Tierrechte

Jahresschreiben Stinah (2021)

Wie jedes Jahr möchte Stinah mit einem Schreiben ein Fenster zum Tierschutzalltag 2021 öffnen, denn Sie sind es, die diesen Alltag möglich machen.

Die Auswahl der dargestellten Schicksale, der angetroffenen Not, der gelungenen wie auch misslungenen Interventionen etc. ist eine zufällige Zusammenstellung. Gesamthaft füllt unser Tierschutzalltag im übers Jahr geführten Stichwortprotokoll schon mehr als 100 Seiten. 

Wir starteten am 1. Januar mit dem unerfreulichen Verdacht, dass sich DER, der grosse, charmante Wallach, der im Vorjahr als Beschlagnahmungsfall nur dank eigenmächtigem Entscheid der Präsidentin der Schlachtung entging, in einer Silvesterrangelei eine Fissur des Unterschenkels zugezogen haben könnte. Die langjährig isolierte Haltung vor der Beschlagnahmung war DERs Sozialkompetenz nicht zu träglich und seine Behäbigkeit half ihm nicht, angezetteltem Streit schnell und ohne Blessuren zu entkommen.

Eine Fissur ist ein kleiner Haarriss im Knochen, der im frischen Zustand nur sehr schwer diagnostiziert werden kann. Die Umbauvorgänge am Knochen werden erst nach ca. 14 Tagen sichtbar. Dennoch muss gehandelt werden, denn eine Fissur kann sich zu einem (für ein Pferd meist tödlichen) Bruch entwickeln, wenn das betroffene Bein stark belastet wird. Eine solche Belastung entsteht u.a., wenn ein Pferd wie DER mit über 800kg Gewicht sich zum Schlafen hinlegt und hernach aufwuchten muss.

DER im Tiefschlaf

DER bekam zur Reduktion des Risikos Boxenruhe im Netz verschrieben. Das Netz, hier geht ein herzlicher Dank an unsere Freunde vom Grosstier Rettungsdienst CH/FL, die uns sofort mit einem Rettungsnetz ausrüsteten, liegt dabei locker am stehenden Pferd, so dass es sich in der Boxe frei bewegen kann, hindert es aber daran, sich hinzulegen. DER meisterte diese Zeit des Eingeschränktseins hervorragend. Er entspannte, indem er das Netz als eine Art Hängematte nutzte. DER hat sich vollständig erholt und ist mittlerweile voll und ganz in die Herde integriert.

Wir hatten dieses Jahr bereits ab Januar erstaunlich viele Platzangebote für Ponys, aber auch für Pferde. Die Bearbeitung ist zeitintensiv, nicht selten auch etwas nervenaufreibend, weil ein Grossteil der Platz anbietenden eine falsche Vorstellung davon hat, welche Equiden unsere Hilfe benötigen bzw. wo wir mangels Ressourcen die Grenze beim Helfen ziehen müssen. So erhalten wir häufig Platzangebote für reitbare, gesunde und charakterlich einwandfreie Pferde. Wir sind jeweils froh, mitteilen zu können, dass solche Tiere selten von Schlachtung oder Euthanasie bedroht sind und deshalb erst gar nicht in unserer Vermittlung landen. Der drohende Tod, ohne dass er medizinisch angezeigt wäre, ist Voraussetzung für unser Tätigwerden. Die Tatsache, dass zwei grosse Beschlagnahmungen aufgrund rechtlicher Interventionen der Eigentümer noch nicht definitiv wurden, und die 2021 rekordverdächtig tiefe Zahl gemeldeter Notfälle gaben uns die Möglichkeit, für fast alle Notfallpferde neue Lebensplätze zu finden. 

2020 ist die Bevölkerung in der Schweiz im Vergleich zum Vorjahr um 0.7% gewachsen. Wir töteten in diesem Jahr 5% mehr Hühner als 2019, nämlich rund 12.5 Millionen Individuen, davon 8’574’643 Mast und 3’854’017 Lege- und Zuchthühner. Während die Masthühner sieben Wochen mit dem einzigen Zweck vor sich hinvegetieren, ihr Geburtsgewicht von 42g zu versechzigfachen, um ein Schlachtgewicht von rund 2.5kg zu erreichen, verbringen die allermeisten Legehennen 12-18 Monate in Geflügelbeständen mit mehr als 5’000 Tieren unter Kunstlicht und ohrenbetäubendem Lärm, bis sie entsorgt werden. Alles legal, vielen egal; Ihnen und uns nicht. Und so waren wir bereits im Januar wieder mit 253 gefiederten Damen quer durch die Schweiz unterwegs, um jenen, die die Produktionshölle durchgestanden hatten, ein artgerechtes Hühnerleben zu ermöglichen. Vier weisse Hühner fanden in der vierzigköpfigen Schar im Stinah-Heim Zuflucht. 1’747 Hennen mussten wir zurücklassen. Sie wurden am nächsten Tag getötet. 

Die Planung einer Hühnerrettung beginnt bereits Wochen vor dem Abholtermin. Sobald Ort, Datum und die Anzahl der Hühner in Not bekannt sind, erheben wir im Lager den Bestand an Transportkisten, Stroh, Etiketten etc., bestellen Nachschub, melden unseren Fahrern ein ’save the date‘ und beginnen mit der Suche nach Lebensplätzen. Wir schreiben dutzende E-Mails, SMS- und WhatsApp-Nachrichten und führen nach altbewährter Manier Telefongespräche. Rückt der Termin heran, machen wir uns an die Planung der Sammeltransportrouten, nicht selten parallel zur sich allmählich in eine Zitterpartie wandelnden Platzsuche für die Tiere. Diese Parallelität macht aus mancher Tourenplanung einen Papiertiger, aber der Wunsch, keine Henne zurücklassen zu müssen, hält uns bis zur letzten Minute im Planen flexibel; zugegeben nicht immer ohne Absingen einiger weniger schöner Lieder, wenn wir nach wiederum vielen SMS- oder WhatsApp-Nachrichten, E-Mails und Telefonaten die Post-It auf der Karte neu beschriften und verteilen, ohne Gewissheit zu haben, dass das Ergebnis nun definitiv ist. 

Unser Fahrdienst-Team zählt rund ein Dutzend Freiwillige, die die Hennen ehrenamtlich dahin bringen, wo sie freudig erwartet werden und ein hühnergerechtes Heim beziehen dürfen. Auch von ihnen braucht es grosse Flexibilität. Ändert die Anzahl der zu transportierenden Hühner kurzfristig, müssen evtl. aufgrund der verschieden grossen Fahrzeuge, allesamt Privatfahrzeuge der Fahrer und Fahrer-innen, ganze Routen abgetauscht oder Zusatzschlaufen gefahren werden. Warum jemand seine Freizeit dafür opfert? Die Antwort unserer langjährigen Fahrerin Evi: «Ich fahre diese liebenswerten Hühnerdamen in ein verdientes, artgerechtes Rentenleben. Es ist für mich eine herausfordernde und sehr befriedigende Abwechslung und im Übrigen sind sie sehr angenehme Mitfahrerinnen.» 

Am 18. Januar verstarb CHANGE. 6.5 Jahre begleitete er uns, bereicherte unser Leben und brachte so manch einen Besucher ins Grübeln, Staunen und Hinterfragen, besser als wir es je konnten. Er war ein Meister der guten Laune, ein grosser Geniesser und ein guter Freund, erst für CHANGE, dann für HEINRICH und zeitlebens auch für uns. Sein Tod kam unerwartet. Er lag am Morgen friedlich im Strohbett seines Schweinehauses. Wohl ein Herzversagen wie es bei Schweinen oftmals beschrieben wird.

Im Februar beschäftigten wir uns grossmehrheitlich selbst. Die nächtlichen Aufstellaktionen für WIZARD wurden häufiger (wir berichteten letztes Jahr, dass er Mühe hat aufzustehen, wenn er zu lange schläft (Kreislaufprobleme)). Und als wäre einer nicht genug, benötigte auch PALOMA von Februar – April hin und wieder Hilfe beim Aufstehen. So galt und gilt es, während der ohnehin eher kurzen Nächte immer mal wieder die Überwachungskameras zu checken, ob von den Senioren jemand Hilfe benötigt. Zu langes Festliegen kann bei Pferden gravierende gesundheitliche Folgen haben.

Die Pferde MOMENT (schwere Augenerkrankung), JACKY (Vergiftungserscheinungen), DEBORA (Entzündung der Sprunggelenke) und HECTOR (Verletzung des Fesselträgeransatzes) sowie Hund BAJO (erneute Operation des Knies, regelmässige Physio) komplementierten das Februar-Lazarett. 

Neben der Tatsache, dass immer mehr Heimbewohner in ein pflegeintensives Alter kommen, hatten wir dieses Jahr erstmals mit einer Hufrehe zu kämpfen, einer schweren, in letzter Konsequenz lebensbedrohlichen Entzündung in den Hufen. Aus heiterem Himmel traf es VITEZ, der seit 14 Jahren in unserer Herde den Alleinunterhalter gibt. Wir erkannten das Problem zum Glück in sehr frühem Stadium. Lange dauerte jedoch die Ursachenforschung, weil die ersten Tests zur Verifikation der Vermutung, dass er an Cushing erkrankt sein könnte, ein falsch negatives Ergebnis lieferten. Erst im August hatten wir Klarheit und konnten dank entsprechender Medikation nachhaltig Besserung herbeiführen. Bis dahin mussten die Hufe bei jedem Schub während Stunden gekühlt werden. Dafür bauten wir jeden Tag eine Burg aus Einstreuballen um die mit Eiswasser gefüllte Wanne, in der VITEZ ausharren musste. Die Tankstellen in unserer Umgebung hatten trotz der bescheidenen Temperaturen im ersten Halbjahr einen hohen Eiswürfelumsatz. 

Am 4. März starb SHIRKAN, ein erst zweijähriger Ochse. Wie CHANGE lag auch er ohne vorgängigen Hinweis auf gesundheitliche Probleme morgens tot im Strohbett. Er hätte als Kümmerling geschlachtet werden sollen, erholte sich aber in unserer Herde sehr gut, so dass wir nicht damit rechneten, ihn so früh zu verlieren. Ihm folgten am 22. Mai KÖNKEN, die stolze 21 Jahre weitgehender Freiheit im Jura geniessen durfte, und am 28. Mai Ochse SENNO. Die Versuche, ihm im Tierspital zu helfen, scheiterten. SENNO war erst acht Jahre alt, hatte aber bereits die typischen Arthroseprobleme, die diese auf Fleischleistung gezüchteten Tiere aufgrund der Überlastung ihrer Gelenke sehr häufig erleiden. Da Ochsen kaum älter als 11 Monate werden, zeigen sich diese Qualzuchtprobleme in der Regel nicht, was aber nicht bedeutet, dass die Tiere nicht während der Mastdauer bereits unter diesem angezüchteten enormen Gewichtszuwachs leiden. 

In der zweiten Märzhälfte konnten bei zwei Hühnerrettungen alle 336 Hühner ihrem Schicksal entkommen. Dieses freudige Ergebnis konnten wir beim neu in unserem Programm befindlichen Legebetrieb mit insgesamt 14’000 Hühnern im Mai nicht wiederholen. Wir durften 100 Tiere platzieren. Bei einem weiteren Betrieb mit 116 Hennen mussten wir zum Glück wieder niemanden zurücklassen. 

Die Hühner werden in geeigneten Kisten transportiert. Jede Schachtel wird mit der Anzahl und der Farbe der Hühner sowie den Namen von Fahrer und Empfänger beschriftet. Bei grossen Rettungsaktionen brauchen wir bis zu 100 Schachteln. Auch die Schutzverträge müssen vorbereitet werden. Jeder Fahrer erhält ein Dossier mit seiner Route, den Angaben zu den einzelnen Treffpunkten, Infos zu den Über-nehmern und den Schutzverträgen. Das Verladen der Hühner vor Ort muss gut organisiert sein, um unnötigen Stress für die erschöpften Tiere zu vermeiden und den meist engen Zeitplan für die Verteilung nicht durcheinander zu bringen. Für die Tiere ist das Verladen im Dunkeln am schonendsten, weshalb die Übergabe bei den Treffpunkten vielfach erst spät in der Nacht stattfindet. 

An dieser Stelle möchten wir unseren Hühneradoptanten für die gute Zusammenarbeit, ihre Pünktlichkeit und ihre Unterstützung herzlich danken. Es ist berührend, wie freudig die Hennen in Empfang genommen werden. Manchmal warten am Treffpunkt ganze Familien, die für jedes Huhn bereits einen Namen ausgesucht haben, darauf, die Tiere in den Familienkreis aufzunehmen, sie als fühlende Geschöpfe wertzuschätzen und sie mit Liebe und Respekt zu behandeln. Das trägt uns über viel Leid hinweg und gibt uns Kraft, weiterzumachen!

HEINRICH, den wir nach dem Tod von Eber CHANCE mit CHANGE vergesellschafteten, zeigte deutlich, dass er CHANGE vermisste. Wir waren hin- und hergerissen, ob wir einen weiteren Vergesellschaftungsversuch wagen sollten. Leider verliefen unsere Versuche, einen Platz zu finden, an welchem er mit anderen Schweinen hätte zusammengeführt werden können, erfolglos. Im März verschlechterte sich HEINRICHS Gesundheitszustand. Die beigezogenen Tierärzte konnten keine Ursache feststellen, so dass wir seine Fressunlust weiterhin der Trauer um CHANGE zurechneten. Am 26. März fanden wir auch ihn tot in seinem Schweinehaus. Bis zur Renovation des alten Stalles werden wir vorerst keine Schweine mehr beherbergen können. 

Im März realisierten wir einen zweiten Taubenschlag. Wir hofften, dass die vor einiger Zeit zugezogenen und überall sonst vertriebenen Tiere Gefallen daran finden und wir die Möglichkeit erhalten, durch den Austausch von Eiern eine gewisse Geburtenkontrolle einzuführen. Leider teilen die Tauben unsere Einschätzung nicht, dass der Taubenschlag (auf dem Bild noch nicht fertig ein-gerichtet) einladend geworden ist, über taubengerechtes Futter, Wasser, Sandbäder, Nistmaterial etc. verfügt. Sie bevorzugen, an den unmöglichsten Orten zu hausen und die Pferdeäpfel in Windeseile auf der Suche nach einem letzten Korn zu zerlegen.

CÄSAR, der Schäferhund, der 2014 mit geschätzten 10 Jahren aus einer Tötungsstation in Ungarn zu uns stiess, war ein sehr selbständiger Charakter. Freundlich tat er, was er seines Erachtens tun musste. Dazu gehörte, tagein tagaus mit froher Miene die Pferde, die sich notabene in ihrem Bereich, aber an seinem Gartenzaun aufhielten zu verbellen. Einige Pferde machten sich einen Spass daraus, CÄSAR herauszufordern, während andere – v.a. Zweibeiner – sich am Gebell störten. CÄSAR wedelte freundlich, während er unbeirrt von pferdigen Scheinangriffen oder menschlichen Zurufen weiter laut und – zumindest machte es den Eindruck – noch verzückter, ob der Rage der Genervten, bellte. Leider ist dieses Bellen am 23. April für immer verstummt. Es ist leise geworden auf dem Talhof und ganz gewiss vermissen auch jene, die ihn bisweilen des Lärms wegen in die Wüste wünschten, seine jauchzende Stimme.

Der Frühling 2021 war hart für die Jungvögel. Wir hatten noch nie so viele Vogelnotfälle wie dieses Jahr. V.a. die Spatzen hatten grosse Probleme. Leider konnten wir nur wenigen helfen; die meisten fanden wir tot vor, wohl verhungert. Es gab aber wiederum erfolgreiche Auswilderungen von genesenen gefiederten Freunden, so konnte sich z.B. AIWAN, die Elster, unserer Elstergruppe anschliessen. 

2011 konnten wir direkt an unser Land angrenzend eine halbe Hektare sehr steiles Rebland pachten. Das Grundstück war seit rund sechs Jahren nicht mehr mit Wein, sondern mit einer vergandenden, aber für viele Insekten Heimat bildenden Buntbrache bestockt. Wir wollten mit der Pacht verhindern, dass das Land wieder mit grossem Spritzmitteleinsatz für die Weinproduktion genutzt und ’still‘, sprich insektenfrei wird. Wir haben das Grundstück über all die Jahre mit möglichst schonenden Eingriffen zu einer wertvollen Insektenweide hergerichtet. Seit zwei Jahren wachsen sogar wilde Orchideen auf der Fläche. Dieses Jahr wurde die Pacht gekündigt. Die Eigentümerin, eine Weinbaufirma, war in wirtschaftliche Schieflage geraten und ihre Grundstücke kamen unter den Hammer. Mutig haben wir für ‚unsere Parzelle‘ ein dem Höchstpreis für unbestocktes Rebland entsprechendes Angebot eingegeben. Leider wurde unser Gebot um das Dreifache überboten. Unser Einsatz für einen arten- und blütenreichen Bestand hat die Parzelle in die höchste Direktzahlungsstufe katapultiert, so dass Direktzahlungsberechtigte, zu denen wir nicht gehören, selbst bei einem dreifach über dem amtlich als angemessen beurteilten Preis für die konkrete Bodenqualität liegenden Kaufpreis noch eine Rendite von mehr als 4 % hätten realisieren können. Der Bietende wollte die Rendite auf unserer Arbeit einfahren und kündigte an, die Parzelle wieder für den Weinanbau zu verwenden, sobald die Bestockung mangels Pflege nicht mehr die für eine hohe Direktzahlungsstufe erforderliche Pflanzenvielfalt aufweisen würde. Dank grosszügiger Unterstützung war es uns schliesslich möglich, unser Vorkaufsrecht als Pächter auszuüben und das Grundstück, wenn auch zu einem allzu hohen Preis für die dort lebenden Pflanzen und Tiere zu sichern.

Im Juni konnten wir 302 Hühnern und vier Hähnen helfen. In der Hühnerschar im Heim fanden fünf Tiere Unterschlupf. 4’894 Tiere mussten wir zurücklassen. Zudem beanspruchte die für letztes Jahr geplante, und nun durchgeführte Beschlagnahmung von 20 Pferden Ressourcen. 

Die Hühner, die wir zur Vermittlung erhalten, stammen aus den unterschiedlichsten Haltungen. Als Stinah RettetdasHuhn vor über 10 Jahren startete, mussten wir die ausgestallten Hennen noch für CHF 10.00 pro Tier kaufen. Dieser Preis war Ausdruck der Geringschätzung, die man damals unserem Tun gegenüber hegte und natürlich eine weitere Bereicherungsmöglichkeit auf dem Rücken der Tiere. Es war auch immer ein Bazar, ob wir 5 oder 6 Tiere von hunderten oder tausenden retten durften. Ab 2011 erreichten wir ein erstes Etappenziel unseres Engagements: wir erhielten nun die Tiere unentgeltlich, genauer: wir boten unsere Hilfe angesichts der gegebenen Möglichkeit nur noch jenen Geflügelhaltern an, die bereit waren, die Tiere gratis abzugeben. Die Diskussionen um die Anzahl Tiere, die wir übernehmen durften, lag dann bald schon bei 50er Schritten. Mittlerweile wünschen dankbare Legehennenhalter, dass wir für alle Tiere eine Lösung finden, manchmal erhalten wir gar einen Zustupf an unsere Aufwendungen und immer öfter Zuspruch. Die jüngste Entwicklung wird von der nächsten Generation eingeläutet. Die jungen Bauern engagieren sich immer mehr selbst bei der Suche nach Lebensplätzen für ihre Tiere und bitten uns, ihnen dabei zu helfen. Offenbar ist die jüngere Generation nicht mehr willens, Tiere als Abfallprodukt zu behandeln. Viele stellen die Eierproduktion ein mit der negativen Konsequenz, dass die kleineren Hühnerhaltungen allmählich verschwinden und die Tiere in immer grösseren Massen gehalten werden. Von 2000 bis 2020 hat sich die Anzahl der Nutzhühnerhalter in der Schweiz um 36 % reduziert (bei steigender Nachfrage nach Eiern). 

Während sich die Medizin bei Heimtieren schon länger mit den Bedürfnissen und gesundheitlichen Pro blemen von Senioren beschäftigt, ist der geriatrische Patient bei Nutztieren noch immer eine Rarität und das Wissen entsprechend dürftig. Wir haben im Juni mit einem ersten Kurs zu Seniorenbedürfnissen das Thema aufgenommen und planen, den Erfahrungsaustausch fortzusetzen.

Der Juli war eine Achterbahnfahrt. Die neuerlich aufwändig erarbeitete Platzierung der im Frühling beschlagnahmten Pferde liess sich wiederum nicht umsetzen; genaugenommen bis heute nicht, weil der Tierhalter neue Rechtsverfahren anstrengte. Den für eines dieser Tiere seit letztem November in der Stiftung vorgesehenen Platz vergaben wir deshalb an AMY. Ihr drohte mit fünf Jahren die Schlachtung. Wir hatten Glück und fanden sogleich einen tollen Lebensplatz für sie. AMY ist neben 13 Hühnern das einzige Tier, das wir dieses Jahr in die Stiftung aufgenommen haben. Angesichts der aktuellen Situation lehnte der Vizepräsident vorausschauend weitere Tieraufnahmen ab. Für LILLY, von der wir letztes Jahr berichteten, dass sie bei uns ein Zuhause finden würde, eröffnete sich glücklicherweise eine andere Chance.

Bei vier Rettungen konnten im Juli 1’027 gefiederte Freunde in ein artgerechtes Leben reisen. Für 349 Hennen konnten wir in der zur Verfügung stehenden Zeit keine Anschlusslösung finden. 

Ende Juli verunfallte unser Mitarbeiter Thomas. Extern, aber Unfall bedeutet Ausfall, im konkreten Fall für 3 Monate. Und Thomas ist ein engagierter, wichtiger Mitarbeiter (60%). Thomas wäre aber nicht Thomas, wenn er sich nicht nach seiner Operation auf eigene Faust um einen Ersatz gekümmert hätte. So hatten wir (und v.a. unsere herausragende Praktikantin Sharon) bald wieder etwas Entlastung beim Misten und Füttern der vielen Tiere im Heim; Arbeiten, die täglich rund 30 Mannstunden verschlingen. Einige Wochen später wurde uns eine Busse von bis zu CHF 40’000 angedroht. Wir hatten nicht erkannt, dass auch eine – anfangs zeitlich vollkommen unklar – befristete Springerstelle während fünf Werktage über das RAV ausgeschrieben werden muss, bevor jemand angeworben werden kann, um für den Verunfallten einzuspringen. Die Ausschreibung ist eine reine Formalie, denn ein Arbeitgeber kann nicht zum Abschluss eines Arbeitsverhältnisses verpflichtet werden, sollte sich in den fünf Werktagen ein Inländer für die Stelle interessieren, was ohnehin nie ernsthaft der Fall ist. Aber die Formalie zu verletzen kann sehr schnell sehr ins Geld gehen. Der Kanton Schaffhausen geht davon aus, dass auch eine gemeinnützige, an sich öffentliche Aufgaben wahrnehmende Organisation die Mittel hat, immer genug Manpower zur Verfügung zu halten, um jedwelche Ausfälle abdecken zu können. Selbstverständlich ohne selber irgendeinen Beitrag an die Arbeit solcher Organisationen zu leisten.

Im August musste CHIARA wieder bei uns einziehen. Sie war rund sieben Jahre zur Pflege platziert. CHIARA und ihre Schwester SARAI sollten aufgrund einer Auflage, den Pferdebestand zu reduzieren, 2014 geschlachtet werden. Der Bauer entschied sich für die Selbstvermarktung des Fleisches und ging mit seinem Angebot vor der Schlachtung von Tür zu Tür. Eine pensionierte Dame erklärte sich kaufbereit, nicht für Würste, sondern für zwei Ponys. Das Haustürgeschäft wurde abgeschlossen und die Odyssee einer Platzsuche endete für die Dame bei uns. CHIARA war ausser sich über den Verlust ihrer Gruppe. Für viele Pferde ist ein Verlust der bisherigen Kollegen und der Umgebung ein grosses Trauma. Mittlerweile geht es ihr besser und sie kommt in der grossen Pferdefamilie gut zurecht. 

Ebenfalls im August konnten wir 54 Junghennen retten. Sie waren aufgrund fehlender Nachfrage nicht verkauft worden. Die Arbeitsteilung zwischen Bereitstellung von Junghennen und Eierproduktion kann dazu führen, dass ein Junghennenproduzent auf seiner ‚Ware‘ sitzen bleibt und sie dann ungenutzt vernichten ‚muss‘. 

Im September hätten 12’000 Hühner von drei verschiedenen Produzenten ein neues Heim gebraucht. Wir konnten nur 350 platzieren; drei kamen zu Stinah. Vielleicht kennt jemand von Ihnen noch jemanden, der jemanden kennt, der Hühner halten möchte? Bald wird auch in einem dieser Betriebe wieder ausgestallt. 

Seit Oktober sind wir mit zwei grösseren Tierschutzfällen beschäftigt. Beim einen hält eine Person, die vor ein paar Jahren mit einem schweizweiten Tierhalteverbot belegt wurde, rund 30 Pferde, darunter mehrere Fohlen. Die Zwischenschaltung eines auf ihrem Hof wohnhaften Strohmannes verlangsamt nun die Hilfe zugunsten der Tiere, weil – so der Standpunkt des Kantons-dem Strohmann gegenüber erst im Sinne des Verhältnismässigkeitsprinzips Frist zur Mangelbehebung angesetzt werden muss. Folge davon ist, dass wichtige Entwicklungszeit für die Fohlen, während der diese durch viel Bewegung ein gesundes körperliches Fundament und durch viele Eindrücke und Erlebnisse eine ausgeglichene Persönlichkeit entwickeln müssten, verloren geht. Unwiederbringlich. Solche Tiere zu platzieren wird schwierig. Im anderen Fall geht es um einen Pferdehändler, der Schlachttiere in Italien aufkauft, importiert und unbesehen ihrer gesundheitlichen Probleme verschachert. Noch suchen wir nach dem Standort der Tiere in der Schweiz, um zu klären, ob der Kanton Tessin oder der Kanton Graubünden für ein einzuleitendes Verfahren zuständig wäre. 65 Hühner konnten im Oktober noch den Wechsel vom Produkt zum Lebewesen machen.

Am 15. November 2021 verloren wir PALOMA. Wir konnten eine massive, den Knochen angreifende Entzündung im Huf auch im Tierspital nicht unter Kontrolle bringen. Sie war ein Pferd der Gegensätze: Gegenüber uns Menschen war sie in den 21 gemeinsamen Jahren stets mürrisch und abweisend, zu Beginn auch gefährlich (Beissen und Schlagen). Das Gefährliche konnte sie ablegen, jedoch war es all die Zeit schwierig, mit ihr freundliche Momente zu finden. Zu gross waren ihre Vorbehalte den Menschen gegenüber. Im Gegenzug war sie für viele Pferde, die mit Handicaps zu kämpfen hatten, eine unwägbare Stütze; eine Freundin, wie ein jeder von uns sie sich wünschen würde. 

In zwei Hühnerrettungen konnten wir im November 277 Hühner retten. Und im Dezember werden nochmals 450 Hennen die Chance erhalten zu leben. 

Im Heim leben derzeit rund 170 Stiftungstiere. Neben den Alltagsarbeiten wie Misten und Füttern, Anlagen- und Weidepflege beansprucht die medizinische Versorgung insbesondere der Senioren viel Zeit. Der wachsende Betreuungsaufwand hält sich derzeit mit der Entlastung aus dem Aufnahmestopp in etwa die Waage. Die Beratung von Privaten und Behörden hinsichtlich unterschiedlichster Aspekte der Tierhaltung hat 2021 zugenommen. Dafür sind uns deutlich weniger Tiernotfälle gemeldet worden, was sehr erfreulich ist, denn die Bearbeitung dieser Fälle ist zeitlich und emotional belastend. Insbesondere Anfragen aus dem Bereich der Sportpferdeszene sind zurückgegangen. Es ist noch zu früh, um zu jubeln, aber wir sind zuversichtlich, dass die Veränderung nachhaltig ist. 

Wir wünschen Ihnen und Ihren Lieben dass Sie gesund und optimistisch in ein glückliches neues Jahr starten können. Herzlichen Dank, dass wir auf Sie zählen dürfen!

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Stinah.ch
Rettet das Huhn
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