Wildwechsel

Das Risiko von Wildunfällen steigt im Herbst und Frühling stark an.

Nach der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit und umgekehrt fällt der Berufsverkehr wieder meistens in die Dämmerung. Die Gefahr, dass kreuzende Tiere nicht rasch genug erkannt werden, ist besonders auf Landstraßen erhöht. Alleine im Jahr 2014 kamen in der Schweiz rund 7’934 Rehe, 447 Rothirsche, 16 Gämsen und 402 Wildschweine im Strassenverkehr ums Leben, wie aus der Eidgenössischen Jagdstatistik hervorgeht. Wer beispielsweise in den Kantonen Appenzell Innerrhoden, Jura, Fribourg oder Graubünden lebt, sollte auf Tiere auf der Fahrbahn besonders gefasst sein. Denn die Wahrscheinlichkeit, mit einem Tier zu kollidieren, ist in diesen Regionen deutlich höher als in anderen Kantonen der Schweiz. Doch auch viele andere Tiere wie frei laufende Katzen, Igel, Marder sowie Sing- und Greifvögel sind gefährdet. Um Schaden von Mensch und Tier zu vermeiden, ist vor allem eine vorsichtige Fahrweise und angepasste Geschwindigkeit notwendig.

Datenquelle und Diagramm: AXA Winterthur
Datenquelle und Diagramm: AXA Winterthur

Autofahrer kennen diese Situation: Früh hereinbrechende Dämmerung und schlechte Witterungsverhältnisse – plötzlich steht ein Reh auf der Fahrbahn und schaut in die Scheinwerfer. Noch ehe der Fahrer handeln kann, ist der Unfall passiert. Ein 20 Kilogramm schweres Reh besitzt bei einer Kollision mit Tempo 100 ein Aufschlaggewicht von fast einer halben Tonne. Ein Reh wird da zum Nashorn und ein Wildschwein zum Elefanten. Das Tier ist verletzt oder tot, der Wagen beschädigt, im schlimmsten Fall kommt es zu einem Personenschaden. Millionen von Wildtieren sterben jedes Jahr im Strassenverkehr. Allein die Anzahl überfahrener Igel dürfte in die Hunderttausende gehen.

Rehe und Rothirsche sind gefährdet, weil sie in beständiger Verhaltensweise von ihren Einständen nach Futtersuche auf Grünlandflächen, Raps- und Getreidefeldern gehen, nachdem sie sich im Winter zu Gruppen zusammengetan haben.  Auch Reste von Streusalz an den Randstreifen können sie an die Strassen locken, weil es für Wildtiere eine hochwertige Nahrungsergänzung darstellt.

Wildwechsel

Autofahrer haben es in der Hand, durch eine defensive und umsichtige Fahrweise diesem Tierschutzproblem entgegenzuwirken und die erschreckend hohe Zahl von Tieropfern zu reduzieren. Autofahrer sollten das Tempo vor allem in Waldgebieten und auf Landstraßen auf 60 bis maximal 80 Stundenkilometer drosseln, besonders in der Nacht, Dämmerung und bei Nebel. So hat der konzentrierte und langsam fahrende Fahrer die Möglichkeit, rechtzeitig zu bremsen, zu hupen und das Licht abzublenden, damit das Tier einen Fluchtweg finden kann. Beim Fernlicht fällt das Wildtier in eine körperliche Starre wegen dem Lichtkegel und kann nicht flüchten. Immer die Wald- und Strassenränder im Auge behalten und bremsbereit sein heisst die Devise. Ein Tier kommt selten allein. Wildschweine sind oft mit den ganzen Familien unterwegs. Taucht ein Wildtier im Scheinwerferlicht auf, sofort abblenden, bremsen und hupen. Wenn ein Zusammenprall unvermeidlich ist, dann sollte der Fahrer das Lenkrad gut festhalten und geradeaus fahren. Ausweichmanöver können noch schlimmere Folgen haben – auch für andere Verkehrsteilnehmer.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts lebten die Menschen in Europa noch im Einklang mit dem Sonnentag, wobei die lokale Kirchturmzeit Orientierung gab. Mit dem Durchbruch der Eisenbahn gab es ab 1893 die einheitliche Zeitzone einer mitteleuropäischen Zeit. Die Umstellung der Uhrzeit im Sommerhalbjahr, die es im Deutschen Reich und Österreich-Ungarn ab 1916 mit Unterbrechungen immer wieder gab, führten die EG-Länder infolge der Ölkrise ab 1977 und die Schweiz 1981 ein. Heute stellt man die Uhren ausser in der EU auch in 38 weiteren Staaten zweimal jährlich um.

Es wäre besser, das ganze Jahr über die Sommerzeit beizubehalten.

Die Forderungen für eine Rücknahme der Sommerzeit mehren sich jedoch. Den beabsichtigten Energiespareffekt gibt es gar nicht, hat das deutsche Umweltbundesamt unlängst gezeigt. In Russland und Türkei wird seit 2012 die Uhr nicht mehr verstellt. In der EU ist die Diskussion seit einer Debatte 2007 jedoch wieder abgeflaut.

Frühaufsteher, sogenannte Lerchen, tun sich beim Wechsel zur Sommerzeit leichter als Nachteulen, wobei beim Wechsel in die Winterzeit das Umgekehrte gilt. Die Eulen haben besonders mühe. Dieser Schlaftyp geht spät zu Bett und schläft entsprechend länger. Die innere Uhr läuft jedoch in der Normalzeit (Winterzeit) weiter – so dass sie gefühlt eine Stunde hinterherhinken. Ob Eule oder Lerche (Frühaufsteher) – die Forscher gehen davon aus, dass sich die innere Uhr nicht vollständig auf die Sommerzeit umstellt.

Zu vermehrtem Wildwechsel kommt es immer dann, wenn sich die Wildtiere in den Herbstmonaten auf ihrer Nahrungssuche aufgrund von abgegrasten Flächen neue Futterplätze suchen müssen. Dann gilt besondere Wachsamkeit, denn in dieser Zeit ereignen sich statistisch gesehen weitaus mehr Wildunfälle als im Rest des Jahres. Ist ein Wildunfall passiert, ist der Autofahrer ethisch und gesetzlich verpflichtet zu helfen.

Die Kollision mit einem Wildtier kann auch bei moderater Geschwindigkeit eine erhebliche Wucht entwickeln. Bettina Zahnd, Leiterin Unfallforschung der AXA Winterthur, erklärt, wie sich die Gefahr eines Wildunfalles minimieren lässt. «In der Dämmerung und in der Nacht sollte gerade bei Waldabschnitten die Geschwindigkeit angepasst werden und man sollte stets bereit sein zu bremsen», sagt sie. Die Gefahr eines Wildunfalls besteht grundsätzlich zu jeder Tages- und Jahreszeit. «Besondere Vorsicht ist jedoch im Herbst geboten, da es im Oktober, November und Dezember im Morgen- und Abendverkehr dunkel ist und Wildtiere auf der Fahrbahn oft erst spät gesehen werden», so Bettina Zahnd.

Bei Kollisionsgefahr: Vollbremsung

Springt ein Wildtier dann tatsächlich überraschend vor das Auto, ist sofortiges Bremsen angesagt, wie die Unfallforscherin erklärt. «Seitdem ABS zum Standard gehört, ist eine Vollbremsung die beste Lösung. Damit kann Energie abgebaut werden, so dass die allenfalls folgende Kollision weniger heftig ist.» Bettina Zahnd empfiehlt, in solchen Situationen nicht zu heftige Lenkbewegungen zu machen. «Dank ABS ist es aber möglich, auch während der Vollbremsung kontrollierte Lenkbewegungen vorzunehmen», sagt sie.

Erste Hilfe bei Unfällen – Was ist zu tun?

Immer wieder kommt es vor, dass ein Tier, offensichtlich sich selbst überlassen, am Strassenrand umherirrt. Viele Tiere verunglücken im Strassenverkehr. Während kleine Wildtiere (z.B. Igel, Kröten) meist tot aufgefunden werden, liegen grössere Tiere (Katzen, Rehe, Füchse) nicht selten verletzt am Strassenrand.

Als Fahrzeugführer ist es meine ethische und gesetzliche Verpflichtung, mich um ein angefahrenes Tier zu kümmern. Das fordert auch das Tierschutzgesetz. Ein häufiges Motiv, einem Tier nicht zu helfen, ist die eigene Hilflosigkeit. Der Fahrzeugführer, der ein Tier findet oder selbst ein Tier angefahren hat, weiss nicht, was er tun soll.

Ein Haustier wurde angefahren

Generell gilt: Ruhe bewahren! Panik hilft dem Tier jetzt nicht. Folgendermaßen sollten Sie vorgehen:

  • Unfallstelle absichern, damit kein anderes Fahrzeug in die Unfallstelle hineinfährt
  • Eine Decke ausbreiten
  • Das Tier vorsichtig auf die Decke legen
  • Ist das Tier bei Bewusstsein: Mit einer Hand das Tier an der Nackenhaut festhalten; die andere Hand unter das Tier legen. Mit dem Nackengriff verhindert man Abwehrreaktionen des Tieres.
  • Ist das Tier ohne Bewusstsein: Beide Hände unter das Tier legen; Kopf stützen vorsichtig auf die Decke legen; Zunge herauslagern, Herzmassage (durch mehrmaligen kurzen Druck auf den Brustkorb)
  • Anruf bei der Polizei (Tel. 117): Die Polizei soll sofort die Adresse des nächsten diensthabenden Tierarztes oder eienr Tierklinik heraussuchen.
  • Tierkliniken müssen sicherstellen, dass sie 24 Stunden am Tag erreichbar sind (ist dies nicht der Fall, dürfen sie sich nicht Tierklinik nennen).
  • Rufen Sie / oder die Polizei sofort bei dem Tierarzt / der Tierklinik an. Bringen Sie / oder evtl. die Polizei das Tier dort vorbei. Die berufliche Ethik verpflichtet den Tierarzt, lebenserhaltende Maßnahmen einzuleiten.

Ein Wildtier wurde angefahren

Auch ein Wildtier, etwa ein Fuchs, oder ein Reh, das angefahren wurde, darf auf keinen Fall unversorgt am Strassenrand zurückgelassen werden. Wildtiere sind in den allermeisten Fällen allerdings so schwer verletzt, dass sie an ihren Verletzungen sterben oder getötet werden müssen.

Es besteht die gesetzliche Verpflichtung, bei einem Wildschaden noch vor Ort die Polizei zu informieren. Aber auch eine Person, die den Unfall nicht selbst verursacht hat, sollte nicht wegschauen, sondern handeln.

  • Nehmen Sie Verkehrsschilder mit dem Hinweis auf Wildwechsel ernst und schützen Sie damit Wildtiere und sich selbst vor Unfällen.
  • Fahren Sie auf Landstrassen und in Waldgebieten besonders achtsam. Reduzieren Sie die Geschwindigkeit, vergrössern Sie den Sicherheitsabstand und behalten Sie den Wald- und Feldrand im Blick.
  • Schalten Sie wenn möglich die Scheinwerfer ein, damit Sie Wildtiere möglichst frühzeitig sehen.
  • Sobald ein Wildtier am Strassenrand auftaucht: sofort bremsen, abblenden und, falls das Tier sich nicht entfernt, hupen. Achten Sie dabei auf den nachfolgenden Verkehr.
  • Seien Sie gewappnet für weitere Wildtiere am selben Ort. Die Tiere sind oft im Rudel unterwegs. Das bedeutet: Wo eines ist, sind auch andere, denn sobald das Leittier flüchtet, folgt meist das Rudel nach.
  • Ruhe bewahren! Panik hilft dem Tier nicht.
  • Unfallstelle absichern, damit kein anderes Fahrzeug in die Unfallstelle hineinfährt (Warndreieck, Warnblinker, Warnweste)
  • Anruf bei der Polizei (Tel. 117) oder Feuerwehr: Angaben zur Unfallstelle. Wichtig: Verlassen Sie die Unfallstelle nicht bis die Rettungskräfte tatsächlich eingetroffen sind und teilen Sie dies den Rettungskräften bei Ihrem ersten Anruf gleich mit. Damit schließen Sie aus, dass das Tier womöglich stundenlang an der Unfallstelle liegen bleibt. Sollte auch nach einer halben Stunde noch Niemand am Unfallort eingetroffen sein, rufen Sie erneut bei den Rettungskräften an. Stellen Sie sicher, dass wirklich jemand in angemessener Zeit an der Unfallstelle eintrifft.
  • Bei verletzten Füchsen oder Rehen: Halten Sie Abstand zu den Tieren, bis professionelle Hilfe eintrifft. Verletzte Füchse oder Rehe können sehr wehrhaft und unberechenbar sein und den Finder ggf. gefährden.

Flyer: Achtung Tempo anpassen

Written by Wild beim Wild

Jagdgegner wird man nicht aus Langeweile, sondern aus Kenntnis dieser Tierquälerei.

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