Vegan

Eine vegane Welt wäre eine bessere Welt

Replik auf einen fragwürdigen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, in dem behauptet wird, „eine Welt voller Vegetarier wäre keine gute“ und „wer Tiere liebt, sollte sie essen“.

In der Süddeutschen Zeitung erschienen kürzlich zwei sehr unterschiedliche Artikel.

Am 7. März führte Kristina Kobl einfühlsam und wissenschaftlich präzise aus, dass es „das Leid der Fische“ gibt. Sie spürt der Frage nach, weshalb Fischen weniger Leidensfähigkeit als anderen Tieren zugeschrieben wird. Biologisch spricht wenig dafür, dass man eine scharfe moralische Grenze zwischen Fischen und anderen Wirbeltieren, zwischen den verschiedenen Tierarten generell, ziehen könnte. So kommt sie etwa zum Schluss, dass die Bezeichnung „Meeresfrüchte“ statt „Meerestiere“ eine fatale Degradierung der Meereslebewesen darstellt und verurteilt das geläufige Denken, Pescetariertum wäre ethisch vertretbar. Nein, ist es nicht. Hinzu kommen die ökologischen Auswirkungen der Fischerei auf andere Tiere und den gesamten Planeten.

Und dann erschien am 23. April ein Artikel von Christina Berndt. Und der hatte im Gegensatz zu Kobls Text massive Diskussionen ausgelöst. Der traurige Lerneffekt für die Süddeutsche Zeitung dürfte sein: wer wissenschaftlich und ethisch korrekt schreibt, erzeugt keine Klicks und keine neuen Abos – wer aber unhaltbare Thesen konstruiert, die vorhersehbar provozieren, geht konform mit den Regeln der Medienökonomie.

Was schrieb Berndt? Ihre Zeilen sind eigentlich viel zu wirr und substanzlos, als dass man sich diesen widmen sollte. Und andere Stellen, wie etwa Utopia oder Animals United oder Aljoscha und Robert Marc Lehman, haben zur Genüge bereits drauf reagiert. Aber die Bühne für solcherlei Abstrusitäten hat die Süddeutsche Zeitung aufgebaut – nun soll das Mikro auch ausgiebig von anderen genutzt werden!

Berndts These lautet, dass Vegetariertum das Leben von sogenannten Nutztieren verhindern würde. „Eine Welt voller Vegetarier wäre keine gute“, titelt sie und macht eine sinnfreie Parallele zu Abtreibungen oder Verhütung beim Menschen auf. Berndts zentrale Annahme, damit ihre These überhaupt Bestand haben kann, ist dabei, dass man nur Tiere züchten, schlachten und essen sollte, wenn sie ein angenehmes Leben zuvor hatten. Damit mogelt sie sich plump aus der agrarindustriellen Tierqualrealität heraus.

Jede Aldi-Billigfleischkäuferin, jeder Wiesenhof-Bratwurstkonsument, wird Berndts These jedoch als Legitimation verstehen. Verstehen wollen und können. Denn auf den Verpackungen ist doch genau das abgebildet: ein angenehmes Leben auf dem Bauernhof. Die grausame Realität in den Ställen, die dutzenden Stallbrände jede Woche, die Regenwaldrodungen für Tierfutter, die Zoonosen und die Treibhausgase – all das ist im Supermarktregal grundsätzlich kein Thema. Auch mit Tierwohl-Label nicht. Im Gegenteil bewirkt die Werbung mit Labels eine Beruhigung des Verbraucher:innengewissens oder gar eine Verkaufsempfehlung für besonders günstige Schnäppchen.

Zudem blendet sie komplett aus, dass auch die wenigen Tiere auf Bauernhof-Idyllen und Almen allzu oft auch nur zum Akkord-Schlachthof transportiet werden. Und zwar zumeist in ihrem Kindes- oder Jugendalter, obwohl sie das „Leben“, von dem Berndt so sehr fabuliert, erst noch vor sich haben. Beim Transport erwarten sie Verletzungen, vor dem Schlachten gibt es zahlreiche Fehlbetäubungen. Und am Ende wird ein Drittel des Fleisches gar nicht konsumiert, sondern weggeschmissen.

Berndts These, die dafür notwendige zentrale Annahme, die Werbelügen, das Konsumverhalten – alles bildet eine einheitliche Linie. Und alles hat nicht die Wirkung, dass das Tierleid reduziert, sondern aufrechterhalten und maximiert wird.

Statt einen Artikel über die Notwendigkeit von mehr Aufklärung über die Realität in der Agrarindustrie zu schreiben, um ihre zentrale Annahme – das Bauernhofidyll – Wirklichkeit werden zu lassen, verschiebt sie lieber komplett den Fokus der Betrachtung. Sie konstruiert aus dem Nichts heraus ein vorgebliches Problem vegetarisch/veganer Lebensweise, das rein gar nichts mit der Realität zu tun hat. Und auch nicht hätte, wenn die Welt sich rein pflanzlich ernähren würde.

Denn auch in einer Welt ohne kommerzielle Tierhaltung, ohne Ausbeutung und Profitdruck, könnten Mensch und Tier sich respektvoll näher kommen. Jeder Lebenshof zeigt, dass das geht. Wir empfehlen Christina Berndt, beispielsweise das „Land der Tiere“ zu besuchen. Gern wird ihr dort auch erläutert, wie ein nachhaltiges Mensch-Tier-Verhältnis in unserer Gesellschaft entwickelt werden kann, das wirklich, letztlich und von Grund auf lebensfreundlich ist.

Eine weitere Parallele konstruiert Berndt in ihrem Text: in der Natur würden doch ohnehin so viele Tiere leiden. Was bedeute da schon das zusätzliche Leid in der Tierhaltung, so ihre implizite Suggestivfrage. Diese Scheinargumentation bemühen viele Tierleidprofiteure. Die Jagdfans wollen damit ihre Tötungsorgien kleinreden, die Agrarier ihr Business rechtfertigen, die Schleppnetzfischerei das Leerfischen der Meere. Ja, das Leben an sich ist grausam. Aber auf der Welt existieren einigen Berechnungen zufolge fast so viel Hühner wie alle wild lebenden Vögel zusammen. Anderen Berechnungen zufolge übersteigt die Landwirbeltier-Biomasse aller Nutztiere die der Wildtiere mittlerweile sogar um den Faktor 20!

In Individuen gerechnet, was tierethisch sinnvoller ist, sieht es leider nicht viel besser aus: immer mehr sogenannte Nutztiere und immer weniger Wildtiere. Für das Leid der Nutztiere sind wir Menschen vollumfänglich verantwortlich; für das Leid der Wildtiere nicht immer. Aber letzteres kann niemals als Argument instrumentalisiert werden, um die Debatte zur Nutztierhaltung so schräg zu beeinflussen, wie Berndt es versucht.

Das sichtbare Tierleben auf diesem Planeten besteht fast nur noch aus Menschen und Nutztieren – wenn all die Tiere in der Agrarindustrie denn überhaupt zu sehen wären – die Massentierhaltung hat hohe Mauern um sie errichtet und man zeigt seinen Kindern lieber nicht, wie Bärchenwurst hergestellt wird.

Aber die Sorge einiger Menschen soll ernsthaft sein, dass Vegetarier:innen Leben verhindern würden? Die Tierhaltung, ob Rinder auf der Weide oder Schweine in den Ställen, trägt massgeblich zum Klimawandel und zum Artensterben bei. Dieses dadurch tatsächlich verhinderte Leben, das für den Fortbestand der Biosphäre unseres Planeten im Gegensatz zur Nutztierhaltung wirklich wichtig ist, interessiert Berndt herzlich wenig.

Und somit entlarvt sich dieser Artikel in der Süddeutschen selbst. Wer so plump an der Realität und den tatsächlichen ethischen Herausforderungen unserer Zeit vorbei schreibt, bedient nichts weiter als primitivstes Verlangen nach Rechtfertigung falschen Verhaltens. Lebensfeindlichen Verhaltens, schreibt Robert Gabel von der Tierschutzpartei.

Wild beim Wild

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