinbock an zahlungskräftige ausländische Jagdgäste vergeben, teils mit Helikoptertransport ins Revier, teils für fünfstellige Frankenbeträge. Eine breite Bevölkerungsmehrheit in der Schweiz lehnt Trophäenjagd ab und befürwortet ein Importverbot für Jagdtrophäen. Dieses Dossier dokumentiert die Fakten, benennt die wirtschaftlichen Mechanismen und ethischen Widersprüche und zeigt, warum Hobby-Jagdtourismus kein Nischenthema ist, sondern ein Brennglas auf das, was Hobby-Jagd im Kern ist.
Was dich hier erwartet
- Vom Erlebnis zum Paket: Wie Hobby-Jagdtourismus funktioniert. Wie Jagdreise-Veranstalter Wildtiere als buchbare Produkte vermarkten, was in den Katalogen steht und was das über das Selbstverständnis der Hobby-Jagd aussagt.
- Patentjagd-Kantone und Steinbock-Trophäen. Wie Jagdtourismus in der Schweiz funktioniert, welche Kantone ausländische Jagdgäste anziehen, welche sie abschrecken – und warum der Unterschied politisch entscheidend ist.
- Trophäenjagd im Ausland: Preislisten, Safaris, Trophäenimporte. Was in den Katalogen von Safari-Outfittern steht, welche Beträge für einzelne Tiere bezahlt werden und was Schweizerinnen und Schweizer mit Jagdtrophäen nach Hause bringen.
- JAGD & HUND und andere Messen: Wie eine Branche sich selbst feiert. Wie Jagdmessen Jagdreisen normalisieren, wer ausstellt, was beworben wird und warum Jagdmessen das öffentliche Bild der Hobby-Jagd prägen.
- Ökonomie des Jagdtourismus: Wer verdient, wer zahlt den Preis? Warum das Wertschöpfungs-Argument nicht trägt, wohin das Geld fliesst und welche Alternativen existieren.
- Tier-Ethik: Wenn der Wert eines Lebens an seiner Trophäe hängt. Was es bedeutet, Tiere nach Trophäenwert zu sortieren, warum das mit modernem Tierschutzdenken unvereinbar ist und was Umfragen zur Haltung der Bevölkerung sagen.
- «Schutz durch Nutzung»: Das beliebteste Argument und seine Schwächen. Warum die Jagdlobby auf Artenschutzrhetorik setzt, was an der Logik nicht stimmt und welche Alternativen existieren.
- Was sich ändern müsste: Konkrete politische Forderungen: Importverbot für Trophäen, Einschränkung von Patentjagd-Lizenzen für Ausländer, Regulierung von Jagdmessen.
- Argumentarium: Antworten auf die häufigsten Rechtfertigungen der Hobby-Jagd-Lobby.
- Quicklinks: Alle relevanten Beiträge, Studien und Dossiers auf einen Blick.
Vom Erlebnis zum Paket: Wie Hobby-Jagdtourismus funktioniert
Jagdreise-Veranstalter bieten ihre Produkte heute so an wie Ferienkataloge Strandurlaub: mit Buchungsformularen, Bewertungen, Bildergalerien und Paketpreisen. Auf den Websites von Anbietern wie Jagdreisen Fabrig oder internationalen Safari-Outfittern finden sich Angebote in mehr als 20 Ländern auf fünf Kontinenten. Inklusive sind Revierzugang, Unterkunft, Führung durch einen lokalen Jagdführer, Abschussrechte auf bestimmte Arten und die Trophäenpräparation. Wer möchte, kann auch den Export der Trophäe in die Heimat dazubuchen.jagdreisen-fabrig+1
Die Sprache der Kataloge ist aufschlussreich. Es geht um «Traumjagd», «Erfolgschancen», «Trophäenqualität» und «unvergessliche Erlebnisse». Wildtiere erscheinen darin nicht als Individuen mit eigenem Lebensinteresse, sondern als Leistungseinheiten, die je nach Art, Grösse und Seltenheit unterschiedlich viel kosten. Ein Wildschwein kostet weniger als ein Kudu, ein Kudu weniger als ein Büffel – und ein Büffel mit besonders eindrucksvollen Hörnern mehr als ein durchschnittlicher. Die Trophäe ist das Produkt; das Tier ist der Rohstoff.
Diese Logik ist nicht auf exotische Länder beschränkt. Sie gilt auch für Jagdangebote im deutschsprachigen Raum und in der Schweiz: Das Revier ist das «Erlebnis», die Abschussgebühr ist der Preis, und der erlegte Gamsbock, Hirsch oder Steinbock ist das, was der zahlende Gast nach Hause nimmt – entweder als Trophäe oder als Foto. Hobby-Jagdtourismus ist damit nicht die Ausnahme innerhalb der Jagdkultur, sondern ihre konsequenteste Zuspitzung: Was im heimischen Revier noch mit «Tradition» und «Hege» kaschiert werden kann, erscheint auf der internationalen Buchungsplattform in seiner nackten ökonomischen Logik.
Mehr dazu: Jagd in der Schweiz: Faktencheck, Jagdarten, Kritik und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest
Patentjagd-Kantone und Steinbock-Trophäen: Jagdtourismus in der Schweiz
In der Schweiz ist Jagdtourismus kein Randphänomen, sondern eine politisch geregelte, kantonal höchst unterschiedlich gehandhabte Praxis. Im Zentrum stehen die Patentjagd-Kantone – also jene Kantone, in denen Jagdpatente nicht an Pächter vergeben, sondern behördlich zugeteilt werden – und besonders begehrte Arten wie Steinbock, Gämse und Birkhuhn. Einzelne Kantone haben erkannt, dass ausländische Jagdgäste bereit sind, für diese Trophäen erhebliche Summen zu zahlen.protier+1
ProTier dokumentiert, dass der Kanton Wallis in der Vergangenheit Abschusslizenzen für Steinwild an ausländische Jagdgäste vergeben hat, teils verbunden mit Helikoptertransport ins Hochgebirge, für Beträge im fünfstelligen Franken-Bereich. Ein objektiver Regulierungsbedarf für diese Abschüsse ist dabei nicht belegt; die Tiere sterben nicht, weil ihre Population problematisch gross wäre, sondern weil jemand bereit ist, dafür zu bezahlen. Auch im Wallis wurden ausländischen Jagdgästen zuletzt wieder Steinbock-Trophäenjagden ermöglicht – ein Entscheid, der politisch umstritten blieb und zu Diskussionen über die Verhältnismässigkeit solcher Lizenzvergaben führte.srf+1
Dass es auch anders geht, zeigt Graubünden. Gegenüber SRF erklärte ein Kantonsvertreter, man brauche keinen Jagdtourismus: Es gebe genug einheimische Jägerinnen und Jäger. Die Patentgebühren für Ausländer wurden entsprechend so hoch angesetzt, dass eine Teilnahme wirtschaftlich unattraktiv wird: Für Ausländer kostet ein Hochjagdpatent fast 14’629 Franken – rund das Zwanzigfache des Preises für Einheimische (760 Franken) und das Fünffache des Preises für Ausserkantonale (rund 2813 Franken). Dieses Beispiel zeigt, dass Jagdtourismus politisch steuerbar ist. Die Frage ist, ob der politische Wille vorhanden ist, ihn einzuschränken – oder ob Kantone weiterhin Wildtiere als exklusive Trophäenware für zahlungskräftige Gäste anbieten.
Mehr dazu: Der Wolf in Europa – wie Politik und Hobby-Jagd den Artenschutz aushöhlen und Mustertexte für jagdkritische Vorstösse in Kantonsparlamenten
Trophäenjagd im Ausland: Preislisten, Safaris und Trophäenimporte
Im Ausland tritt die Logik des Hobby-Jagdtourismus besonders deutlich zutage. Safari-Outfitter in Südafrika und Namibia veröffentlichen detaillierte Preislisten, in denen Tierarten mit festen Euro-Beträgen versehen sind. Antilopen, Wildschweine, Schakale, Grosswild: Alles hat seinen Tarif. Hinzu kommen Zuschläge je nach Trophäenklasse und Körpermass, separate Kosten für die Präparation und Gebühren für den Export der Trophäe in das Heimatland des Käufers. Für Büffel, Sable-Antilopen oder andere prestigeträchtige Arten werden für wenige Jagdtage Paketpreise im fünfstelligen Euro-Bereich aufgerufen.gross-okandjou+1
Die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) dokumentiert in einem Bericht zur Trophäenjagd, dass sich auch Schweizerinnen und Schweizer regelmässig an dieser Form des Jagdtourismus beteiligen und Trophäen exotischer Tiere in die Schweiz einführen. Die TIR bezeichnet diesen Tourismus als «fragwürdig und höchst problematisch» und hält fest, dass eine deutliche Mehrheit der Schweizer Bevölkerung die Tötung von Wildtieren allein zum Zweck der Trophäengewinnung ablehnt und ein Importverbot für Jagdtrophäen befürwortet. Was die zahlungskräftige Minderheit als Erlebnisreise und als legitime Freizeitbeschäftigung betrachtet, widerspricht damit einem gesellschaftlichen Konsens, der in der Schweiz deutlicher geworden ist.
Besonders problematisch ist die Selektion: Nicht kranke, schwache oder populationsbiologisch entbehrliche Tiere werden bevorzugt erlegt, sondern die stärksten, grössten und eindrucksvollsten Exemplare – weil sie die begehrten Trophäen liefern. Studien weisen darauf hin, dass diese Selektion nach Trophäenwert genetische Strukturen von Wildtierpopulationen langfristig verändern kann, weil dominante Individuen, die normalerweise die Fortpflanzung prägen, gezielt entfernt werden. Das ist kein Artenschutz. Es ist das Gegenteil davon.
Mehr dazu: Wildtiere, Todesangst und fehlende Betäubung: Warum Tierschutzrecht an der Waldgrenze endet und Bleimunition und Umweltgifte durch die Hobby-Jagd
JAGD & HUND und andere Messen: Wie eine Branche sich selbst feiert
Die Messe «JAGD & HUND» in Dortmund gilt als Europas grösste Jagdmesse. Jährlich verwandeln sich die Messehallen in das, was die Veranstalter selbst als «grösstes Revier Europas» bezeichnen: ein mehrtägiges Event, auf dem Waffen, Optik, Bekleidung, Geländewagen und Hunde neben internationalen Jagdreise-Anbietern ausgestellt werden. Die Jagd-Community trifft sich hier, bucht Safaris, vergleicht Waffenkataloge und tauscht sich über Trophäen aus. Begleitend preist die Gastgeberstadt Dortmund die Messe als wirtschaftlichen Impuls, der Hotels füllt, Gastronomie belebt und Tausende Besucherinnen und Besucher in die Stadt bringt.
Was in dieser Selbstbeschreibung fehlt, ist die Frage, was auf solchen Messen eigentlich beworben wird. Internationale Anbieter präsentieren Jagdreisen auf Tierarten, die in ihren Herkunftsländern teils stark gefährdet sind oder deren Bejagung ethisch und ökologisch höchst umstritten ist. Trophäenjagd auf Grosswild in Afrika, Hochgebirgsjagden in Zentralasien, Jagdreisen auf Bären in Osteuropa: All das findet zwischen Bierstand und Waffenvitrine seinen Markt. Die ethischen und tierschutzrechtlichen Fragen, die diese Praktiken aufwerfen, werden im offiziellen Messekommuniqué nicht gestellt. Was zählt, ist der Umsatz.
Jagdmessen erfüllen damit eine doppelte Funktion: Sie sind Marktplatz für eine globale Jagdindustrie, und sie sind Normalisierungsmaschine. Wer als Laie eine solche Messe besucht, erlebt Jagd als selbstverständliche Freizeitkultur mit eigener Modewelt, eigenen Stars und eigenem Lifestyle-Angebot. Die Tiere, auf die gejagt wird, sind in diesem Bild nicht präsent – ausser als Trophäen, Fellbesatz und Präparate. Die Messe zeigt Jagd so, wie die Jagdlobby sie sehen möchte: gross, attraktiv, modern. Was sie nicht zeigt, ist der Teil, der in Preislisten steht: das tote Tier als buchbare Leistungseinheit.
Mehr dazu: Erlegerbilder: Doppelmoral, Würde und der blinde Fleck der Hobby-Jagd und Psychologie der Jagd
Ökonomie des Jagdtourismus: Wer verdient, wer zahlt den Preis
Die Jagdlobby verteidigt Jagdtourismus regelmässig mit ökonomischen Argumenten: Jagdreisen brächten Wertschöpfung in ländliche Regionen, schüfen Arbeitsplätze und generierten Steuereinnahmen für Länder, die auf diese Einnahmen angewiesen seien. Das Argument klingt pragmatisch – es ist aber in wesentlichen Punkten selektiv und unvollständig.blog-dortmund+1
Erstens fliessen wesentliche Teile der Einnahmen nicht in die Regionen, in denen gejagt wird, sondern zu Jagdreise-Veranstaltern in den Herkunftsländern der Touristen, zu Ausrüsterfirmen und zu Lodge-Betreibern. Lokale Gemeinschaften in Jagdgebieten – insbesondere in Afrika – profitieren häufig nur in begrenztem Umfang von Jagdtourismus-Einnahmen, während sie die ökologischen und sozialen Folgen intensiver Bejagung ihrer Wildtierbestände tragen. Zweitens existieren für nahezu alle Regionen, die heute Jagdtourismus anbieten, gleichwertige oder wirtschaftlich attraktivere Alternativen: Wildtierbeobachtung, Naturfotografie, ökologischer Tourismus und Bildungsangebote können dieselben Einnahmen generieren – ohne dass dafür ein einziges Tier getötet werden muss. Die Behauptung, Jagdtourismus sei ökonomisch unverzichtbar, lässt sich empirisch nicht halten.
Drittens und entscheidend: Die Logik des «Schutz durch Nutzung» – auf die wir im nächsten Abschnitt detaillierter eingehen – koppelt den wirtschaftlichen Wert eines Tieres an die Möglichkeit, es zu töten. In dieser Rechnung sind Wildtiere nur so lange «wertvoll», wie sie als Trophäenware vermarktbar sind. Arten, die zu selten, zu klein oder zu unattraktiv für den Trophäenmarkt sind, tauchen in der ökonomischen Rechtfertigung des Jagdtourismus gar nicht auf. Das ist keine Naturschutzlogik; das ist eine Marktlogik, die sich Naturschutzrhetorik leiht.
Mehr dazu: Jagd und Tierschutz: Was die Praxis mit Wildtieren macht und Alternativen zur Jagd: Was wirklich hilft, ohne Tiere zu töten
Tier-Ethik: Wenn der Wert eines Lebens an seiner Trophäe hängt
Ein grosser Steinbock mit mächtigen Hörnern, ein kapitaler Hirsch mit schwerem Geweih, ein Kudu mit weit geschwungenen Hornspiralen: Je eindrucksvoller, desto teurer das Paket. Hobby-Jagdtourismus koppelt das Leben eines Tieres an seinen Trophäenwert – nicht an seinen Eigenwert als empfindungsfähiges Lebewesen, sondern an seine Verwertbarkeit als Dekorationsstück. Was wie eine ökonomische Selbstverständlichkeit klingt, ist aus tierethischer Sicht eine fundamentale Verschiebung der Wertvorstellungen: Schutz existiert nur für Tiere, die man töten und vermarkten kann. Tiere, die «nichts einbringen», sind in dieser Logik weniger wert.
Die Stiftung für das Tier im Recht hält fest, dass ein deutlicher Mehrheitswille in der Bevölkerung gegen Trophäenjagd steht. Die Vorstellung, geschützte, seltene oder besonders charismatische Tiere einzig deshalb zu töten, weil jemand ihre Hörner oder ihr Fell als Trophäe begehrt, widerspricht einem gewachsenen Mitgefühls- und Tierschutzstandard, der sich in den letzten Jahrzehnten in der Gesellschaft verankert hat. Besonders deutlich zeigt sich das bei prominenten Fällen: Als 2015 der Löwe Cecil in Simbabwe von einem amerikanischen Zahnarzt als Trophäe erlegt wurde, löste das weltweit Empörung aus. Die Reaktion zeigte, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung Tiere nicht mehr als Objekte betrachtet, deren Leben man käuflich erwerben kann.
Was für Löwen und Elefanten gilt, gilt aber ebenso für Steinböcke im Wallis, für Gämsböcke in den Alpen und für Hirsche in osteuropäischen Revieren. Der Mechanismus ist derselbe: Das Leben eines Tieres wird in einem Katalog bepreist. Der Unterschied liegt nur in der geografischen und medialen Sichtbarkeit. Hobby-Jagdtourismus normalisiert diese Logik, indem er sie buchbar, messbar und vermarktbar macht – und indem er ihr auf Jagdmessen einen festlichen Rahmen gibt.
Mehr dazu: Wildtiere, Todesangst und fehlende Betäubung: Warum Tierschutzrecht an der Waldgrenze endet und Wolf-Trophäenjagd: Wie EU-Verbote durch Schlupflöcher zur Farce werden
«Schutz durch Nutzung»: Das beliebteste Argument und seine Schwächen
«Schutz durch Nutzung» ist die meistgebrauchte Rechtfertigung für Trophäenjagd und Jagdtourismus. Das Argument lautet vereinfacht: Wenn Wildtiere für Jagdreisen Geld einbringen, haben lokale Gemeinschaften und staatliche Stellen einen ökonomischen Anreiz, Wildtiere und ihre Lebensräume zu schützen. Tiere sind nur dann sicher, wenn ihr Überleben sich rentiert. Diese Logik ist nicht vollständig falsch, aber sie ist selektiv, ethisch problematisch und empirisch weniger solide, als ihre Vertreter behaupten.
Das Grundproblem liegt im Mechanismus selbst: Schutz ist in dieser Logik nicht bedingungslos, sondern an die Möglichkeit geknüpft, zu töten. Ein Tier, das niemand als Trophäe begehrt, wird in dieser Kalkulation weniger geschützt. Eine Tierart, die ihren Trophäenwert verliert – weil sie zu selten wird, weil der Markt sich verschiebt, weil die Trophäenpreise fallen –, verliert damit auch ihren «Schutzwert». Das ist keine Naturschutzlogik, sondern die Anwendung von Marktmechanismen auf ökologische Systeme, was langfristig instabile und ethisch nicht haltbare Ergebnisse produziert. Zudem hängt die Wirkung entscheidend davon ab, wer das Geld erhält und ob es tatsächlich in Schutzmassnahmen fliesst – eine Frage, die in vielen Jagdtourismus-Regionen nicht befriedigend beantwortet ist.
Die Alternative existiert und funktioniert: In Botswana etwa wurde Jagdtourismus 2014 weitgehend verboten. Stattdessen wurde auf Fototourismus und Wildtierbeobachtung gesetzt. Die Einnahmen stiegen, die Wildtierpopulationen erholten sich, und das Land ist heute eines der erfolgreichsten Beispiele für nicht-tödlichen Naturtourismus. Das zeigt: «Schutz durch Nutzung» ist kein Naturgesetz, sondern eine politische Entscheidung – und eine, die sich revidieren lässt. Die Wahl zwischen «Trophäenjagd oder kein Schutz» ist eine falsche Dichotomie, die die Jagdlobby aus eigenem Interesse aufrechterhält.
Mehr dazu: Der Wolf in Europa – wie Politik und Hobby-Jagd den Artenschutz aushöhlen und Jagdmythen: 12 Behauptungen, die du kritisch prüfen solltest
Öffentliche Wahrnehmung: Was Jagdtourismus über die Jagd erzählt
Bilder von posierenden Trophäenjägern neben toten Löwen, Steinböcken oder Antilopen zirkulieren in sozialen Medien und erzeugen regelmässig öffentliche Empörung. Für die Jagdlobby sind solche Bilder ein Problem: Sie unterlaufen jedes Narrativ von «Demut», «Respekt» und «Verbundenheit mit der Natur», mit dem Jagdverbände ihre Tätigkeit beschreiben. Wer lächelnd neben einem toten Löwen für die Kamera posiert, macht sichtbar, was Hobby-Jagdtourismus in der Praxis bedeutet – und was er eben nicht bedeutet: Hege, Naturschutz, Verantwortung.
Selbst innerhalb der Jagdszene ist Jagdtourismus nicht unumstritten. Als Graubünden erklärte, keinen Jagdtourismus anzustreben und die Gebühren für ausländische Jagdgäste auf ein abschreckendes Niveau anzuheben, war das auch ein implizites Signal: Jagdtourismus beschädigt das Image der Jagd. Die Argumentation war aufschlussreich: Man brauche keine ausländischen Jagdgäste, weil es genug einheimische Jägerinnen und Jäger gebe. Was dabei offenbleibt: Wenn Jagdtourismus das Image der Jagd beschädigt, stellt sich die Frage, ob es sich dabei um ein Problem des Images handelt – oder um ein Problem der Sache selbst. Wer Wildtiere gegen Bezahlung töten lässt, betreibt eine Dienstleistung. Die Frage, ob diese Dienstleistung gesellschaftlich akzeptabel ist, kann nicht allein von der Jagdlobby beantwortet werden.
Dass die Bevölkerung diese Frage zunehmend kritisch beantwortet, zeigen Umfragen und politische Debatten in mehreren europäischen Ländern. In der Schweiz befürwortet eine Mehrheit ein Importverbot für Jagdtrophäen. In der EU wird seit Jahren über schärfere Einfuhrbeschränkungen für Trophäen geschützter Tierarten diskutiert. Wer Hobby-Jagdtourismus als gesellschaftlich irrelevant abtut, ignoriert, dass er öffentliche Debatten prägt und demokratische Mehrheiten gegen sich hat.
Mehr dazu: Die Hobby-Jagd als Event und Jäger-Lobby in der Schweiz: Wie Einfluss funktioniert
Was sich ändern müsste
- Importverbot für Jagdtrophäen in der Schweiz: Die Schweiz ist ein relevanter Importmarkt für Jagdtrophäen. Ein gesetzliches Importverbot, analog zu Vorstössen in der EU, setzt ein klares Signal, dass die Schweiz nicht länger Abnehmer für Trophäen aus problematischen Jagdpraktiken ist. Tierschutzverbände und eine breite Bevölkerungsmehrheit befürworten diesen Schritt.
- Bundesrechtliche Einschränkung von Jagdlizenzen für ausländische Gäste: Kantone, die Abschusslizenzen für begehrte Arten an ausländische Jagdgäste vergeben, dürfen dies künftig nur noch in eng begrenzten, ökologisch begründeten Ausnahmefällen. Patentjagd-Lizenzen für Steinbock, Gämse und Birkhuhn dürfen nicht als Einnahmequelle dienen.
- Transparenzpflicht über Jagdtourismus in der Schweiz: Kantone, die Jagdlizenzen an ausländische Gäste vergeben, werden verpflichtet, Anzahl, Art und Erlöse dieser Lizenzen öffentlich auszuweisen. Mustervorstoss: Transparente Jagdstatistik
- Regulierung von Jagdmessen: Jagdmessen, die auf Schweizer Boden oder mit Schweizer Beteiligung Jagdreisen auf geschützte oder gefährdete Tierarten bewerben, unterliegen strengeren Auflagen. Was nicht direkt gehandelt werden darf, darf auch nicht indirekt über Jagdreise-Pakete vermarktet werden.
- Förderung nicht-tödlicher Naturtourismus-Alternativen: Kantone und Bund stellen Fördermittel für Wildtierbeobachtungs-Infrastruktur, Naturfotografie-Angebote und ökologischen Tourismus bereit. Wer Wildtiere als ökonomischen Wert erhalten will, investiert in nicht-letale Alternativen. Mustervorstoss: Wildtierbeobachtung als Alternative zur Hobby-Jagd
- Internationale Zusammenarbeit für schärfere CITES-Regeln: Die Schweiz als CITES-Mitglied setzt sich aktiv für strengere Regelungen zum Trophäenhandel und zur Trophäenjagd auf gefährdete Arten ein, als treibende Kraft, nicht als stiller Beobachter.
Argumentarium
«Jagdtourismus bringt Wertschöpfung und schützt dadurch Wildtiere.» Das Argument tauscht Ursache und Wirkung: Wenn Tiere nur so lange geschützt werden, wie man sie töten und vermarkten kann, ist das kein Naturschutz, sondern ein Marktmechanismus mit Verfallsdatum. Sobald der Trophäenmarkt einbricht, entfällt der Schutzanreiz. Botswana hat gezeigt, dass nicht-tödlicher Naturtourismus deutlich stabilere und ethisch vertretbare Schutzanreize schafft. Zudem fliessen wesentliche Teile der Einnahmen aus Jagdtourismus nicht in lokale Gemeinschaften oder Schutzprogramme, sondern zu Veranstaltern und Ausrüstern in den Herkunftsländern der Jagdgäste.
«Trophäenjagd ist legale Freizeitgestaltung – es ist die persönliche Entscheidung der Jägerinnen und Jäger.» Individuelle Freiheit endet dort, wo sie auf Kosten anderer ausgeübt wird – in diesem Fall auf Kosten empfindungsfähiger Tiere und auf Kosten eines gesellschaftlichen Konsenses, der Trophäenjagd mehrheitlich ablehnt. Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung befürwortet ein Importverbot für Jagdtrophäen. Eine Freizeitbeschäftigung, die gegen einen derart klaren Mehrheitswillen betrieben wird, bedarf einer besonders starken Rechtfertigung – die Trophäenjagd liefert sie nicht.
«Nur die stärksten Tiere werden bejagt – das verbessert die Genetik der Population.» Das Gegenteil ist belegt. Die selektive Entnahme der grössten, stärksten und eindrucksvollsten Individuen entzieht Populationen genau jene Tiere, die normalerweise den Nachwuchs dominieren. Studien zeigen, dass diese Form der Selektion genetische Merkmale wie Geweih- und Horngrösse langfristig reduziert. Die Jagdlobby verteidigt hier eine Praxis mit einem Argument, das der Wissenschaft widerspricht.
«Jagdmessen sind normale Veranstaltungen wie Reisemessen.» Der Unterschied liegt im Produkt: Eine Reisemesse verkauft Ferienerlebnisse. Eine Jagdmesse verkauft unter anderem Abschussrechte auf Tierarten, deren Bejagung ökologisch umstritten oder international reguliert ist. Wer Jagdreisen auf Löwen, Büffel oder Steinböcke als normales Lifestyle-Produkt vermarktet, hat ein Erklärungsproblem gegenüber einer Gesellschaft, die Tierschutz zu ihren Werten zählt.
«Die Schweiz hat nichts damit zu tun – das ist ein Problem anderer Länder.» Die Schweiz ist Herkunftsland von Jagdtouristinnen und -touristen, Importland für Jagdtrophäen und Standort von Jagdveranstaltungen und Verbänden, die internationalen Jagdtourismus bewerben und ermöglichen. Die Schweiz ist Teil des Systems – und als wohlhabende Demokratie in der Pflicht, ihre Mitverantwortung anzuerkennen und entsprechende Massnahmen zu ergreifen.
«Jagdtourismus in Schweizer Kantonen ist kein Tourismus, das sind einheimische Verhältnisse.» Ein Steinbock, der für fünfstellige Beträge an einen ausländischen Jagdgast vergeben wird, stirbt nicht «heimischer» als einer, der im Rahmen internationaler Safaris erlegt wird. Die geografische Nähe ändert nichts an der ökonomischen Logik: Hier wird ein Wildtier kommerziell als Trophäenware vermarktet – unabhängig davon, wo der zahlende Gast herkommt.
Quicklinks
Beiträge auf Wild beim Wild:
- Jagdgesetz – Trophäenjagd für reiche Ausländer (ProTier)
- Fertig aufgelauert: Walliser Jäger verbieten Nachtsichtgeräte
- Die Schweiz jagt, aber warum eigentlich noch?
- Initiative fordert «Wildhüter statt Jäger»
- Jagd und Tierquälerei
- Was es braucht, um Hobby-Jäger zu sein
Verwandte Dossiers:
- Psychologie der Jagd: Warum Menschen Tiere töten und wie die Hobby-Jagd ihre Gewalt normalisiert
- Hobby-Jagdtourismus: Trophäenjagden, Jagdreisen und Messen – eine globale Freizeitindustrie auf Kosten der Tiere
- Jagd und Kinder
- Jagdopfer in Europa: Tote, Verletzte und ein Kontinent ohne Statistik
- Erlegerbilder: Doppelmoral, Würde und der blinde Fleck der Hobby-Jagd
- Warum Tierschutzrecht an der Waldgrenze endet
- Freizeitgewalt an Tieren beenden
- Trophäenjagd: Wenn Töten zum Statussymbol wird
Unser Anspruch
Hobby-Jagdtourismus zeigt die Hobby-Jagd in ihrer konsequentesten und ehrlichsten Form: als globale Freizeitindustrie, in der Tiere zu buchbaren Erlebnissen, Preislistenpositionen und dekorativen Trophäen gemacht werden. Wer Wildtiere so vermarktet, kann schwerlich gleichzeitig von «Hege», «Naturverbundenheit» und «Verantwortung» gegenüber der «Kreatur» sprechen. Das Narrativ und die Praxis passen nicht zusammen und Jagdtourismus macht das sichtbarer als jede andere Form der Hobby-Jagd.
Eine moderne Wildtierpolitik, die Tierschutz und Artenschutz ernst nimmt, muss diese Widersprüche benennen und politisch korrigieren. Das bedeutet: ein Importverbot für Jagdtrophäen, eine bundesrechtliche Einschränkung der Vergabe von Jagdlizenzen an ausländische Gäste, mehr Transparenz über Jagdtourismus in der Schweiz und eine konsequente Förderung nicht-letaler Naturangebote. Die Frage ist nicht, ob Regionen von Wildtieren wirtschaftlich profitieren dürfen – sie ist, auf welche Weise: mit Kameras, Ferngläsern und Respekt vor dem lebenden Tier, oder mit Gewehrkugeln, Preislisten und Trophäenwänden. Dieses Dossier wird laufend aktualisiert, wenn neue Daten, politische Entwicklungen oder rechtliche Entscheide es erfordern.
Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.