Wissenschaft

Wie Wildtiere und Katzen in Berlin miteinander auskommen

Meiden oder konkurrieren, fressen oder gefressen werden, ausbeuten oder zusammenarbeiten – Tier- und Pflanzenartengemeinschaften werden durch vielfältige Interaktionen ihrer Arten geprägt.

In Städten werden diese Spielregeln für das Zusammenleben zudem fundamental von der Anwesenheit der Menschen beeinflusst. Wissenschaftler:innen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) werteten nun zehntausende Fotos von rund 150 Wildtierkameras aus, die Berliner Bürgerwissenschaftler:innen in fünf Durchgängen von Herbst 2018 bis Herbst 2020 in ihren Gärten installiert hatten. Die Fotos zeigen, wie Füchse, Waschbären, Marder und Hauskatzen in der Stadt miteinander umgehen und wie gut sie mit dem Menschen auskommen. Alle drei Wildtierarten nutzten dieselben Orte – vorrangig in den Nachstunden und zu unterschiedlichen Zeiten. Während der Lockdowns wurden sie häufiger fotografiert, vor allem nachts. Zudem meiden alle Wildtierarten die Hauskatzen. Diese und weitere Erkenntnisse sind im „Journal of Animal Ecology“ veröffentlicht.

Die Auswertung der Fotos ist Teil des von Prof. Stephanie Kramer-Schadt geleiteten bürgerwissenschaftlichen Projekts „Wildtierforscher“ am Leibniz-IZW, einer Säule des an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft angesiedelten Projektverbundes „WTimpact“. WTimpact wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung von 2017 bis 2021 gefördert. Im „Wildtierforscher“-Projekt arbeiteten Wissenschaftler:innen des Leibniz-IZW und Berliner „citizen scientists“ zusammen, um die Ökologie der städtischen Tierwelt zu untersuchen. Gärten wurden als Untersuchungsstandorte ausgewählt, weil sie auf Wildtiere sowohl anziehend als auch abweisend wirken können. Städtische Gärten stellen mit Kompost, Gemüsebeeten, Obstbäumen oder Haustierfutter eine wichtige Nahrungsquelle für Wildtiere dar. Zugleich sind sie Orte, an denen es mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu einer unerwünschten Begegnung mit Menschen oder Haustieren kommen kann.

Das Projektteam teilte das Land Berlin für die Analyse in ein regelmäßiges Raster von fast 300 Zellen von zwei mal zwei Kilometern ein. Für fünf Feldphasen von jeweils einem Monat konnten sich Berliner Bürger:innen, die über einen Privatgarten im Stadtgebiet verfügten, bewerben und wurden so ausgewählt, dass sie möglichst gleichmäßig über das gesamte Raster verteilt waren. Die Teilnehmer:innen installierten in ihren Gärten eine Wildtierkamera, die Tiersichtungen aufzeichnete, sobald ihr Bewegungssensor eine Bewegung wahrnahm. Das Wissenschaftsteam des Leibniz-IZW kombinierte diese Daten später mit lokalen Informationen zu Gartengröße, lokalem Baumbestand, potenziellen Nahrungsquellen und Höhe des Zauns sowie mit Daten zur Bevölkerungsdichte. In jeder Feldphase zeichneten die Kameras zwischen 2200 und 3000 Fotos von Katzen, 300 bis 1200 von Rotfüchsen, 250 bis 1000 von Waschbären und 50 bis 300 von Mardern sowie zahlreiche Fotos anderer Säugetiere auf.

„Uns interessierte, ob und wie die flexiblen und anpassungsfähigen Beutegreifer in vom Menschen dominierten Umgebungen präsent sind und räumlich und zeitlich interagieren“, sagt Erstautorin Dr. Julie Louvrier, IPODI-Stipendiatin an der Technischen Universität Berlin und Gastwissenschaftlerin am Leibniz-IZW in der Abteilung für Ökologische Dynamik. „Das heißt, wir wollten wissen, ob sie dieselben Orte nutzen, und wenn ja, ob sie sich aus dem Weg gehen, indem sie zum Beispiel zu unterschiedlichen Tages- oder Nachtzeiten kommen.“

Die wichtigsten Ergebnisse von Louvrier und ihren Kolleg:innen sind:

  • Jahreszeiten und Covid-Lockdowns hatten einen großen Einfluss darauf, wie oft Wildtierarten nachgewiesen wurden. Der Herbst ist für Berliner Füchse, Waschbären, Marder und Katzen eine deutlich aktivere Jahreszeit als der Frühling. Während der Lockdowns nutzten die Berliner:innen ihren Garten vermutlich häufiger tagsüber, so dass die Wildtiere gezwungen waren, auf die Nacht auszuweichen. Gleichzeitig nahm die Anwesenheit von Füchsen, Mardern und Waschbären in Gärten während der Ausgangssperren insgesamt zu, was wahrscheinlich auf die allgemein geringere Aktivität von Menschen im städtischen Raum zurückzuführen ist.
  • Alle untersuchten Wildtierarten tolerieren zwar bis zu einem gewissen Grad die Anwesenheit von Menschen, vermieden aber echte Begegnungen mit ihnen, indem sie ihre Aktivität auf die Nacht konzentrierten, also auf die Zeit, in der Menschen am wenigsten aktiv sind.
  • Das Auftreten von Füchsen, Waschbären und Mardern in Gärten änderte sich in ähnlicher Weise: Wenn mehr Füchse da waren, gab es auch mehr Waschbären und Marder – und andersherum. Sie gehören der gleichen ökologischen Gilde an und nutzen die gleichen Ressourcen in einer vom Menschen überformten Umgebung wie der Stadt. Gleichzeitig gehen sich die Arten aus dem Weg, wie detaillierte zeitliche Auswertungen zeigen: Die Wissenschaftler:innen stellten eine systematische Zeitverzögerung zwischen aufeinanderfolgenden Nachweisen der Wildtierarten fest. Diese nutzen denselben Raum offenkundig zeitlich getrennt.
  • Hauskatzen sind ein Sonderfall: Einerseits bedeutete „mehr Katzen“ auch mehr fotografierte Waschbären (die Waschbären nutzen die Anwesenheit von Katzen wahrscheinlich als Hinweis auf Haustierfutter in den Gärten), andererseits tauchten Marder und Füchse nicht häufiger auf, wenn Katzen in einem Garten präsent waren. Dies deutet auf eine Hierarchie der vier Arten hin, wobei die mit dem Menschen verbundene Haustierart die dominierende Art ist. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf eine weitere interessante Beobachtung: Katzen scheinen kein zeitliches Vermeidungsmuster gegenüber den anderen Arten zu verfolgen, obwohl ihr Körpergewicht, das ein Indikator für Dominanz sein könnte, im Durchschnitt unter dem von Füchsen und Waschbären liegt.

Wir Menschen üben starke Selektionsdrücke auf Wildtierarten aus und verändern dadurch ihr Verhalten und ihre Lebensweise. Die Lockdowns waren ein Glück im Unglück für die Forschung, wie ein Experiment, denn sie boten uns die Gelegenheit zu untersuchen, wie sich unsere wilden Nachbarn verhalten, wenn der Mensch plötzlich aus dem städtischen Raum verschwindet. Wir sind daher allen Bürgerwissenschaftler:innen, die an dieser besonderen Forschungsarbeit mitwirkten, sehr dankbar.

Stephanie Kramer-Schadt

Unsere Untersuchung gewährt neue Einblicke in die Regeln, die den Interaktionen in einer Gemeinschaft mittelgroßer Beutegreifer in einer städtischen Umgebung zugrunde liegen“, sagt Louvrier. Es gibt mehrere Variablen, die die Interaktionsmuster in Gänze oder zu Teilen sowohl räumlich als auch zeitlich beeinflussen, insbesondere wenn die Auswirkungen menschlicher Präsenz berücksichtigt wird. Der Mensch spielt die Rolle einer „Super-Schlüsselart“, und seine Haustiere üben eine Dominanz auf die lokale Tierwelt aus ­– selbst auf Arten, die relativ gut mit menschlicher Präsenz in vom Menschen überformten Landschaften zurechtkommen.

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