Kriminalität

Frankreich: Verbotene Delikatesse Singvogel

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In Frankreich werden Singvögel mit Klebemasse gefangen: Die sogenannte Leimrutenjagd ist in der EU eigentlich verboten.

Die Jagd auf Vögel mit sogenannten Leimruten verstößt grundsätzlich gegen EU-Recht. Das geht aus einem verkündeten Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) hervor. Die EU-Richter stellten klar, dass traditionelle Fangmethoden zwar in Ausnahmefällen erlaubt werden könnten. Die Tradition reiche als Begründung für die Genehmigung jedoch nicht aus.

Doch in Südfrankreich gibt es bislang Ausnahmen. Zwei Vogelschutzorganisationen hatten die Regelung vor dem französischen Staatsrat angefochten. Dieser wollte vom Gerichtshof wissen, ob die Leimrutenjagd den Voraussetzungen der EU-Vogelschutzrichtlinie entspreche.

Laut der Richtlinie kann in Ausnahmefällen vom grundsätzlichen Verbot abgewichen werden, wenn die Fangmethoden selektiv sind, strenge Kontrollen durchgeführt und nur geringe Mengen gefangen werden. Die Richter zweifelten in ihrem Urteil an, dass die Leimrutenjagd diese Kriterien erfüllt: Es sei sehr wahrscheinlich, dass die versehentlich gefangenen Vögel irreparable Schäden erleiden würden, selbst wenn ihr Gefieder anschließend von dem klebrigen Leim gereinigt werde.

Damit weicht der EuGH in Teilen von einem Gutachten ab, das die Generalanwältin Juliane Kokott im November erstellt hatte. Kokott hatte erklärt, dass der Leimrutenfang nicht zwingend im Widerspruch zu EU-Recht stehe, wenn dem Erhalt der Jagdmethode ein erhebliches kulturelles Gewicht zukomme.

Die endgültige Entscheidung über ein eventuelles Verbot muss jetzt der französische Staatsrat treffen. (Rechtssache C-900/19) 

Früher wurde in ganz Frankreich die Leimrutenjagd genutzt, um Singvögel zu fangen und zu essen. Deshalb auch der Trick mit der klebrigen Masse. So kann man Vögel fangen, ohne ihren Körper zu verletzen. Mittlerweile ist aus der Jagd aber eher ein Sport geworden, bei dem es darum geht, wer die meisten Amseln oder andere Drosseln fängt.

„Bei der Leimrutenjagd geht es darum, wer die meisten Amseln oder andere Drosseln fängt.“

Sebastian Sonntag, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

In wenigen Departements in Südfrankreich ist die Jagd bis heute erlaubt, wenn auch unter Auflagen: Dazu gehört, dass die Zahl der gefangenen Vögel pro Jahr begrenzt ist. Auch müssen die Hobby-Jägerinnen und Jäger bei der Rute bleiben, wenn sie sie auslegen. Sie sollen die Vögel zügig befreien, damit sie sich nicht verletzen oder vom Flattern vor Erschöpfung sterben, schreibt der Deutschlandfunk.

Auch auf Zypern werden Singvögel noch per Leimrute gefangen. Das ruft Vogelschützer auf den Plan, die wie hier die klebrigen Äste wieder entfernen.

Tierschützer lehnen die Leimrutenjagd ab

Ob die Auflagen eingehalten werden, das bezweifeln Tierschützerinnen und Tierschützer jedoch. Und es gibt noch ein Problem: den „Beifang“. Denn auch andere geschützte Vogelarten gehen in die Falle.

Auch wenn die Jagd teils noch erlaubt ist: Es ist verboten, Singvögel zu essen. Doch daran halten sich nicht alle. In Südfrankreich landet der Ortolan in einigen Regionen weiterhin auf dem Teller. Der Singvogel ist auch unter dem Namen Gartenammer bekannt. Und weil der Fang eigentlich verboten ist, ist das Ortolan-Menü teuer: ab 500 Euro.

„In Südfrankreich gilt zum Beispiel der Ortolan in einigen Regionen nach wie vor als Delikatesse.“

Sebastian Sonntag, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Diese Vögel werden nicht mit der Leimrute gejagt und gefangen, sondern mit Ködern und Lebendfallen. Häufig dient ein bereits gefangener Ortolan als Lockvogel. Nach dem Fang werden die Tiere für zwei bis drei Wochen gemästet. Die Singvögel bekommen reichlich Körnerfutter, denn sie werden später komplett verzehrt – mit Knochen und Innereien. Getötet werden die Tiere mit Schnaps.

Das widerspricht teuren Vogelschutzprogrammen in der EU

Jedes Jahr werden schätzungsweise 30.000 Ortolane gefangen. An einzelnen Orten in Südfrankreich wird die Jagd wohl seitens der Polizei geduldet. Und geringe Geldstrafen von rund 80 bis 100 Euro schrecken kaum ab, wenn ein Ortolan auf dem Schwarzmarkt bis zu 300 Euro bringt.

Dass in Frankreich nur zögerlich gegen die Wilderei vorgegangen wird, untergräbt natürlich auch teure Programme für den Vogelschutz in den anderen EU-Ländern.

Aber nicht nur in Frankreich wird Jagd auf Singvögel gemacht, auch in Italien. Dort gelten Berg- und Buchfinken als Delikatessen, so Sebastian Sonntag. Auf die haben es jedes Jahr über 800.000 registrierte Jägerinnen und Jäger abgesehen.

Die Jagd auf Singvögel ist besonders verwerflich, weil viele Arten vom Aussterben bedroht sind und Schutz brauchen.

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