Wissenschaftliche Daten zeigen, dass die Vermehrung der Population und die Zunahme von Schäden in der Landwirtschaft und von Verkehrsunfällen eine direkte Folge der falschen Bejagung ist.

Allein im vergangenen Jahr habe sich die Anzahl der Wildschweine um 15 % erhöht. Ein Unfall alle 48 Stunden mit 16 Opfern und 215 Verletzten ist die tragische Bilanz im Jahr 2020. Der Landwirtschaftsverband Coldiretti moniert eine Invasion von Wildschweinen, die vor nichts zurückschrecken, Zäune niederreissen, Flüsse durchqueren und Strassen und Autobahnen überqueren und so das Leben und die Sicherheit der Menschen gefährden.

In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der schweren Unfälle mit Toten und Verletzten, die durch Wildtiere verursacht wurden, auf den Strassen Italiens praktisch verdoppelt (+ 81 %), so die Schätzung von Coldiretti. Dies sei ein echter nationaler Notfall, der die Sicherheit und Gesundheit der Autofahrer auf den fast 850’000 Kilometern italienischer Strassen und Autobahnen gefährdet. Wildschweine, die bis zu 150 Kg schwer, 1,2 Meter hoch und 2 Meter lang sein können und bis zu 40 Kilometer auf einmal zurücklegen. Entlang der 6’757 Kilometern Autobahn fehlen insbesondere gute Zäune, um die Überquerung von grossen Wildtieren zu verhindern, da die Zäune in den 60er und 70er Jahren gebaut wurden, als grosse Wildtiere sehr selten waren und die Zäune den ausschliesslichen Zweck hatten, die Überquerung von Vieh zu verhindern.

Hobby-Jäger, sind allerdings diejenigen, die das Problem der Wildschweinschwemme geschaffen haben, indem sie in den Neunzigern für ihre Jagdinteressen zusätzlich die ungarische Wildschweinart in Italien einführten, die viel grösser und produktiver ist als die italienische Unterart. Hobby-Jäger schiessen bei ihren Wildschweinjagden die matriarchalischen Weibchen ab, wodurch die Rotten zerfallen und eine «befreiende» Reaktion bei den anderen, rangniedrigeren Weibchen ausgelöst wird, die sofort in die Brunst gehen, sich mehrmals im selben Jahr fortpflanzen und ihrerseits andere Rotten bilden.

Allein den durch Wildschweine in der Landwirtschaft verursachten Schaden beziffert Coldiretti auf gut 200 Mio. Euro (238 Mio. Fr.).

Die coronabedingten Ausgangssperren hätten die Wildschweine ausserdem dazu gebracht, nicht nur auf den Äckern herumzuwühlen, sondern sich immer mehr bewohnten Gebieten zu nähern. Sogar mitten in Rom seien Wildschweine in der Nähe von Mülltonnen gesichtet worden. Das mache sie auch zu einer gesellschaftlichen Gefahr. Für die Umwelt- und Konsumentenschutzorganisationen wiederum ist das Problem «der Beweis dafür, dass die Stadt vollkommen verwahrlost ist»: Weil der Müll nur un­regelmässig und manchmal gar nicht weggeführt werde, übe Rom inzwischen eine magische Anziehungskraft auf die Wildschweine aus. Der herumliegende Müll lockt nicht nur Wildschweine an, sondern auch Ratten, Möwen und anderes Getier. Die Rattenplage vom letzten Sommer ist den Römern noch in frischer Erinnerung; die Ewige Stadt ist zu einem «Zoo unter freiem Himmel» geworden.

Präsenz von Wildschweinen in Rom

Noch nie war der Alarm so intensiv über die Invasion der Wildschweine in Italien, die mit dem Covid-Notstand freien Lauf in ländlichen und städtischen Gebieten gefunden haben und immer näher an Häuser und Schulen und sogar an Parks und Seen heranrücken, inmitten von Badenden. Es ist nicht das erste Mal, dass landwirtschaftliche Organisationen Massnahmen zur Eindämmung fordern, aber zum ersten Mal hat Coldiretti beschlossen, die Forderung mit Protesten auf die Strasse zu tragen, mit Mobilisierungen in allen italienischen Regionen. Von Mailand bis Neapel, von Turin bis Bologna, von Palermo bis Cagliari, von Bari bis Bologna und in allen regionalen Hauptstädten.

Die Mehrheit der Italiener betrachtet die übermässige Präsenz von Wildtieren als einen echten nationalen Notfall, der die Sicherheit der Menschen sowie die Wirtschaft und die Arbeit, insbesondere in den am meisten benachteiligten Gebieten, beeinträchtigt„, sagte Coldiretti-Präsident Ettore Prandini und betonte die Notwendigkeit „gezielter und gross angelegter Interventionen Region für Region, um die Bedrohung durch Wildtiere auf nationaler Ebene zu reduzieren„.

Am 8. Juli 2021 haben Landwirte in ganz Italien für ein schärferes Wildschweinmanagement demonstriert, angesichts der sich verbreitenden Covid-19-Delta-Variante.

Waffenschein für Landwirte

Ein weiteres Problem stellen aus Sicht der Bauern die Wölfe dar, von denen es in Italien nach grober Schätzung zwischen 1’500 und 2’000 Tiere geben soll. Beklagt wird, dass sich auch Wölfe während der Lockdowns bis an den Rand von Wohngebieten gewagt hätten. Mit Blick auf die Wildschweine forderte Ettore Prandini die Möglichkeit für Landwirte mit Waffenschein, nach Genehmigung eines entsprechenden Antrags direkt gegen die Wildtiere vorgehen zu dürfen.

Zudem sollten Bauern Hobby-Jäger mit der Tötung von Wildschweinen beauftragen dürfen. Besonders wichtig sei es auch, so Prandini, dass das Jagen der Wildschweine über das ganze Jahr erlaubt werde, «bis die Situation wieder im Griff ist». Neben der Sicherheit der Landwirte und dem Schutz ihrer Felder gehe es hierbei auch um die Bevölkerung sowie die Nutztiere auf den Weiden und in den Ställen. Prandini gab schliesslich zu bedenken, dass Wildtiere auch Überträger von Krankheiten sein könnten.

1 von 4 Italienern sieht sich mit Wildschwein konfrontiert

Mehr als jeder vierte erwachsene Italiener (26 %) ist schon einmal einem Wildschwein begegnet. Die Invasion der wilden Tiere auf Strassen und Plätzen wird von den Bürgern als echter Notfall wahrgenommen, so sehr, dass mehr als acht von zehn Italienern (81 %) der Meinung sind, dass dies durch Keulung bekämpft werden sollte, insbesondere durch die Einstellung von spezialisiertem Personal, um die Anzahl zu reduzieren, laut einer Coldiretti Umfrage.

Ein Alarm, der von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) geteilt wird, die einen Appell an die EU-Mitgliedstaaten gerichtet hat, ausserordentliche Massnahmen zu ergreifen, um den Zugang von Wildschweinen zu Lebensmitteln zu verhindern und die Anzahl der Tiere zu reduzieren, um das Risiko der Verbreitung von Krankheiten wie der Afrikanischen Schweinepest (ASP) zu begrenzen. Das ist auch in Italien ein echtes Alarmsignal, wo Wildschweine zunehmend im Stadtmüll wüten. Laut der Coldiretti Umfrage sind Wildtiere für die grosse Mehrheit der Bürger (90 %) ein Problem.

Das Problem ist vor allem die übermässige Präsenz von Wildschweinen, die 69 % der Italiener als zu zahlreich ansehen, während 58 % sie als echte Bedrohung für die Bevölkerung sowie als ernsthaftes Problem für die Kulturen und die Umwelt ansehen, so 75 % der Befragten, die sich eine Meinung gebildet haben.

Das Ergebnis ist, dass mehr als sechs von zehn Italienern (62 %) Angst vor Wildschweinen haben und fast die Hälfte (48 %) würde nicht in einem von Wildschweinen befallenen Gebiet Wohnsitz nehmen. Auf die Frage, wer das Problem lösen sollte, ist jeder zweite Italiener (53 %) der Meinung, dass es an den Regionen liegt, während es für 25 % an der Regierung und für 22 % an den Gemeinden liegt.

Die Sorgen der Bürger – so Coldiretti – werden von vielen regionalen und kommunalen Verwaltungen, aber auch vom Parlament aufgegriffen. So hat der Landwirtschaftsausschuss des Senats eine Resolution verabschiedet, in der die Regierung verpflichtet wird, gegen die Schäden vorzugehen, die der Landwirtschaft durch die übermässige Präsenz von Wildtieren entstehen, was Auswirkungen auf vielen Ebenen hat, angefangen von der wirtschaftlich-produktiven mit einer fortschreitenden Verödung der ländlichen Gebiete.

Insgesamt haben alle Bemühungen inkl. illegaler Hochsitze, Nachtsichtgeräte, jagen in der Dunkelheit, usw. seitens der Hobby-Jäger in den vergangenen Jahre keinen Erfolg gebracht. Die Wildschweine vermehren sich nicht nur in Italien gerade wegen der falschen Bejagung unaufhaltsam und explosionsartig weiter.

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