Kunterbunt

Österreich: Wildschwein-Jagd ist purer politischer Aktionismus

Geplante Änderung des Jagdgesetzes in Niederösterreich hat genau die umgekehrte Wirkung.

Niederösterreich entwickelt sich mehr und mehr zum Kriegsschauplatz gegen die Natur“, sagt Madeleine Petrovic, Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins (WTV). Konkret meint Petrovic damit die geplante Änderung des niederösterreichischen Jagdgesetzes, die im wahrsten Sinne des Wortes auf Wildschweine „abzielt“.

So soll in den kommenden Jahren die Wildschweinpopulation stark reduziert werden. Um das Ganze für die Hobby-Jäger noch einfacher zu machen, sollen in der Dunkelheit Nachtsichtgeräte und Lampen zur Jagd der Tiere erlaubt werden. Offiziell freilich um die Ausbreitung der Schweinepest zu verhindern. Am 21. November soll die Änderung den niederösterreichischen Landtag passieren.

Fachleute wie Veterinärmediziner oder Wildbiologen halten diese Hysterie für völlig unangebracht. Die tschechische Republik hat etwa bereits 2017 bewiesen, wie man mit einem Seuchenausbruch vernünftig umgeht. Es ist daher völlig überzogen, Jäger derart aufzurüsten“, erklärt Petrovic. So wurde damals in Tschechien besagtes Seuchengebiet grossflächig abgezäunt und die Wildschweine in der abgesperrten Zone professionell und mit möglichst wenig Tierleid – unter Zuhilfenahme von Polizeikräften, die mit moderner Technik (u.a. Wärmebildkameras) ausgestattet waren – getötet. „Profis wie Polizeiorgane handeln hier im Bedarfsfall allemal besser“, so die WTV-Präsidentin.

Rotte Wildschweine

Zudem befürchten Fachleute auch, dass beim Einsatz von Nachtsichtgeräten bei der Wildschweinjagd die Tiere schnell lernen und binnen kürzester Zeit noch viel vorsichtiger und somit praktisch unbejagbar werden. „Und so paradox es klingen mag: Je mehr Jagd auf Wildschweine gemacht wird, umso stärker vermehren sie sich. Auf diesen Zusammenhang weisen nicht nur immer mehr Wissenschaftler, sondern auch eine Langzeitstudie aus Frankreich hin. In Niederösterreich werden derartige Forschungsergebnisse aber wie immer konsequent ignoriert“, sagt Petrovic. Der intensive Jagddruck führt also zu einer deutlich höheren Fortpflanzung, stimuliert die Fruchtbarkeit und sorgt ausserdem für eine beschleunigte Ausbreitung von Krankheiten.

Mensch ist Überträger

Völlig ausser Acht gelassen wird ebenfalls, dass die Hauptgefahr in punkto Schweinepest gar nicht von den Wildschweinen ausgeht. So sind Forscher heute fast einhellig der Ansicht, dass die Krankheit durch den Menschen verbreitet wird: so etwa durch den Transport von Fleisch- und Wurstwaren, LKW-Fahrer, Autobahnraststätten, Reste von Schinken- und Salamibroten, die weggeworfen werden sowie durch den Jagdtourismus, indem die Jäger mit infizierten Tieren direkt in Kontakt kommen und die Erreger an Jagdkleidung und Trophäen haften.

Die Gesetzesänderung in Niederösterreich ist somit völlig fehlgeleiteter politischer Aktionismus, der von den Ursachen der gewachsenen Wildschweinbestände ablenkt. „Denn erst die brutale Vernichtung von kleineren und grösseren Raubtieren haben etwa den Ruf nach der Dezimierung von Wildschweinen überhaupt erst laut werden lassen“.

Madelaine Petrovic, Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins (WTV)

Der Wiener Tierschutzverein hat daher eine offizielle Stellungnahme an die Landesregierung gesandt, in welcher explizit gefordert wird, von einer Verwendung von Nachtsichtgeräten abzusehen bzw. die Schonzeit für diese Tiere zu erweitern. Daneben fordert der WTV zudem die Verankerung von Schonzeiten für kleine Raubtiere (Füchse, Marder, etc.). Denn das Töten von Muttertieren in der Zeit der Aufzucht der Jungen führt zum langsamen und qualvollen Tod der Welpen. Der Abschuss von (angeblich) wildernden Hunden und Katzen gehört ebenso verboten.