Wildtiere

Zürich: Hobby-Jäger haben versagt

Wildschweinbestand ist trotz mehr Abschüsse ausserordentlich hoch.
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Um die Jahrtausendwende wurden im Kanton Zürich jährlich rund 400 Wildschweine geschossen. Seither wächst die Zahl stetig. Der Anstieg folgt einem Zick-Zack-Muster. Auf ein Jahr mit viel Abschüssen folge eines mit weniger.

Zürcher Hobby-Jäger erklären das Zick-Zack damit, dass die Wildschweine nur in jedem zweiten Jahr genug Futter im Wald finden. In den anderen Jahren müssen sie vermehrt auf den Feldern Nahrung suchen. Dort aber können sie von den Hobby-Jägern leichter erlegt werden.

Die Statistik scheint das Muster zu bestätigen. 2017 wurden im Kanton Zürich 1’441 Wildschweine geschossen. Ein Jahr später waren es 647 Tiere. Demselben Muster folgten die Entschädigungszahlungen aus dem kantonalen Wildschadenfonds.

Mehr als ein Drittel aller Abschüsse im Kanton entfallen auf den Jagdbezirk Weinland, zu dem auch der Bezirk Winterthur gehört. «Wir haben einen extremen Wildschweinbestand», sagt Obmann Martin Hofmann aus Volken der Zeitung „Landboten“ im Dezember 2019.

Es seien zudem grosse Rotten unterwegs, mit bis zu 25 Tieren. Das Schwarzwild profitiere von den milderen Wintern, da so mehr Jungtiere überleben.

Das Nahrungsangebot für die Allesfresser sei zudem gross und wachse weiter. Die Wildschweine profitierten auch davon, dass in der Region immer mehr Futtermais angebaut werde. Die Reife des Mais steht allerdings nur wenige Wochen zur Verfügung.

Durch falsche Bejagung insbesondere der Abschuss der Leitbachen, werden schon junge Sauen trächtig und werfen das ganze Jahr über Frischlinge, erklären zudem Fachleute und Studien.

Prof. Dr. Josef H. Reichholf zum Thema «Jägerlatein und Wildbiologie», Vortragsabend vom 15. 10. 2013 an der Uni Basel

Seit Jahren ist in allen Zeitungen von einer »Wildschweinschwemme«, gar einer »Wildschweinplage« zu lesen. Doch obwohl Jahr für Jahr mehr Wildschweine geschossen werden, steigt ihre Anzahl weiter.
Ist die Lösung des »Wildschweinproblems«, noch mehr Tiere zu schiessen? Oder ist gerade die intensive Jagd auf Wildschweine das Problem? Denn so paradox es klingen mag: Je mehr Jagd auf Wildschweine gemacht wird, um so stärker vermehren sie sich. Auf diesen Zusammenhang weisen immer mehr Wissenschaftler hin. Eine französische Langzeitstudie kommt zu dem Ergebnis: Starke Bejagung führt zu einer deutlich höheren Fortpflanzung und stimuliert die Fruchtbarkeit bei Wildschweinen.

Die Wissenschaftler um Sabrina Servanty verglichen in einem Zeitraum von 22 Jahren die Vermehrung von Wildschweinen in einem Waldgebiet, in dem sehr intensiv gejagt wird, mit einem wenig bejagten Gebiet. Das Ergebnis: Wenn hoher Jagddruck herrscht, ist die Fruchtbarkeit bei Wildschweinen wesentlich höher als in Gebieten, in denen kaum gejagt wird.

Weiterhin tritt bei intensiver Bejagung die Geschlechtsreife deutlich früher – vor Ende des ersten Lebensjahres – ein, so dass bereits Frischlingsbachen trächtig werden. In Gebieten, in denen wenig Jäger unterwegs sind, ist die Vermehrung der Wildschweine deutlich geringer, die Geschlechtsreife bei den Bachen tritt später und erst bei einem höheren Durchschnittsgewicht ein. (Servanty et alii, Journal of Animal Ecology, 2009)

Mit dieser Studie ist bewiesen, dass die starke Vermehrung bei Wildschweinen nicht nur vom Futterangebot abhängt, sondern auch von der intensiven Bejagung.

Lässt man Wildschweine in Ruhe, so leben sie in stabilen Gemeinschaften zusammen, in denen in der Regel nur die Leitbache Nachwuchs bekommt. Pheromone – chemische Signalstoffe, die Informationen unter Artgenossen übermitteln – sind im Tierreich allgegenwärtig. Beim Hausschwein ist in vielen Studien nachgewiesen, dass neben Pheromonen die soziale Hierarchie die Regulation der Reproduktion beeinflusst. Zerstört man durch die Jagd dieses sensible Sozialgefüge, kann es zur explosionsartigen Vermehrung führen.

Die natürlichen Feinde des Wildschweins sind Wolf,  Luchs oder Fuchs. Letzterer wird aber auch von den Zürcher Hobby-Jägern sinnfrei und fanatisch bejagt. Im Kanton Zürich wurden in der Jagdsaison 2018 meist gesunde 2’463 Füchse und 292 Dachse auf nicht wissenschaftlicher Basis oder wildbiologischem Fachwissen von militanten Hobby-Jägern zum Spass gemeuchelt.

Eine Trendwende sei nicht absehbar, sagt Wildschwein-Experte Hannes Geisser. Obwohl vermutlich der Jagddruck zugenommen habe, nehme die Zahl der Wildschweine nicht ab, sagt der Biologe. «Um die Bestände deutlich zu reduzieren sind neue Ansätze notwendig». Jagd, Landwirtschaft und Verwaltung seien gleichermassen gefordert. «Im Moment scheint der Druck auf die Akteure aber noch zu gering für die Entwicklung und Umsetzung neuer Methoden.»

Da sind sie im Ausland mit der Geburtenkontrolle für Wildschweine einen grossen Schritt weiter.

Kanton Genf

Anderst als im Kanton Zürich wursteln im Kanton Genf seit über 45 Jahren keine Hobby-Jäger mehr in der Natur.

Die Wildtiere werden in Genf von etwa einem Dutzend professionellen Umwelthüter betreut. Es werden keine Füchse, Dachse oder Marder reguliert.

Dies zeigt sich auch in der Jagdstatistik. Im Kanton Genf gab es in den letzten Jahren keine extremen Zick-Zack-Muster, wie im Kanton Zürich. 2017 wurden im Kanton Genf 225 Wildschweine geschossen. Ein Jahr später waren es 194 Tiere (2016: 169, 2015: 181, 2014: 176, 2013: 194).

Aufgrund des hohen Jagddrucks im umliegenden Frankreich und Kanton Waadt suchen Wildtiere sogar Asyl in Genf. Die gejagten Tiere schwimmen teilweise über die Rhône in den Kanton.

Die Kosten des professionellen Jagdmanagements sind kein Thema. Die Neuenburger Anthropologin Manue Pichaud hat sie genau berechnet. Gemäss Pichaud betragen sie jährlich eine Million Franken, also 2.20 Franken pro Einwohner oder einer Subvention der Landwirtschaft von etwas über 3 %. 

Im Vergleich dazu würde die Fischerei wesentlich mehr Kosten verschlingen, obwohl da Lizenzen verkauft werden.

Die professionellen Naturschützer im Kanton Genf erledigen dazu eine Vielzahl von anderen Aufgaben wie, Überwachung der Fischerei, die Kontrolle der Naturreservate, Wildschadenverhütung sowie besondere Aufgaben bezüglich des Waldes und der Landwirtschaft. Dafür teilen sie sich knapp 3 Vollzeitstellen.

Für die Dezimierung der Wildschweine wird rund 1 Vollzeitstelle aufgewendet oder im Schnitt 1’621 Stunden. Am meisten werden Frischlinge geschossen (rund 80 %). Heute leben auf einem Quadratkilometer Wald rund 5 Wildschweine – ein tiefes Niveau, das stabil bleibt.

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