Unkultur

Unmenschliche Zucht- und Schlachtpraktiken von Fischen in der EU

Kritische Haltungsbedingungen, problematische Transportvorgänge und schmerzhafte Schlachtmethoden: Die Lücken in den EU-Fischschutzvorschriften werden in einer beunruhigenden neuen Untersuchung von Fischfarmen in Europa aufgedeckt.

Eine neue Untersuchung der Organisation Essere Animali, die in Zusammenarbeit mit Compassion in World Farming veröffentlicht wurde, offenbart die Mängel der aktuellen EU-Tierschutzgesetzgebung, die den Schutz von Zuchtfischen eindeutig nicht gewährleistet. Die schockierenden Bilder, die während der Untersuchung – die in mehreren Forellenfarmen sowie einigen Seebarsch- und Seebrassenfarmen durchgeführt wurde – gefilmt wurden, enthüllen Zucht-, Transport- und Schlachtpraktiken, die den Tieren enormes Leid zufügen, da sie durch spezifische EU-Verordnungen nur unzureichend geregelt sind.

In Europa gehören Fische zu den Tieren, die am häufigsten gezüchtet werden: Allein im Jahr 2017 wurden schätzungsweise 1,3 Milliarden Fische innerhalb der EU-Grenzen für den menschlichen Verzehr getötet. Im Gegensatz zu Landtieren enthalten die geltenden EU-Rechtsvorschriften für Zuchtfische jedoch nur einige allgemeine Anforderungen, die so formuliert sind, dass die wenigen Bestimmungen über das Wohlergehen der Tiere in den verschiedenen Aufzuchtphasen (Richtlinie 98/58/EG), während des Transports (Verordnung (EG) Nr. 1/2005) und zum Zeitpunkt der Schlachtung (Verordnung (EG) Nr. 1099/2009) schwer anzuwenden sind.

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Die in der Untersuchung dokumentierten schwerwiegenden Tierschutzprobleme zeigen, dass Zuchtfische in ganz Europa dringend besser geschützt werden müssen. Fische werden in grösserer Zahl gezüchtet als jedes andere Tier, aber sie sind auch die von der EU-Gesetzgebung am meisten vernachlässigten Tiere. Wir haben jetzt die einmalige Gelegenheit, die Europäische Kommission aufzufordern, ihr Leiden zu beenden und das Leben von mehr als einer Milliarde Fischen pro Jahr zu schützen, indem wir die EU-Gesetzgebung deutlich verbessern, um einen angemessenen Schutz ihres Wohlergehens in jeder Phase der Zucht zu gewährleisten.

Dr Krzysztof Wojtas, Head of Fish Policy at Compassion in World Farming

Die Untersuchung wirft ein Schlaglicht auf die grausamen Bedingungen in vielen europäischen Intensiv-Fischfarmen. Eingepfercht in Betonbecken kann die hohe Besatzdichte die Wasserqualität beeinträchtigen, so dass sich Krankheitserreger und Krankheiten schnell verbreiten können. Die überfüllten Becken können auch dazu führen, dass die Fische zunehmend gestresst und untereinander aggressiv werden. Die Bilder zeigen tote Fische, die auf der Wasseroberfläche treiben, was auf die hohe Sterblichkeitsrate in der Branche hindeutet. Die kargen und überfüllten Bedingungen in den Anlagen zeigen wiederum, wie wenig stimulierend die Zuchtfische sind – da sie viele ihrer natürlichen Verhaltensbedürfnisse nicht befriedigen können, sind sie stattdessen gezwungen, in endlosen Kreisen zu schwimmen.

Darüber hinaus zeigt die Untersuchung, dass der Transport eine der kritischsten Phasen darstellt, in denen das Wohlergehen von Zuchtfischen ernsthaft gefährdet ist. Vor dem Transport werden die Fische in der Regel einer langen Fastenzeit unterzogen, die bis zu mehreren Tagen dauern kann, was für die Tiere Stress bedeutet. Das Be-und Entladen kann nachlässig erfolgen, und ohne geeignete Ausrüstung können die Fische mehrere Minuten lang ausserhalb des Wassers bleiben. Schlecht konstruierte Pumpen und Netze sowie eine unvorsichtige Handhabung führen zu körperlichen Verletzungen bei den Fischen und zu akutem emotionalem Leid.

Fische sind empfindungsfähige Wesen mit unglaublichen kognitiven Fähigkeiten, die nicht nur negative Emotionen wie Schmerz, Angst und Leid empfinden können, sondern auch positive Emotionen wie Freude und Vergnügen, die aus positiven Interaktionen zwischen Artgenossen und mit der Umgebung entstehen. Die Europäische Kommission hat die grosse Chance, für einen besseren rechtlichen Schutz zu sorgen, auch dank der Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung, die es ermöglicht hat, humanere Haltungsmethoden zu finden. Es ist an der Zeit, auf die Stimme sensibler Bürger zu hören, die fordern, dass das stille Leiden der Fische in europäischen Fischzuchtbetrieben ein Ende hat.

Simone Montuschi, President  of Essere Animali

Die Bilder, die die Tötung der Tiere dokumentieren, zeugen nicht nur von der mangelnden Umsetzung der EU-Rechtsvorschriften, sondern auch von deren offensichtlichen Unzulänglichkeiten in Bezug auf spezifische Anforderungen zum Schutz des Wohlbefindens der Fische zum Zeitpunkt der Schlachtung. Die Verordnung (EG) Nr. 1099/2009 sieht vor, dass den Tieren zum Zeitpunkt der Tötung „vermeidbare Schmerzen, Ängste oder Leiden“ erspart werden müssen (Artikel 3 Absatz 1). Das Fehlen weiterer spezifischer Vorschriften über die am besten geeigneten Betäubungs- und Schlachtmethoden für verschiedene Fischarten führt jedoch dazu, dass grausame und schmerzhafte Praktiken weit verbreitet sind. Die Untersuchung zeigt, dass die Fische nach der unwirksamen elektrischen Betäubung, die entweder in Eisbrei oder ausserhalb des Wassers in Holz- und Marmorbehältern vorgenommen wird, qualvoll leiden: Der Bewusstseinsverlust tritt nicht sofort ein, wie die heftigen Fluchtversuche der Tiere zeigen. Dies wird auch durch die Anwesenheit von Fischen bei Bewusstsein während der Verpackungsvorgänge in der Verarbeitungsanlage belegt.

Die Europäische Kommission überarbeitet derzeit die EU-Rechtsvorschriften zum Tierschutz im Einklang mit den Bestimmungen der Strategie „Vom Erzeuger zum Verbraucher“ und wird im Herbst 2023 einen neuen Legislativvorschlag vorlegen. Die Notwendigkeit, das Wohlergehen von Fischen in die Überarbeitung einzubeziehen, ist umso dringlicher, als die EU-Plattform für das Wohlergehen von Tieren und ein Forscherteam im Auftrag der Untersuchungskommission für den Schutz von Tieren beim Transport (ANIT) bereits spezifische Empfehlungen sowohl für die Haltungspraktiken (Wasserqualität und Handhabung) als auch für die Transportpraktiken erarbeitet und veröffentlicht haben.

Mit der Veröffentlichung dieser neuen Untersuchung schliesst sich Essere Animali der Kampagne von Compassion in World Farming an, die darauf abzielt, die Europäische Kommission, insbesondere die Generaldirektion für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (GD SANTE), aufzufordern, den Schutz des Wohlergehens von Fischen in die vorrangigen Ziele der Überarbeitung der EU-Tierschutzvorschriften aufzunehmen. Die Initiative wird durch eine Petition unterstützt, die den Beamten der Europäischen Kommission zeigen soll, wie sehr den Bürgern Fische und ihr Wohlergehen in der Zucht am Herzen liegen.

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