Unkultur

Hochgejagte Bestände in Graubünden

Gäbe es weniger Problemjäger, die Naturnutzungsgedanken hegen, könnten sich auch wieder mehr normale Menschen dem Naturschutzgedanken widmen - Menschen, die Arten mit Respekt, Anstand und Fairness pflegen und Wildtiere nicht zum Spass abschlachten.

Die unrühmlichste Jagdveranstaltung der Schweiz ist immer noch nicht zu Ende. Vor wenigen Tagen hat das Amt für Jagd und Fischerei Graubünden wieder erste Statistiken der dreiwöchigen Hochjagd (ab 3.9.) propagiert. Die zweiwöchige Walliser Hochjagd begann Wochen später (ab 21.9) und Statistiken wurden umgehend geliefert – man kann es fast nicht glauben.

Was in Graubünden mit 5’509 Hochjäger völlig ausser Kontrolle ist, hat man im Wallis mit 2’400 Hochjäger scheinbar besser im Griff. Im Wallis ist zum Beispiel 2015 keine Sonderjagd nötig, obwohl auch dort die beiden letzten Winter angeblich mild waren.

Sonderjagd ist, wie der Name schon sagt, eine Nachbesserung. Wird eine Nachbesserung zum Regelfall, dann stimmt etwas nicht mit der Wissenschaft, Wildbiologie, Planung sowie Ausführung und dies ist in Graubünden seit 30 Jahren der Fall.

Der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopfe her und dies muss in Graubünden gewaltig sein. So sind in Chur aktuell Volksinitiativen in Bearbeitung, um den Gestank der kranken Jagden die das Amt für die Hobby-Jägerinnen und Jäger organisiert, zu vertreiben. Da war Carna Grischa beim Fleischskandal bedeutend schneller vom Platz, trotz des Filzes.

Das Auslegen von Lockfutter wird neu in Graubünden generell verboten und mit Ordnungsbussen geahndet, dies ist eine der Forderungen eines Initiativtextes. Auch müssen Jäger neu regelmässig zum Schiesstest.

Beobachtung und Aberglaube

Hohe Strecken bei Hirsch und Reh und eine durchschnittliche Gämsjagd sorgen für weitgehend zufriedene Bündner Jägerinnen und Jäger, allerdings mit grossen regionalen Unterschieden. Eine Sonderjagd zur Erfüllung der Abschusspläne ist beim Hirsch zwecks Begrenzung von Schäden am Wald und an landwirtschaftlichen Kulturen sowie zur Vermeidung von übermässigem Tiersterben bei härteren äusseren Bedingungen in fast allen Regionen notwendig, beim Reh nur noch in rund der Hälfte der Regionen. 2923 Jäger haben sich für die Sonderjagd angemeldet.

AJF Graubünden 2015

Irgendwie wird der Bevölkerung Jahr um Jahr etwas vorfabuliert. Jäger geben vor, etwas zu sein, was sie gar nicht sind.

Die Sonderjagd ist immer auch ein unethisches und barbarisches Massaker an Wildtieren. Trächtige, führende Hirschkühe sowie Rehgeissen und ihre Jungen, ganze Sozialstrukturen werden wie in einem Blutrausch ohne Erbarmen zusammengeschossen. Führende Muttertiere vor dem Kitz wegzuschiessen, ist schäbig und gemein. Von Handwerk, Wildbiologie, Wissenschaft kann man da wirklich nicht sprechen – es ist einfach nur Jagd – eine Tierquälerei. Und der Jagddruck der vorangegangenen Monate ist dafür auch noch mitverantwortlich. Es wird niemals eine Entschuldigung geben, ein neugeborenes Leben so zu zerstören oder das Muttertiere ihre Kälber nicht ohne Hatz und Todesangst aufziehen können. Jäger manövrieren damit ihr Image gleich neben jenes des Islamischen Staates. Die Bündner Jagd ist schlichtweg kriminell. Nur ist unser Rechtssystem noch nicht soweit, das im Strafrecht zu berücksichtigen.

Bei genauer Beobachtung erkennt man, dass die Jägerseele etwas Durchtriebenes ist. Jagd ist kein rechtschaffenes Handwerk. Es gibt keine Standards, Ethik, gute Wissenschaft oder Regeln bei der Jagd, die gesellschaftlichen Normen, nicht einmal innerhalb der Jägerschaft, und vor allem tierschützerischen Argumenten standhalten. Täten Jäger für die Gesellschaft Brot backen, würde einer Jauchewasser verwenden und ein anderer Abwasser und beide würden es als Brot verkaufen. Hobby-Jäger machen, was sie wollen und führen ein sektenartiges Brauchtum. Wer mit dem eigenen Dasein nicht zufrieden ist, der geht auf die Jagd. Bündner Jäger kritisieren die Baujagd als Tierquälerei, Walliser Jäger ergötzen sich an der Trophäenjagd auf den Steinbock, Obwaldner Jäger finden Hochsitze nicht waidmännisch, Glarner Jäger sind in Graubünden keine Jäger, die Verseuchung der Umwelt und des Wildes mit der Jägermunition ist Aufopferung für das Ökosystem – während Naturschützer dagegen protestieren oder bei deutschen Hobby-Jäger ist es verpönt, mit Schrot auf Rehe zu schiessen, während Schweizer Jäger das lustig finden, usw.

Jagd ist immer auch eine Form von Krieg gegen Lebewesen, wo die negativen Eigenschaften im Menschen aufleben.

Allein in der Hirschfabrik Graubünden in der Schweiz wurden im Jahr 2014 wegen Verstössen gegen die Jagdgesetzgebung 1007 (995, 964) Ordnungsbussen ausgesprochen und 95 (127, 125) Anzeigen an die Kreisämter erstattet. Praktisch jeder fünfte Jäger der 5’804 (5’946) war ein Delinquent, mit einer grossen Dunkelziffer im jährlichen Wechselspiel (Statistik 2015).

Am 30.6.2015 gab das Amt in Graubünden folgende Medienmitteilung heraus: “Ausserordentlich hoher Wildbestand in Graubünden”. Da hat man die Hochjagd mit den Sonderjagden und dennoch Warnmeldungen wie beim Katastrophenschutz im Krieg. Dazu die passenden Floskeln wie:

Die Sonderjagd hat zum Ziel, die Wildbestände an ihre Wintereinstände anzupassen und gleichzeitig eine Schwächung der Kondition der Tiere zu vermeiden. Damit wird die wichtigste Hegemassnahme umgesetzt, nämlich die Anpassung der Bestandsgrösse an die Kapazität des Lebensraumes. – AJF Graubünden 2015

Bestände werden seit Jahrzehnten nicht wirklich reguliert, sondern dezimiert und die Geburtenrate stimuliert. Folge der jetzigen Methoden ist, dass zum Beispiel Rehe und Hirsche noch scheuer werden und ihre tageszeitlichen Aktivitäten vollends in die Nacht verlegen. Dies führt zu vielen Verkehrsunfällen.

Unprofessionelles Snipertum ist die Hegemassnahme. Das beim traditionellen Kulturgut “Jagd”, jetzt auch amtlich Mobiltelefone auf der Pirsch gebraucht werden dürfen, war lange Zeit Science Fiction. Bereits im Jahr 2010 hat der Verein Wildtierschutz Schweiz dokumentiert, wie Wildtiere mithilfe von Autos und Mobiltelefonen in winterlicher Umgebung im Schnee und Kälte durch die Täler und auf die Berge gehetzt werden. Vom milden Winter keine Spur.

Genauso wie es ethisch nicht richtig ist, eine Wildtierart zu dezimieren, um eine andere zu schützen, kann das Massakrieren nicht richtig sein, nachdem man über Jahrzehnte für die Jagd unnatürlich hohe Bestände herangezüchtet hat und dies jetzt mit Ausreden von übermässigem Tiersterben bei härteren Bedingungen usw. zu begründen, was ethischen und moralischen gesellschaftlichen Normen einer Bankrotterklärung gleichkommt. Das ist kein Naturverständnis. Jäger wissen auch nicht, welche Tiere überleben würden, bei der natürlichen Auslese wie zum Beispiel Winterhärte.

Beim Reh konzentrieren sich die noch erforderlichen Eingriffe vor allem auf Korrekturen einer unausgeglichenen Bejagung männlicher und weiblicher Tiere, um eine möglichst artgerechte Alters- und Geschlechterverteilung zu erreichen. AJF Graubünden 2015

Wildtiere stehen in erster Linie den Beutegreifern zu, nicht den Jägern, aber Wolf, Luchs und Co. will man ja nicht so richtig. Fallwild will man nicht, den Fuchs auch nicht, der dies beseitigen würde. Füchse werden sinnfrei und planlos wie in einem Wahn abgeschossen. Die Regulierung der Wildbestände erfolgt nicht nach natürlichen wildbiologischen Gegebenheiten, sondern Jägerlatein. Geschützte Arten, wie der Feldhase, Birkhuhn, Schneehuhn und die Waldschnepfe, haben auf der Liste der jagdbaren Arten auch nichts verloren. Jede jagdliche Aktivität ist eine Störung für die gesamte Wildtierpopulation.

Nötig sei die Niederjagd nicht, aber berechtigt. So könne man sich auch fragen, ob es sinnvoll sei, Beeren und Pilze im Wald zu sammeln!

Robert Brunold, aktueller Präsident des kantonalen Patentjäger-Verbandes

Was kann man von solchen Problemjägern schon erwarten, die den Unterschied zwischen einer Waldbeere und einem Fuchs oder Singvogel im Herz nicht erfassen können? In der heutigen Gesellschaft gilt, wer beim Töten nichts fühlt, ist schwer gestört.

Man weiss heute, dass es in Graubünden und anderswo in erster Linie wie in einem Reisebüro ums Organisieren von attraktiven Jagden geht, welche vom Amt für Jagd und Fischerei geplant werden. Der Mensch wird vom Amt mehr und mehr zum bestialischen Raubtier degradiert und die Wildtiere zu Nutz- und Zuchttieren. Die Anzahl Verstösse gegen die Jagdgesetzgebung und die zahlreichen Anzeigen an die Kreisämter sprechen eine deutliche Sprache. Es werden Pilotversuche, wie in einem grossen Tierversuchslabor, gestartet, Wildschutzgebiete und Wintereinstandsgebiete massiv gestört, Jagdregeln ausser Kraft gesetzt, usw. Das Jagdfieber hat die gesunden Grenzwerte längst überschritten. Wilde Horden schiesswütiger Hobby-Jäger, die die Berge stürmen, für eine Trophäe oder Fleisch, welches laut der WHO amtlich in der gleichen Kategorie wie die krebserregenden Stoffen Plutonium, Asbest oder Arsen sein kann.

Natürlich muss man den Schutzwald bewahren, die Kapazitäten, Lebensräume kennen usw. Aber genau das geschieht seit Jahrzehnten mit der Jagd nicht zufriedenstellend. Die Jagd ist noch eine negative Auswirkung auf die Wildtiere in unserem Lebensraum und keine Dienstleistung für die Allgemeinheit. Dass die Jagd die Reproduktionsrate bei Hirsch und Reh erhöht, verkündet das Amt in Chur neuerdings auch – Tierschützer weisen seit Jahrzehnte darauf hin. Grosse Teile der Bevölkerung haben für das jagdliche Treiben schon lange kein Verständnis mehr, genauso wie die heutige “Jagd” den Begriff Jagd schon lange nicht mehr verdient. Man muss nur die Zusammenhänge verstehen können.

Was früher in Genf hunderte Jäger ebenfalls minderwertig gemacht haben, erledigen heute 11 Wildhüter nebst vielen anderen Aufgaben vorbildlicher. Mit mehr Wildhüter, die nur therapeutisch bei Fuchs, Luchs, Wolf, Greifvögeln usw. eingreifen, hätten auch Graubünden und die anderen Kantone wieder mehr Ordnung, Biodiversität und Schutz vor Naturgefahren. Und dem Steuerzahler würden vermutlich hunderte Millionen von Franken erspart, welche der Bund, Kantone und Gemeinden in die Schutzwalderhaltung pumpen, dort, wo die Problemjäger die Wildtiere parkieren und züchten.

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Interessen-Gemeinschaft

Wild beim Wild


Die IG Wild beim Wild ist eine gemeinnützige Interessen-Gemeinschaft, die sich für die nachhaltige und gewaltfreie Verbesserung der Mensch-Tier-Beziehung einsetzt, wobei die IG sich auch auf die rechtlichen Aspekte des Wildtierschutzes spezialisiert hat. Eines unser Hauptanliegen ist, in der Kulturlandschaft ein zeitgemässes und seriöses Wildtiermanagement nach dem Vorbild vom Kanton Genf einzuführen – ohne Hobby-Jäger aber mit integren Wildhütern. Das Gewaltmonopol gehört in die Hände des Staates und nicht an Hobby-Jäger-Banden delegiert.