Wildtiere

Universität Bern: Bestandesdichte des Luchses im Wallis ungenügend

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Eine Erhebung der Universität Bern ergab, dass die Bestandesdichte des Luchses im Kanton Wallis in den vergangenen fünf Wintern aussergewöhnlich niedrig war.

Dies sowohl im Vergleich mit anderen Teilen der Schweizer Alpen als auch mit früheren Erhebungen aus den 1980er Jahren im Kanton Wallis. Weitere Untersuchungen sollen nun die Gründe für diesen Befund aufzeigen. Als wahrscheinlichste Ursache vermuten die Forschenden Wilderei.

Mitte des 19. Jahrhunderts war der Luchs in der Schweiz ausgerottet. Neben der zunehmenden Abholzung des Waldes setzte ihm insbesondere die exzessive Bejagung zu – so wie fast überall in Europa. Nur in abgelegenen Regionen konnte er in geringen Populationen überleben. Erst 1971 wurde er hierzulande, auf Anordnung des Bundesrats, wieder angesiedelt.

Seither hat sich die Population erstaunlich gut entwickelt. Gemäss Angaben des Bundesamtes für Umwelt streifen gegen 300 Luchse durch die hiesigen Wälder. Besonders wohl fühlt sich der Luchs in den Nordwestalpen und im Jura (siehe Infografik). Die grösste Wildkatze Europas ist geschützt und darf nicht gejagt werden.

Verbreitungsgebiet des Eurasischen Luchses in der Schweiz, Stand 2018

Universität Bern: Bestandesdichte des Luchses im Wallis ungenügend
Als sichere Nachweise werden tot gefundene Luchse, Fotos und Videos von Luchsen, eingefangene (Jung-)Tiere und genetische Nachweise bezeichnet. Als bestätigt gelten Meldungen wie Risse (Nutz- und Wildtiere) und Spuren, die von geschulten Personen verifiziert wurden. Nicht überprüfte Wildtierriss- und Spurenfunde sowie alle nicht überprüfbaren Hinweise wie Lautäusserungen, Kotfunde und Sichtbeobachtungen gelten als unbestätigt.

Seit ein paar Jahrzehnten besiedeln Beutegreifer nun wieder den Schweizer Alpenraum, nachdem sie dort zuvor durch menschliche Verfolgung ausgerottet worden waren. Diese Rückkehr blieb nicht ohne Folgen. Nicht zuletzt wegen der Bedrohung, die Luchs und Wolf für Nutztiere wie Schafe darstellen können, besteht ein gespaltenes Verhältnis zu diesen Beutegreifern. Der erste Rückkehrer war der Luchs in den 1970er Jahren. 2012 initiierten Forschende vom Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern ein Projekt, in welchem die räumlich-zeitliche Dynamik von Wolf und Luchs in Bezug auf ihre Beutetiere wie Hirsch, Gämse oder Reh untersucht werden sollte.

Universität Bern: Systematische Spurentaxation und Fotofallen

Die Rückkehr von Wolf und Luchs im Laufe des letzten Jahrhunderts wurde in erster Linie durch die stete Zunahme ihrer natürlichen Beutetiere – der wilden Huftiere also – möglich. Heute wird oftmals vergessen, dass die Bestände von Gämse und Reh in der Schweiz vor rund hundert Jahren auf sehr kleine Restpopulationen geschrumpft waren, Steinbock und Rothirsch waren sogar gänzlich verschwunden. Erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts veränderte sich diese Situation nachhaltig aufgrund zielgerichteter Initiativen vom Naturschutz. Mit den deutlich gestiegenen Wildbeständen wurden die Alpen wieder interessant als Lebensraum für Beutegreifer.

Um den Einfluss der Beutegreifer auf ihre natürlichen Beutetiere besser zu verstehen, initiierte die Universität Bern im Jahr 2012 ein umfangreiches Forschungsprojekt in den Walliser Alpen. Unterstützt wurde dieses Vorhaben insbesondere durch das Bundesamt für Umwelt (BAFU). Die Datenerhebung erfolgte anhand systematischer Spurentaxationen der Wildtiere im Schnee im Winterhalbjahr (November bis März), entlang von 218 Transekten von jeweils 1 km Länge und über den gesamten Kanton Wallis verteilt. Parallel dazu wurden im gleichen Gebiet etwa 100 Fotofallen aufgestellt, welche zusätzliche Beobachtungen liefern sollten.

Seltene Sichtungen von Luchsen

Bei der Auswertung des Datenmaterials aus den vergangen fünf Wintern ergab sich ein überraschender Befund: Beobachtungen von Luchsen waren im Zielgebiet ausserordentlich selten. Die von den Forschern der Universität Bern ermittelten mittleren Bestandsdichten beliefen sich im gesamten Kanton auf lediglich 0.32 Luchse pro 100 km2 potenziell besiedelbaren Lebensraum. Dies ist deutlich weniger als in vergleichbaren Regionen der Schweizer Alpen (1.4 bis 2 Luchse/100 km2) oder des Juras (bis zu 3.6 Luchse/100 km2). Während des gesamten Untersuchungszeitraums konnten lediglich 15 verschiedene Individuen festgestellt werden.

Der Grossteil davon wurde im Nordwesten des Kantons beobachtet, in der Nähe der vitalen Luchsbestände des westlichen Voralpengebietes (Kantone Waadt und Freiburg). Südlich der Rhone, besonders im südlich des Genfersees gelegenen Chablais, ebenso im Eringer-, Eifisch- und Turtmanntal sowie im Goms, ist der Luchs hingegen eine sehr seltene Erscheinung. «Dies ist umso erstaunlicher, als noch in den 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts im Gebiet zwischen Nendaz und Brig eine weit höhere Luchsdichte ermittelt werden konnte», sagt Prof. Raphael Arlettaz, Leiter der Studie. 58 Prozent des Walliser Territoriums darf als potenziell günstiger Lebensraum für Luchse angesehen werden. Rechnet man die Werte aus den übrigen Schweizer Alpenregionen für das Wallis hoch, so wäre eine Population zwischen 35 und 53 Luchsen zu erwarten. «Von einer solchen Dichte sind wir aber zur Zeit weit entfernt», sagt Arlettaz. Die Studie wurde nun im naturwissenschaftlichen «Bulletin de la Murithienne» publiziert.

Universität Bern: Wilderei als Ursache?

Im nächsten Schritt wollen die Forscher nun herausfinden, weshalb die Luchsdichte im Wallis nicht höher ist: Ist das Monitoring-Design mit Fotofallen nicht effzient genug für eine korrekte Bestandsermittlung? Oder bewegen sich die Beutetierbestände (Rehe und Gämsen) im Wallis auf einem deutlich tieferen Niveau als im übrigen Alpenraum? Welche Rolle spielt schliesslich die Wilderei, von der manche Schlagzeile in den lokalen Medien berichtet, als Erklärung für die anhaltend tiefen Luchszahlen im Kanton Wallis?

Raphaël Arlettaz hat bereits eine Vermutung: «Auch wenn gegenwärtig noch Vorsicht bei endgültigen Aussagen geboten ist, so deuten doch unsere neusten, noch nicht publizierten Analysen auf eine möglicherweise schon seit Jahrzehnten praktizierte Wilderei als entscheidendem Faktor hin. Leider wurden entsprechende, prahlerische Äusserungen gewisser Personen, die von manchen Medien gerne aufgenommen wurden, erst seit kurzem von den zuständigen Behörden ernst genommen

In der Tat gaben in der Vergangenheit Fälle von Wilderei – und in den letzten Jahren Gerüchte – im grössten Alpenkanton der Westschweiz immer wieder zu reden. Es gab gar Jäger, die sich öffentlich damit brüsteten, dem Luchs den Garaus machen zu wollen. Der bekannteste von ihnen war Lini Paccolat. Mit dem Gewehr im Anschlag erklärte er 2013 gegenüber «L’Illustré» stolz, dass er in den Bergen Schlingfallen aufgestellt und damit mindestens zehn Luchse zur Strecke gebracht habe. Mittlerweile sei er nicht mehr aktiv, aber er habe Freunde, «die sich darum kümmerten», so der damals 90-Jährige. Naturschutzorganisationen reichten Klage gegen ihn ein, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren später ein.

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