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Jagd

Risiko Wald: Was Gemeinschaftsjagden anrichten

Wenn Hobby-Jäger durch den Wald ziehen, Hochsitze beziehen und gemeinsam nach Wild Ausschau halten, sieht das auf den ersten Blick nach althergebrachtem Brauchtum aus. Doch das Szenario birgt mehr Gefahren, als viele wahrhaben wollen, sowohl für Mensch wie Tier.

Redaktion Wild beim Wild — 19. November 2025

Der kürzlich bekannt gewordene tödliche Schuss bei einer Gemeinschaftsjagd im Landkreis Ludwigslust-Parchim ist nicht nur ein tragischer Einzelfall, sondern Indikator dafür, dass das System Hobby-Jagd in dieser Form dringend hinterfragt werden muss.

Der Schuss war Erkenntnissen zufolge von einem rund 200 Meter entfernten Hochsitz abgefeuert worden. Das Opfer, das ebenfalls auf einem Hochsitz gesessen habe, sei von einer Kugel in den Hals getroffen worden und sofort tot gewesen.

Laut einer Übersicht des Deutschen Jagdverbands (DJV) wurde für das Jahr 2021 angegeben, dass keine tödlichen Unfälle mit Schusswaffen im jagdlichen Einsatz registriert wurden. Auf den ersten Blick klingt das beruhigend. Doch hinter der glatten Statistik verbirgt sich ein System, das erhebliche Schwächen aufweist. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass die offiziellen Zahlen in Deutscher Jagdverband (DJV)-Statistiken nicht das vollständige Bild abbilden. Wenn der DJV offiziell «0 tödliche Jagdunfälle» meldet, liegt das sehr wahrscheinlich nicht daran, dass in Deutschland nichts passiert, sondern daran, wie man zählt und was man bewusst nicht mitzählt. Die DJV Angabe von 0 Todesfällen ist statistisch extrem unwahrscheinlich. Sie liegt ausserhalb jeder plausiblen Bandbreite, sowohl im Vergleich mit der Schweiz als auch mit Frankreich. Die Schweiz oder Frankreich zeigen: Wo sauber erfasst wird, entstehen realistische Werte.

In der Schweiz gibt es jährlich 4-5 tödliche Jagdunfälle bei nur etwa 30’000 Hobby-Jägern. Wenn Deutschland über 450’000 Hobby-Jäger hat, wäre eine Anzahl von Null bis wenigen Todesfällen kaum glaubwürdig, alleine statistisch betrachtet. Bei gleicher Rate müssten ~50-70 Todesfälle pro Jahr erscheinen.

Es existiert keine zentrale Stelle, die alle Todesfälle durch Jagdwaffen systematisch registriert. Also eine mangelnde Transparenz und fehlende Datengrundlage.

Die offiziellen Angaben des DJV wirken nicht stimmig, auch wenn man sie mit den logischen Erwartungen und den Medien-/NGO-Berichten vergleicht.

Das heisst nicht unbedingt Betrug oder bewusst falsche Zahlen, sondern eine Statistik mit sehr begrenztem Umfang, eingeschränkter Definition und Wahrnehmung und damit wenig Aussagekraft im Gesamtbild, wie so ziemlich alles, was vom DJV kommt.

Eine ältere fachliche Auswertung zu Jagdunfällen (für Deutschland, aber anhand medizinischer Literatur) nennt sogar für die Bundesrepublik selbst 2 bis 12 tote Hobby-Jäger pro Jahr durch Schussverletzungen, plus «einige Hundert» Verletzte, also ganz klar nicht Null.

Die Gemeinschaftsjagd als Risikosituation

Bei Gemeinschaftsjagden kommen verschiedene Faktoren zusammen, die das Risiko steigern:

  • Mehr Personen, mehr Hochsitze, mehr Bewegungen: Je mehr Hobby-Jäger beteiligt sind, desto komplexer wird die Koordination und desto grösser die Gefahr, dass ein Schütze unklar über Zielrichtung oder Hintergrund ist.
  • Einsatz von Hochsitzen und Distanzschüssen: Im genannten Fall wurde von einer erheblichen Distanz geschossen, etwa 200 Meter entfernte Hochsitze. Das erhöht die Unsicherheit bezüglich Trefferlage, Hintergrund und Sichtbedingungen.
  • Sichtverhältnisse & Technik: Es wird deutlich, dass Nachtsichtgeräte oder Dämmerungsjagden schon jetzt in manchen Revieren eingesetzt werden. Kritiker warnen: Jagd unter reduzierten Sichtbedingungen verstärkt die Gefahr massgeblich.
  • Verantwortlichkeit und Kontrolle: Wenn mehrere Hobby-Jäger beteiligt sind, verschiebt sich die individuelle Verantwortung und das System der Kontrolle und Nachprüfung bleibt oft unzulänglich. Werden die Sicherheitszonen eingehalten? Wer überwacht die Ziel-Hintergrund-Beurteilung?

Konsequenzen für Wildtiere und Menschen

Für die Tiere bedeutet diese jagdliche Praxis eine doppelt fragwürdige Lage: Einerseits ist die Tötung aus grösserer Entfernung oder unter suboptimaler Sicht kaum mit tierschutzgerechter Tötung vereinbar, ein sauberer, schneller Fangschuss ist dann schwerer gewährleistet. Andererseits geraten Wildtiere unter Bewegungsdruck, Verunsicherung und Risiko von Querschüssen oder Streiftreffern. Für Menschen – nicht nur Hobby-Jäger – besteht ebenfalls ein Risiko: Spaziergänger, Waldarbeiter oder Nachbarn sind in Bereichen von Gemeinschaftsjagden immer wieder betroffen, wenn Sicherheitsabstände, Warnzeichen oder Abschussbereiche unklar sind. Dass dennoch als fataler Fall gilt, dass ein Hobby-Jäger von einem Schuss eines anderen auf einem anderen Hochsitz getroffen wurde, zeigt: Das Hobby-Jagd-System ist in Regulation und Praxis nicht fehlerresistent.

Es ist zu begrüssen, dass in einigen Bundesländern Reformen des Jagdrechts angedacht sind. In Niedersachsen etwa liegt ein Entwurf zur Novellierung des Jagdgesetzes vor, mit dem Anspruch, ökologische, wildbiologische und ethische Kriterien stärker zu berücksichtigen.

Wildtiere sind keine schiessenden Ziele im Freizeit-Sport. Bei Gemeinschaftsjagden darf die Jagd nicht zum Risiko für Mensch und Tier werden, der Schutz der Wildtiere und die Sicherheit für Menschen müssen Vorrang haben.

Der Fall im Landkreis Ludwigslust-Parchim ist kein Ausrutscher, sondern wieder ein Alarmsignal: Wenn jagdliche Praxis in Gemeinschaftsform unkontrolliert, weit entfernt oder bei reduzierter Sicht stattfindet, ist die Grenze zwischen kontrollierter Hobby-Jagd und riskanter Freizeitwaffe überschritten. Wer ernsthaft vom „Nutztier Wild“ spricht und gleichzeitig solche Bedingungen duldet, verkennt die Verantwortung. Es ist Zeit, dass die Hobby-Jagd nicht länger als unantastbares Brauchtum gilt, sondern als Tätigkeit, die umfassend kritisch geprüft und reguliert wird, im Interesse von Menschen und der Wildtiere.

Nach Auffassung der IG Wild beim Wild braucht es für Hobby-Jäger jährliche medizinisch-psychologische Eignungsgutachten nach dem Vorbild der Niederlande sowie eine verbindliche Altersobergrenze. Die grösste Altersgruppe unter den Hobby-Jägern ist heute 65+. In dieser Gruppe nehmen altersbedingte Einschränkungen wie nachlassende Sehfähigkeit, verlangsamte Reaktionszeiten, Konzentrationsschwächen und kognitive Defizite statistisch deutlich zu. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen, dass die Zahl schwerer Jagdunfälle mit Verletzten und Todesopfern ab dem mittleren Lebensalter signifikant ansteigt.

Die regelmässigen Meldungen über Jagdunfälle, tödliche Fehlhandlungen und den Missbrauch von Jagdwaffen verdeutlichen ein strukturelles Problem. Der private Besitz und Einsatz tödlicher Schusswaffen zu Freizeitzwecken entzieht sich weitgehend einer kontinuierlichen Kontrolle. Aus Sicht der IG Wild beim Wild ist dies nicht länger verantwortbar. Eine Praxis, die auf freiwilligem Töten basiert und zugleich erhebliche Risiken für Menschen und Tiere erzeugt, verliert ihre gesellschaftliche Legitimation.

Hobby-Jagd beruht zudem auf Speziesismus. Speziesismus beschreibt die systematische Abwertung nichtmenschlicher Tiere allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Er ist mit Rassismus oder Sexismus vergleichbar und weder kulturell noch ethisch zu rechtfertigen. Tradition ersetzt keine moralische Prüfung.

Gerade im Bereich der Hobby-Jagd ist kritische Prüfung unerlässlich. Kaum ein anderes Feld ist derart von beschönigenden Erzählungen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation geprägt. Wo Gewalt normalisiert wird, dienen Narrative oft der Rechtfertigung. Transparenz, überprüfbare Fakten und eine offene gesellschaftliche Debatte sind deshalb unverzichtbar.

Mehr zum Thema Hobby-Jagd: In unserem Dossier zur Jagd bündeln wir Faktenchecks, Analysen und Hintergrundberichte.

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