Wissenschaft

Fakten statt Jägerlatein über Waschbären

Der Waschbär gehört zur amerikanischen Beutetierfamilie der Kleinbären. Er verfügt über einen ausgeprägten Tastsinn und befühlt seine Nahrung ausgiebig mit den Vorderpfoten. Dies hat zu seiner Namensgebung geführt. Der Waschbär ist ein guter Schwimmer und Kletterer. In Europa wurde er seines Pelzes wegen gezüchtet. «Einzeltiere entkamen oder wurden vorsätzlich ausgesetzt, vor allem in Deutschland oder Nordfrankreich konnten sich so lokale freie Populationen entwickeln», hält die Meldestelle Kora fest. Bereits Mitte der 1970er Jahre wurden erste Waschbären in der Schweiz gesichtet.
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Immer mehr Waschbären dringen von Deutschland her in die Schweiz. 2018 wurde im Müritz Nationalpark eine Langzeituntersuchung zu den Kleinbären beendet.

Ganze sechs Jahre lang haben Dr. Berit Michler und Dr. Frank-Uwe Michler ein Forschungsprojekt in einem Teil des Müritz-Nationalparks geleitet. Die Protagonisten ihrer Arbeit: Waschbären. Im vergangenen Jahr beendeten sie die bis dato umfangreichste und längste Freilandstudie zu den Kleinbären. Einige ihrer Ergebnisse stellte Berit Michler kürzlich im Schloss Hohenzieritz vor, wie Martina Schwenk im Nordkurier berichtete.

Eine grosse Frage, die im Raum stand: Ist der Waschbär gefährlich für heimische und vor allem geschützte Tierarten?

Nein, lautet das Fazit der Forschungsarbeit.

Über die Jahre wurden für das Projekt 145 Tiere gefangen und untersucht, 69 später per Senderhalsband beobachtet. Und jede Menge Kotproben gesammelt. „Die Proben haben wir in Berlin analysiert, um herauszufinden, wie sich das Nahrungsspektrum der Waschbären zusammensetzt“, sagte Michler. Im Jahresdurchschnitt ernähren sich die Kleinbären im Nationalpark zu mehr als 50 Prozent von Weichtieren wie Regenwürmern und Schnecken. Pflanzen machen 32 Prozent aus. Erst dann kommen Wirbeltiere. „Der Waschbär ist ein Opportunist, der nimmt, was er kriegen kann. Es gibt keine Spezialisierung auf eine bestimmte Nahrung. Daher ist auch künftig nicht von einem negativen Einfluss des Waschbären im Müritz-Nationalpark auszugehen.

Räubern die Waschbären Nester aus?

Manch ein Teilnehmer an der Runde vermutete hinter schrumpfenden Zahlen von Vögeln, vor allem Enten, allerdings den Jagderfolg der Kleinbären. Genauer, dass die niedlichen Maskenträger Nester räubern würden. Und ob es überhaupt möglich sei, Eier in der Nahrung nachzuweisen. Ist es, bestätigte Michler. „Im Tiergarten Neustrelitz haben wir Eier an Waschbären verfüttert, um genau das zu testen. Jedes Mal fanden wir danach Eierschalen im Kot.“

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Allgemein gehe es den Kleinbären im Nationalpark sehr gut. Die Forscher hatten sich eine Gegend ausgesucht, in der die Tiere geradezu ideale Lebensbedingungen haben. Das könne auch aus dem Revierverhalten abgelesen werden, so Michler. Wie die Daten der Senderhalsbänder zeigten, waren die Reviere im Nationalpark eher klein. „Das bedeutet, die Waschbären finden auf einer relativ kleinen Fläche bereits genug Nahrung.“

Bei den Proben aus der freien Wildbahn dagegen hätten die Forscher keine Eierschalen gefunden. Als Gegenprobe aus einer Kulturlandschaft wurde zudem Kot in der Feldberger Seenlandschaft gesammelt. Dort ernährten sich die Tiere verstärkt von Pflanzen.

Jägerlatein in der Schweiz

Falls der Waschbär in der Schweiz in eine Falle geht, ist sein Schicksal besiegelt. «Dann schiessen wir ihn. Das müssen wir», erklärt der Jagdaufseher Amadé Franzen aus Kaiseraugst. Denn Waschbären gehören in der Schweiz zu den Neozoen, den gebietsfremden Arten. Sie dürfen das ganze Jahr über geschossen werden. «Waschbären sind Allesfresser und Räuber. Sie gehen an Vogelnester und fressen die Eier. Wir müssen auch dafür sorgen, dass sie nicht in die Häuser gelangen und sich dort einnisten. Man bringt sie fast nicht mehr los. Das ist in Deutschland ein Problem», erklärt Franzen. Im Osten Deutschlands und in Hessen haben sich die Tiere zur Plage entwickelt.

Jagdgegner wird man nicht aus Langeweile, sondern aus Kenntnis dieser Tierquälerei.

IG Wild beim Wild

Gemäss Erwin Osterwalder, Fachspezialist Jagd und Fischerei beim Kanton Aargau, gibt es jedes Jahr ein paar wenige Sichtungen von Waschbären. «Er ist hier, aber noch nicht stark verbreitet.» Es habe im Aargau auch schon Abschüsse gegeben. «Der Waschbär ist ein starker Konkurrent für die einheimische Fauna, deshalb ist er auch gemäss eidgenössischer Jagdgesetzgebung bei uns unerwünscht. Es ist eine nordamerikanische Art, die über Deutschland in die Schweiz gelangt.»

Männchen wandern, Weibchen bleiben im Revier

Im Herbst wanderten allerdings viele der mit Sendern versehenen Tiere im Müritzer Nationalpark eine grössere Strecke. Dieser Weg hat einen kulinarischen Grund: die reifen Früchte der spätblühenden Traubenkirsche. „Waschbären legen ihren Kot auf erhöhten Stellen ab, vorwiegend auf umgefallenen Baumstämmen. Diese Latrinen dienen aber auch dem Informationsaustausch“, erklärte Michler. Auf diese Weise erfahren die Kleinbären über den Kot von Artgenossen von den reifen Leckerbissen und ziehen los.

Das kann man verhindern, und zwar mit speziellen Manschetten um den Baumstamm.

Es sind vor allem die Männchen, die wandern. Weibchen dagegen haben feste Reviergrenzen. „Blutsverwandte Fähen schließen sich in Gruppen zusammen, sogenannte Mutterfamilien. Diese Linien haben feste Grenzen zu anderen Gruppen“, erklärte Michler. Rüden dagegen verlegen ihre Gebiete und wandern zur Paarung durch die Reviere der Fähen. Ganz wichtig dabei: „Rüden paaren sich nie mit ihren eigenen Töchtern.“ Damit vermeiden sie gezielt Inzest.

Wichtig war auch, wer bei den Waschbären eigentlich für den Nachwuchs sorgt. Vor allem ältere, erfahrene Fähen ziehen demnach Nachkommen gross. Jährlingsfähen, die gerade geschlechtsreif sind, bekommen entweder keine Jungen oder kriegen sie oft nicht durch. Unter anderem fehlt ihnen die Erfahrung. Allerdings, so berichtet Michler, gibt es Ausnahmesituationen. „Wenn mehrere Tiere aus einem Revier sterben, beteiligen sich die Jährlingsfähen in der nächsten Paarungssaison verstärkt. Zudem zeigen Beobachtungen, dass die Tiere dann mehr Jungen gebären als sonst.

Staupeausbruch im Nationalpark registriert

Das konnten die Forscher auch im Nationalpark beobachten. In einem Jahr, berichtete Michler, trat die Canine Staupe auf. An der Krankheit starben etliche Waschbären. Im Jahr darauf kamen ungewöhnlich viele Jungen zur Welt, sodass die Verluste schnell ausgeglichen wurden. Der Staupeausbruch beschränkte sich zudem auf ein einziges Revier. „Dadurch, dass die Reviere der Mutterlinien feste Grenzen haben, konnte sich die Staupe nicht ausbreiten“, erklärte Michler. Ob die Kleinbären Überträger von Krankheiten seien, fragte ein Jäger nach. Oder ob es Fälle von Räude gebe, fragte ein anderer. Nein, sagte die Forscherin. Neben Untersuchungen lebender Waschbären hatten die Forscher etliche Totfunde obduziert. „Bis auf die Staupe konnten bei der hiesigen Population keine übertragbaren Krankheiten festgestellt werden.“

Kurz wurde es hitzig in der sonst sachlichen Diskussion. Wie man die Anzahl der Tiere denn nun senken und sie loswerden könne, fragte ein Zuhörer. „Darum sind wir doch hier“, sagte der Mann. „Da haben sie das Thema des Vortrages wohl missverstanden“, erwiderte Michler ruhig und riet zur Vorsicht vor generellen Aussagen. „Wo eine Art von Beutegreifern lebt, gibt es auch andere. Nur dem Waschbär etwa die Schuld zu geben, dass Vogelpopulationen zurückgehen, wäre vorschnell.“ Zumal Wirbeltiere, und gerade Vögel, nachgewiesen nur sehr selten von Waschbären gefressen werden. Letztendlich habe der Waschbär im Nationalpark seine Höchstpopulation bereits erreicht. Auch in Deutschland würde er sich weiter ausbreiten. „Der Waschbär bleibt, aber wir können lernen mit ihm zu leben“, sagte Michler.

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