Kunterbunt

Dritte Covid-19-Impfung – Ein kleiner Boost

In den Medien wird eine im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte Studie zur Wirksamkeit einer dritten (Booster-)Covid-19-Impfung mit dem Pfizer-BioNTech-Impfstoff auf Basis von mehr als einer Million Beobachtungen von Personen im Alter 60+ in Israel diskutiert.

So schreibt Karl Lauterbach in seinem Facebook-Account am 12. September: „Die Wirkung der 3. BionTech Impfung fällt deutlich stärker aus als von vielen Experten erwartet. Mehr als 10-facher Schutz gegen Infektion oder schwere Krankheit.“ Also könnte man meinen, dass der zusätzliche Schutz der dritten Impfung ein Zehnfaches des schon bestehenden Schutzes sei. Hier liegt jedoch ein Klassiker der Fehlinterpretation von relativen Risiken vor, schreibt das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung auf https://www.unstatistik.de.

Was hat die Studie gefunden? Das relative Risiko sich mit Corona zu infizieren, gemessen in Fällen pro Personentagen unter Risiko, hat sich um ca. den Faktor 11 und das relative Risiko schwer zu erkranken sogar um den Faktor 20 verringert. Grob gerundet heisst das auf Grundlage der veröffentlichten Daten: 

  • Mit zwei Impfdosen lag das Risiko einer Infektion bei rund 85 Fällen je 100’000 Personentage und mit drei Dosen bei rund 8 Fällen je 100’000 Personentage.
  • Mit zwei Impfdosen lag das Risiko einer schweren Erkrankung bei rund 6 Fällen je 100’000 Personentagen und mit drei Dosen bei rund 0,3 Fällen je 100’000 Personentagen.

Eine Senkung des relativen Risikos ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einer gleich hohen Erhöhung des Impfschutzes. Um diese „Umrechnung“ zu vollziehen, ist es wichtig zu verstehen, dass Personentage nicht gleich Personen sind. Also brauchen wir die Personen unter Risiko.

Angenommen, man betrachtet jeweils 10’000 Personen über 30 Tage (der Zeitraum der Studie). Das ergibt 300’000 Personentage.

  • Mit zwei Impfdosen erwartet man 255 Infektionen, mit drei Dosen 24 Infektionen.
  • Mit zwei Impfdosen erwartet man 18 schwere Fälle, mit drei Dosen einen schweren Fall.

D.h. die Wahrscheinlichkeit, sich NICHT zu infizieren, steigt mit der dritten Dosis von 9745/10.000 auf 9976/10.000; das ist eine Erhöhung des Schutzes um knapp über 2 Prozentpunkte. Die Wahrscheinlichkeit, NICHT schwer zu erkranken, steigt mit der dritten Dosis von 9982/10000 auf 9999/10000; das ist eine Erhöhung des Schutzes um knapp 0,2 Prozentpunkte.

Fazit:

Bereits in der Zusammenfassung der Studie im „New England Journal of Medicine“ werden keine absoluten Zahlen, sondern nur relative Zahlen zum Effekt der dritten Impfung genannt. Dies, obgleich sich medizinische Zeitschriften den sogenannten CONSORT-Regeln verpflichtet haben, immer beides – relative und absolute Effekte – zu berichten.

Relative Zahlen sind beeindruckend gross, während die absoluten Zahlen klar zeigen, dass eine dritte Impfung die Wirkung der ersten beiden Impfungen etwas verstärkt, aber dieser zusätzliche Effekt ist nicht so gross ist wie es die relativen Zahlen erscheinen lassen.

2 Kommentare

  1. Dominique Telscher Reply

    Die Relativierung der verstärkten „geboosterten“ Wirkung zeigt v.a., dass der Schutz nach 2 Impfungen bereits sehr gut ist. Es ist sozusagen „wenig Luft nach oben“. Die Feststellung, dass sich von 10000 Patienten mit 2 Impfungen innerhalb der 30 Beobachtungstage (trotzdem) 255 angesteckt haben und von 10000 Patienten mit zusätzlicher Boosterimpfung im gleichen Zeitraum nur 18 Patienten besitzt eine hohe klinische Relevanz, die sich auch nicht kleinreden lässt mit der Relativierung der Zunahme, dass etwas NICHT passiert. Sinnvoller ist die Risikobetrachtung, wie sie bei Infektionsgeschehen ja auch üblich ist: Wie sinkt das Risiko durch die Boosterimpfung. Dazu gibt die Arbeit ganz eindeutige Auskunft.
    Im übrigen bin ich schon etwas verwundert über die in meinen Augen krude Interpretation.

  2. martin stützle Reply

    guten tag,

    ich bin präsident von birdlife glarnerland und sehr interessiert, ihre beitrage zu wolf, corona und anderen emotionalen themen zu lesen.

    herzliche grüsse

    martin stützle

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